Auf nüchternen Magen

Von Bernhard Meuser

Es war ein wunderschöner Sommermorgen in den Abruzzen, als ich infiziert wurde. Infiziert von diesem merkwürdigen Bazillus der Frömmigkeit. Am Vorabend hatten wir mit Freunden gefeiert. Nun war ich früh auf den Beinen. Der Tag versprach herrlich zu werden. Im Osten, dort, wo das offene Meer sein mochte, war vor vielleicht einer Stunde die Sonne aufgegangen. Die Welt konnte so bleiben; sie war vollkommen okay. Zumindest fühlte sie sich gerade so an. In Wahrheit hatte ich zu dieser Zeit jede Menge Probleme und war weder mit mir noch mit der Welt im ­Reinen. Im Grunde war der Morgen nur eine Insel in einem mich restlos fordernden Getriebe; mein Morgenglück in den Abruzzen ­erkaufte ich mit Vergessen. In anderthalb ­Tagen, am Montag, würde mich die Realität schon wieder einholen: das Elend des Alltags, die Querelen, der Druck, die Angst.

Ein Freund

Ich hörte Schritte. Ein Freund, mit dem ich am Vorabend ausgiebig die Vorzüge italienischer Weine und Kochkünste ausgelotet hatte, gesellte sich zu mir – auch so ein Frühauf­steher. Journalist bei einer großen deutschen Wochenzeitung, hatte er, wo er ging und stand, seine Kamera bei sich. Nun fing er von der gemeinsamen Bank aus den unwirklichen Paradieszauber der Szenerie ein: „Schau dir den Rosenbogen an! Vor dieser Kulisse! Ist das nicht der Himmel?“ Klick, das war festgehalten. „Vielleicht“, meinte ich, „vielleicht aber auch nur das Beiprogramm für ziemlich viel Mist hier auf der Erde...“

Mein Freund sah mich von der Seite an: „Probleme?“ „Wie man‘s nimmt.“ Ich erzählte ­etwas von den Kindern, der Firma, dem schmalen Korridor persönlicher Ambitionen. Auch mein Freund schüttete sein Herz aus. Wir sprachen über die Ups and Downs im ­Leben, bis ihm der Kragen platzte. „Ha, was reden wir da für ein Zeug! Schau dich um – die Welt ist so unglaublich schön!“ „Das ist ja alles schön und gut. Bloß kriegen wir das Schöne, den Frieden, immer nur in kleinen Dosen, nicht wahr?“ Keine Antwort.

„Betest du eigentlich?“, fragte mein Freund unvermittelt, während er mit der Kamera schon wieder ein neues Motiv ins Visier nahm. Keine besonders angesagte Frage unter Männern! Sie traf mich gewissermaßen aus heiterem Himmel. Ich redete nicht gerne über Religion. Irgendwelche Bekundungen von Frömmigkeit öffentlich zu machen, bereitete mir Unbehagen. Ich hatte das Gefühl, das müsse allen halbwegs verständigen Menschen so ­gehen.

„Ja“, meinte ich zögerlich, „ich bete schon, aber ich rede nicht gern darüber.“ –  „Klingt nicht sehr überzeugend“, blieb mein Freund am Ball. „Wie betest du?“, wollte er wissen.

Auf nüchternen Magen
Beten. Eine Sehnsucht. Von Bernhard Meuser

Den vollständigen Auszug aus dem Buch finden Sie in der gedruckten Ausgabe: Salzkorn 4/2010, Beten. Scharfstellen auf Gott, S. 184-187 oder im Buch: Bernhard Meuser: Beten. Eine Sehnsucht. Pattloch Verlag 2008.

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