Revolution der Beter

Eine Handreichung zu 20 Jahren Wiedervereinigung
Predigt zu Lukas 17,11-19

Und es geschah, als er nach Jerusalem reiste, dass er mitten durch Samaria und Galiläa ging. Als er in ein Dorf einzog, begegneten ihm zehn aussätzige Männer, die von fern standen. Sie erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, Meister, erbarme dich unser! Als er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, während sie hingingen, wurden sie gereinigt. Einer aber von ihnen kehrte zurück, als er sah, dass er geheilt war, und verherrlichte Gott mit lauter Stimme; er fiel aufs Angesicht zu seinen Füßen und dankte ihm; das war ein Samariter. Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die Zehn gereinigt worden? Wo sind die Neun? Haben sich sonst keine gefunden, die zurückkehrten, um Gott Ehre zu geben, außer diesem Fremdling? Und er sprach zu ihm: Steh auf und geh hin! Dein Glaube hat dich gerettet. Lukas 17, 11-19 (ELB)

 Von Dominik Klenk

Vor gut zwei Jahrzehnten hat sich in unserem Land etwas ereignet, das nicht weniger außergewöhnlich war als die Heilung der zehn schwer an Lepra erkrankten Menschen, von denen der Predigttext handelt. Als Folge einer langen geschichtlichen Entwicklung und befeuert von zwei Weltkriegen hatte sich Europa in die Blöcke Ost und West gespalten. Stacheldraht und hohe Mauern trennten die Menschen voneinander und es gab die „politisch Aussätzigen“ diesseits und jenseits der Todesstreifen. Kein Volk in Europa­ hat diese Trennung so schmerzlich erfahren wie das unsere.

Vor mehr als zwei Jahrzehnten begannen sich im Ostteil Menschen zusammenzutun, die den eisernen Vorhang und das totalitäre ­System nicht länger hinnehmen wollten. Wir können uns gut vorstellen, wie sie zusammensaßen – erst in konspirativen, geheimen Treffen, später in öffentlichen Gottesdiensten – und Gott um Hilfe und Veränderung baten. Sie suchten einen Ausweg aus der Not ihres Volkes.

Um Erbarmen flehen

Im Lukasevangelium 17, 13 lesen wir: Sie erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, Meister, erbarme Dich unser. Klingen diese Worte nicht so wie die Gebete derer, die in der DDR – und nicht wenige auch in der BRD – miteinander sprachen? Jesus, erbarme dich unser – unseres Landes, unseres Volkes, das Einheit und Frieden ersehnt. Du bist der Herr der Geschichte, du kannst uns helfen.

Aus diesen Anfängen von „Gebet und Kerzen“, lange vor dem Fall der Mauer, erwuchs das Wunder der gewaltfreien Umwälzung und die Wiedervereinigung, die wir heute feiern. Die Väter und Mütter der friedlichen Revolution, diese zukunftsmutigen Männer und Frauen im Osten unseres Landes, haben zuerst um das Erbarmen Gottes gebetet.

Wie ging es weiter mit den Ausgegrenzten ­damals in Galiläa?

Als er sie sah, sprach Jesus zu ihnen: „Geht hin und zeigt euch den Priestern.“ (Vers 14)

Übertragen auf die Herbsttage vor 20 Jahren: „Geht hin und zeigt euch den Autoritäten. Zeigt euch den Hohepriestern der Partei, zeigt euch der Volkspolizei.“  Wie in unserem biblischen Text ging es stets darum zu tun, was nicht opportun, ja gefährlich war: sich als „nicht-systemkonform“, als „Unreine“ öffentlich zu zeigen. Zu DDR-Zeiten war es sogar hochgefährlich, seine politische Unzufriedenheit auf die Straße zu tragen. Ein absolutes No-go!

Und dennoch wagten sie es. In Leipzig vor ­allem, aber auch in Halle und vielen anderen Städten. Am 2. Oktober 1989 schallte der Volkspolizei der Ruf nach Freiheit und Einheit erstmals öffentlich entgegen: „Wir sind das Volk – wir sind das Volk.“ Der Slogan verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Und in den folgenden Tagen und Wochen der Eskalation veränderte er sich, wurde präziser: „Wir sind ein Volk.“ Die Sehnsucht, dass die Verstümmelung, die Wunde der Trennung überwunden werden möge, artikulierte sich nun unmiss­verständlich.

Sich auf den Weg machen

Und es geschah, während sie hingingen, wurden sie gereinigt. (V 14b) „Katharizo“ steht hier im griechischen Text. Das bedeutet gereinigt, aber auch befreit, der Bürde enthoben.

Und während die Menschen zu Hunderttausenden betend und singend die Innenstädte, ihre Innenstädte, für sich eroberten, da wuchs ihr Ansehen – vor sich selbst, vor der Welt und vor Gott! Er sah die Bürde der Unfreiheit, der Gefangenschaft und die Not der getrennten Familien an, und unverhofft, unvorherge­sehen öffneten sich die Tore der Geschichte für einen neuen Weg.

Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen. Der mit Stacheldraht gezogene Bann, der beide Seiten hermetisch getrennt hatte, war gebrochen: für den Osten tat sich der Westen auf – und für den Westen der Osten. Die Ausgeschlossenen diesseits und jenseits der Grenze sind wieder ein Volk.

Täglich danken

Wunder der Befreiung und Heilung ereignen sich immer wieder, auch in unserer Zeit. Im August 2007 wurde in den USA ein junger Mann aus dem Gefängnis entlassen; an sich nichts Außergewöhnliches. Bemerkenswert aber waren die Umstände: 18 Jahre – sein ­halbes Leben – saß er bereits im Gefängnis, als eine DNA-Analyse seine Unschuld ans Licht brachte. Das Urteil gegen Dwayne Dail wegen sexueller Gewalt gegen eine Minderjährige war haltlos geworden. Als der Richter Jack Hooks die Entscheidung bekanntgab, umarmte Dail seine Anwältin und sagte erleichtert: „Ich bin ein gesegneter Mann!“

Wie hätten wir reagiert – nach 18 Jahren Gefangenschaft, als Opfer falscher Anklage, betrogen um unser halbes Leben? Zorn, Wut und Rachegedanken wären die zu erwartenden Reaktionen. Das Hadern mit dem ungerechten Schicksal das Mindeste. Sich von Gott und der Welt vergessen zu wähnen und sich aufzugeben, wäre wohl das Normale. Dwayne Dail sagte nach 18 Jahren zu Unrecht hinter Gittern: „Ich bin ein gesegneter Mann.“ Er sah sich als einen von Gott zum Leben Befreiten.

Was dieser außergewöhnliche Mensch als ­Segen bezeichnete, begegnet uns auch in der Geschichte, von der uns das Evangelium erzählt: Einer aber von ihnen kehrte zurück, als er sah, dass er geheilt war, und verherrlichte Gott mit lauter Stimme. (Vers 15)

Nicht das Zähneknirschen über die Tage der Ausgrenzung – und als Samariter hätte er doppelten Grund für den Groll! Kein Auftrumpfen und keine Forderung nach Genugtuung! Aus seinen Worten und seinem Verhalten spricht Dankbarkeit gegenüber Gott. Für uns, die wir die Geschichte des ausgegrenzten Samariters lesen, wie wir auch die Geschichte des jungen Amerikaners Dwayne Dail auf dem Bildschirm verfolgen können, ist der ­Geheilte ein Botschafter der Dankbarkeit, ein Lehrer des Dankens. Was lernen wir von ihm? Danken wie Dwayne Dail, täglich danken: Daily danken.

Von zehn hoffnungslos kranken Menschen berichtet uns das Evangelium. Sie haben Aussatz, verfaulen bei lebendigem Leib. Jesus schenkt diesen Menschen Heilung – Freiheit von ihrer Bürde. Sie werden gesund. Sie können wie Dwayne Dail in das „normale“ Leben zurückkehren, ihre Verwandten und Freunde in die Arme schließen, an den Festen und ­Feiern teilnehmen, von denen sie so lange ausgeschlossen waren. Sie können und sollen nun selbstverantwortlich ihr Leben gestalten.

Zurück zu Jesus aber kommt nur einer. Er, der weiß: Ich bin ein gesegneter Mensch. Die Entgegnung Jesu macht deutlich, warum er ein Gesegneter ist, und warum er ein anderer, ein neuer Mensch geworden ist: Dein Glaube hat dir geholfen, sagt Jesus zu ihm. Er ist nicht nur gesund geworden, er ist heil geworden, heil an Leib und Seele.

Ganz sicher hat er dunkle Erfahrungen in der Krankheit gemacht. Die Einsamkeit, das Ausgestoßensein, die Verzweiflung und die F­ragen hat er nicht vergessen! Im Gegenteil: Im Dank hat er diese Wirklichkeit nicht verbannt, ­sondern vor Gott und den Menschen als Teil seines Lebens offengelegt. Genau das macht sein Leben ganz. Im Dank gegen Gott erst wird er reif und heil. Und die wunderbare ­Erfahrung, dass ihn einer ansieht, dass Gott ihn ansieht, zeigt ihm, dass er nicht nur ein von Gott geheilter, sondern ein von Gott geliebter Mensch ist.

Wie sieht das in unserem Leben aus?

Die Ungerechtigkeit, die wir erfahren haben?

Den Makel, der zu unserem Leben dazu­gehört? Die Krankheit, die uns heimgesucht hat? Vor allem aber: das viele Gute, das wir ­erfahren haben?!

Lebenslinie wird Segenslinie

Wenn wir es wagen, uns mit allen Irrungen und Wirrungen, Widersprüchen und schmerzlichen Erinnerungen, die der eigene Lebensweg beinhaltet, Gott anzuvertrauen, verstehen wir immer besser, dass wir letztlich alles in unserem Leben ihm „ver-danken“. Wir begegnen einem Geheimnis: Das Danken für meine ganze Geschichte verwandelt meine Geschichte. Das Danken für meine Lebenslinie macht sie zur Segenslinie. Erst der Dank verwandelt das Gute, das ich erfahren habe, in Segen.

1989 hallte der Ruf „Wir sind ein Volk“ durch unser Land. Ja, wir sind wieder ein Volk. Lasst uns die Dankbarkeit für dieses Wunder unserer Geschichte nicht vergessen. Und es wäre gut, wenn mehr als nur einer von zehn umkehren würde, um die Gabe der Einheit zum Segen für die Zukunft werden zu lassen.

Hymne der Dankbaren

Wir sind ein Volk“, heißt die Hymne der friedlichen Revolution.

„Wir sind ein gesegnetes Volk“, heißt die Hymne der Dankbaren.

Wir sind eingeladen, wie die zehn Aussätzigen und die Väter und Mütter der friedlichen ­Revolution zu bitten: Herr, erbarme dich unser! Wir sind eingeladen, wie der unschuldig verurteilte und nun freigesprochene Dwayne Dail täglich zu danken – im Wissen darum: „Ich bin ein gesegneter Mensch!“

Wir sind eingeladen, als Kinder unseres Vaters fröhlich weiterzugehen unter Jesu Zuspruch: Dein Glaube hat dir geholfen. Dankbarkeit ist die Chance der friedlichen Revolution in ­deinem und meinem Leben – sie verwandelt unsere verworrenen Lebenslinien in eine ­Segenslinie. Amen.

3. Oktober - Gott sei Dank!

3. Oktober - Gott sei Dank!
Die Initiative „3. Oktober - Gott sei Dank!“ lädt zum Feiern und zum Danken am Tag der Deutschen Einheit ein.

Die Initiative „3. Oktober - Gott sei Dank!“ verweist auf diese Predigt als Teil ihres gleichnamigen Internet-Angebots, das Christen in Deutschland Mut machen soll, den 3. Oktober – den Tag der Einheit – aktiv mitzugestalten. „Wir möchten dafür werben, dass in den nächsten Jahren an immer mehr Orten der Nationalfeiertag am 3.Oktober ein guter Grund zum kreativen, fröhlichen Danken,  Feiern und Beten wird.“

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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