Burn-in - Ein Event-Manager geht durch das Feuer.

Burn-in

Ein Event-Manager geht durchs Feuer

von Dario Pizzano

Wenn Sie so weitermachen, gebe ich Ihnen noch fünf Jahre. OK?“ „Fünf Jahre?“  „Maximal.“ Die Zeit scheint plötzlich stehen zu bleiben. Wie bitte?

„Sagen Sie, dass ich mich verhört habe!“

Meine Hausärztin unterlässt weitere Kommentare. Ihr Blick lässt kein Missverständnis zu. Nur noch fünf Jahre zu leben? Jetzt? Aber doch nicht jetzt! Wenn sie das dem Drogenwrack von vor ein paar Jahren gesagt hätte, hätte ich es abgenickt. Aber ich habe doch Gott gefunden. Die letzten Jahre waren doch prall gefüllt mit Glück. Habe ich vielleicht Krebs oder sonst eine heimtückische Krankheit? Oh Gott. Noch fünf Jahre. Mein Herz klopft schneller. Babum. Babum. Babum.

„Wie meinen Sie das, Frau Doktor? Ich verstehe nicht, was genau ist denn mit mir nicht in Ordnung? “

Die Ärztin schüttelt den Kopf: „Es ist wahrscheinlich nichts Spezifisches. Das ganze System ist im Eimer. Totalkollaps. Das geht ganz schnell. Fangen Sie endlich an, an Ihrer Identität zu arbeiten, sich selbst zu finden. Lernen Sie, an sich zu denken. Ihr Rücken und Ihre Seele sind einfach nicht mehr in der Lage, die horrenden Lasten und Wunden Ihrer Vergangenheit zu tragen.“ Du liebe Zeit! Die Seele! Zu mir finden! Auch das noch.

Ich bin eigentlich nicht der typische Psychotyp, der nirgendwo lieber liegt als auf der Couch. Nach wie vor kommt die Nachricht nicht wirklich bei mir an. Jemand redet wie durch einen dichten Nebel auf mich ein: „Werde Sie erst mal vier Wochen krankschreiben, ... ein mittleres Antidepressivum ... Psychotherapie ... Entscheiden Sie selbst ... An Ihrer Stelle würde ich sofort anfangen … Sie leiden an schweren Depressionen, an einer so genannten Burnout-Depression. Ihre Seele hat einen Infarkt erlitten!“

Zack, nun ist es raus! Burnout. Depressionen. Infarkt der Seele. Was ein Herzinfarkt ist, weiß ich wohl, aber ein Seeleninfarkt?!? Ich knete meine Hände fest zusammen, verstehe das Ganze nicht. Ich bin doch vor kurzem erst ein religiöser Mensch geworden! Ich hatte das ganze Ding doch gedreht. Habe völlig gesund gelebt in den vergangenen Jahren. Nicht mehr geraucht. Nichts mehr gesoffen. Keine bunten Pillen. Keine durchschwoften Nächte. Nichts mehr. Nada. Niente. Habe gelebt wie ein Mönch. War das alles eine Illusion? Oh, mein Gott! Wieder spüre ich mein Herz: Babum. Babum. Babum.

Irgendwie versuche ich einen Gedanken nach oben zu senden. Hallo? Meldet sich keiner. Hallo? Hallo Mister Gott, gibt’s dich vielleicht doch nicht? Babum. Babum. Babum. Ich schlucke. Mein Hals ist vollkommen trocken. Ich? Ich soll depressiv sein?

Plötzlich und unvorbereitet schießen Tränen ein und laufen über mein Gesicht. Ich vergrabe mich in meine Hände. Ein seltsames Gefühl der Erleichterung breitet sich plötzlich in mir aus. Krass. Jemand hat hier gerade meine Fassade durchleuchtet, mich gecheckt, etwas endlich erkannt. Ich sterbe nicht. Nein. Bin nur angezählt. Passiert jedem Boxer. Bin krank. Nicht verrückt. Ein bisschen Schatten auf dem Gemüt, was soll’s? Sofort beginnt der Positivdenker in mir zu rotieren. Depressionen, da gibt es doch sicher Mittelchen und Wege. Es stimmt doch. Krankheiten lassen sich heilen – oder etwa nicht? Eine schleichende Angst breitet sich in mir aus. Mir wird mit einem Mal schrecklich heiß. Mein Kopf droht zu platzen.

„Ja, man kann diese Krankheit heilen,“ sagt meine Ärztin mit bestimmtem, aber freundlichem Gesicht. Sie steht auf und gibt mir ihre Hand. „Machen Sie sich nur schnell auf den Weg. Alles Gute. “

Soll mich auf einen Weg machen. Welchen Weg? Zu anderen Ärzten? Zu einem bestimmten Ort? Ich kenne ihn nicht. Nicht mehr arbeiten. Nicht mehr studieren. Zu mir selbst finden. Meine Identität suchen. Frieden machen. Für einen Moment bin ich wieder klar. Zorn steigt in mir auf. Hatte ich das nicht schon vor zwei Jahren? Ich habe doch vor kurzem erst zu mir gefunden. Zum christlichen Glauben, zu Jesus, zu Gott. Ich war Christ geworden. Das war doch so unglaublich stark gewesen! Im einem unglaublichen Tempo hatte ich mein Leben in den Griff bekommen. Jahrelang war ich doch nur völlig orientierungslos, ja geradezu manisch meinen Instinkten hinterhergerannt, dem nächsten Reiz, der nächsten heftigen Nummer. Und dann hatte mich der Frieden überfallen wie ein blauer Sommertag, an dem du in der Wiese liegst, die Insekten schwirren hörst und weißt: Die Welt ist rund und alles, alles ist gut. Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben echten Sinn und innere Ruhe gefunden. Das alles war gerade wieder so weit weg wie Hawaii vom Nordpol. War denn da überhaupt mal was?

Frieden machen? Mit wem? Eine Bilanz ziehen? Wozu? Meine Vergangenheit bewältigen. Für was? Ich habe doch vor zwei Jahren erst einem Priester meine gesamte Vergangenheit gebeichtet. Zweifel packen mich: Machte der nur einen billigen Segen über mein seelisches Trümmerfeld, an das jetzt ein richtiger Fachmann, so ein Psychodoktor, ran muss? Wie auf Wolke sieben war ich damals aus dem Beichtgespräch gesprungen, hatte mich total befreit und mutig gefühlt, dass ich so etwas Schräges hinkriegte – einem fremden Kuttenträger meine schwärzesten Nummern auf die Seele zu binden. Nein, nein, muss ich mir sagen – das alles war kein magisches Getue. Die Beichte hatte mich doch vom Kopf auf die Füße gestellt. Die Gnade war damals mit Händen zu greifen. Und jetzt war und ist plötzlich nichts mehr. Oder? Oder spielte Gott ein neues Spiel mit mir? War das nur der zweite Akt im Drama meines neuen Lebens?

Mit einem Mal kriege ich einen Fetzen von Sinn zu fassen, beginne etwas zu verstehen. Gott ist doch nicht nur dazu da, dass er dir permanent Blümchenwiesen rüberwachsen lässt. „Wer mir nachfolgen will, der nehme sein Kreuz auf sich“, sagt Jesus. Vielleicht, sage ich mir plötzlich, ist das ja auch von Gott, diese Schatten meiner Vergangenheit, die mich mitten im schönsten Leben einholen, diese Schmerzen aus längst vernarbten Wunden, dieses alte Gift, das noch immer in mein Heute herübersickert.

 „Wir leben unser Leben in Spiralen“, hatte mir mal ein Freund gesagt, „alles holt dich auf einer neuen Ebene wieder ein. Und du musst noch mal durch und noch mal durch …!“ Er hatte das allerdings eher resigniert gesagt. Aber ich will ja nicht resignieren. Im Gegenteil. Ich möchte ein starkes, freies, von Liebe getriebenes Leben haben.

Ja, sage ich mir, ich bin in einer Spirale, und zwar so, dass es mich fast aus der Kurve haut. Aber es könnte auch ein Weg sein, könnte sein Weg sein. Den Weg, den Er speziell für mich entworfen hat: mein Weg. Also angenommen, diese Nummer mit dem Weg in der Spirale kommt von oben, vom großen Regisseur da oben, was wäre meine Krankheit dann? Schwere Depressionen. Ein Infarkt der Seele. Was bedeutet diese Diagnose? Ja, was wäre sie dann? Sie wäre vielleicht die Chance, endlich auch die tieferen Regionen meiner Seele mit Licht zu erfüllen, Wasser in das Trostlose meiner inneren Wüsten und Verwüstungen zu leiten, endlich richtig gesund zu werden und zu meinem privaten Glück und Frieden zu finden. Ich soll mich also auf den Weg der Heilung machen. Das wird es sein. Ich soll gesund werden. Nur wie? Ich atme tief durch. Ich muss jetzt versuchen, das herauszufinden.

Von

  • Dario Pizzano

    arbeitete 15 Jahre (geb. 1974) als Manager eines Musikclubs. Er lässt dabei nichts aus – keine Party, keine Droge, kein erotisches Abenteuer. Er selbst spürt, wie er – immer auf der Suche nach dem nächsten Kick – innerlich zunehmend verglüht. Auf dem »Highway to hell« und mitten in einer Phase tiefer Depression begegnet ihm etwas Ungeheuer­liches: der Burnout wird zum Burnin. Er trifft Gott. Dario Pizzano arbeitet heute in der Erwachsenenbildung der Diözese Erfurt in Heiligenstadt.

    Alle Artikel von Dario Pizzano

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal