Gönner oder Partner?

Entwicklungshilfe: Gönner oder Partner?
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Die Ambivalenz des Helfens. Ein Werkstattbericht

Der Austausch unter den Anwesenden machte schnell deutlich, dass jeder schon einmal im Kleinen oder Großen erlebt hatte, dass er Not lindern wollte, aber das Gegenteil bewirkte. Zwei Beispiele: ein Teilnehmer erzählte, dass er seinem verzweifelten Bekannten helfen wollte und deshalb dessen Schuldenberg beglich – mit dem Ergebnis, dass dieser sich in Kürze verdoppelte. Die Not war nicht nur nicht beseitigt, sie hatte sich vergrößert. Die gut gemeinte Abhilfe bedeutete zwar kurzfristig Entlastung, ging aber nicht an die Wurzel, die in der Eigenverantwortung gelegen hätte.

Eine in der Mission engagierte Sozialarbeiterin berichtete von einer großzügigen Spende einer christlichen Initiative, die an eine junge Gemeinde in einem Armenviertel „im Voraus“ für ein angedachtes Jugendzentrum überwiesen worden war. Über die Verwendung dieser für die Einheimischen unvorstellbar hohen Summe kam es unter den Gemeindegliedern zu einem heftigen Streit, der schließlich zum Bruch führte. Der Geldsegen, der in Umfang und Zeitpunkt dem Stand des Projektes und der Reife der Gemeinde nicht entsprach, hatte eine Fülle von Träumen, Wünschen und persönlichen Bedürfnissen geweckt, dem die Empfänger geistlich und emotional nicht gewachsen waren.

Das Seminar Krisenmanagementambivalente Wirkung von Geld in Mission und Entwicklungshilfe beim diesjährigen Tag der Offensive in Reichelsheim war gut besucht. Geleitet wurde es von Frank Paul, dem daran lag, verständlich zu machen, warum wir mit Hilfsaktionen viel Segensreiches bewirken können, aber auch viel Zerstörung anrichten und Abhängigkeit schaffen. Das ist in der Geschichte der Mission und Entwicklungshilfe hinreichend belegt, er konnte es aber auch persönlich bezeugen. Mit seiner Frau Ute und ihren drei Kindern hat er 18 Jahre in Buenos Aires und im argentinischen Chaco gelebt und gemeinsam mit einem internationalen Team von Missionaren unter den Toba-Indianern gewirkt. Durch sein Leben in und mit einer fremden Kultur haben sich ihm Fragen aufgedrängt zum Selbstverständnis des Helfens, die er an die Teilnehmer weiterreichte:

Wie verstehen wir Armut? Wie unsere Rolle als Helfer? Was macht Projektelangfristig wirksam und respektiert die Würde des Gegenübers? Welche biblische Sicht vom Menschen, insbesondere der Armen, leitet unser Handeln?

Die Antworten darauf sind komplex und subjektiv verschieden. Von ihnen hängt aber ab, wie wir unser Helfen und unsere Projektarbeit verstehen. Auch wenn hier nicht der Raum für ein Leitbild kulturgerechter Entwicklungsarbeit ist, können einige Anhaltspunkte die Richtung zeigen:

Was verhindert nachhaltige Entwicklung?

Westliche Helfer sind geneigt, Armut vor allem als materielles Problem zu sehen und darauf mit materiellen Mitteln zu antworten. Was als Soforthilfe oder Anschub eingesetzt werden kann, dient aufs Ganze gesehen nicht der Verminderung von Armut. Das Gegenteil von Armut ist biblisch betrachtet nicht Reichtum, sondern Schalom – umfassendes Heil- und Wohlsein des Einzelnen und seines Lebenszusammenhangs. Da der Mensch ein soziales Wesen ist, berührt Armut alle Bereiche seines Lebens und kann die Abwesenheit von Wissen und Bildungs-Möglichkeiten, ein fehlendes Gefühl für die eigene Würde, soziale Isolation, Hoffnungslosigkeit und Ohnmachtsgefühle, Abhängigkeit und Gewalt umfassen. Ein ganzheitlicher („holistischer“) Ansatz der Armutsbekämpfung im neutestamentlichen Geist wäre, den bedürftigen Menschen in seinem Beziehungsgefüge wahrzunehmen – zu anderen, zu sich, zu Gott und zur Umwelt, und ihn von daher zu verstehen und Antworten zu suchen. „Die Armen brauchen Brot und Gott.“ (René Padilla)

Hilfsbedürftigkeit ist ein idealer Nährboden für Abhängigkeitsbeziehungen. Wer Hilfe braucht, gibt Verantwortung leicht an die ab, auf die er angewiesen ist. Der Helfer zieht diese gerne an sich, da er vermeintlich weiß und bereitstellt, was der andere braucht. Dadurch entsteht ein Gefälle: der Geber oben, der Empfänger unten. Das führt dazu, dass das Hilfsprojekt vom Geldgeber gemäß seinen Vorstellungen entwickelt und er der Garant des Projektes wird. Zieht sich der Gönner irgendwann zurück, bricht es oft zusammen.

Beim Empfänger lähmt diese einseitige Konstellation den Impuls und den Glauben, durch eigenes Bemühen seine Lage ändern zu können und verstärkt die Haltung des Sich-Versorgenlassens bzw. die Armutsmentalität: Wenn es so leicht ist, im Ausland an Geld zu kommen, wieso sollen wir so hart arbeiten?

Ein klassischer „Sündenfall“ westlicher Geber besteht darin, dass sie selbstverständlich aus dem ihnen vertrauten kulturellen Denk- und Wertekodex heraus agieren und diese direkt auf die fremde Kultur übertragen. Ignoriert wird dabei die Wirklichkeit der anderen Kultur und insbesondere der Reichtum ihrer Lebensformen und Ressourcen. Als Beispiel mag die Hightech-Wasserpumpe gelten, die nur von Spezialisten gewartet werden kann und so die Abhängigkeit zementiert. Oder Waisen- und Kinderheime, die gewachsene Großfamilienstrukturen der Einheimischen aushebeln.

Sozialdiakonische Projekte sind langfristig wirksam,

 … wenn sie einheimisch sind:

„Christliche Entwicklungshilfe muss sich um Anerkennung des Armen, um seine Menschenwürde bemühen. Sie sollte nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg geschehen und nicht ohne deren Beteiligung.

Leiden schreit nicht zunächst nach einer Lösung, sondern erwartet das Mit-Leiden. Wer kann schon den Verlust von Ehepartnern, Kindern oder auch Häusern und Eigentum erklären? Welcher Helfer hat hier Zeit zum Hören und zum Weinen? Die Krisenbewältigung braucht mehr als technisch, fachlich und organisatorisch zusammengestellte Hilfsmaßnahmen.“ (Matthias Boeddinghaus) Der konkreten Unterstützung geht die Begegnung voraus: das Verstehen-Wollen und die Wertschätzung der betroffenen Menschen und ihrer Situation, wofür die Kenntnis der einheimischen Sprache unverzichtbar ist.

 …wenn sie eigenverantwortlich sind:

Jedem von uns ist die Freiheit und Selbstverantwortung für das eigene Leben aufgetragen. So lange Menschen aber nicht fähig sind, ihre eigenen Kompetenzen zu schätzen, zu nutzen und zu vermehren, werden sie nicht in der Lage sein, ihre Situation aus eigener Kraft zu verändern und ihren Nächsten etwas abzugeben. Tue niemals etwas für andere, was sie selbst tun können und sollen!, denn das entmündigt sie.

Begrenzte und befristete Unterstützung beugt falscher Abhängigkeit und Erwartungen vor und stärkt die Eigeninitiative der einheimischen Verantwortungsträger, erweitert ihre Entscheidungsräume und ermutigt zur Vernetzung und Zusammenarbeit vor Ort.

…wenn sie Selbsthilfekräfte stärken:

Menschen zu unterstützen, auf ihren eigenen Füßen zu stehen, im Bewusstsein, dass Gott sie und ihre Kultur mit großen Potenzialen ausgestattet hat, setzt sie mittelfristig instand, aus ihrer Armut herauszutreten. Ein wesentlicher Entwicklungsfaktor sind Bildungs- und Ausbildungsprogramme sowie Angebote, die den Reichtum ihrer kreativen Kräfte und Leistungsfähigkeit entdecken und entfalten helfen. In konkrete Menschen und ihr Lebensumfeld zu investieren, ist die wirksamste Form der Armutsbekämpfung.

Das solidarische Zusammenlegen der Gaben in der Urgemeinde war ein selbstverständlicher Ausdruck der Nachfolge Jesu, der ihre neue „evangelische“ Wirklichkeit sichtbar machte: die gleichwertige Zugehörigkeit aller zu dem einen Leib Christi: Jetzt helfe euer Überfluss ihrem Mangel ab, damit danach auch ihr Überfluss eurem Mangel abhelfe und so ein Ausgleich geschehe... (2. Kor 8, 14) Echte Partnerschaft unter Christen wächst aus dem Bewusstsein, Teil der einen weltweiten Familie Gottes zu sein, die Verantwortung füreinander trägt. Der lebendige Austausch von Menschen und Kirchen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen und Gaben dient dem gegenseitigen Beschenken, Befruchten und Lernen.

In diesem Sinn, so Frank Paul, geht es in erster Linie um Menschen und ihre Wachstumsprozesse, nicht um Projekte mit schnellen, vorzeigbaren  Erfolgen: Not projects and products but people and processes! 

Unsere Weihnachtsaktion

Seit fast 40 Jahren unterstützt die OJC mit ihren Weihnachtsaktionen missionarisch-sozialdiakonische Projekte in aller Welt – der Bogen der Partnerschaften reicht vom Kongo bis St. Petersburg, von Argentinien bis Manila. Die Unterstützung knüpft immer an persönliche Beziehungen an, durch die uns das Land mit seinen Menschen und Nöten nahekommt. Begonnen hatte es 1971 mit dem Weihnachtsaufruf „Lasst uns den Kreislauf der Hundertmarkscheine unterbrechen“ und der Bitte um großzügiges Teilen zugunsten von pakistanischen Flüchtlingen in Indien. Zu verzichten und zu teilen, selbst wenn man wenig hat, ist ein bereichernder Lernprozess, der bei uns beginnt. Wir bleiben Lernende: Unter der Federführung von Frank Paul werten wir zur Zeit die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte aus und erarbeiten ein „Leitbild OJC-Projekte und Partnerschaften“.

Von

  • Angela Ludwig

    Germanistin und Romanistin, Mitglied des OJC-Redaktionsteams und geistliche Begleiterin für viele innerhalb und außerhalb der OJC-Gemeinschaft.

    Alle Artikel von Angela Ludwig

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