Die Wechseljahre der Gemeinde

Deformation und Reformation in der Nachfolge
Ein Versuch über Gruppenbewegungen

Gute Biografien sind eine Quelle der Inspiration. Der Mehrwert der Erfahrungen eines anderen, in die ich literarisch eintauchen darf, verdankt sich dabei wesentlich dem Ineinandergreifen von Spannungsbögen reflektierter und vom Leben getränkter Erfahrungen. Biografien einzelner Personen sind uns geläufig. Die biografische Beschreibung von Gruppen hingegen steckt in den Anfängen. Und darüber braucht man sich nicht zu verwundern, „denn hier handelt es sich um ein Kapitel in der Geschichte des Heiligen Geistes“  (Eugen Rosenstock-Huessy)1.

Jesus verheißt seinen Jüngern und Nachfolgern, dass sie da mit dem Heiligen Geist rechnen dürfen, „wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen“ (Mt18, 20). Der Heilige Geist – er ist die Grundlage und das Ferment aller gemeindlichen Unternehmungen, aller Oikoi, die sich im Neuen Testament verheißungsvoll ausbreiten. Oikoi, das sind Behausungen Gottes im Geist (1. Tim 3, 15; Hebr 3, 6), Gottes unsichtbare Kirche, die nach Verleiblichung und Inkarnation im Herzen der Einzelnen und in der Gemeinschaft der Gläubigen sucht.

Inspiration versus Institution?

Das Ringen der Kirche Jesu Christi und ihrer sakramentalen Gruppen um Vitalität und Dauer ist ein Ringen um das Ineinander von Inspiration, Institution und Inkarnation. Eben hier wird die Problematik der Gemeinde offenbar, dieses Miteinander zu gestalten: Bleibt es alleine bei charismatischer Inspiration läuft sie Gefahr, den erdigen Auftrag der Kirche zu verlieren. Nehmen die Bestrebungen zur institutionellen Sicherung des Bestandes überhand, bleibt die notwendige Inspiration und das Angewiesensein auf Gottes entscheidendes und überraschendes Handeln häufig auf der Strecke. Gottes Geschichte mit seiner Kirche ist auch die Geschichte Gottes mit seinen einzelnen Gemeinden und Gemeinschaften. Jedes Glied am Leib der Kirche ist – trotz aller historisch gewachsener Etablierung und Einbindung – herausgefordert, vor Ort im Hier und Jetzt zukunftsweisende Entscheidungen zu treffen und sich auszugestalten.

Die Folgen von Richtungsentscheidungen in der Gemeinde erkennen wir in ihrer Tragweite­ freilich oft erst im Nachhinein.

Trotzdem kommt die ­reflektierte Lebenspraxis der Gruppe meist zu kurz. Ich möchte versuchen, eben diese in Blick zu nehmen und die Wechseljahre im gemeinsamen Miteinander anschaulich zu machen. Die konkrete Anschauung liefert der selbstkritische Blick auf die vergangenen zwei Jahrzehnte der OJC-Gemeinschaft, die seit 2008 die Kommunität der Offensive Junger Christen ist. Ziel der stark verdichteten Ereignisanalyse ist es, die Notwendigkeit von Veränderungen in der Gemeinde darzustellen und ein Gespür dafür zu gewinnen, das der Übergang verschiedene Phasen durchläuft.

Zuviel Erregung und zu wenig Klarheit

Nach zweieinhalb Jahrzehnten dynamischen Wachstums und breiter Wirkung in Kirche und Gesellschaft befand sich die OJC gegen Ende der Jahrtausendwende als geistliche Lebensgemeinschaft in keiner guten Verfassung. Die Atmosphäre der Dauerüberforderung prägte das Miteinander, einige waren ausgebrannt, andere am Rande des Ausbrennens. Ein Zuviel an Aufgaben, ein Mangel an guten Strukturen und Vertrauenserosion zwischen Mitarbeitern, die versuchten, ihren Platz zu halten oder zu finden, waren symptomatisch für diese Zeit. Zu viele Themen und Problemfelder versuchte man gleichzeitig in Angriff zu nehmen. Hier galt für uns, was der Philosoph Peter Sloterdijk generell als Gefahr für kommunitäre Kollektive beschreibt: „Mit Hilfe ihrer aktuellen Themen misst sich die Gruppe selbst das Fieber; durch ihr Fieber gibt sie sich ihre operative Einheit als endogen geschlossener Erregungszusammenhang.“2  Rückübersetzt aus der medizinischen Metapher bedeutet das für den Leib der Gemeinschaft: Wenn Aktionismus („Fieber“) zur Daseinsberechtigung wird, dann wird Beschäftigt-Sein („Fieber“) zur atmosphärischen Grundnorm der Gruppe. Hans-Georg Gadamer bemerkt in seinem Buch „Über die Verborgenheit der Gesundheit“3, dass Gruppen ihre eigene Grundspannung zumeist nicht spüren und kaum thematisieren. Ein gründliches Ausloten der Problematik von atmosphärischen Grundspannungen in der Gemeinde wäre ein wünschenswertes Forschungsprojekt.

Unter der Überforderung im Tun blieb das geistliche Leben in der OJC nicht selten „unterfordert“. Und mit etwas Abstand ließ sich leicht feststellen, dass die Gemeinschaft auch in der Gefahr der Überalterung stand. Die OJC, so können wir sagen, hatte kein gutes Gefüge in diesen Jahren. Ich möchte es eine Phase der Deformation nennen. (Unbenommen dieser Tatsachen hat die OJC auch in diesen schwierigen Jahren viele Menschen zum Glauben ermutigt, sich wirkungsvoll in gesellschaftlich brisante Fragen eingemischt und auf vielfältige Weise segensreich nach außen gewirkt.)

Das Miteinander-Atmen der Gottbedürftigen

Was dringend Not tat, war eine Reformation der Gemeinschaft. Die größte Schwierigkeit auf dem Weg zur Neuformation in sakramentalen Gruppen ist das Eingeständnis des eigenen deformierten Zustandes. Wo die Deformation und ihre Gründe nicht auf den Tisch kommen, da unterbleibt die Veränderung. Dieser Prozess hieß in unserem Fall, den allzu oft überhörten Wahrnehmungen der Einzelnen endlich Gehör zu verschaffen. Dass dabei der Boden des Miteinanders nicht einbrach, war eine Kunst, um nicht zu sagen: ein Wunder. Es ist nach unseren Erfahrungen ein Wunder der Konspiration. Konspiration (von lat.: conspirare) ist das „miteinander Atmen“. Eben solche konspirativen Räume bedarf es, um aus den verfahrenen und gewohnten Funktionsszenarien des „Zuviel“ und „zu Unklar“ auszusteigen und sich geschwisterlich zusammenzureden. Ein „Auge von Außen“ hat sich dabei zur Moderation als hilfreich erwiesen, vor allem aber auch das inständige Bitten um den Heiligen Geist, der uns atmosphärisch oft erst die Voraussetzungen dafür geschenkt hat, dass Schweres in der Gemeinschaft voreinander ausgesprochen und ans Licht gebracht werden konnte.

Wie in der Ehe so gilt auch für die Gemeinschaft: Keine Zukunft ohne Vergebung. Der Ausstieg aus falschen Rechtfertigungen und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, bedeutet den Einstieg in die Reformation. Eine der größten Ressourcen und zugleich das engste Nadelöhr geistlicher Erneuerung ist der bleischwere Satz: „Es war meine Schuld und es tut mir leid.“ Auszusprechen, was unter unserer eigenen Beteiligung nicht gut war, ist eine Zumutung für den Narzisten in uns, aber immer auch eine Befreiung für den gottesbedürftigen Geliebten, der wir auch sind.

Kulturelle und strukturelle Veränderungen

Nicht unheikel ist die Gestaltung personeller Übergänge, die mit Reformationsprozessen verbunden sind. Prägende Mitarbeiter zu verabschieden hinterlässt Lücken, und auch die Art des Abschieds ist für das Geschehen keinesfalls belanglos. Wohl der Gruppe, die ihre Leiter – wenn es dran ist – im Frieden entpflichten kann. Einen grundlegenden Prozess der Veränderung mit einer lang bewährten Leitungsriege anzugehen, scheint mir zwar nicht ganz unmöglich, ist aber wohl eher eine Ausnahmeerscheinung im reformatorischen Geschehen.

In den Jahren des reformatorischen Prozesses veränderte sich die OJC  sowohl strukturell als auch kulturell. Wir haben unseren Auftrag neu formuliert und ein Leitbild miteinander entwickelt, um auch in Zukunft jungen Menschen in Jesus Christus Heimat, Freundschaft und Richtung geben zu können. Wir haben eine innere Ordnung des gemeinsamen Lebens formuliert und als eine „Grammatik der Gemeinschaft“ aufgeschrieben. Dies soll uns helfen, unsere Formation immer wieder um die richtige Mitte zu ordnen und uns einander zuzuordnen, Freiheit und Verbindlichkeit in ein schöpferisches Verhältnis zu setzen, damit unsere Berufung zum Zuge kommt. Aber nicht nur Aktion und Kontemplation, sondern auch die Räume für Konspiration und Rekreation sind darin gewichtig und vorgesehen – das z. B. ist für unsere Gemeinschaft etwas Neues.

Nach einer langen Epoche unter der Leitung einer dominanten Leiterstimme waren die Mitarbeiter gerufen, Freiräume und Neuformierung durch das Einbringen ihrer eigenen Stimme mitzugestalten und Vielstimmigkeit einzuüben. Mündigkeit und Vielstimmigkeit der Mitarbeiter sind vielleicht die beiden wichtigsten inneren Langzeitentwicklungen in der OJC – wenn nicht in der christlichen Gemeinde überhaupt. Beides sind ausgesprochene Landeflächen für das Wirken des Heiligen Geistes, der mit Vorliebe das geschwisterliche Gespräch, insofern es als solches stattfindet, inspiriert und aufmischt.

Einen Sinn für die eigene Tradition entwickeln

Einen Sinn für die eigene Tradition entwickeln
© Dominik Klenk

Mit der Gründung der Kommunität 2008 nach bereits 40 Jahren gemeinschaftlichen Lebens fand der Reformationsprozess seinen vorläufigen sichtbaren Abschluss. Für mich, einen jungen, missionarischen und expansionswilligen Leiter, der gerade durch langwierige Jahre der Veränderung mit der OJC navigiert ist, schien endlich eine neue Phase gekommen zu sein: Aufbruch! Viele kleine OJC-Gemeinschaften an vielen Orten sollten den Auftrag an der jungen Generation multiplizieren. Es bedurfte einiger Einsicht im Gespräch mit Gott und miteinander, um einzusehen, dass dieser Schritt unzeitig und voreilig wäre, da ihm das gewachsene Hinterland fehlt.

Von Jean Vanier, dem Gründer der Arche Gemeinschaften, habe ich in dieser Zeit gelernt: „Um Zukunftspläne zu schmieden, muss eine Gemeinschaft ihre Vergangenheit gut verarbeitet haben und einen Sinn für die eigene Tradition entwickeln.“ Einen Sinn für die eigene Tradition, das heißt auch: das Neue der reformierten Formation und der neuen Strukturen und kulturellen Atmosphäre zu verinnerlichen. Es folgte nach der Reformation also nicht der schnell erwünschte äußere Aufbruch, sondern wir erkannten die Notwendigkeit einer Phase der Inkarnation, um das Neue, das geworden ist, zu verinnerlichen. Das war insbesondere auch deswegen geboten, weil innerhalb weniger Jahre ein Generationswechsel durch neue, junge Mitarbeiter angestoßen worden ist und mehr und mehr bewährte Gefährten ins zweite Glied zurücktreten dürfen. Diese rochierende Bewegung hat alle Voraussetzungen zu einer Sollbruchstelle. Wertschätzender und liebevoller Umgang mit den Zurücktretenden und den neu Antretenden und ein geklärtes Amtsverständnis im Dienste der Gemeinschaft sind hilfreiche Wegbereiter für diese Übergänge, die selten spannungsfrei, aber unabdingbar sind.
 

In welchem Bogen stehen wir?

Nach der Reformation ist die Phase der Inkarnation also eine Phase der Stabilisierung. Ein Wort, bei dem die Kreativen und die Reformer oft ein wenig zusammenzucken. Das Neue muss bewährt und eingeübt werden, um aus dieser Stärke heraus dann einen neuen Aufbruch zu wagen. Wann und wo dieser Aufbruch Gestalt gewinnt, das hängt vor allem von der Gabe der Feinhörigkeit ab, die in sakramentalen Gruppen entscheidend ist: den Kairos für etwas Neues wahrzunehmen und miteinander zu prüfen. Wohl der Gruppe, die weiß, was die Stunde geschlagen hat. Von jeher vereint der Jüngerkreis Jesu Menschen unterschiedlicher Gaben und Charaktere: Frauen und Männer, Alte und Junge, Familien und Ledige, Traditionalisten und Reformer. Nicht gerade unbedrohliche Gegensätze – zugleich aber ein idealtypisches Potenzial gegenseitiger Ergänzung. Vorausgesetzt, man weiß, woher man wohin unterwegs ist.

Eine Ursache massiven Energieverlustes in der Gemeinde ist die Unkenntnis bzw. die Zerstrittenheit einzelner darüber, in welchem biografischen Bogen sich die Gruppe momentan im Wesentlichen befindet.
 

Übertriebene Expansion als unguter Vorlauf

Der sehnsüchtige Blick in Richtung Aufbruch und das Einsehen, in der notwendigen Zwischenphase der Inkarnation Raum zu geben, ließ uns auch noch einmal auf die Phase der Deformation zurückblicken. Wie kam es eigentlich dazu? Mit dem notwendigen Abstand von gut eineinhalb Jahrzehnten können wir heute sagen: Es ging der Deformation eine Phase der exzessiven Expansion voraus. Wir wollten zuviel. Innerhalb von sechs Jahren haben wir eine Familienarbeit begonnen, ein Europäisches Jugendzentrum eröffnet, eine neue Publikation gestartet, ein altes Schloss renoviert und versucht, eine private internationale Hochschule zu gründen und den Aufbruch der Gemeinschaft mit einem Ableger in Greifswald gewagt. Damit haben wir uns übernommen. Der innere Boden und die vorhandenen Mitarbeiter der Gemeinschaft konnten diese Lasten nicht stemmen. Die Deformation wurde immer schwerwiegender.

Der Blick auf die Wechseljahre der Gemeinschaft bringt noch etwas Interessantes ans Licht. Die Phasen der Deformation und der Inkarnation verlaufen eher unsichtbar und „unterirdisch“. Sie kommen inkognito, sind nicht für jedermann sichtbar. Expansion, Reformation und Aufbruchsphasen werden eher wahrgenommen und sind damit auch besser zu kommunizieren. Ohne die unspektakulären Inkarnationsphasen aber wird ein gesunder Aufbruch immer unter unguten Vorzeichen stehen.
 

Wagnis und Weizenkorn-Bereitschaft

Nach meinem Eindruck durchläuft jede spirituell initiierte Gruppe, Gemeinschaft, jede Gemeinde und vielleicht sogar jede gemeinsame Unternehmung4 von Menschen auf ihre Weise solche Wechseljahre. Nicht jedem geistlichen Aufbruch sind erfolgreiche Wandlungen durch die Zeiten vergönnt. Manches, was verheißungsvoll begonnen hat, ging irgendwann zu Ende. Und das ist auch Teil von Gottes Heilsgeschichte. Es ist dafür allerdings notwendig, „die Erfahrung des Sterbenmüssens von den Menschenkindern auf diese sakramentalen Gruppen zu übertragen“. Und, so Rosenstock-Huessy weiter mit Bezug auf den Jesuitenpater Peter Lippert, „auf die sakramentale Gruppe kann man sich nicht abonnieren. Sie tritt ins Leben und sie stirbt und wehe dem, der sie festzuhalten sucht, wenn ihr Ende da ist“5. Alles hat seine Zeit. Auch das sichtbare Leben von Gemeinden und Gemeinschaften. In der Metapher des Weizenkorns bedeutet selbst das Sterben nicht das Ende von allem, sondern Frucht und Aussaat. Das ist ein tröstlicher Ausblick für manche Gemeinden, Klöster und Gemeinschaften, die keine neue Epoche, keinen neuen Frühlingsaufbruch mehr erleben werden.

Veränderungen und sogar eine Mehraltrigkeit der berufenen Unternehmung, also der Schritt von einer Generation zur nächsten, bleibt ein notwendiges Wagnis – mit offenem Ausgang. Die Autorenschaft für dieses Kapitel der Biografie einer Gemeinschaft liegt aber nicht bei uns; es ist ein Kapitel in der Geschichtsschreibung des Heiligen Geistes.

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

    Alle Artikel von Dominik Klenk

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