Vom Holy Land zum Holidaypark

Vom Holy Land zum Hollyday Park: Deutsch-israelische Begegnung

Im Zeichen der Versöhnung: Ein Camp mit jungen Menschen aus Israel und Deutschland

Auf der langen Rückfahrt von München spielen wir ein Spiel im Bus. Die Regeln sind einfach: Jeder erzähle drei Geschichten aus seinem Leben, zwei wahre und eine falsche. Aviad aus Israel beginnt:

1. Einmal waren wir auf Patrouille an der Grenze zum Libanon. Die Bremsen unseres Panzers versagten und wir rollten tief hinunter ins feindliche Gebiet. Dort konnten wir nur mit Mühe entkommen.

2. Mit 14 hätte ich mich beinahe beim Spielen mit Waffen umgebracht.

3. Bei einem Angriff bekam ich eine Kugel zwischen die Beine und bin nur noch ein halber Mann.

Alle drei Geschichten klingen unglaublich – für uns Deutsche. Nach einer Woche gemeinsam verbrachter Zeit wissen wir aber, dass im Land unserer Gäste jede dieser Geschichten möglich ist. Die dreizehn Israelis, die im Juni 2010 die OJC in Reichelsheim besuchten, haben alle Schlimmes erlebt.

Es ist bereits die vierte Gruppe, die im Rahmen des Disraelis-Projekts (Disabled Israelis) nach Reichelsheim kommt. Ilan und Esti Brunner aus Tel Aviv hatten das Projekt 2002 ins Leben gerufen. Es dient dazu, junge Erwachsene, die durch Terrorangriffe oder in der Armee verwundet wurden, Angehörige verloren haben und teilweise stark traumatisiert sind, eine Auszeit fern von Krieg und Schrecken zu ermöglichen.

Voreinander stehen und sich zeigen

Israelis und Deutsche freunden sich bei Camp an.

Knapp zwei Wochen verbringen die Gäste, alle zwischen 22 und 27, mit dem Jahresteam und Mitarbeitern der OJC. Fast alle haben mehrere Jahre in der israelischen Armee gedient. Dies ist Pflicht. Nur wer bereits enge Angehörige durch Krieg und Terror verloren hat, ist vom Dienst befreit und kann, wie zum Beispiel Mor, einen National Service leisten. Mor hatte mit zwölf Jahren ihren Vater durch einen Bombenanschlag verloren. Für ihre Mutter wäre der Gedanke, sie in der Armee und damit in täglicher Lebensgefahr zu wissen, unerträglich gewesen und sie hat auf den Ersatzdienst der Tochter bestanden. Andere wie Oded oder Aviad haben länger als die drei Pflichtjahre gedient, immer wieder Verwundungen erlitten und manchen Freund oder Kameraden verloren.

Einige der Disraelis arbeiten bereits, die meisten sind im Studium oder kurz davor. Da ist Einav, die Psychologie studiert, und in ihrer Zeit in Deutschland eigentlich für ihr Examen lernen muss. Oder Shlomi, der Netzwerke einrichtet und begeistert von seinem Dienstwagen erzählt. Der Grafik-Designer Eliran schildert eindrücklich, wie sein Alltag in einer Stadt nahe dem Gazastreifen aussieht. An seinem Fenster fliegen fast täglich Raketen vorbei, er hat das Radio immer angeschaltet, um keine Meldung oder Warnung der Raketenabwehr zu verpassen. Gefahr ist seine Normalität. Die Gäste erzählen von ihren Reisen um die Welt – Australien, Thailand, Europa, Nord- und Südamerika sind beliebte Ziele von jungen Israelis, die nach der Zeit in der Armee Abstand und unbeschwerten Spaß suchen. Viele reisen aber auch in die Herkunftsländer ihrer Eltern oder Großeltern und besuchen dort Verwandte. Die Vorfahren unserer Gäste stammen unter anderem aus Marokko, Indien, Irak, Spanien und Argentinien.

Einander begegnen und erleben

Mit den deutschen Teilnehmern, die alle jünger sind und natürlich einen ganz anderen Erfahrungshorizont haben, entsteht eine spannende Mischung von Menschen, die herausfordernd und für alle eine Bereicherung ist. Das Interesse aneinander ist groß und die Kommunikation für die meisten glücklicherweise auf Englisch möglich. Beide Seiten betreten Neuland in dieser Begegnung: Während die Israelis geübt sind im ausgiebigen nächtlichen Feiern, gibt es bei den jungen Deutschen einige, die zum ersten Mal eine Diskothek besuchen und gegen Mitternacht schon Ausschau nach ihren Matratzen halten. Dagegen sind für die Israelis die ernsthaften Gespräche, das Reflektieren und Teilen persönlicher Erlebnisse und überhaupt Begegnungen, wie sie oben auf dem Erfahrungsfeld möglich sind oder während des Besuch bei den Marienschwestern, eher ungewohnt.

Es sind zwei volle und erfüllte Wochen. Die ersten Tage sind dem Kennenlernen gewidmet. Besonders eindrücklich sind für uns die Lebensgeschichten der Israelis, die sie in einer großen Runde erzählen. Später ergeben sich auch persönliche Gespräche über die Erlebnisse, wir merken aber auch, dass wir hier an Grenzen stoßen. Immer wieder fällt der Satz „Let´s change the topic“, wenn es zu ernst und schmerzhaft wird. Vieles, was aus unserer Sicht alles andere als lustig ist, wird nur im scherzhaft-ironischen Tonfall angesprochen.

Miteinander spielen und trauern

Die Tour über das Erfahrungsfeld „Wege zum Leben“ auf Schloss Reichenberg mit Vertrauensübungen und gemeinsamem Spiel schweißt die Gruppe enger zusammen. Wir sind an den einzelnen Stationen eingeladen, die gemeinsamen Wurzeln unseres Glaubens zu erkunden. Am gleichen Tag noch besucht die ganze Gruppe die Evangelischen Marienschwestern in Darmstadt, die den Israelis einen so unerwartet herzlichen Empfang mit Fahnen, Begrüßungsspalier und Gesang bereiten, dass viele, und auch manche Deutsche, völlig verdattert sind. Schnell gewinnen die gastfreundlichen Schwestern auf ihrem Miniatur-Kanaan unsere Herzen. Auch die anderen Ausflüge führen von einem Highlight zum nächsten: das Felsenmeer im Odenwald, die Shoppingtour in Darmstadt, eine Schifffahrt auf dem Rhein zur Loreley, Stadtbesichtigungen in München und Heidelberg, der Holidaypark in Hassloch.

Eine Tour war in anderer Weise sehr bewegend: der gemeinsame Besuch im ehemaligen KZ von Dachau. Mit viel Liebe und Sorgfalt haben die Israelis ein feierliches Programm zum Gedenken an die Opfer der Shoah vorbereitet und beteiligen auch uns Deutsche daran. Es wird für alle zu einem ganz tiefen, ja heiligen Moment. Was für ein großes Geschenk und Wunder, dass wir als deutsche und als jüdische Menschen mit solch einer Vergangenheit zusammenfinden und Freundschaft schließen können! Gleichzeitig denken wir an die aktuelle Krise in Israel. Aus dem Wissen um das erlebte Wunder zwischen uns schöpfen wir Hoffnung, dass sich auch das Verhältnis von jüdischen Israelis und Palästinensern verändern kann.

Eher auf stille, unspektakuläre Weise wird die Abendeinladung in verschiedenen Familien zu etwas Besonderem für die Israelis. Jeweils zu zweit oder zu dritt sind sie an die Tische der Gemeinschaft zum Abendessen eingeladen. Ob es an der ausgeprägten Begabung der OJC für Gastfreundschaft liegt, an den vorher gesprochenen Gebeten für diesen Abend oder einfach an der entspannt familiären Atmosphäre; in diesen Runden gelangen wir in den Gesprächen zu einer Tiefe, wie wir sie sonst nur selten haben.

Voneinander lernen und profitieren

Die Diskussionsrunde mit Studierenden an der Universität wissen die Israelis sehr zu schätzen. Endlich können sie ihre Sicht über die aktuellen Ereignisse in Israel darstellen – und werden gehört. Nicht nur an diesem Nachmittag wird deutlich, dass sie unter dem schlechten Ansehen, das Israel weltweit hat, sehr leiden. Immer wieder betonen sie, wie wohl es ihnen tut, willkommen zu sein, sich geliebt und angenommen zu erleben.

Für uns sind die beiden Schabbatfeiern eine ganz neue Erfahrung. Ich bin überrascht, wie viel mich in der Zeremonie der Segnung von Brot und Wein und der anschließenden Austeilung an unser Abendmahl erinnert. Die Juden belassen es nicht bei einer Zeremonie, sondern essen und feiern fröhlich miteinander. Jesus hat beim Stiften seines Gedächtnismahles gewiss auch die fröhliche, sich am Werk Gottes freuende Tischrunde vor Augen, und die ersten Christen, die nicht nur zu Passah Brot und Wein teilten, erst recht!

Auch wenn die meisten der israelischen Teilnehmer sich als nicht religiös bezeichnen, ist ihnen die Begrüßung des Schabbat doch von Haus aus vertraut und sehr kostbar. Mit viel Freude führen sie uns ein und zeigen uns die Selbstverständlichkeit der Religion und des Glaubens im Leben, die wir so kaum kennen. Uns mutet es komisch an, wenn Gebete schnell heruntergerasselt werden oder wenn Lieder mit religiösem Inhalt gegrölt werden – wie auf dem Fußballplatz. Und doch steckt für die Einzelnen mehr hinter der Tradition als einfach nur Nachahmen des Immergleichen. Mor, die Rechnungswesen studiert und ein strukturierter Mensch ist, erläutert uns den Unterschied zwischen „religiös“ und „gläubig“. Die meisten Israelis glauben an Gott, an den Bund der Thora und an die biblischen Berichte über ihr Volk. Aber nur die „Religiösen“ halten die zahlreichen Regeln wie absolute Schabbatruhe oder strenge Essensvorschriften. Der Schabbat­abend jedoch wird in nahezu allen jüdischen Familien gefeiert und selbst erwachsene Kinder kehren an diesem Tag gern ins Elternhaus zurück.

An eine gemeinsame Zukunft glauben

Der ausgelassene Trubel im Holidaypark spiegelt zeichenhaft, wie sehr wir in zwei Wochen zusammengewachsen sind. So wie wir hier die Höhen und Tiefen der Fahrgeschäfte, das Kribbeln im Bauch vor dem Fall beim Freefalltower und die pure Freude an Super-Looping und Wildwasserfahrt teilen, haben wir in diesen zwei Wochen auch von den Höhen und Tiefen unserer Erlebnisse Anteil gegeben und uns ein Stück auf die Achterbahn im Leben der anderen eingelassen. Die 24-jährige Tom gibt in der Auswertungsrunde zu, wie überrascht sie war, dass bei aller Verschiedenheit der Lebenswelten die Fragen und Probleme, die junge Leute in Deutschland und in Israel beschäftigen, doch sehr ähnlich sind.

Die Atmosphäre im Jugendzentrum wird gegen Ende durch die Sonne und den strahlend blauen Himmel immer leichter. Wir lachen, singen und tanzen viel. Eine eigens etablierte deutsch-israelische Band erfreut uns täglich mit wunderschönen Liedern. Nach zwei Wochen sind Gäste und Gastgeber glücklich, letztere auch ziemlich erschöpft, erstere tief berührt von der herzlichen Aufnahme. Uns allen bleibt die Hoffnung auf weitere Kontakte und Begegnungen. Klar: auf „Facebook“ im weltweiten Netz sind und bleiben wir alle „Haverim“ – Freunde!

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal