Krise im Hause Jakob.

Krise im Hause Jakob

Eine Kränkung und ihre Folgen. Bibelarbeit zu 1. Mose 37-50

Israel (Jakob) liebte Joseph mehr als alle seine anderen Söhne, weil er ihm erst im Alter geboren war, und er machte ihm einen Ärmelrock, so steht es in der Zürcher Bibel. Luther übersetzt „einen bunten Rock“. Es handelt sich offenbar um ein Kleidungsstück, das eher Beamte am Hof des Pharao trugen als Menschen, die auf dem Feld arbeiteten und Schafe hüteten. Als seine Brüder sahen, dass ihr Vater ihn mehr liebte als alle seine Brüder, wurden sie ihm feind und mochten ihm kein freundliches Wort mehr gönnen. Joseph tat das seine dazu: Wenn er mit ihnen die Schafe hütete, hinterbrachte er seinem Vater, was man ihnen Schlimmes nachsagte.

Dazu hatte Joseph einen aufregenden Traum: Hört einmal, sagte er zu seinen Brüdern, was mir geträumt hat: Wir waren am Garbenbinden auf dem Felde; da richtete sich auf einmal meine Garbe auf und blieb stehen, eure Garben aber stellten sich ringsherum und verneigten sich vor meiner Garbe. Sie aber regten sich über ihn auf und erwiderten erbost: Du willst wohl gar unser König werden und über uns herrschen! Und sie hassten ihn umso mehr. Danach hatte er einen zweiten Traum, da verneigten sich die Sonne, der Mond und elf Sterne vor ihm. Das erzählte er nicht nur den Brüdern, sondern auch dem Vater. Der Vater wies ihn zurecht: Sollen wir etwa alle vor dir niederfallen? Aber er merkte sich die Worte.

Eines Tages, als die Brüder seine Herden mehrere Tagesreisen entfernt weideten, schickte Jakob Joseph zu ihnen, um nachzusehen und ihm zu berichten, wie es ihnen und den Herden gehe. Als die Brüder Joseph kommen sahen, übermannte sie der Hass: Sie sprachen zueinander: Seht, da kommt der Träumer! Wohlan, wir wollen ihn töten und in eine Zisterne werfen und sagen, ein wildes Tier habe ihn gefressen; dann werden wir ja sehen, was aus seinen Träumen wird. Aber Ruben warnte: Ans Leben wollen wir ihm nicht! Werft ihn in diese Zisterne da in der Wüste, doch legt nicht Hand an ihn! Er wollte ihn aus ihrer Hand erretten, um ihn zu seinem Vater zurückzubringen.

So erreichte er, dass sie Joseph, als er bei ihnen ankam, nicht gleich erschlugen. Sie zogen ihm aber den Ärmelrock aus und warfen ihn in eine ausgetrocknete Zisterne. Darauf setzten sie sich zum Essen. Da sahen sie eine Karawane von Ismaelitern herankommen, die nach Ägypten unterwegs war und Juda hatte eine Eingebung: Kommt, sagte er, wir wollen ihn an die Ismaeliter verkaufen, aber uns nicht an ihm vergreifen; er ist doch unser Bruder und unser Fleisch. Und seine Brüder hörten auf ihn. Und sie verkauften Joseph für 20 Silberstücke. Dann nahmen sie den Ärmelrock, tauchten ihn in das Blut eines geschlachteten Ziegenbocks und ließen ihn ihrem Vater bringen und ihm sagen: Das haben wir gefunden. Sieh, ob es der Rock deines Sohnes ist. Natürlich erkannte Jakob den Rock sofort. Tief getroffen sagte er: Ein wildes Tier hat ihn gefressen, ein reißendes Tier hat Joseph zerrissen. Und Jakob zerriss seine Kleider und legte ein Trauergewand um seine Hüften; und er trug lange Zeit Leid um seinen Sohn.
Vergeblich versuchten die Brüder ihn zu trösten. (1. Mose 37, 2-36)

Ausgestoßen

So wird uns die Geschichte der Kränkung und ihrer Folgen – das Schuldigwerden der Brüder an Joseph und am Vater – erzählt. Betrachten wir noch einmal die einzelnen Schritte:

Es schmerzt die älteren Söhne, dass ihr Vater Joseph lieber hat als sie, und Joseph vertieft ihre Wunde durch sein Verhalten. Die Brüder sind verletzt, sie fühlen sich gekränkt, Feindseligkeit, Hass und Neid erfüllen ihr Herz. Sie wollen ihn umbringen: „dann werden wir ja sehen, was aus seinen Träumen wird“, sagen sie trotzig. Statt sich bewundernd vor ihm zu verneigen, erniedrigen sie ihn. Sie ziehen ihm den Rock, das Zeichen der Liebe seines und ihres Vaters, aus und liefern ihn zuerst Todesängsten, dann der Verlassenheit und dem Sklavendasein in der Fremde aus. Außer dem Leben nehmen sie ihm alles, worin er sich bisher zuhause und geborgen fühlte.

Dem Vater nehmen sie den geliebten Sohn, das erste Kind von Rahel, der Frau, die er geliebt hatte und die zu ihrem Kummer lange kinderlos geblieben und an der zweiten Geburt gestorben war. Nun zieht er sich in eine unüberwindliche Trauer zurück. Auf den Brüdern lastet das Schuldbewusstsein, auch wenn sie es oberflächlich verdrängen, und die Entfernung Josephs aus der Familie bringt ihnen den Vater nicht näher.
 

Schuldgefühle

In unserem Innern verborgenes Schuldbewusstsein und die Erwartung der gerechten Strafe baut in uns Mauern auf, die die Beziehungen zu unseren Mitmenschen, zu Gott und zu unseren eigenen Gefühlen behindern und einengen. So leben der Vater und die Söhne, bis eine große Krise ausbricht, bildlich dargestellt, in einer Hungersnot. Die Hungersnot, durch Jahre der inneren Dürre entstanden, weist Jakob und seine Söhne darauf hin, dass sie in Gefahr sind, sich gegen den Segen Gottes, der ihnen als den Nachkommen Abrahams verheißen ist, durch das in ihnen wirkende Gift zu verschließen und allmählich zu verdorren.

Gott kennt die Schwächen der Menschen und er bereitet ihre Rettung vor. Dazu hat er Jo­seph ausersehen. Durch ihn wird die Verwirklichung der Verheißung, auf die sein Urgroßvater Abraham vertraut hatte, in dieser konkreten Situation weitergeführt.

Joseph steht dem Vater näher als den älteren Brüdern, den Söhnen anderer Mütter. Er erzählt seine aufregenden Träume, wohl selbst verwundert, vielleicht auch stolz, im jugendlichen Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Doch von den Brüdern erntet er statt Ehre, Anerkennung und Liebe, Feindschaft, Erniedrigung und Ausgestoßenwerden. Er erlebt Todesangst und Verlassenheit. 

Gegenwärtig

In Ägypten wiederholt sich sein Geschick. Potiphar, der Oberste der Leibwache des Pharao, kauft Joseph auf dem Sklavenmarkt: Und der Herr war mit Joseph, und es geriet ihm alles wohl. Das bemerkt Potiphar, er macht ihn zu seinem Leibdiener und setzt ihn über sein Haus und alles, was er besitzt. Und Gott segnet das Haus des Ägypters um Josephs willen. Das ist seine Auszeichnung, ähnlich wie es zu Hause die Liebe seines Vaters war.

Doch Joseph ist schön von Gestalt und schön von Aussehen und er gefällt der Frau des Potiphar. Sie bedrängte ihn, fasste ihn beim Kleid und sprach: Lege dich zu mir! Er aber ließ sein Kleid in ihrer Hand und floh und lief aus dem Haus hinaus. Wieder verliert er sein Obergewand, Zeichen seiner Stellung, seiner Beliebtheit. Diesmal lässt er es freiwillig in der Hand der Frau, die – durch seine Abweisung gekränkt – zu seiner Feindin wird. Das Kleid wird zum Indiz gegen ihn. Auch hier wird die Schuld mit einer Lüge zugedeckt. Wieder wird Joseph aus seiner besonderen Stellung gestürzt, ausgestoßen und in die Tiefe, diesmal des Gefängnisses, geworfen, weil ein anderer durch ihn gekränkt wurde. Der Herr aber war mit Joseph – auch in der Tiefe des Gefängnisses, und er geht mit ihm durch Schmerz, Verleumdung und Erniedrigung hindurch. Bald erwirbt Joseph auch die Gunst des Aufsehers, so dass er ihm alle Gefangenen anvertraut. ­
(1. Mose 39)

Gott hat Joseph nicht vor der Wut und Verleumdung der Frau bewahrt, auch nicht davor, dass er durch ihre Lüge das Vertrauen des Potiphar verlor und ins Gefängnis gesetzt wurde. Aber Gott bewahrt ihn in all dem und bereitet ihn für seinen besonderen Auftrag zu. Zwei Jahre später beunruhigen den Pharao zwei Träume, die seine Wahrsager und Weisen nicht deuten können. Da lässt der Pharao Jo­seph aus dem Gefängnis holen. Und Joseph versteht, was Gott dem Pharao mitteilen will: Sieben fruchtbare Jahre werden kommen, mit großer Fülle in ganz Ägypten, danach aber sieben Hungerjahre. Und er rät ihm, einen verständigen und weisen Mann einzusetzen, der alles Notwendige im Land organisieren könne, um in den fruchtbaren Jahren genügend Vorräte anzulegen, damit das Land in den Hungerjahren nicht verderbe. Der Pharao ist von Josephs Rede beeindruckt und setzt ihn gleich selbst über sein Haus; das ganze Volk soll Joseph gehorchen. Dann zieht er seinen Siegelring vom Finger und steckt ihn Joseph an die Hand, kleidet ihn in kostbarste Leinengewänder, hängt ihm eine goldene Kette um und lässt ihn auf dem Wagen direkt hinter ihm fahren. (1. Mose 41)
 

Reifungswege

Joseph war zu dieser Zeit 30 Jahre alt; er war zum Mann herangereift. Als er als Sklave nach Ägypten kam, war er erst 17 Jahre alt. Was für einen Weg hat er in diesen Jahren zurückgelegt! Feindschaft und Demütigungen hatte er von den Brüdern erfahren und erlebte dasselbe wieder als Sklave im fremden Land, doch nun vom Vater, dessen Liebe ihm Sicherheit und Geborgenheit gegeben hatte, getrennt.

Fühlte er sich gekränkt? Die Erzählung in der Bibel schildert seine Gefühle nicht.

Ich denke, Joseph hat sehr wohl Angst empfunden und den tiefen Schmerz der Erniedrigung und der Trennung erlitten. Der Herr war mit ihm, heißt es immer wieder. Das ist das Geheimnis, das Joseph davor bewahrte, auf Ablehnung und Erniedrigung gekränkt und mit Feindseligkeit, Hass und Neid zu reagieren. Er hat die Liebe seines Vaters und die Freude, die dieser an ihm hatte, so ganz in sich aufgenommen, dass Hass, Ungerechtigkeit und Verrat ihm die innere Gewiss­heit, geliebt und geschätzt zu sein, nicht nehmen konnten. In den leidvollen Jahren, die er fern vom Vater erlebte, konnte er dieses Vertrauen auf seine Arbeitgeber übertragen und es gerade im Leiden zunehmend auf Gott hin zentrieren.

Joseph hatte sich in seiner bevorzugten Stellung beim Vater den älteren Brüdern gegenüber vielleicht arglos, aber auch gedankenlos verhalten. Auf dem schmerzlichen Weg in der Fremde lernt er Demut. Wir haben heute Mühe mit diesem Wort. Es scheint der Selbstwerdung oder Selbstverwirklichung zu widersprechen und ist in einer bestimmten Art religiöser Erziehung missbraucht worden. Demut ist nicht dasselbe wie Bescheidenheit und hat nichts zu tun mit ängstlicher Unterwürfigkeit. Demut zeichnet Menschen aus, die darauf vertrauen, dass Gott mit ihnen ist. Sie entspringt der Erfahrung, dass Gott uns in Höhen und Tiefen begleitet und uns auch in Zeiten, in denen wir uns von ihm abwenden, nicht aufgibt, sondern Wege sucht und uns anbietet, zu ihm zurückzukommen. Demut entsteht und wächst mit unserem Vertrauen zu diesem Gott. Für uns ist es der Gott, dem Jesus als seinem und unserem Vater grenzenlos vertraut hat. Vielleicht ist Demut auch der Mut, dieses Vertrauen in einer Welt zu leben, die ihr Vertrauen und ihre Hoffnung auf ganz andere Größen setzt.

Wende

Die Wende geschieht durch eine Hungersnot: Jakob schickt seine Söhne nach Ägypten, um Korn zu kaufen. Nun müssen sie – um zu überleben – den Weg selber gehen, den sie damals ihren verhassten, totgewünschten Bruder als Sklaven ziehen ließen. Joseph, den die Brüder in dem hohen ägyptischen Herrn nicht erkennen, konfrontiert sie schrittweise mit ihrer Schuld und der Angst vor Vergeltung. Joseph lässt sie unter dem Verdacht, sie seien Spione drei Tage lang in Gewahrsam nehmen. Da schildern sie ihm ihre Familiensituation. Daraufhin teilt er ihnen am dritten Tag mit: Wollt ihr am Leben bleiben, so lasst einen von euch Brüdern hier im Gefängnis gebunden liegen, ihr aber zieht hin und nehmt genug Getreide heim, den Hunger eurer Familien zu stillen. Dann bringt euren jüngsten Bruder zu mir, dass eure Worte sich als wahr erweisen und ihr nicht sterben müsst.

Die Brüder erschrecken. Ihr Gewissen, ihr Herz wird wach: Wahrlich, das haben wir an unserem Bruder verschuldet: denn wir sahen die Not seiner Seele, als er uns anflehte, aber wir hörten nicht auf ihn. Darum kommt nun diese Not über uns. (1. Mose 42-45)

Die Mauer der Kränkung beginnt durchlässig zu werden. Die eigene Not öffnet endlich ihr Herz für die Not, die ihr Bruder durch ihre Schuld erlebt hat. Sie hatten sie gesehen, aber nicht mitgefühlt. Ruben fasst ihre innere Bedrängnis in Worte: Habe ich euch nicht gesagt: ‘Versündigt euch nicht an dem Knaben!‘ Doch ihr wolltet nicht hören; und nun wird sein Blut gefordert. Das ist die Strafe, die sie erwarten, die Angst, die auf ihnen lastet. Durch die Konfrontation, der Joseph sie aussetzt, wird ihnen ihre Schuld und Strafangst bewusst. So ziehen sie mit dem Getreide nach Hause, einer aber bleibt als Gefangener zurück.

Noch währt die Hungersnot, doch das Getreide geht zu Ende und eine zweite Reise wird notwendig. Es fällt Jakob sehr schwer, Benjamin mit ihnen ziehen zu lassen. Da redet Juda seinem Vater zu: Ich will Bürge für ihn sein, von meiner Hand sollst du ihn fordern; wenn ich ihn dir nicht wiederbringe, so will ich vor dir mein Leben lang die Schuld tragen.

Zum ersten Mal spricht einer der Brüder die Bereitschaft aus, Schuld anzuerkennen und zu tragen. Darauf willigt Jakob schweren Herzens ein. In seinen Worten leuchtet die Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit auf, auch wenn die Trauer noch sein Herz beschwert: Der allmächtige Gott lasse euch Barmherzigkeit finden vor dem Manne, dass er euren anderen Bruder mit euch ziehen lasse und den Benjamin! Ich aber, wie ich nun einmal verwaist bin, so bin ich, ach, verwaist! (1. Mose 43, 14)

Umkehr

Beim zweiten Mal lässt Joseph seinen silbernen Becher in Benjamins Getreidesack verstecken und hernach die Säcke untersuchen. Nun steht Benjamin als der Schuldige da. Jetzt wäre Gelegenheit, auch ihn, der dem Vater jetzt am meisten am Herzen liegt, loszuwerden. Sie könnten die Tat von damals wiederholen.

Joseph lädt seine Brüder ein, sich der Gefühle zu erinnern, die sie damals bewegten, ihn wenn nicht zu töten, dann doch als Sklaven zu verkaufen. So schafft er den heilenden Kräften in ihren Herzen Raum und gibt ihnen die Gelegenheit, diesmal anders zu handeln. Und sie tun es. Sie kehren alle zusammen mit Benjamin zu Joseph zurück: Was sollen wir meinem Herrn sagen? Wie sollen wir reden und womit uns rechtfertigen? Gott hat die Schuld deiner Knechte an den Tag gebracht.

Doch Joseph führt sie noch einen Schritt weiter: Er besteht darauf, Benjamin allein als Sklaven bei sich zu behalten. In der Hoffnung, Joseph umzustimmen, ergreift Juda das Wort und spricht zu Joseph, in dem er immer noch den mächtigen ägyptischen Herrn sieht: Wir haben noch unseren alten Vater und einen Knaben, der ihm im Alter geboren wurde; sein Bruder ist tot, und so ist er allein von seiner Mutter übrig geblieben, und der Vater hat ihn lieb. ... Und nun, wenn ich zu meinem Vater heimkäme und der Knabe wäre nicht bei uns, an dem er doch mit ganzer Seele hängt, so stirbt er. ... Dein Knecht ist für den Knaben Bürge geworden bei meinem Vater. ... Darum erlaube jetzt, dass dein Knecht an des Knaben Statt hier bleibe als Sklave meines Herrn; der Knabe aber möge mit hinaufziehen. Denn wie könnte ich zu meinem Vater hinaufziehen, wenn der Knabe nicht bei mir wäre? Ich möchte den Jammer nicht mit ansehen, der über meinen Vater kommen würde. Mit der Bereitschaft, Schuld anzuerkennen und die verdrängten Gefühle zuzulassen, erwachen in seinen Söhnen auch Verständnis für den Vater, Mitgefühl und Sorge um ihn. (1. Mose 44, 1-34)

Da kann Joseph nicht länger an sich halten. Laut weinend gibt er sich seinen Brüdern zu erkennen. Tief erschrocken stehen sie dem Bruder gegenüber, den sie gehasst hatten und umbringen wollten. Sie können kein Wort sagen. Aber Joseph redet ihnen freundlich zu: Tretet doch zu mir heran! Ich bin Joseph, euer Bruder.... grämt euch nicht und lasst es euch nicht leid sein, dass ihr mich hierher verkauft habt; denn um viele am Leben zu erhalten, hat mich Gott vor euch hergesandt, um euch und viele zu retten und am Leben zu erhalten.

Er macht ihnen keine Vorwürfe. Er tröstet sie, von Strafe ist keine Rede. Es geht um etwas viel größeres: Joseph erkennt den Plan Gottes, der durch ihn sein Volk am Leben erhalten und wachsen lassen will, und eröffnet den Brüdern diesen Zusammenhang.

Danach kehren die Brüder heim, um ihren Vater, ihre Familien, und all ihr Hab und Gut, nach Ägypten zu bringen, wo Joseph für sie sorgen will. (1. Mose 45, 1-15).

Vergebung

Als Jakob 17 Jahre später stirbt, bricht in den Brüdern die Angst vor der Vergeltung und damit das Misstrauen gegen Joseph noch einmal auf. In ihren Herzen ist das Bewusstsein, dass sie schuldig sind und Strafe verdienen, noch lebendig. Sie können nicht glauben, dass Jo­seph ihnen nichts nachträgt, und suchen Schutz bei der Autorität des eben verstorbenen Vaters. Sie lassen Joseph ausrichten: Dein Vater hat vor seinem Tod dieses geboten: ‚So sollt ihr zu Joseph reden. Ach vergib doch deinen Brüdern ihre Missetat und Sünde, dass sie so übel an dir gehandelt haben.‘ So vergib uns nun unsere Missetat, da wir doch auch dem Gott deines Vaters dienen. Zum ersten Mal bitten die Brüder um Vergebung.

Joseph sieht und spürt das Misstrauen und die Angst, die seine Brüder quälen, und er wird traurig und weint, als sie ihm das sagen lassen. Doch dann wagen sie es, selbst zu kommen. Sie fallen vor ihm nieder und sagen: Da nimm uns hin als deine Sklaven. Nicht Brüder, Sklaven nennen sie sich! Doch Joseph antwortet: Fürchtet euch nicht! Bin ich denn an Gottes Statt? Ihr zwar gedachtet mir Böses zu tun, aber Gott hat es zum Guten gewendet um zu tun, was jetzt zutage liegt: ein so zahlreiches Volk am Leben zu erhalten. So fürchtet euch nicht! Ich will für euch und eure Kinder sorgen. Und er tröstete sie und redete ihnen zu Herzen. (1. Mose 50, 15-21)

Das ist der Weg, den die Brüder auf Josephs Spuren gehen. Zuletzt fallen sie vor ihm nieder, wie in den Träumen vorausgeahnt. Hier wird die Geste zum Zeichen, dass sie aus Hass und Feindschaft herausfinden und ihr Leben in die Hand ihres Bruders legen, den sie umbringen wollten. Sie vertrauen sich ihm an. Ihm und dem Gott, auf den Joseph vertraut, der mit ihm war und ist. Im Auftrag Gottes erfahren sie von Joseph die Barmherzigkeit, die ihr Vater für sie erhofft hatte.

Nicht nur Josephs Brüdern fällt es schwer, Vergebung wirklich anzunehmen und ihr zu trauen. Unsicherheit und die Angst, bestraft zu werden, sind oft noch tief in unseren Herzen verankert, auch wenn wir „im Kopf“ die Botschaft Jesu von der bedingungslosen Liebe Gottes gut kennen. Doch: Wenn unser Herz uns verdammt, dann wissen wir und können unser Herz damit stillen, dass Gott größer ist als unser Herz und alles (auch das Dunkelste) vor seiner Liebe offen daliegt. Daran erinnert uns der erste Johannesbrief. (1. Johannes 3, 20)

Erfüllung

Gott wendet das Böse zum Guten. Er heilt den Schaden, der durch Feindschaft, Hass, Neid und Schuld unter uns entsteht und öffnet uns immer wieder den Zugang zu der Fülle des Lebens, die er für sein Volk, für seine Menschen bereithält. An ihr will er uns, uns alle, teilhaben lassen. Durch Krisen und viel Leid ist Joseph der geworden, der er in Gottes Augen schon immer war. Die Geschichte von Joseph, von seinem Vater und seinen Brüdern zeigt uns: Es geht Gott nicht nur darum, dass die Brüder und ihre Familien am Leben bleiben, dass sie von ihrer Schuld entlastet werden und versöhnt miteinander leben, das auch, aber es geht ihm darüber hinaus darum, dass Gottes Verheißung an Abraham sich erfülle und dass „sein Reich“ sich in Anfängen schon unter uns verwirkliche.

Von

  • Rosmarie Berna

    Romanistin und Psychoanalytikerin, ist heute als Seelsorgerin und Exerzitienleiterin tätig. Seit Jahren begleitet die Assoziierten in der OJC.

    Alle Artikel von Rosmarie Berna

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