Liebe Freunde!

Was für ein Sommer!

Üppig hat er uns verwöhnt, zu Beginn jedenfalls, mit Sonne, Wärme und Licht. Und fröhlich haben wir uns versammelt, die Fußball-WM genossen und Siege bejubelt. Zeitgleich allerdings hat ein Bohrloch im Golf von Mexiko das Meer mit Millionen Tonnen von Öl verseucht. Kaum war Besserung in Sicht, da erschütterten Erdrutsche in China die Weltöffentlichkeit. Während uns am Beginn der zweiten Jahreshälfte Konjunkturzahlen aus der deutschen Wirtschaft aufmuntern, sieht es so aus, als solle der Rest der Welt in apokalyptischen Wassermassen versinken. Über 20 Millionen Menschen sind in Pakistan existenziell von der Flutkatastrophe betroffen und auch in Indien steigt die Zahl der Opfer wöchentlich. Dabei scheint das Wasser gerade an der falschen Stelle die Erde zu erreichen: in Russland brennen seit Wochen die Wälder und das Inferno hinterlässt nicht nur Verwüstung vor Ort, sondern schickt radioaktive Ruß- und Rauchschwaden auf die globale Reise.

Die mediale Berichterstattung tischt uns täglich Ereignisse auf, die vor allem eine Botschaft enthalten: Krisen, Kriege, Katastrophen. Keine leichte Kost, die wir da täglich in unser Bewusstsein hineinschlucken. Wo und wie werden diese Nachrichtenhäppchen der großen Krisenszenarios eigentlich verdaut?

Krisen – ausblenden und abstumpfen?

Sicher am häufigsten springt der Überlebensmechanismus „ausblenden“ ein. Bekanntlich sind wir in der Lage, negative Gedanken und Gefühle temporär auszublenden. Eben noch nehmen wir eine Katastrophe zur Kenntnis; im nächsten Augenblick gehen wir bereits zur Tagesordnung über. Diese nützliche Strategie, die uns vor einer allzu schnellen Kapitulation bewahrt, kann sich allerdings auch ungut auswachsen: verselbständigt sich dieser Mechanismus, laufen wir Gefahr, abzustumpfen.

Krisen – einblenden und erweitern!

Ob auf fernem Kontinent oder in der eigenen Familie: die Möglichkeit, Krisen konstruktiv zu begegnen, haben wir immer. Auch wenn wir vieles nicht lösen können. Ich erinnere gut die Erschütterung durch eine schwere Krise in meiner persönlichen Geschichte. Pünktlich zu meinem 30. Geburtstag erlebte ich einen massiven gesundheitlichen Einbruch. Mitten hinein in die kraftstrotzenden Jahre kam die Diagnose einer Erkrankung, die mich über Jahre körperlich massiv schwächen sollte – und ich gebe zu, dass ich anfangs versucht habe, die Krise zu ignorieren und auszublenden. Meine Geburtstagslosung für den Eintritt ins neue Lebensjahrzehnt war unterlegt mit einem Gebet Dietrich Bonhoeffers: „Vater im Himmel, ... du hast mir viel Gutes erwiesen in meinem Leben. Lass mich jetzt auch das Schwere aus deiner Hand annehmen. Du wirst mir aber nicht mehr auferlegen, als ich tragen kann. Du lässt deinen Kindern alle Dinge zum Besten dienen.“ Nicht gerade ein Glückwunsch des Überschwangs, der mir hier zugesprochen wurde. Wohl aber eine Erinnerung an die Verbundenheit mit meinem Schöpfer – und eine Mahnung zum Einblenden der Wirklichkeit. Wo wir bereit sind, uns Gott anzuvertrauen, gerade in der Krise, da können wir von Ihm die Kraft geschenkt bekommen, um hinzusehen, uns einzulassen und Veränderung zu ermöglichen. Wo wir uns aufmachen, Gott zu vertrauen, da hört das Programm der Krisenvermeidung auf, unser Leben zu dominieren. Da setzt der Umschwung zur Krisenerweiterung ein, genauer: zur Krisenhorizonterweiterung. Es geht dann nicht mehr darum, mich möglichst unbeschadet aus der Affäre zu ziehen, sondern darum, Jesus in meine Affäre mit hineinzuziehen. Der Philosoph Robert Spaemann hat es jüngst auf einer Tagung in Berlin so gesagt: „Wir glauben, dass das System Menschheitsgeschichte nach oben hin offen ist und zählen auf das Eingreifen von außen. Das ist christlicher Glaube.“

Dass unsere Welt nach oben hin offen ist, das lehrt uns nichts so schön anschaulich, wie die­ Verwandlung der Raupe. Die Krise vollzieht sich in der Verpuppung. Das Tier ist scheinbar tot und ob die Metamorphose gelingt, bleibt abzuwarten. Der Weg der Verwandlung umfasst das Ja zum Kontrollverlust. Ob der versponnene Kokon einen Schmetterling hervorbringt, ist nicht sicher, darf aber erhofft werden.

Krisen verändern

Krisen verändern
Krisen verändern
Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss nur irgendwann darüber hinauskommen, sich hängen zu lassen.
Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss nur irgendwann darüber hinauskommen, sich hängen zu lassen.
Manche Krise entpuppt sich als ein Augenzwinkern Gottes.
Manche Krise entpuppt sich als ein Augenzwinkern Gottes.

verraten – verkauft – verändert

Durch Krisen vorausgegangen sind uns die biblischen Glaubensväter. Krisen-Erfahrungen machten die reichlich. Joseph, der feinsinnigste der Söhne und Liebling Jakobs, ging seinen ganz ­eigenen Weg der Wandlung: Aus dem Verratenen und Verkauften wurde ein lebensrettender Verwalter. Gott führte ihn über seine Kränkung hinaus und forderte ihn heraus, ein anderer zu werden – für andere.

Manche Krisen freilich sind so heftig, dass sie sich einbrennen und Teil unseres Lebensprogramms werden. Das kann bis ans Ende führen. Eine radikale Veränderung seines Lebensprogramms hat Dario Pizzano erfahren. Als ich den ehemaligen Lebemann und Event-Manager im Juni in Berlin kennenlernte, begegnete ich einem jungen Mann, dem abzuspüren war, dass er dem Tod schon ins Auge geschaut hatte. Sein Leben hat sich radikal verändert, als er Gott begegnet ist.

Gemeinschaft ist Zumutung

Bei Freunden aus China durfte ich lernen, dass sich das Wort für Krise im Chinesischen aus zwei Wortbildern zusammensetzt: Wei ji = Gefahr und Rettung. Wer sich auf Gemeinschaft einlässt, ob in Freundschaft, Ehe, Familie oder Gemeinde, erfährt von Zeit zu Zeit die Spannung, zwischen Gefahr und Rettung zu leben. „Krisen sind der Preis für das Gemeinschaft­liche“, sagt Robert Spaemann mit Hinweis auf Siegmund Freud, der in seinem Werk Das Unbehagen in der Kultur die Auffassung vertritt, der Mensch sei seinem Wesen nach eher Einzelkämpfer. Dazu Spaemann: „Danach ist jede Kulturleistung eine fundamentale Zumutung an das Individuum. Diese Ansicht teile ich nicht, aber Freud hat etwas Richtiges erkannt: das Miteinander ist immer spannungsvoll krisenhaft.“ Diese Einsicht lehrt uns auch das kommunitäre ­Leben: wir haben versucht, die Spannungsbögen im gemeinschaftlichen Miteinander zu reflektieren.

Community-life und Community live

Wer die OJC in den vergangenen Monaten besucht hat, konnte manche Veränderung wahrnehmen: Das Erfahrungsfeld auf Schloss Reichenberg wird Schnitt für Schnitt aus seinem Dornröschenschlaf befreit; unser Jahresteam hat sich gerade verabschiedet, das neue landet in diesen Tagen und die Bewerbungsphase fürs FSJ 2011/12 läuft bereits an. Ein bewegendes Highlight in den vergangenen Wochen war die interkulturelle Begegnung mit dreizehn jungen Israelis hier in Reichelsheim.

Vom „Alter“ zum „Elter“

Im Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft (DIJG) sind wir nach wie vor sehr beschäftigt mit den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen rund um Ehe und Familie. Insbesondere beschäftigten uns die breit angelegten Bestrebungen einer schleichenden aber unverkennbaren Veruneindeutigung der Geschlechter von Mann und Frau, auch im Zuge des Gender-Mainstreamings. Einen eindrücklichen Beitrag zur europäischen Gleichstellungspolitik brachte jüngst die sonst eher bedächtige Schweiz auf die Bahn: Im Kanton Bern hat man den kabarettreifen Versuch gestartet, in der Amtssprache die Begriffe „Vater“ und „Mutter“ abzuschaffen und durch den geschlechtsneutralen Singular „das Elter“ zu ersetzen. Derlei wurde in Deutschland noch nicht ernsthaft angegangen, in Spanien und in der Schweiz ist es jedoch schon Regierungsprogramm und vom Ausschuss für Chancengleichheit von Frauen und Männern im Europarat (Beschlussvorlage 12267 vom 26. Mai 2010) als Normvorgabe für alle Mitgliedstaaten vorgesehen. Nach unserer Wahrnehmung ist die Denkfigur von der Aufweichung der Geschlechterpolarität und der Installation einer Geschlechtervielfalt längst auch in den Raum der Kirche eingedrungen. Das Anliegen, für eine Versöhnung der Geschlechter im spannungsvoll gelingenden Miteinander von Mann und Frau einzutreten, ist mehr denn je umkämpft und braucht Ihr Gebet und Ihre Unterstützung.*

Zufluss, Abfluss, Liquidität

Dass die OJC auch im 42. Jahr ihres Bestehens als Glaubens- und Spendenwerk leben und wirken kann, ist schlichtweg ein Wunder. Wir staunen und sind sehr dankbar für den guten -Finanz-Jahresabschluss 2009, der jetzt vorliegt. (S. 168) Wir haben gewissenhaft budgetiert und dieses Budget auch eingehalten. Ein besonderer Dank gilt unserem Schatzmeister Joachim Hammer und seinem ganzen Team. Die Sommerwochen hinterlassen turnusmäßig immer ein Spendenloch – auch jetzt in 2010. Die Gefahr schwindender Liquidität haben wir avisiert, vertrauen aber auch in diesem Jahr fest auf die „Rettung“ aus der Krise im letzten Quartal des Jahres. Derweil üben wir uns in Krisenhorizonterweiterung und bitten Jesus selbst, dass er in Bewegung bringt, was eine Überbrückung und Veränderung der Situation ermöglicht.

Wer sich von Krisen verändern lässt und nicht müde wird, verändernd in Krisen einzugreifen, der bleibt jedenfalls lebendig. Passgenau über diesem Krisenjahr und seinem eindrücklichen Sommer steht ja das ermutigende Jesuswort: „Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich.“ (Joh 14, 1)

Mit beherzten Grüßen aus der OJC
und von Kokon zu Kokon

Ihr
 
Dr. Dominik Klenk
Reichelsheim, im August 2010

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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