Midlife Crisis - und wie wir die Kurve kriegen

Schlitterzeit

Midlife Crisis und wie wir die Kurve kriegen

„Was für ein wunderbarer Sommer.“
„Ja. Und überleg dir, dass es vielleicht noch zwanzig solche Sommer für uns geben wird, maximal.“
Es war der männliche Blues. Endlichkeit, das Gefühl, die Mittellinie überquert und sie dabei erstmalig entdeckt zu haben. Es kam mir wie heftiges Aquaplaning vor: Haftungsverlust auf eigentlich gerader Strecke. Woher der Regen? Hormonelle Umstellungen? Lebensangst? Endzeitpanik?

In seinem 2007 erschienenen Roman schildert der Unternehmer Stephan Goetz diese Szene. Sie führt hinein in eine der großen Krisen des Lebens. Erst gestern stand man noch ungebremst in voller Kraft. Und heute? Goetz nennt es Aquaplaning. Noch scheint die Straße geradeaus zu führen. Aber man verliert an Haftung.

Reifen statt rasen

Die ursprüngliche Wortbedeutung von Krisis meint: etwas sichten, auswählen, bewerten, richten. Die Griechen nannten die Entscheidung einer Schlacht Krisis. Im Drama ist sie die ausschlaggebende Schicksalswende. In der Sprache der Medizin gilt bis heute die Krise als Höhe- und Wendepunkt einer Krankheit. In der Bibel ist das Richten ganz Gott zugeordnet und im Weltenrichter des Alten Testaments klingt schon an, was in Jesus Christus offensichtlich wird: Es geht in der Krisis um unser Heil, der Richter ist nicht der Verurteiler, sondern der Retter! Wir sehen also: Krisen haben klärenden und heilenden Charakter. Erst recht, wenn es uns gelingt, sie mit den Augen Gottes zu sehen. Auch die Midlife Crisis ist ein solcher Höhe- und Wendepunkt. Gefährlich wird es, wenn man bei Aquaplaning kurz vor der Kurve weiter aufs Gaspedal tritt. Die Frage ist – im Bild des Autofahrens bleibend – wie es um die Bodenhaftung steht.

Um die Spannung der ersten Lebenshälfte halten zu können, braucht es nämlich neue Reize. Männer fangen wieder an zu spielen: nicht mehr mit Lego, sondern an der Börse. Sie beginnen wieder mit dem Erobern: eine neue Liebe, eine junge Freundin. Um Herr der Lage zu bleiben, muss der Einsatz ständig erhöht werden. Ich hab's doch noch drauf, lautet die Bestätigungsformel. Dieses Muster begegnet uns in allen Variationen. Auch bei Frauen. Auch bei frommen Menschen. In zwanzig Jahren Gemeindearbeit habe ich kaum erlebt, dass jemand sein Älterwerden als etwas Erstrebenswertes empfand. Klar, alle schwärmen vom Himmel – aber so richtig will da offensichtlich niemand hin. Anstatt mit zunehmendem Alter die zunehmend größere Freiheit zu ergreifen, wird noch mehr Einsatz geboten. Gerade im kirchlichen Raum fällt mir dieses gesteigerte Sich-beweisen-Müssen ins Auge.

Entlastung statt Beschwerung

Gas geben statt Innehalten; die Zipperlein einfach mit noch mehr Energie überspielen. Man lebt nicht mehr in der altersgemäßen Realität seines Lebens. Man belügt sich, denn auch im vermeintlich Neuen ist doch alles nur Wiederholung. Man ist nicht wirklich kreativ-aktiv, sondern in den überkommenen Mustern verhaftet – bereits abgestorben? Was noch Karriere heißt, ist in Wahrheit der carrus der Römer: ein Wagenrennen, bei dem man einander im Kreis herumtreibt. Die aufsteigende Leiter entpuppt sich als unerbittliches Hamsterrad. Hinter der Lebenslüge, ich müsse mich immer auf dem aufsteigenden Ast befinden, verbirgt sich auch eine Anklage gegen Gott, denn wer sich mit seinem jeweiligen Lebensalter nicht anfreunden will, lebt in Zerrissenheit und Entfremdung von sich und seinem Schöpfer.

 „Ich spüre noch hohe Energie. Lass uns aber gemeinsam einen gemächlicheren Weg gehen. Ich merke, ich werde langsamer, habe weniger Kraft und Idealismus. Ich möchte dich einladen, mit mir zusammen das Tempo zu verlangsamen und die Pausen zu erhöhen.“ Sätze meiner Frau Heidi zu meinem letzten Geburtstag. Wir gehen beide auf die 50 zu – eigentlich noch etwas früh für Ruhestandsgedanken, oder? Nein, hier klingt nicht Resignation an, sondern die Bereitschaft, den Rhythmus zu verändern, weil in der zweiten Lebenshälfte eine andere Melodie angestimmt wird.

Wachstumsbögen der Berufung

Ich habe mein Leben immer unter dem Horizont einer Berufung verstanden. Dabei habe ich mir nichts Weltbewegendes vorgestellt, sondern eher die Gewissheit, dass mein Sein nicht zufällig ist. Dass es einen göttlichen Segen gibt, der sich allein mit meinem Leben entfalten kann. Allmählich habe ich verstanden, dass nur reif werden kann, was vorher herangewachsen ist. Jetzt, in meiner eigenen Lebensmitte, begreife ich, dass es verschiedene Wachstumsphasen gibt, die unterschiedlich, aber alle bedeutsam sind.

Unser Leben ist eingerahmt von Ewigkeit. Wir sind von Ewigkeit erdacht und erwünscht. Und wir sind in Ewigkeit geliebt. Wir alle sind dahin unterwegs, woher wir kommen und wohin wir gehören: zu Gott, in sein Reich des Friedens. In diesen großen Bogen spannt sich unsere Lebenszeit. Darin sind wir Gast auf Erden (EG 529).

- gründen ...

Das Leben beginnt wie der Tag, mit dem Morgen. Diese Tages- und Lebenszeit steht für den Aufbruch, das sich auf den Weg machen, das Erlernen und Gründen.

- wachsen ...

Ihm folgt der Vormittag. Da öffnet sich das Leben, ich ergreife die Weite: meine Identität festigt sich, ich gründe eine Familie, probiere mich beruflich aus und sammle meine Erfahrungen. Ich entwickle am Vormittag meines Lebens ein Gespür für Berufung, dafür, in welche Richtung Gott mein Leben sehen und wohin er es reifen lassen möchte. Eine Gefahr, sich im Ergreifen der Weite zu verlieren und  früh sein ganzes Pulver zu verschießen und nach einem grandiosen Feuerwerk nur noch vor Rauch und Gestank zu stehen. Man übersieht, dass das Leben weitaus mehr ist als nur der Vormittag und dass Leben vor allem Wachsen bedeutet. Lebenslanges Wachsen.

- innehalten ...

Dann kommt der Mittag. Er steht für die Zäsur der Lebensmitte. Nach dem Vormittag, der Energie gekostet hat, ist man eingeladen, innezuhalten und einen Augenblick lang zu verweilen. Oder wie Christian Morgenstern es ausdrückte: „Von sich zurücktreten wie ein Maler von seinem Bilde.“

- ... und vertiefen

So kann man in den Nachmittag gehen, in die Zeit der Vertiefung des Lebens im Rahmen der zweiten Lebenshälfte. Nun, auf den Feierabend zu, wächst das, was vorher in der Weite ergriffen wurde, in seine wahre Tiefe. Es beginnt zu reifen, was ewig bleiben wird. Nun (ja, erst jetzt!) leben wir wirklich unsere Berufung und erleben, wie aus unserem Leben ein Segen wird. Jetzt gewinnt ein Mensch wahre Autorität, indem er zum Autor neuen Lebens wird. Erik Erikson nennt dies Generativität: die zweite Lebenshälfte entfaltet sich entlang der „Aufgabe, die Stärke der nächsten Generation zu kultivieren.“ Nur das kann verhindern, dass mein Leben stagniert und ich mich selbst zu meinem Kind mache, dem alle meine Fürsorge gehört.

Raum schaffen statt erobern

Schon Paulus wusste, was unsere Gesellschaft so dringend braucht und sucht: Mütter und Väter in Christus, Gewährsleute dafür, dass es im Leben auf nichts mehr ankommt, als auf tiefes, eigenständiges Gottvertrauen in allen Lebenslagen. Sie bieten einer nächsten Generation ihre Schultern, damit diese höher hinaus kann. Wenn es das Vorrecht der Jugend ist, das Neue und Größere ungestüm zu erobern, ist es das Privileg des Alters, den dafür nötigen Freiraum einzuräumen und zu sichern.

Es zählt nun nicht mehr, was ich tue, sondern wofür ich stehe. An die Stelle der Grenzenlosigkeit und Kühnheit treten Klarheit und Entschlossenheit. Die Leistungsfähigkeit nimmt ab, der Charakter aber vollendet sich.

Der Nachmittag des Lebens bringt einen weiteren wesentlichen Wandel: Dient die erste Lebenshälfte primär dem Reifwerden für das zeitliche Leben, so dient die zweite Lebenshälfte dem Reifwerden für ein ewiges Leben. „Gewöhn mein Herz an die Ewigkeit! Der Weg dorthin ist gewiss nicht weit. Verstand und Seele, mach sie ganz bereit. Gewöhn mein Herz an die Ewigkeit!“, drückt es Thea Eichholz-Müller in für mich unübertroffenen Worten aus.

Überlassen statt festhalten

Für den, der so ausgerichtet ist, wird Loslassen zum Neubeginn. Im Loslassen und nicht im Ergreifen und Festhalten konzentrieren sich Leben und Berufung. Nicht auf der Höhe von Leistungsvermögen, Jugend, Schönheit, Erfolg oder was auch immer; in der Tiefe liegt der Höhepunkt.

Wer seinen Lebenslauf als fortwährende steil ansteigende Gerade versteht, verliert sich in der vermeintlichen Weite, verliert den Halt und es kommt jäh zum Absturz. Wenn wir das Leben wie einen Bogen sehen, der wie die Sonne des Tages aufsteigt und über dem Zenit wieder absteigt, um ihren Lauf zu vollenden, wird sich auch unser Leben runden. In der Lebensmitte wächst das Verständnis dafür, was es bedeutet, das Zeitliche zu segnen. Man hat der Zeit ihren Segen gegeben und ist nun selbst frei für einen ewigen Segen – das ist mir am Sterbebett meines Vaters klar geworden. Die Fähigkeit zur sicheren Kursänderung braucht Übung. Die Haarnadelkurve der Lebensmitte ist eine gute Übungsstrecke. Da wird die Midlife Crisis zur Kunst, die Kurve zu bekommen!

Von

  • Klaus Sperr

    evang. Pastor und Seelsorger, verantwortlich für die Liturgie des Alltags in der OJC-Kommunität.

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