Aus der Tiefe rufe ich.

„Aus der Tiefe rufe ich“

Im Verlies. Eine Station des Erfahrungsfeldes auf Schloss Reichenberg

Die Besucher nehmen im Gefängnisturm auf Bänken Platz. In der Mitte im Boden ist das Einstiegsloch zum Verlies mit einem Gitter verschlossen. Ein unheimlicher Ort. Fragen kommen auf: „Wurden die Gefangenen da einfach runtergeschmissen?“ „Habt ihr beim Freischaufeln auch Menschenknochen gefunden?“ Die Haftbedingungen waren zweifellos schrecklich, besonders im Winter, wenn die Inhaftierten der Kälte und Feuchtigkeit hilflos ausgesetzt waren.

Eine Stimme, die verstummt

Das sogenannte „Angstloch“ liegt ca. 7 Meter über dem Grund des Verlieses. Wir wissen nicht viel über Gründe und Dauer der Inhaftierung, aber man wagt kaum, sich Genaues vorzustellen. In einem ähnlichen Verliesturm auf der Wartburg in Thüringen wurde 1540 der Bauer Fritz Erbe eingesperrt, weil er an seiner Überzeugung von der Erwachsenentaufe festhielt. Er blieb dort acht Jahre, bis zu seinem Tod.

Auf Schloss Reichenberg bieten wir auf den „Wegen zum Leben“ verschiedene Erlebnisparcours, in die wir den Verliesturm integriert haben. Für unterschiedliche Alters- und Besuchergruppen haben wir verschiedene Hörspiele vorbereitet: Da sinniert Josef im ägyptischen Gefängnis über seine ausweglose Lage oder man hört Dietrich Bonhoeffers Gefängnisgebet: „Wer bin ich?“ Für den Parcours zum Thema „Ich und Du: Wie können menschliche Beziehungen gelingen?“, den wir für Jugendliche entwickelt haben, ist an dieser Station die Auseinandersetzung mit Enttäuschungen dran. Dem nähern wir uns nicht theoretisch oder abstrakt, sondern so nachvollziehbar wie möglich: Wie könnte sich jemand fühlen, der sich nach einer Enttäuschung tief hinter schützende Mauern zurückzieht. Und wie viel Mühe mag es wohl kosten, das Herausklettern zu wagen?

Damit unsere Besucher in das ehemalige Gefängnis hinabsteigen können, hat unser Steinmetz Erich Schneider in wochenlanger Feinarbeit Vorrichtungen am Gewölbe des Burgverlieses angebracht, die  eine Strickleiter sicher halten.

Eine Stimme, die klagt

Unten angekommen fällt der Blick auf kahle, finstere Wände. Man möchte sich hinkauern, sich schützen... Plötzlich ertönt die Stimme einer jungen Frau. Sie klingt ganz nah, klagt, ruft, schreit: „Es ist so dunkel hier. Nur Mauern um mich rum. Wie in einer Gruft. Ich bin verlassen, eingesperrt, verdammt.“ Dann eine Weile nur das dumpfe Klopfen fallender Wassertropfen. Wieder die Stimme: „Ich will hier raus!“ Niemand ist zu sehen, nur ein Lautsprecher ist da.

Plötzlich ein Wispern, ein „pssst“. Noch eine Stimme. Sie ist tief und kommt von weit her. „Wer bist du?“ fragt die junge Frau. „Ich bin deine Erinnerung!“ antwortet sie dunkel. Nein, mit der will sie nichts zu tun haben. Sie will nicht erinnert werden. Zu schmerzlich war die erlittene Enttäuschung. Aber der Dialog hat bereits begonnen, das Schweigen ist gebrochen, die Erinnerung insistiert. Es geht noch eine Weile hin und her, denn die junge Frau widersteht, will ausweichen. Sie glaubt nicht, dass es einen Weg gibt aus dem tiefen Loch. Ob es der Erinnerung gelingt, Licht ins Dunkel zu bringen? Das erfährt nur, wer sich darauf einlässt, wer es am Angstloch aushält, oder gar wagemutig in die Tiefe hinabsteigt.

Eine Stimme, die trägt

Das Angebot, sich aus der Vermauerung zu lösen, wieder hinaufzusteigen, kommt allerdings nicht aus der aufgewühlten Erinnerung, und schon gar nicht aus dem „Schwamm drüber!“ der Verdrängung. Nur wenn sich eine Stimme Gehör verschafft, die noch tiefer reicht als die persönliche Erinnerung, wenn das Gedenken wach wird an einen Trost, an eine Verheißung, die älter und stärker ist als das eigene Scheitern und alle Enttäuschung – dann kann die Hoffnung wachsen. „Barmherzig und gnädig ist der Herr.....“ Oh ja, die meisten von uns haben die Worte schon irgendwo gehört, gelesen, vielleicht auch gesprochen. Aber haben wir sie wirklich in das Dunkel unserer enttäuschten Hoffnungen, in unsere zerbrochenen Beziehungen hineingelassen?

Zögerlich spricht die junge Frau sie nach: „...meine Burg“. Ob ER sie schützen kann, wenn sie das Wagnis eingeht, aus dem Gefängnis herauszuklettern – und womöglich wieder enttäuscht wird? Ob sie wohl die Kälte und Einsamkeit eintauschen kann gegen das Leben? Wird sie aufhören können, nachzutragen? Wird sie es schaffen? Wird ER sie tragen?

Vogelgezwitscher tönt aus dem Lautsprecher. Die Zuhörer verharren schweigend im Verlies. Die Worte wirken nach. Wer nicht unten sitzen bleiben will, muss die Strickleiter hochklettern, die ganzen sieben Meter, und sich durch den schmalen Ausstieg quetschen. Oben erwarten einen bereits die anderen. Oben singen  Vögel – und die Sonne scheint.

Von

  • Ute Paul

    Pädagogin und pädagogische Leiterin des ­Erfahrungsfeldes „Wege zum Leben“ auf Schloss Reichenberg.

    Alle Artikel von Ute Paul

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