Ich habe nur keine Arme mehr

Ein wirksames Leben nach dem Unfall.
Besuch aus Südkorea

 
Gespräch mit Grace Eun-Yuong Beak
 

Grace, dein Name hat eine besondere Bedeutung, wie kam es dazu?

Ich bin Zwilling. Erst als meine Zwillingsschwester geboren war und die Schmerzen meiner Mutter nicht aufhörten, merkte der Arzt, dass noch ein Baby da ist. Acht Stunden dauerte meine Geburt. Meine Schwester heißt Sun-Yuong, das bedeutet „Erste und Glorie“ und auf Englisch Gloria, das heißt soviel wie „Herrlichkeit, Ehre“. Ich heiße Eun-Yuong, das bedeutet „Gnade und Glorie“ und auf Englisch Grace, das heißt „Geschenk“, sozusagen „eine Zugabe“. Mein Vater hat das so entschieden und ich bin ihm sehr dankbar dafür. Ich war immer stolz auf meinen Namen.
 

Obwohl du Schweres erlebt hast?

Ja, da erst recht. Mit 15 Jahren habe ich durch einen Unfall beide Arme verloren. Meine Schwester und ich wollten mit dem Zug fahren. Als ich in letzter Sekunde einstieg, merkte ich, dass es der falsche war. Ohne zu überlegen sprang ich wieder heraus, konnte aber den Bahnsteig nicht mehr erreichen und rutschte unter den Zug. Der Zug fuhr über meinen linken Arm, der war gleich ab. Ich habe mich zur Seite geworfen und dabei ist der Zug auch über den anderen Arm gefahren. Ich wurde bewusstlos und alle dachten, ich sei tot. Im Krankenhaus wurde ich operiert. Der linke Arm wurde bis zur Schulter amputiert, rechts habe ich einen Stumpf bis kurz unterhalb des Ellbogens.
 

Wie ging es dir dann?

Wie man sich vorstellen kann, hatte ich große Schmerzen und Angst. Das schlimmsten war, dass ich nun nicht mehr Klavierspielen konnte. Vorher spielte ich ziemlich gut, es war mein großer Traum, Pianistin zu werden. Das war nun vorbei und ich war hoffnungslos.
 

Dein Leben hat sich plötzlich total verändert...

Ja, ohne Arme konnte ich gar nichts mehr allein machen: Waschen, zur Toilette gehen, mich anziehen, Zähne putzen – um jeden Handgriff musste ich bitten. Meine Zwillingsschwester hat mir viel geholfen, und sie zu bitten, fiel mir etwas leichter. Aber sonst war es sehr schwer. Einmal habe ich mich bei einer Freundin ausgeweint, dass ich immer Hilfe brauche. Sie erwiderte: „Niemand schafft es allein! Jeder braucht irgendwo Hilfe, auch die, die dir helfen.“ Das hat mich getröstet. Heute bin ich jedes Mal begeistert, wenn ich einem unserer Behinderten helfen kann. Deswegen lebe ich in Gemeinschaft, damit wir uns gegenseitig unterstützen können.

Jugendliche der „Beautiful Community” aus Südkorea in der OJC
Jugendliche der „Beautiful Community” aus Südkorea in der OJC

In welcher Gemeinschaft lebst du?

Sie heißt „Beautiful Community“. Vor etwa 20 Jahren haben einige Leute begonnen, sich ehrenamtlich um Behinderte zu kümmern und ihnen das Evangelium zu verkünden. Behinderte haben es in der koreanischen Gesellschaft schwer. Mit der Zeit bildete sich eine Organisation aus Behinderten und Nichtbehinderten, aber unserem Gründer genügte das nicht. Seine Vision von christlicher Gemeinde war, dass darin Behinderte und Nichtbehinderte miteinander das Leben teilen. Seit 2003 leben nun drei Familien und vier unverheiratete Mitarbeiter – Männer und Frauen – in Gemeinschaft. Ich bin bisher die einzige Behinderte. Wir leben von Spenden und der Mithilfe vieler Freiwilliger. Wir kümmern uns um ungefähr 40 Behinderte, um ihnen die Liebe Gottes zu zeigen. Außerdem machen wir Jugendarbeit. Die Behinderten und Jugendlichen kommen regelmäßig zu Gottesdiensten, Tagungen, Ausflügen, Seelsorgegesprächen. 
 

Welche Rolle spielt das Christentum in deinem Land?

Das ist in Südkorea noch nicht mal 250 Jahre alt. Zuvor waren Schamanismus und Buddhismus vorherrschend. Die Christen wurden zunächst verfolgt, im letzten Jahrhundert sind aber viele, so auch mein Großvater, durch amerikanische Missionare zum Glauben gekommen. Von Pjönjang, der jetzigen Hauptstadt von Nordkorea, breitete sich eine regelrechte Erweckung über das ganze Land aus. Pjönjang wurde damals das „Koreanische Jerusalem“ genannt. Meine Generation wiederum ist sehr geprägt vom Kapitalismus und Materialismus. Das steckt tief in uns, auch in mir. Da zählen eben Erfolg, Reichtum und Ansehen.
 

Inwiefern steckt es auch in dir?

Ich muss immer wieder unterscheiden, was mir wirklich wichtig ist und dann vor anderen dazu stehen. Das fällt mir nicht leicht. Alte Vorstellung aus dem Schamanismus, man müsse nur den richtigen Glauben haben, dann ginge es einem immer gut, ist auch unter Christen verbreitet.
 

War der Unfall in deinen Augen eine Strafe?

Nein. Am Anfang hatte meine Mutter große Schuldgefühle und fragte sich, ob sie wohl etwas falsch gemacht hat, aber das konnte sie irgendwann loslassen. Ich glaube, Gott ist ein guter Vater, der weiß, was ich brauche. Nach meinem Unfall war es natürlich schwer, ihn so zu sehen, aber was konnte ich machen, außer zu beten? Ich habe vor ihm gekämpft, geweint und geklagt und „Warum?“ gefragt. Es tat gut, alles rauszulassen. Eines Tages fand ich ein Wort bei Hiob: Ich bin nackt geboren und werde nackt sterben, Gott hat alles gegeben und Gott hat es genommen. Gelobt sei der Name Gottes. Da konnte ich glauben, dass hinter allem Gott steht und nicht ein blindes Schicksal, dass Gott einen Plan für mein Leben hat und er mich auch jetzt, mit meiner Behinderung, gebrauchen kann.
 

Weißt du schon etwas von diesem Plan?

Die Gemeinschaft, die wir gegründet haben, gehört dazu. Ich erlebe immer wieder, dass ich Menschen ermutigen kann, die hoffnungslos sind. Sie glauben mir, weil sie merken, dass ich weiß, wovon ich spreche, vor allem die jungen Leute, die zu uns kommen.

Und Gott hat mir nicht nur das Talent geschenkt, gut Klavier zu spielen, sondern auch eine erstaunlich schöne Stimme, um Ihn zu loben. Ich werde oft in Gemeinden eingeladen, um dort zu singen und mit meiner Lebensgeschichte ein Zeugnis zu geben.
 

Was sind denn die Fragen der Jungen in eurem Land? 

Der Druck, der auf ihnen liegt, ist sehr groß. In den Gymnasien müssen sie unheimlich viel lernen, bis zu 12 Stunden am Tag, um die Zulassung zur Universität zu schaffen. Nur mit einem Abschluss an einer renommierten Uni finden sie einen guten Job und haben Aussicht auf Erfolg. Und bei uns sind Ehre, Ansehen und Erfolg das Wichtigste überhaupt. Es gibt kein Erbarmen mit dem, der es nicht schafft. Deshalb üben die Eltern starken Druck auf die Kinder aus. Die Selbstmordrate unter Jugendlichen ist extrem hoch. 

Zu uns kommen viele Jugendliche von sich aus. Wir hören ihnen einfach zu. Sie sollen sagen dürfen, was sie wirklich in ihrem Herzen denken. Oft erzählen sie uns, dass sie mit sonst niemandem über ihre Sorgen und Versagensängste reden können.
 

Unternehmt ihr auch etwas mit ihnen?

Schon seit 10 Jahren machen wir zweimal im Jahr eine Tagung auf einer Insel, auf der die Japaner während der Kolonialzeit die Leprakranken gesammelt und isoliert hatten. Die Krankheit gibt es nicht mehr, aber die Menschen, die davon gezeichnet und entstellt sind. Außer ihnen leben noch andere Behinderte dort. Diese Menschen haben viel gelitten: unter der Krankheit, aber auch besonders unter der Besetzung und Verfolgung durch die Japaner. Doch sie sind gläubig geworden. Obwohl sie krank sind, können sie weiterleben, weil sie Hoffnung haben. Das ist ein starkes Zeugnis für unsere Jugend. Wir besuchen die Leprakranken, helfen ihnen, indem wir z. B. für sie putzen oder einkaufen. Wir singen, beten und feiern miteinander Gottesdienste. Aber vor allem hören wir zu. Zuerst sind die Jugendlichen sehr erschrocken, wenn sie die Aussätzigen sehen, aber wenn sie hören, wie sie von ihrem Leben und Glauben erzählen, sind sie jedes Mal berührt und begeistert und wollen auch so einen Glauben finden. Sie werden von der Hoffnung angesteckt, nicht von der Krankheit.
 

Wie hast du diese Menschen entdeckt?

Ich war fünf Jahre nach meinem Unfall zum ersten Mal dort. Ich war außer mir. Vorher hatte ich gedacht, ich selbst sei schwer behindert, aber nun sah ich, dass es Menschen gibt, die noch viel schlimmer dran sind. Und trotzdem strahlen sie so viel Freude aus und sind sehr fröhlich. Zuerst habe ich mich geschämt. Dann habe ich ihre Geschichten gehört und gespürt: Auf dieser Insel, bei diesen Leprakranken, arbeitet der lebendige Gott. Wie sehr sie aus dem Gebet leben und mit Gottes Gegenwart rechnen! Sie treffen sich jeden Morgen früh um vier Uhr, um für die Einheit unseres Landes zu beten. Mein Glaube wurde dadurch gestärkt und ich habe selbst neu beten gelernt.
 

Hast du neue Perspektiven für dein Leben gefunden?

Am Anfang war ich sehr verzweifelt. Ich habe Gott gefragt, was ich machen könne – ohne Arme und Hände? Und ich wurde dann in meinem Herzen fröhlich, als ich mich an einen Satz meiner Mutter erinnerte. Sie hatte gesagt, wie dankbar sie dafür sei, dass ich sie noch „Mutter“ nennen kann, denn der Unfall war so schwer, dass ich ja auch hätte sterben oder geistig behindert sein können. Ich habe viel gebetet, bis ich mir selbst sagen konnte: Ja, ich habe einen klugen Kopf, ich kann denken. Ich habe Ohren zu hören, Augen zu sehen, beide Beine und eine Stimme. Das ist doch sehr viel, oder? Ich habe eben nur keine Arme mehr.

Dann fiel mir ein: Ich will Englisch lernen und Übersetzerin werden. Dieser Entschluss hat mich ganz fröhlich gemacht. Plötzlich hatte ich Hoffnung für meine Zukunft. Inzwischen habe ich auch Deutsch gelernt und kann anderen etwas beibringen. 
 

Gibt es dennoch Zeiten, in denen du niedergeschlagen bist?

Natürlich, ja. Wenn ich etwas nicht machen kann, bin ich immer wieder enttäuscht und traurig. 2003 hat Gott mir ein besonderes Geschenk gemacht. Ich war in einer Gemeinschaft in Nürnberg zu Besuch, da lernte ich einen Mann kennen, der ganz spontan den Gedanken hatte, ob es nicht noch bessere Prothesen für mich geben könnte. Er hat 30.000 Euro Spenden gesammelt und ich habe elektronische Prothesen bekommen. Das war ein Wunder und ich dachte gleich: jetzt kann ich endlich wieder alleine leben. Aber es hat ein Jahr harter Übung gebraucht, bis ich mich alleine anziehen und zur Toilette gehen konnte. Das alles zu lernen, war sehr schwer und ich wurde immer wieder ungeduldig, wenn ich merkte, was ich alles noch nicht kann. Heute bin  ich viel unabhängiger, aber vieles kann ich noch immer nicht.
 

Was ist dein Traum für die Zukunft?

Mehr fremde Sprachen lernen, damit ich für unsere Gemeinschaft als Dolmetscherin arbeiten kann. Am wichtigsten ist, dass ich auf Gott höre, was er von mir will und dann auch Mut und Kraft bekomme, das zu tun. Ich wünsche mir Heilung und Hilfe für Menschen, die schwach sind, für die junge Generation und für unser Land. Dabei möchte ich gern mithelfen, obwohl ich behindert und in meinen Möglichkeiten eingeschränkt bin.
 

Das Gespräch führte Rebekka Havemann.

Von

  • Rebekka Havemann

    Krankenschwester, lebt seit 1999 in der OJC. Seit Sommer 2014 verstärkt sie das Team vom Haus der Hoffnung in Greifswald. Seit 2016 gibt sie die Zeitschrift Brennpunkt Seelsorge heraus.

    Alle Artikel von Rebekka Havemann

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