Leiblichkeit statt Körperkult - Editorial

Liebe Freunde!

Es ist Sturmflut heute.
Die Fundamente des Glaubens kommen wieder zum Vorschein!
Paul Schütz (1891–1985)
 
Es war spät geworden. Vom heiß ersehnten Festtagsfeuerwerk weit und breit nichts in Sicht. „Papa, ich bin jetzt todmüde, ich will auf der Stelle ins Bett“, verlautbarte unser Sohn, kaum noch in der Lage, sich aufrecht auf meinem Arm zu halten. „Gut“, sagte ich, „vorher gehst du aber noch Zähneputzen“. „Nein Papa, das schaff ich jetzt nicht mehr, da will ich lieber gleich tot sein.“ „Hm, aber es ist doch gut, wenn du morgen im Himmel mit frischem Atem ankommst“, versuchte ich die Situation konfliktfrei und pädagogisch zielorientiert zu retten. „Papa! Im Himmel ­habe ich keine Zähne mehr, da bin ich eine Seele!“ Der kostbare Dialog errang ihm einen Bettgang mit ungeputzten Zähnen und in mir die Erkenntnis, dass über die Frage der Auferstehung des Leibes noch Gesprächsbedarf ­besteht.
 

gepierct, geschluckt, geschnurzelt

Das Thema „Leib“ liegt heute obenauf – wenn auch meist verkehrt herum. Die Dimension der Ewigkeit ist ohnehin auf eine theologische Fußnote zusammengeschnurzelt. Stattdessen wird der menschliche Körper in unseren Breitengraden als sinnstiftendes Objekt verehrt und durch expansive Rituale in Form gebracht: In Fitness- und Schönheitsstudios wird trainiert wie verrückt, an allen möglichen und unmöglichen Stellen wird tätowiert und gepierct. Menschen brutzeln ihre Haut auf Sonnenbänken, legen sich unters Messer von Schönheitschirurgen, lassen sich Silikon einsetzen und Botox unter die Haut spritzen, schlucken Schlankheitspillen und machen Radikaldiäten mit Jojo-Effekt. Für den perfekten Lifestyle gehen wir bis zum Äußersten – möchte man glauben. Beobachter der Szenerie diagnostizieren den Körperkult längst als eine „neue Sozial­form der Religion“ (Thomas Luckmann), die an die Stelle der institutionellen Religion getreten ist. Sinnstiftende Instanz und zentraler Glaubensinhalt dieser Diesseitsreligion ist der Body. Ethik wird durch Ästhetik ersetzt.
 

eignen, nicht besitzen

Für diese Verschiebung sollten sich Christen interessieren, wenn sie mit der Zeit und den Menschen im Gespräch bleiben wollen. Es scheint, dass die an der Oberfläche erkennbare Hysterie um den perfekten Körper einen tieferen geistlichen Konflikt spiegelt. Es geht letztlich um die Leiblichkeit als Geschöpflichkeit.

Eines der Grundmissverständnisse im Blick auf den Leib liegt in unserem Anspruch, den eigenen Leib als „Besitz“ zu betrachten. Damit aber negieren wir unsere Empfänglichkeit in doppelter Hinsicht: Als Geschöpfe Gottes wurden wir im Leib unserer Mutter empfangen. Wir sind also Empfangene, Gabe. Zugleich sind wir auch Empfangende, denn wir haben einen Leib empfangen, er ist uns eigen. Eignen aber heißt nicht besitzen! Sobald wir den Leib zum Besitz erklären, machen wir ihn zum ­Objekt und uns selbst zum Besitzer, der über ihn verfügt (z. B. „Mein Bauch gehört mir!“). Das spaltet unser Selbstverständnis und es spaltet die leibliche Ganzheit, die zum Menschsein dazu­gehört. Mit diesem unbefugten Zugriff auf den eigenen Körper, den wir nun nach Belieben abrichten oder zurichten, schleichen wir uns aus der Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf davon.
 

Sex ohne Beziehung

Der Mensch ist Leib: Einheit von Körper, Seele und Geist. Die Reduktion des Leibes auf den ­bloßen Körper hat gesellschaftlich weitreichende Auswirkungen. Die Einheit des Leibes, die sich immer neu in Beziehung zum Schöpfer und zum Nächsten empfängt, wird aufgelöst, während die kommunikative Kraft, die den Leib in Beziehung setzt, geleugnet wird: Körper und Seele können dann folgerichtig getrennt voneinander betrachtet und Sex und Liebe leicht voneinander abgekoppelt werden. Denken wir nur an die epochenmachende Aussage jenes ehemaligen amerika­nischen Präsidenten, der eine Sex-Affäre mit seiner Praktikantin hatte: „I did not have a sexual relationship with that woman.“ Dieser Satz und seine Umstände stehen wie eine Kurzfassung über unserer Situation. Was immer sich im Weißen Haus abgespielt hat; betont wird, dass es sich nicht um eine erotische Beziehung (relationship) handelt. Das Verhalten des Leibes in diesem ­Sinne umzudeuten, konstruiert die Vorstellung, sexuelle Handlung ohne innere Anteilnahme wäre rein mechanisch und würde überhaupt ­keine Beziehung stiften: weder im Guten noch im Argen. Folglich hätte sie auch keine Auswirkung auf bestehende Beziehungen. Das ist verfehlt, denn „die Menschen vergessen, dass, was immer ihr Körper auch tut, auch ihre Seele ­beeinflusst.“ (C. S. Lewis) Die Verbreitung dieser Denkfigur – unter Männern besonders, aber zunehmend auch unter den „nachziehenden“ Frauen – hat substan­zielle Folgen für unser Menschenbild und für die Nachhaltigkeit unserer ­Beziehungen.
 

Hülsen ohne Frucht

Gleichzeitig wirkt der Besitzanspruch auf den ­eigenen Körper verbunden mit dem Anspruch, die Gesten der körperlichen Hingabe zur leeren Hülse zu erklären und gegebenenfalls erst im Nachhinein mit Bedeutung zu füllen, tief in den politischen Raum hinein. Das birgt die große Gefahr der Grenzüberschreitung: Indem ich mit dem anderen leiblich kommuni­ziere, trete ich ihm nah und er mir. Leugne ich die entstandene Nähe, wird das Trauma durch die Lüge versiegelt. Deutlich wird das an den jüngst ans Licht gekommenen sexuellen Missbrauchsfällen, den tragischen Übergriffen auf Schutzbefohlene und auf Kinder in kirchlichen und öffentliche Einrichtungen. Desaströs sind die Folgen für die Opfer. Besonders schwerwiegend und seelenzersetzend ist der Missbrauch in der Maske von Zuwendung und Zärtlichkeit. Bei Kindern wiegt er doppelt schwer, denn durch den sexuellen Aspekt der Annäherung, den sie gar nicht erfassen können, sind sie maßlos überfordert und verwirrt.
 

das Gute am Schlechten

Wenn Wahrheit ans Licht kommt, verändert das immer etwas. Ressourcenorientiert könnten wir fragen: Was ist das Gute am Schlechten? Welche Schlüsse ziehen die furchtbaren Ereignisse in Klosterschulen und Kinderheimen nach sich? Für uns Christen als erstes: Nur die Wahrheit macht frei. Die Kirchen, ihre Amtsträger und Einrichtungen dürfen die Chance zum Neu­anfang nicht verpassen. Sie müssen sich der Realität der menschlichen Gefährdung stellen: Wir sind bedürftig, wir sind verführbar und zum ­Bösen fähig. Wir brauchen dringend ein klares Urteil, Orientierung und Hilfe!
 

Für unsere Gesellschaft als nächstes: Unsere ­modischen Vorstellungen von Sexualität und die daraus abgeleiteten Normen und Forderungen gehören auf den Prüfstand. Abgewendet ist vorerst das politische Vorhaben, Artikel 3, Absatz 3 des Grundgesetzes um das Merkmal der „sexuellen Identität" zu erweitern. Die sachverständigen Gutachter stellten mehrheitlich fest, dass der Begriff der sexuellen Identität, die nach der Novelle als Grundrecht zu schützen ­wäre, zu vage sei. Sie wiesen darauf hin, dass theoretisch auch Pädophile solche Grundrechte für sich in Anspruch nehmen könnten. Der Deutsche Bundestag hat die Eingabe zur Gesetzesänderung im April zurückgewiesen.
 

Ehe-Leib: das Ebenbürtig-Andersartige

„Weil sie der Ebenbürtigkeit nicht gewachsen sind, greifen sie auf das Unebenbürtige zu“, so beschreibt Gerhard Amendt (Institut für Geschlechter- und Generationenforschung Bremen) die schwerwiegende Fehlentwicklung der Pädophilen. Es braucht Reife und innere Festigkeit, um Beziehungen auf Augenhöhe eingehen zu können. Und es braucht eine gefestigte geschlechtliche Identität, um sich dem Anders­artigen zuzuwenden, im anderen Geschlecht die Ergänzung und Bereicherung des Eigenen zu ­erkennen – und zu begehren. Erst durch die Ebenbürtigkeit und Andersartigkeit der Partner entsteht jene fruchtbare ­Gemeinschaft der Ehe, in der Mann und Frau „ein Fleisch“ (1. Mose 2,24) werden. Verantwortung übernehmen heißt im Sinne des reformatorischen Erbes, den geistlichen Kern allen welt­lichen Tuns zu bewahren. Die Einheit von Mann und Frau ist weit mehr als eine Verpartnerung; sie ist ein vom Schöpfer gestifteter Bund. (S. 86) Es ist daher überaus befremdlich, wenn die ­Präses der EKD-Synode, Katrin Göring-Eckardt dafür plädiert, homosexuellen Partnern die ­gemeinsame Adoption von Kindern freizustellen, mit der Begründung: „Ich habe erlebt, dass Kinder in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften mindestens so gut aufwachsen können wie Kinder in Ehen von Mann und Frau.“
 

unverzichtbare Kulturleistung

Wo, wenn nicht im familiären Milieu und durch die Verbindung zu Vater und Mutter sollen Kinder die leibliche Polarität der Geschlechter erleben? Wo, wenn nicht im geschützten Raum der ehelichen Bindung lernen die Jungen, ihren Platz im Leben und im Miteinander der Geschlechter einzunehmen, in ihren Leib und ihre Identität als Männer und Frauen hineinzuwachsen? Wir müssen neu buchstabieren, welche Kulturleistung Mutterschaft und Vaterschaft miteinander vollbringen. In der Ehe werden nicht nur leibliche Kinder gezeugt, es wird auch eine unverzichtbare Kulturleistung vererbt: der zu erringende Friedensschluss zwischen Mann und Frau. Gelebte Sexualität und kulturelle Entwicklung („sex and culture“) stehen in unmittelbarem Zusammenhang. Es bedarf der schöpferischen Spannung zwischen Mann und Frau und der zugewandten, aber keuschen Beziehung zwischen den Generationen, um eine vitale und nachhaltige Kultur zu ermöglichen. Leiblichkeit in diesem Sinne sorgt dafür, dass das Leben bLEIBt.
 

Die Gemeinde als Leib...

Was bleibt? – mögen auch die Jünger nach Christi Himmelfahrt gefragt haben. Plötzlich war er weg, der Meister. Er, der sie zusammengeführt und gelehrt, geheilt und erlöst hatte. Was ihnen blieb, war ihre Sendung: Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch (Joh. 20, 21) und sein Versprechen der Liebe: Wie mich der Vater geliebt hat, so liebe ich euch (Joh. 15, 9); Liebe als Quelle der Kraft und des Trostes durch den Heiligen Geist. Und was ihnen, den Gesendeten und Geliebten, noch blieb, war die Gemeinschaft. Sie hatten einander. Sie waren einander zugeordnet als Glieder eines Leibes – wie der Apostel Paulus es später mehrfach beschrieb. Dabei war und ist die Gefährtenschaft in Christus Formation und Botschaft zugleich, denn daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt (Joh. 13,35). 

Nicht der gute Wille allein und nicht das lose Netzwerk einer „virtual reality“, sondern die beherzte Gemeinschaft einer „corporeality“ soll diesen Leib ausmachen (S. 92). Denn alle Mission, die Jesus meint, ist inkarnatorisch: sie geht unter die Haut, geht ins Fleisch, tief ins Herz.
 

...braucht viele Wunder

Wie solche Gemeinschaft gelingen kann? Wie ein Leib entstehen kann, der uns herauslöst aus der Vereinzelung und uns immer wieder zusammenführt in das Wunder der Einheit? Eine Gemeinschaft, die das Private öffnet, ohne das Persönliche zu veräußern? Die vergemeinschaftet, ohne zu anonymisieren? Die Gefühle fördert, ohne zu manipulieren? Die der notwendigen Hierarchisierung durch geschwisterliche Augenhöhe Grenzen setzt? Die ökumenische Einheit sucht, ohne konfessionelle Unterschiede einzuebnen?

Ein solches Abenteuer kann nur gewagt werden, wird in Teilen scheitern und muss wieder neu gewagt werden. Der Gemeindeleib ist dann lebensfähig, wenn Christus das Haupt ist und der Heilige Geist die Glieder zusammenfügt und -hält. Der Fragilität eines solchen lebendigen Kunstwerks sind wir uns auch nach 42 Jahren gemeinsamen Lebens in der OJC sehr bewusst. Wie jede Gemeinschaft brauchen wir stets neue Inspiration, Umkehr und Erneuerung – und immer wieder die Vergewisserung, dass wir von Christus Berufene, Zusammengerufene sind. Im Wissen, dass wir auf diese Inspiration und auch auf die Gebete unserer Freunde angewiesen sind, üben wir, im spannungsvollen Miteinander weiterhin konstruktiv und fruchtbar zu leben.
 

Lassen wir uns ermutigen zum Experiment der fröhlichen Körperschaft – Corporeality – in Christus, zur Nachfolge mit Hand und Fuß:
 

Dass Himmel und Erde dir blühen,

dass Freude sei größer als Mühen,

dass Zeit auch für Wunder, 

für Wunder dir bleibt,

und Frieden für Seele und Leib!

Mit der ganzen OJC, herzlich Ihr
 
Dominik Klenk

Reichelsheim, den 1. Mai 2010

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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