Was wird hier gespielt?

Das pädagogische Konzept des Erfahrungsfeldes Schloss Reichenberg

von Ute Paul

Im Schlosshof liegt ein langes Seil. Junge Leute stehen davor – Abiturienten, denen die Anspannung der ­Prüfungszeit im Gesicht geschrieben steht. Ihr Lehrer hatte den „Ausflug ins Kloster“ angeregt, und sie kamen eher aus Pflicht. Nach der Vorstellungsrunde die Über­raschung: es wird gespielt! Spielend die OJC kennenlernen und nachvollziehen, was wir mit „gesellschaftlich handeln“ meinen.  

Spielen

Das Seil wird geschwungen, alle müssen unten durch, auf die andere Seite. Aber: keiner darf alleine laufen, keiner darf das Seil berühren, es muss jeweils einmal leer schwingen. Die Regeln sind einfach, aber doch schwer zu erfüllen. Alle müssen es schaffen, keiner soll zurückbleiben. Immer wieder müssen die Schüler von vorne beginnen, bis sie schließlich einen Rhythmus finden und aufeinander achten. Sie lachen viel und sie ärgern sich ein wenig, werden immer aufmerksamer. Worauf es ankam, fragen wir sie hinterher. Nach dem eindeutigen Erleben fällt das Antworten leicht. Nicht um abfragbare Richtigkeiten geht es, sondern um das, was ihnen während des gemeinsamen Spielens aufgegangen ist: „Worauf könnte es beim gesellschaftlichen Handeln ankommen?“ Die Frage nach Solidarität kommt auf, das Trachten nach Frieden und Gerechtigkeit liegt nah, der Hinweis auf ­Jesus liegt auf der Hand: „Jesus kam es nicht darauf an, dass die Starken das Leben schaffen, sondern dass die Schwachen nicht aus dem Blick geraten!“ Auf dem Rückweg sagt eine junge Frau zu mir: „Einige aus dem Kurs wollten nicht mitfahren und haben sich krank gemeldet. Schade! Das hier hätten alle erleben sollen! Bei uns kämpft jeder für sich alleine.“
 

Wachsen

Der Raum rund um unsere Burg soll ein Spiel-Raum werden, offen und dennoch geschützt. Denn: „Das Spiel braucht Geborgenheit, Vertrauen, Glauben. Wer in Angst und Not lebt, spielt nicht. ... Durch das gemeinsame Spiel, den durchzitterten Nervenkitzel und die erlebte Freude werden die Spieler näher zusammen­geführt, und ihre Gemeinschaft, ihr Vertrauen zueinander und ihr Lebensmut wachsen. Das Spiel setzt also Vertrauen voraus und vertieft es zugleich. Was man säkular ‚Vertrauen’ nennt, kann man religiös als ‚Glauben’ bezeichnen: der Spieler glaubt an seine Mitspieler, er glaubt an den Sinn des Spiels und daran, dass er im Spiel Freude und Genuss erlebt. Er glaubt an einen Sinn des Daseins, denn ohne diesen wäre das Spiel sinnlos. ... Im Spiel wird Geist Leib. Hinter jedem Spiel steht eine Idee, ein faszinierender Gedanke voll sprühenden Lebens und voll ­beglückender Humanität – das Spiel ist an Werte gebunden. Im Spiel nun verleiblicht sich dieser Geist zu einer konkreten Gestalt, zu Form und Ordnung, zu Prozess und Rhythmus, zu sinnlicher Erfahrung und existenziellem Vollzug. Theologisch kann man das Verleiblichen weiter ausdeuten: Geist wird Fleisch, Geist ­‚inkarniert’ sich zu Leib. Wenn man den Menschen als leiblich-geistige Einheit begreift, ist das Spiel ursprünglicher Vollzug des Menschseins.“1
 

Mitmachen

Also spielen wir mit den Besuchern: mit den jungen, bewegungsdurstigen Teenagern, den neugierigen Kindern, den vorsichtigen Erwachsenen, den starken jungen Männern. Sie sollen mitmachen, handeln – Mensch sein: Mensch unter Menschen, Mensch vor Gott, durch Gott, zu Gott hin. Also spielen wir, zum Beispiel mit Sandsäckchen. Wir stehen im Kreis und lassen sie in einer bestimmten Reihenfolge zwischen uns hin und herfliegen. So schnell, wie wir können. Wir bringen immer mehr Säckchen ins Spiel. Gespannt schaut jeder in die Richtung, aus der er sie erwartet. Ohne Augenkontakt läuft nichts. Wir spielen uns aufeinander ein, es ist spannend, lustig – es wird leicht. Dann fliegen „Störsäckchen“ von außen in den Kreis, treffen uns unvermutet. Verdutzt heben wir sie auf, werfen sie weiter. Schnell weg mit der Störung. Sie bringt uns aus dem Rhythmus, manchen bringt sie aus der Fassung.
 

Erleben

Das Spielen bildet den Raum des Er-Lebens. Durch das Erleben bin ich ganz anwesend. Ich bin in meinem Leib da. Ich stehe auf meinen Füßen. Es geht durch meine Hände. „Das Erlebnis ist damit für die Persönlichkeitsentwicklung und Persönlichkeitsbildung ein konstituierendes Element.“2 Dass es den Besuchern gelingt, vom Erleben die Brücke zum Alltag zu schlagen, dass sie „inspiriert“ ­weiterziehen, berührt von Gott, der das ­Leben will und liebt, dazu bedarf es allerdings mehr als gute Spiele und gelungene Stationen. Wir wollen keinen Fun-Park, auch wenn wir einen Spiel-Raum gestalten. Im Zeitgeist unserer Tage „inflationieren die Erlebnisse und verlieren ihre Wirkung. Es kommt zu einer Erhöhung der Erlebnisgeschwindigkeit auf Kosten der Erlebnistiefe. Der Idealkonsument des Erlebnismarktes ist ein Kanal, durch den die Angebote hindurchströmen, nicht ein Behältnis, in dem sie sich sammeln.“3
 

Stören

Damit die Besucher zu einem solchen „Behältnis“ werden können, bekommen sie Zeit, ihrem Erleben nachzuspüren und es in Worte zu fassen. Auch der Vergleich mit den Eindrücken anderer ist hilfreich. „Was haben die Störsäckchen in euch ausgelöst?“ „Was stört euch im Alltag?“ „Welche guten Erfahrungen im Umgang mit Störungen könnt ihr weitergeben?“
Es soll auch Menschen geben, die von Gott gestört wurden! Philippus wurde auf diese Weise von Jesus zum äthiopischen Beamten geschickt. Die hungrigen Menschenscharen störten die Jünger Jesu – und wurden ihnen dann zu einer Lektion fürs Leben. Der junge Samuel wurde von Gott im Schlaf gestört – und dann beauftragt!
Darf Gott uns stören? Darf er mit seiner Frage an unser eingerichtetes Leben rühren?
Erlebnisse, die im Behältnis des eigenen Lebens und Leibes aufgefangen werden, führen uns ins Nach-Denken. Sie haben Langzeitwirkung. Wenn wir sie erinnern, spüren wir den Körperteil, der beteiligt war, noch einmal. Die Erinnerung hat einen Ort in uns, jenseits der Begrifflichkeit, doch mit Worten verbunden. Eine Mitarbeiterin berichtet: „Ich habe mich öfters an das Spiel mit den Säckchen erinnert und viel genauer auf meine Reaktion auf Störungen geachtet.“
 

Begreifen

Das Vertrauen in Gott, die Freundschaft mit ihm ist Teil des Lebens, keine gesonderte Kategorie, die nur an bestimmten Orten zu bestimmten Zeiten gilt. Die Freundschaft mit Jesus findet nicht nur im Kopf statt, sie muss verinnerlicht werden, so dass wir ihn spüren, mit ihm leben. Diese Freundschaft durchdringt unser Denken und realisiert sich in unserem Handeln.
Auf dem Ökumenischen Kirchentag in München* gestalten wir gemeinsam mit anderen geistlichen Gemeinschaften einen Teil der „Oase“. Unser ­Bereich nennt sich: „Oase der Begegnung“. Auch dort werden wir mit den Besuchern spielen. ­Dabei darf ihnen das „Lebenswasser“, von dem Jesus mit der Frau am Jakobsbrunnen spricht, buchstäblich durch die Finger rinnen. ­Jeder kann selbst an einem Brunnen aus Knetgefäßen mitbauen, jeweils anders, jeweils neu. Jeder darf den Wasserfluss lenken – sich dabei unterhalten, nachdenken und verstehen. Es wird Spiegel ­geben, in denen man sich neu sehen lernen kann; Puzzlespiele, um die Verbindungen zwischen ­Jesus und dem eigenen Selbst neu zusammenzubringen, und Stille – um Jesus in die Augen zu schauen. Wir wünschen uns und allen, dass in diesem Spiel-Raum Leben, Leib und Glauben ­zueinanderfinden.

Beim Abschied meint einer der Abiturienten verschmitzt: „Als unser Lehrer sagte, wir besuchen ein Kloster, dachte ich: Mann, die leben doch auf  ’nem anderen Stern! Tut ihr gar nicht. Und dass Christen so fröhlich sind, das hätte ich nie ­gedacht!“

Fußnoten

  1. Stefan Kiechle, Spielend leben, 2008, S. 12-13
  2. Ebd. 
  3. Matthias D. Witte: Erlebnispädagogik: Tranfer und Wirksamkeit, 2002, S. 15

Von

  • Ute Paul

    Pädagogin und pädagogische Leiterin des ­Erfahrungsfeldes „Wege zum Leben“ auf Schloss Reichenberg.

    Alle Artikel von Ute Paul

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