Unwiderstehlich

Wie Schönheit die Welt verändert

von Stacy Eldredge

Eine Mutter erzählte: Meine sechsjährige Tochter Emma kam strahlend zu mir: ,,Mami, ich hatte einen ganz tollen Traum.“ Ich fragte zurück: ,,Was denn für einen Traum?“ ,,Ich war eine Königin.“ Sie wurde rot. ,,Wirklich! Was hast du denn erlebt?“ ,,Ich hatte ein langes, schönes Kleid an“, sagte sie und zeichnete mit den Händen ein fließendes Gewand. ,,Hattest du auch einen Kopfschmuck?“ ,,Na klar, eine Krone.“ ,,Hmm. Was war denn so wundervoll an dem Traum?“ ,,Ich mag es einfach, wenn ich mich so fühle.“ ,,Wie fühlst du dich denn?“ Mit einem Seufzer sagte sie: ,,Schön.“
 

Der Wunsch, schön zu sein, ist eine zeitlose Sehnsucht. Gott hat die Ewigkeit in unsere Herzen gepflanzt. Und die Sehnsucht, schön zu sein, wächst an derselben Stelle. Natürlich ist mir bewusst, dass der Wunsch nach Schönheit vielen Frauen unermesslichen Kummer beschert und ungezählte Herzen zerbrochen hat unter dem Schönheitsdiktat. 

Schönheit wird überschätzt und angebetet und ist damit für die meisten von uns außer Reichweite. Andere haben erlebt, dass Schönheit mit Scham verbunden ist, dass sie ausgenutzt und missbraucht wird. Manche wissen aus leidvoller Erfahrung, dass Schönheit gefährlich sein kann. Und dennoch: All dem Leid und Elend zum Trotz, das Schönheit bei uns Frauen verursacht hat, bleibt die Sehnsucht danach ungebrochen. Und es geht dabei nicht nur um den Wunsch nach äußerlicher Schönheit, sondern vielmehr um die Sehnsucht, eine im Kern ihres Wesens bezaubernde Person zu sein. Aschenputtel ist schön, aber außerdem ist sie auch noch gut. Ihre äußerliche Schönheit wäre hohl ohne die Schönheit und Güte ihres Herzens. Wir lieben sie, weil sie beides vereint.
 

Wesenhafte Schönheit

Für Gott ist Schönheit wesentlich. Das wird uns unter anderem durch die Natur bewusst, das Geschenk Gottes an uns. Die Natur dient nicht in erster Linie einem Zweck. Sie ist in erster Linie schön. Die Natur in ihrer ursprünglichen Herrlichkeit ruft uns zu: Schönheit ist wesentlich!, und macht uns damit deutlich, dass Schönheit das Wesen Gottes ist. Die ganze Welt ist erfüllt von seiner Herrlichkeit. Gott muss sogar noch herrlicher sein als seine herrliche Schöpfung, denn sie „erzählt“ ja nur von seiner Herrlichkeit und „spiegelt“ sie.

Damit uns das ein für allemal klar wird, hat Gott uns Eva gegeben. Den krönenden Abschluss der Schöpfung. Schönheit ist immer beides: körperliche Schönheit gepaart mit Schönheit der Seele, der Person, des Wesens. Das eine hängt vom anderen ab und entspringt dem anderen. Ja, die Welt verramscht und prostituiert Schönheit, indem sie sie lediglich auf eine willkürlich definierte perfekte Figur reduziert, mit der nur wenige Frauen dienen können. Aber auch Christen reduzieren Schönheit gern, oder sie vergeistlichen sie in unangemessener Weise, und dann ist nur noch von „Charakter“ die Rede. Wir müssen der Schönheit wieder zu ihrem vollen Recht verhelfen. Die Kirche muss sie wiederentdecken. Schönheit ist zu wichtig, als dass wir auf sie verzichten könnten. Gott hat Eva eine schöne Gestalt und einen schönen Geist gegeben. Sie bringt Schönheit einfach dadurch zum Ausdruck, dass sie Frau ist. Schönheit ist ihr Wesen, so wie Gottes Wesen Schönheit ist.

Himmlische Herrlichkeit

Schönheit ist eine Macht. Womöglich die mächtigste Kraft auf Erden. Schönheit redet. Und was ist ihre Botschaft? 

Stellen Sie sich vor, wie es ist, wenn Sie seit über einer Stunde im Stau stecken. Ungeduldiges Hupen, Menschen beschimpfen einander. Die Scheiben beschlagen von innen, die Luft ist zum Ersticken. Und nun eine andere Vorstellung: Sie sind an einem schönen Platz, in einem Garten oder auf einer Wiese oder an einem einsamen Strandabschnitt. Dort hat Ihre Seele Raum, kann sich ausdehnen. Sie können wieder atmen. „Alles wird gut“, wie Juliana von Norwich es ausgedrückt hat, „und auch das Wesen aller Dinge wird gut.“ Das ist die Botschaft der Schönheit an uns. Was sie sagt, ist nur schwer in Worte zu kleiden. Aber ein wichtiger Teil dieser Botschaft ist: Alles ist gut. Alles wird gut.
 

Schönheit ist transzendent. Schönheit ermöglicht die vielleicht unmittelbarste Erfahrung von Ewigkeit. Denken Sie nur an das Erlebnis eines Sonnenuntergangs oder an einen Ozean in der Dämmerung. Erinnern Sie sich an das Finale einer großartigen Geschichte. Wir sehnen uns danach, zu verweilen; wollen so etwas am liebsten täglich erleben. Manchmal ist die Schönheit so überwältigend, dass  sie Sehnsucht fast körperlich schmerzt. Sehnsucht wonach? Nach dem Leben, wie es eigentlich sein sollte. Schönheit erinnert uns an den Garten Eden, den wir nie gekannt haben, aber irgendwie weiß unser Herz, dass wir für diesen Ort geschaffen sind. Schönheit verweist auf das kommende Reich Gottes, wo alles schön sein wird. Sie sagt: Auf euch wartet eine Herrlichkeit. Und wenn es so etwas wie Herrlichkeit gibt, dann hat sie auch einen Ursprung. Was für eine unermessliche Güte, die sich so etwas ausgedacht hat! Was für eine Großzügigkeit, die uns diesen Vorgeschmack gönnt! Schönheit zieht uns zu Gott. All das trifft auf jede Erfahrung von Schönheit zu. 

Erst recht trifft es zu, wenn uns die Schönheit in Gestalt einer Frau begegnet – ihre Augen, ihre Gestalt, ihre Stimme, ihr Herz, ihr Geist, ihr Leben. Sie drückt all das viel unmissverständlicher aus als irgendetwas sonst in der Schöpfung, sie ist die Inkarnation von Schönheit. „Denn welcher Dichter auf der ganzen Welt lehrt solche Schönheit wie ein Frauenauge?“ (Shakespeare)

Irdische Realität

Schönheit ist fraglos die wesentlichste und zugleich die am meisten missverstandene von allen Eigenschaften Gottes. Eine Frau weiß auf dem Grund ihrer Seele, dass sie sich danach sehnt, Schönheit in die Welt zu bringen. Vielleicht irrt sie in der Methode, die sie anwendet (mit dieser Frage plagt sich wohl jede Frau herum), aber sie sehnt sich danach, dass sie in der ihr eigenen Schönheit erkannt wird. Das hat nichts mit Kulturzwängen zu tun oder mit dem Ehrgeiz, einen Mann abzukriegen. Sie muss diese Schönheit nicht beschwören, nicht im Kosmetiksalon kaufen, ihr nicht durch plastische Chirurgie oder Implantate nachhelfen. Warum nicht? Weil Schönheit das Wesen ist, das jeder Frau bei ihrer Erschaffung verliehen wird. Ihr Herz birgt einen Glanz, den diese Welt dringend braucht.
 

Trotzdem bezweifeln die meisten Frauen stark, dass es an ihnen eine Schönheit zu entdecken gibt. In Sachen Schönheit schwanken wir ständig zwischen Ehrgeiz und Resignation. Neue Diäten, ein neuer Look, neue Haarfarbe. Tu was für deinen Körper; versuch‘s mal mit diesen Übungen oder mit jenem neuen Programm. Ach, vergiss es. Und überhaupt – wen interessiert es schon? Leg dir einen Schutzschild zu und sieh zu, dass du mit dem Leben klar kommst. Versteck dich. Vergrabe dich in Arbeit, verbirg dich in ehrenamtlichen Aktivitäten, versinke in Depressionen. 

Was ist schon bezaubernd an mir? Erst recht nichts in mir. Ich wäre ja schon froh, wenn ich die Fassade einigermaßen hinbekäme. Jede Frau weiß, sobald sie an einem Spiegel vorbeigeht, dass sie nicht ihrer ursprünglichen Bestimmung entspricht. Unsere Mangelhaftigkeit ist uns selbst vermutlich schmerzlicher bewusst als irgendjemandem sonst. Die Erinnerung an die Herrlichkeit, die uns einmal eigen war, weckt in meinem Herzen ein schmerzhaftes Verlangen, das schon viel zu lange ungestillt ist. 
 

Umkämpfte Schöpfung

Kommen wir noch einmal zurück auf das, was sich im Garten Eden abgespielt hat. Wen hat sich der Feind herausgepickt für seinen Schachzug gegen die Menschheit? Er hätte ja auch Adam wählen können ... hat er aber nicht. Er hatte es auf Eva abgesehen. Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum? Es könnte sein, dass er sich, wie jeder Beutejäger, zuerst das in seinen Augen schwächere Opfer vornimmt. Diese Überlegung hat durchaus etwas für sich. Er ist bekannt für seine Ruchlosigkeit. Aber ich glaube, dass mehr dahinter steckt. 

Sie werden wissen, dass der Widersacher ursprünglich den  Namen Luzifer trug (= Lichtträger). Der Name stand für die Herrlichkeit oder die Würde, die ihn auszeichnete. In den Tagen dieser früheren Herrlichkeit war er einer der Erzengel. Der Hüter der Herrlichkeit des Herrn. Der Inbegriff der Schönheit. Das erklärt alles. Luzifer war hinreißend. Atemberaubend schön. Und das wurde ihm zum Verhängnis. Stolz schlich sich in sein Herz ein. Der Engel gewann die Überzeugung, dass ihm noch ein bisschen mehr zustünde: Er wollte auch etwas abhaben von der Anbetung, die bisher ausschließlich Gott galt. 

Wegen seiner Schönheit stürzte Satan, vormals Luzifer, aus der Herrlichkeit Gottes. Nun sinnt sein Herz auf Rache, und die zielt worauf? Auf Schönheit. Er zerstört sie in der natürlichen Welt, wo immer er kann. Schlägt Narben in die Landschaft, verseucht die Meere und die Luft. Er kratzt an der Herrlichkeit Gottes, wo immer sie ihm in der Schöpfung begegnet, wie ein Psychopath, der Kunstwerke verschandelt. Aber ganz besonders gilt seine Feindschaft Eva. Weil sie bezaubernd ist, unvergleichlich herrlich, und er nicht mehr. Sie spiegelt die Schönheit Gottes. Mehr als jedes andere Geschöpf ist sie ein Bild für die Herrlichkeit Gottes.
 

Das erklärt so manches. Nicht unwahrscheinlich, dass Sie gedacht haben, alles, was Ihnen bisher widerfahren ist, sei Ihr Fehler gewesen. Selbst schuld, dass Sie keine entscheidende Rolle in einem großen Abenteuer spielen. Selbst schuld, dass an Ihnen keine Schönheit offenbar wird. Die Botschaft ist fast immer dieselbe: „Es liegt an dir.“ Völlig anders sieht es aus, sobald Sie begreifen: Das alles passiert Ihnen, weil Sie herrlich sind. Sie sind eine ernsthafte Bedrohung für das Reich der Finsternis, denn Sie tragen auf einzigartige Weise die Herrlichkeit Gottes in die Welt. Sie sind Zielscheibe des Widersachers, gerade weil Sie über Schönheit und Stärke verfügen.
 

Geliebtes Herz

Jede Frau besitzt eine eigene Schönheit. Schönheit ist unabhängig vom Alter. Wie ein scheues Reh zeigt sich die Schönheit für einen Augenblick, um sofort wieder in Deckung zu gehen. Oft geschieht das unbewusst, gerade dann, wenn die Frau sich nicht darum bemüht. Vielmehr geschieht etwas, das ihr erlaubt, die Deckung für einen Moment sinken zu lassen. Zum Beispiel, wenn ihr jemand wirklich zuhört. Dann tritt ihre Schönheit zutage, als habe sich ein Schleier gehoben. Die Entscheidung, die eine Frau treffen muss, ist also nicht die, ein anstrengendes Schönheitsprogramm zu absolvieren. Sie muss nur die Deckung sinken lassen. Die üblichen Selbsterhaltungsmechanismen abstellen und ihr Herz zeigen. Ihre Schönheit nicht länger zu verbergen, sondern zu enthüllen, bedeutet für eine Frau: Sie bietet ihr Herz an. Nicht in erster Linie ihre Arbeit oder ihre Nützlichkeit.
 

Wir haben es alle schon gehört: Eine Frau ist am schönsten, wenn sie liebt und geliebt wird. Dieses Strahlen geht von einem Herzen aus, dessen größte Frage beantwortet ist. „Bin ich liebenswert? Bin ich es wert, dass man für mich kämpft?“ Jede Frau kann als Antwort auf ihre Fragen dieses deutliche Ja finden. Ja, Sie wurden und werden bis ans Ende Ihrer Tage leidenschaftlich geliebt. Ja, unser Gott findet Sie liebenswert. Er hat Himmel und Erde in Bewegung gesetzt, um Sie für sich zu gewinnen. Der König ist hingerissen von Ihrer Schönheit. Er findet Sie bezaubernd.

Wir sind umworben. Wir sind leidenschaftlich geliebt. Wenn wir über diesem Wissen zur Ruhe kommen, dann können wir unser Herz für andere öffnen und sie zum Leben einladen.
 

Unsere Schönheit offenbaren heißt, dass wir unser weibliches Herz nicht mehr verstecken. Eine beängstigende Vorstellung, sicher. Deshalb ist das auch der größte vorstellbare Ausdruck unseres Glaubens. Wir müssen Gott vertrauen, es ihm abnehmen, dass uns tatsächlich Schönheit zu eigen ist. Dass es stimmt, was er über uns sagt. 

Unsere Schönheit zeigen, das ist der größte Ausdruck unserer Hoffnung. Wir hoffen, dass es eine großartigere und höhere Schönheit gibt, dass wir diese Schönheit widerspiegeln und dass diese Schönheit triumphieren wird. Wir hoffen, dass alles gut ist, weil Gott gut ist, und dass deshalb auch alles in dieser Welt und im Universum einmal gut werden wird. Zu unserer Schönheit stehen ist also ein Zeichen der Hoffnung. 

Das braucht die Welt am meisten von uns: Wenn wir uns entscheiden, nicht länger Verstecken zu spielen, wenn wir unser Herz anbieten, dann entscheiden wir uns zu lieben.

Stacy & John Eldredge: Weißt du nicht, wie schön du bist? - Im Brunnen Verlag erschienen
Stacy & John Eldredge: Weißt du nicht, wie schön du bist? - Im Brunnen Verlag erschienen

Stacy Eldredge und ihr Mann John sind Mitbegründer der Ransomed Heart Ministries in Colorado Springs, USA. Dieser Artikel ist zusammengestellt aus dem lesenswerten Buch: J. und S. Eldredge: Weißt du nicht, wie schön du bist? (Brunnen Verlag, Gießen 2006). Auch als Hörbuch erschienen.

Von

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal