Editorial über Kirche, Sex und Schriftverständnis

Liebe Freunde!

Es war das Thema des 16. Jahrhunderts: Luthers Thesenanschlag zu Wittenberg hat die Kirche mächtig in Bewegung gebracht. Weder er noch sonst jemand konnte ahnen, welche Auswirkungen sein amtskirchlich unerwünschtes Pamphlet ­haben sollte. Fast 500 Jahre sind seither vergangen. Dank Gutenbergs Druckerpresse wurde Bildung und Aufklärung für breite Schichten zugänglich und unaufhaltsam fand die Kunde der 95 unzeitgemäßen Thesen schnelle Verbreitung. Die Bibel wurde zum Bestseller aller Zeiten. Soweit die Erfolgs­geschichte.

In den ersten Tagen des neuen Jahres hallte abermals ein amtskirchlich unerwünschter Anschlag von den Kirchenportalen wider. Auch dieser kommt aus dem Herzen der ­eigenen Schar, und wir dürfen gespannt sein, welche Auswirkungen der „Appell der Acht“ haben wird. Im November 2010 hatte die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) erstmals ein einheit­liches Pfarrdienstgesetz verabschiedet, dem nun die 22 Landeskirchen im Laufe dieses Jahres zustimmen sollen. Inhaltlicher Knackpunkt des Kirchengesetzes ist das Verständnis von Ehe und Familie und ihre Erweiterung auf homosexuelle Partnerschaften, die künftig auch im Pfarrhaus ermöglicht werden sollen. Daraufhin haben acht evangelische Altbischöfe einen gemeinsamen Appell verfasst. Fest steht jetzt schon: es ist das Thema des Jahres – zumindest in der Evangelischen Kirche.

Ein Fanal für die „Kirche der Freiheit“

Im Raum der Kirche war in den vergangenen Jahrzehnten kaum eine vergleichbar mutige und streitbare Verlautbarung zu vernehmen, in der sich eine derart autorisierte „außerparlamentarische“ Stimme wirksam zu Wort gemeldet hätte. Sie war nötig geworden, weil die EKD-Synode das Kirchengesetz mit 126:0 (!) Stimmen verabschiedet hatte; nicht ein einziger Vertreter der Kirchenkonferenz, des Rates der EKD oder der Synoden hat auch nur eine persönliche Erklärung abgegeben, um das Konfliktpotenzial des Gesetzestextes anzuzeigen. Bezeichnenderweise liegt die Krux des Papiers nicht im Gesetz selbst, sondern im Kleingedruckten der Begründung. Der Appell der Acht jedenfalls hat eine Debatte angestoßen, die jetzt als Agenda obenauf liegt. Da gerade DIE ZEIT / Christ&Welt als Wittenberger Tor fungierte und den offenen Brief publizierte, brandet nun eine mediale Welle der Aufmerksamkeit bei den 22 Landessynoden an. Das ist eine Chance, sich neu zu positionieren und am Wort auszurichten. Wer sein Testament vernachlässigt, verliert sein ­Erbe!

Die gesetzliche Legitimierung homosexueller Partnerschaften im Pfarrhaus ist ein massiver Eingriff in die Identität des Protestantismus und in das Selbstverständnis der Kirche schlechthin. Es geht um mehr als um die ­Regelung einer Sachfrage. Der Eingriff rührt an das biblische Menschenbild, an die Frage der Autorität der Schrift und an das Schriftverständnis als Grundlage unseres christ­lichen Glaubens. In diesem Heft drucken wir zur Dokumentation jene Artikel ab, die die Debatte ausgelöst haben. Sie bereiten den Boden für notwendige inhaltliche Auseinandersetzungen in den Landessynoden. Nicht nur Synodale, sondern jeder mündige Christ sollte sich ermutigt fühlen, die Diskussion aufmerksam zu verfolgen und sich einzumischen. Jeder wird sich verhalten müssen, um mit dieser Situation umzugehen. Protestanten weltweit müssen sich in ihren Kirchen der Frage stellen, was der angemessene Umgang mit den Anforderungen der Zeit und den Forderungen des Zeitgeistes ist. Eine bemerkenswerte Vorlage liefert die selbstkritische Stellungnahme des amerikanischen Lutheraners Professor David S. Yeago. Angesichts der Beschlüsse seiner Kirche zur Legitimation homosexueller Lebensformen im geistlichen Amt entfaltet er auf Luthers Spuren eine Spiritualität der Kirche im Konflikt.

Auch in Deutschland bereitet die Entwicklung der Evangelischen Kirche Sorge und hat zur Bildung eines Initiativkreises Evangelisches Kirchenprofil beigetragen. Dessen Faltblatt, „Die Chancen nutzen“ (hier als pdf), will zu kritischen Gesprächen mit den Mitgliedern der Synoden und Kirchenleitungen ermutigen.

Kirche des Wortes – Kairos in der ZEIT

Die Evangelische Kirche hat sich in der ­Luther-Dekade mit Blick auf das Jubiläumsjahr 2017 einiges vorgenommen, und nun kommt endlich Substanzielles dazu: zentrale Fragen, die – mit wenigen Ausnahmen – im liberalen Mainstream der Kirchenleitungen kaum ernsthaft in den Blick genommen wurden. Der politische und gesellschaftliche Druck hat die Angst davor wachsen lassen, sich angesichts faktischer homosexueller ­Lebenspraxis klar biblisch zu positionieren. Die EKD als „Kirche der Freiheit“ aber muss wieder Kirche des Wortes werden, sonst ist sie nur noch Kirche der Anpassung und der ­Beliebigkeit.

Dabei wird eine große Spannkraft gefragt sein, um Leben, Wort und Wahrheit beieinander zu halten: einerseits homosexuell ­lebenden Menschen in größter Achtung, in Liebe und Respekt zu begegnen und andererseits das biblische Zeugnis bezüglich homosexueller Lebensweise ernstzunehmen. Und zwar nicht als ein Urteil von Menschen, sondern als den guten Willen des Schöpfers über das Leben der von ihm geschaffenen Menschen. Deswegen darf in der Kirche nicht einfach eine gesellschaftliche Diskussion geführt werden, sondern es bedarf einer theo­logischen Diskussion, in der gemeinsam nach den Gründen der Weisungen Gottes gefragt wird.

(K)ein Raum für Seelsorge?

Wenige Wochen vor der EKD-Synode hatte ich ein Gespräch mit der Leitung meiner Landeskirche. Ich fragte: „Gibt es in unserer Kirche einen Raum für Menschen, die homoerotische Gefühle haben, aber auch den dringenden Wunsch nach Veränderung?“ Nach kurzem Schweigen antwortete mir der leitende Geistliche: „Wenn wir diesen Raum schaffen würden, würden wir doch all jene unter Druck setzen, die homosexuell leben und sich nicht verändern wollen.“ Dazu passt das Statement von Johannes Minkus, der jüngst als Sprecher der Bayerischen Landeskirche auf die Kritik von Fürst Castell-Castell erwiderte: „Die Kirchenleitung geht davon aus, dass Homosexualität bei manchen Menschen angelegt ist und sie ­diese Anlage nicht ablegen können. Darum ist Homosexualität keine sündhafte Verfehlung und auch keine heilbare Krankheit.“ Eine Aussage, die weder wissenschaftlich belegt, noch an der Bibel orientiert ist. Die Denk­figur jedoch ist ebenso bezeichnend wie fragwürdig. Sie besagt im Umkehrschluss: Wenn Homosexualität veränderbar wäre, würde die Bayerische Landeskirche sie als Sünde ­bezeichnen müssen. Da das nicht sein darf, darf Homosexualität auch nicht veränderbar sein. Es ist höchste Zeit, dass wir die Exegese in unserer Kirche auf solide Basis stellen. Wir brauchen eine Lehre, die wieder tiefer gründet, klarer unterscheidet und inniger verbindet. Das gilt für alle Kirchen im gesamten evangelischen Spektrum. Kapituliert erst die biblisch fundierte Lehrmeinung in der Volkskirche vor dem Mainstream, werden auch die freien Kirchen, die sich dem gesellschaft­lichen Druck entgegenstemmen, einen starken Rückhalt verlieren.

Offensives Christsein mit Welthorizont

„Christsein beginnt immer persönlich, bleibt aber nie privat.“ (Horst-Klaus Hofmann) Die politische Dimension des christlichen Zeugnisses ist uns zur Jahreswende wieder besonders schmerzhaft in Erinnerung gebracht worden. Die Anschläge auf das Leben von Christen zu Weihnachten im Irak und anderen muslimischen Ländern müssen uns aufrütteln. Im Angesicht der Verfolgung unserer Glaubensgeschwister wird der Friede, in dem wir ­Leben, ein fauler Friede.

Wer wieder Christsein mit Welthorizont atmen möchte, kann zweifach frischen Sauerstoff ­tanken: Christine und Christian Schneider haben ihr Herz riskiert und in den Slums von Manila Orte der Hoffnung geschaffen. Mit „Himmel und Straßenstaub“ haben unsere langjährigen Projektpartner jetzt ein Buch vorgelegt, das sich wie ein­ ­guter Krimi liest und belebende Obertöne in unser wohltemperiertes Christsein bringt. Eine Inspiration für Mitbeter und Menschen des Aufbruchs.

In „Von Menschen und Göttern“ wartet ein bewegendes Kinoerlebnis auf uns. Der Film von Xavier Beauvois zeigt ein kleines Trappistenkloster im algerischen Atlasge­birge im Jahr 1996. Muslimische Eiferer, aber auch militärische Staatsgewalt lösen Angst und Schrecken aus und provozieren die Frage: Was darf mich mein Bekenntnis kosten?

In Gemeinschaft leben

Im Blick voraus sollten sich OJC-Freunde auch in diesem Jahr Christi Himmelfahrt als OJC-Tag (TdO) vormerken. „Circles of Hope – Orte der Hoffnung“ ist das Thema, zu dem wir alte und neue Freunde am 2. Juni herzlich einladen. Wir werden miteinander neue, bewährte und experimentelle Formen des gemeinsamen Lebens und sozialen Engagements erörtern, damit möglichst an vielen Orten aus der „Herde Schafe wieder eine scharfe Herde wird“. ;-)

Wer die OJC schon vorher besuchen möchte, sollte bald unseren Jahreskalender auf der letzten Doppelseite zur Hand nehmen. Neben den Dialogtagungen nimmt insbesondere das religionspädagogische Erfahrungsfeld auf Schloss Reichenberg zunehmend Fahrt auf. Wer  Glaube und Kultur in 700 Jahre alten Gemäuern erleben möchte – mit Schulklasse oder Konfirmandengruppe, bei Mitarbeiterausflug oder Lehrerfortbildung – sollte sich frühzeitig anmelden.

Seid sehr herzlich gegrüßt aus den „Circles of Hope“ in Reichelsheim und Greifswald. Seid ermutigt zur Fürbitte für den Weg unserer Kirche und zum Handeln in Eurem Umfeld. Pflegt die Gemeinschaft der kleinen Orte der Hoffnung in Eurem Lebenskreis und seid gewiss, dass das Gute in aller Ewigkeit die Überhand behält. Geht aufrecht mit dem Wegwort für dieses Jahr: Lasst Euch nicht vom Bösen überwinden, sondern überwindet das Böse mit Gutem. (Römer 12,21)

Ihr Dr. Dominik Klenk

Reichelsheim, im Januar 2011

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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