Gut aufgehoben...

Gut aufgehoben. Warum ich in meiner Kirche bleibe.
Gut aufgehoben. Warum ich in meiner Kirche bleibe. © David Pops

Was mich in meiner Kirche hält


von Írisz Sipos
 

Was mich in meiner Kirche hält, ist – ich bekenne es – die Tradition. Als Kind reformierter Eltern aus Ungarn landete ich nach unfreiwilliger Republikflucht in der deutschen Volkskirche. Erst in der Rheinischen, dann umzugsbedingt, in der EKHN. So einfach? Nein, Tradition ist meist abgründig: So waren meine katholischen Großväter im Poststalinismus kirchenfern, eine reformierte Großmutter kirchenscheu geworden und die andere, fromme, desertierte zu den Pfingstlern in die Illegalität. Und auch das Dissidententum ist ein Aspekt dieser Tradition.

Aufgebrummtes Erbe?

Meine Eltern versuchten, mit uns Kindern im Marschgepäck, hinter sich zu lassen, was sie zu ersticken und ihren Glauben zu zersetzen drohte: die Diktatur, das Volk, das sich darin eingerichtet hatte, und die reformierte Kirche, in der ihr beherzter Pastorendienst verunmöglicht wurde, weil es selbst in Hirtenkreisen zum guten Ton gehörte, mit den Wölfen zu heulen. Doch die Vorsehung behielt sich vor, uns als Familie das aufzuerlegen, was wir abzulegen meinten: Wir fanden uns – ausgerechnet! – als „Pfarrers“ für ungarische Emigranten im Rhein-Main-Neckarraum wieder, eingewoben in ein Getto von Landsleuten nicht nur aus der Heimat, sondern auch aus den angrenzenden Staaten. Das waren nun umfassendere und spannungsvollere historische Bande, als jene, die wir meinten, kündigen zu können; und folglich schob auf den Kirchenbänken nicht eine Stasi Dienst, sondern mindestens vier rivalisierende Schwesterfirmen (die Informanten der ­Alliierten nicht mitgerechnet).

Die Besinnung auf das konfessionelle Erbe wurde hier zur existentiellen Notwendigkeit: Hatten doch einst ungarische Reformatoren in Deutschland jene Impulse erhalten, die ihrer Nation das spirituelle, kulturelle und politische Überleben nach der Osmanenzeit ermöglichten! Im politischen Exil konnte sich unser Blick – auch der kritische – auf das Eigene neu schärfen und das ­unvermischte Bekenntnis zu Christus als dem vollmächtigen Herrn der Geschichte präzisieren.

Angetretenes Erbe!

Zugegeben, auch ich dissidierte zuweilen. Wurde mir der kalte Krieg in der Exilgemeinde zu heiß und der Pazifismus in der Ortsgemeinde zu lau, ließ ich mich gern vom Mainzer Domprediger belehren, in Luthermessen erbauen, bei Charismatikern gesundbeten und wäre vielleicht, hätte es mich nicht zur OJC verschlagen, bei Wiedertäufern nass geworden. Doch allmählich wurde mir klar: Ein Erbe, zumal ein geistliches, kann man nicht einfach abschütteln! Seine Würde und Bürde, sein Geist und Ungeist tradieren sich auch ohne mein Zutun und wirken in die Zukunft hinein. Aber ich habe das Privileg, es bewusst anzutreten, im Licht der Wahrheit und Barmherzigkeit Rechenschaft zu geben über verzinste, vergrabene oder verplemperte Pfunde. Und ich bin frei, in Dankbarkeit und Bußfertigkeit so mit dem Vorgefundenen umzugehen, dass daraus neuer Reichtum, neuer Segen hervorgehen kann – für den gesamten Leib Christi.

Bekenntnis

So etwa mit der Sensibilität in der Exegese. Wo das sprichwörtliche Schiff des Katholizismus modische geistige Strömungen schon durch seine Behäbigkeit ausgleicht, wird sich der wendigere Protestantismus achtsamer in der Schrift verankern müssen. Seine exegetische Kompetenz ist von zentraler Bedeutung: Wenn die Kette, fundamentalistisch verkürzt, den Bug ins Wasser zieht, kentert das Boot oder mutiert zur begehbaren Boje der Kirchengeschichte. Verflacht der Anker zur gewichts­losen, stumpfen Deko, driftet es ab, mal in seichte, mal in bodenlose Beliebigkeit. Zu den Kostbarkeiten unseres Erbes gehören daher die Bekenntnisse von Heidelberg und Augsburg: trennscharf genug, um die Essenz biblischer Botschaft zu umreißen, umfassend genug, um sektiererischen Verengungen vorzugreifen.

Mündigkeit

Als mündige, in geistlichen Belangen verantwortliche Christen haben wir Protestanten ein waches Bewusstsein für das Prekäre an der Macht. Wir verfügen nicht, wie Rom, über ­eine Hausmacht, stehen aber als Volkskirche(n) weitaus mehr als die freien auch in politischer Verantwortung. Gefährdet waren und bleiben wir durch die Korrumpierbarkeit im Machtgefüge. Ob Landesfürst, Stadtpatrizier, Führerstaat, Räterepublik oder Meinungsdiktatur – wir haben gelernt, der Vereinnahmung durch das etablierte System zu wehren, klar zwischen Weltverantwortung, -ergebenheit und -flucht zu unterscheiden und uns im Sinne jenes ­anderen Reiches, deren Bürger wir auch sind, zu investieren.

Kontinuität

Unsere explizite Verankerung in der weströmischen Kirchengeschichte schlägt die Brücke zu jüngeren Kirchen, die in Lehre und Struktur (historisch unbekümmert) „direkt“ an Pfingsten anknüpfen. Nun bindet den leben­digen Geist gewiss keine Tradition; doch bildet er Tradition mit. Der sichtbare Leib Christi auf Erden ist ein gewordener, der steter Reinigung und Erneuerung bedarf. Das können wir mit unserer Verpflichtung zum „semper reformandum“ in besonderer Weise bezeugen.


Das Erbe der Volkskirche will verwaltet sein: es gibt Wunden zu beklagen, Schuld zu beweinen und Werte zu bewahren. Wir beerben ­gestandene Dissidenten wie den gewissenhaften Melanchthon, die begeisterungsfähigen Zinzendorffs, den vitalen Hamann, den demütigen Blumhardt oder den kompromisslosen Bonhoeffer. Ihr Vorbild ist es vor allem, was mich in unserer Kirche hält.

Wirklich gut aufgehoben aber bin ich, weil ich weiß, wer mich in seiner Kirche hält.

Von

  • Írisz Sipos

    ist stellvertretende Chefredakteurin des Salzkorns und mitverantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der OJC-Kommunität.

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