Schonungslos überführt

Ottmar Hörl: 800xLuther © www.luther2017.de
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Kirchentreue und Sexualmoral
Eine lutherische Lektion in Nachfolge

Von David S. Yeago


Wie lebt man damit? Das frage ich jene, die, wie ich, der Meinung sind, dass der Beschluss der ELCA­-Hauptversammlung zur Homosexualität1 ein Desaster sondergleichen darstellt – theologisch und ethisch, für die Kirchenlehre und die Ökumene gleichermaßen. Ich will hier gar nicht ausführen, warum; das haben viele bereits sachkundig und erschöpfend ­getan. Ich wende mich an die längst Überzeugten, die ich als „Traditionalisten“ bezeichnen möchte.


Wie lebt man damit? – frage ich uns. Sind wir an der Bruchstelle angelangt, am Punkt, an dem wir, wie ein Freund es kürzlich formuliert hatte, das Sterben und Verdorren dieses Zweiges der Kirche diagnostizieren müssen? Womit rechnen wir Traditiona­listen in der Kirche noch außer mit Schmach, Belanglosigkeit und Mitgliederschwund? Ich frage nicht strategisch, sondern geistlich: Wie lebt man in einer fehlgehenden Kirche dem Glauben gemäß? Als der Lärm der ­Debatten sich legte, kam mir in den Sinn, wie ich bei einem Beschluss argumentiert hatte, der für andere bereits eine Bruchstelle darstellte.2 Ich berief mich damals auf ­Luthers Auslegung des Galaterbriefes3, die eine Art Spiritualität der Kirche im Konflikt entfaltet.

Entrüstung oder Mitleid?

Bei Paulus – erklärt Luther – gelten jene als geistlich, die angesichts der Sünde anderer es dem Heiligen Geist nachtun. Anders als Satan, der Verkläger, tritt der Geist als ­paraklétos, als Fürsprecher und Helfer auf. Um Christi Willen entschuldigt er unsre Sünden, schwächt sie ab, ja bedeckt sie ­völlig, wie er andererseits den Glauben und die guten Werke rühmt. So sollten „geistlich“ gesinnte Menschen an jenen handeln, die schuldig werden. Luther zitiert Augustinus: Nirgends bewährt sich ein geistlicher Mensch so wie bei der Behandlung fremder Sünden und Gregor den Großen: Die wahre Gerechtigkeit hat Mitleid, die falsche hat Entrüstung.

Paulus selbst handle in diesem Geist, wenn er z. B. in Römer 15,1 von den Verfehlungen der Schwachen rede und nicht, wie ­seine (Luthers) zänkischen Zeitgenossen, die der Heiligen Römischen Kirche pauschal Irrlehre und Verbrechen vorwerfen. Mit Seitenblick auf Römer 15,1-3 begründet ­Luther das Gebot, der Schwachen Un­vermögen (zu) tragen damit, dass Christus unsere Sünden getragen hat. Im Wortlaut des Paulus argumentiert er weiter: Sehet zu, dass ihr nicht in Versuchung fallet (Gal 6,1). Als wolle der Apostel sagen: Wenn du gefallen bist, möchte ich eher von einer Ver­suchung sprechen als von einem Vergehen ... Und auch du sollst mit derselben Milde es für eine Versuchung halten, so oft du den ­einen siehst, der gestrauchelt ist, und nicht mit scharfen Ausdrücken das Fallen des Bruders verfolgen.

Heute nun muss ich mein Gewissen prüfen: Habe ich den Glauben und die guten Werke der Menschen, die in dieser Sache meiner Meinung nach Unrecht haben, hinreichend gewürdigt, gar gerühmt? Ich kenne Pastoren, die in einer „verbindlichen gleichgeschlechtlichen Beziehung“ leben und deren Dienst an schwierigen Einsatzstellen ich nur als heldenhaft bezeichnen kann. Was prägt meine Haltung zu ihnen: die Sünde in der Beziehung oder der Heldenmut im Dienst? Soll ich ihre Sünde betonen oder ihren Glauben und ihre guten Werke? Luther bezieht klar Position.

Entlarven oder entschuldigen?

Allgemeiner gefasst: Sollen wir die Beschlüsse der Hauptversammlung als mutwillige „Häresie und Verbrechen gegen die Heilige Kirche“ beschreiben oder sie als das „Fallen der Schwachen“ betrachten, als ­große Verfehlung wohlmeinender aber verwirrter Brüder und Schwestern in Christus? Was bedeutet es hier, Gutes von ihnen reden und alles zum besten kehren?4 Wieder gilt: Luther bezieht eindeutig Position.


Er fährt fort mit Galater 6,2. Zu tragen sei sowohl die Last derer, die im Glauben ­irren, als auch derer, die sich sündig verhalten: Also findet die Liebe überall etwas zu tragen und zu tun. Lieben aber heißt, von Herzen dem andern Gutes wünschen, oder suchen, was des andern ist. Wo käme die Liebe zum Zuge, wenn niemand dem Irrtum oder der Sünde verfiele? Wem wollest du Liebe schenken? Wem wollest du dann ­Gutes wünschen? Es ist in der Tat eine Flucht vor der Liebe, wenn Menschen die Ungebildeten, Unnützen, Jähzornigen, Unbrauchbaren, Schwerzubehandelnden, Launischen verschmähen als Lebensgemeinschaft. Sie sind unwillig, als Braut Lilie unter Dornen (Hohes Lied 2,2) ... als Jerusalem unter die Heiden gesetzt zu sein, oder mit Christus unter Feinden zu herrschen (Psalm 110,2).


Luther fasst zusammen: Wer daher die Gemeinschaft mit solchen Menschen flieht, erreicht nichts anderes, als dass er der Allerverworfenste wird, wenn er’s auch selbst nicht glaubt. Denn um der Liebe willen flieht er vor dem echten Dienst der Liebe, um des Heils willen flieht er vor dem wahrhaft nächsten Weg zum Heil. Mit der Kirche stand es ja dann immer am besten, wenn sie unter den Verworfensten wohnte; wenn sie nämlich deren Lasten trug, strahlte ihre Liebe wunderbar hell. Und überhaupt: Warum hat Mose die verstockten Israeliten nicht aufgegeben? Warum haben die Propheten den götzendienerischen Monarchen nicht den Rücken gekehrt?

Flüchten oder standhalten?

Luther zieht diese Denklinie weiter zur Gemeinschaft der Kirche: Folglich kann man auch den Abfall der Böhmen5 von der römischen Kirche durch keinerlei Entschuldigung rechtfertigen, ohne dass man dabei der Gottlosigkeit verfällt und mit allen Gesetzen Christi in Widerstreit gerät. Denn dieser Abfall steht der Liebe entgegen, die doch der Inbegriff aller Gesetze ist. Wie die Böhmen nämlich als einzigen Grund vorbringen, sie seien aus Furcht vor Gott und ihrem Gewissen abgefallen, damit sie nicht unter heil­losen Priestern und Päpsten leben müssten, – gerade das klagt sie am allermeisten an. Denn wenn Päpste, die Priester, oder wer immer sonst, heillos sind und du würdest in wahrer Liebe brennen, dann würdest du nicht die Flucht ergreifen. Sondern du würdest, auch wenn du „am äußersten Meer“ wärest (Ps 139,9) herbeieilen, klagen, mahnen, rügen, ja überhaupt alles nur Denkbare unternehmen und – dieser Lehre des Apostels folgend – dir bewusst sein, dass du nicht die Annehmlichkeiten, sondern die Lasten auf dich zu nehmen hast. [...] Und was ist’s nun mit uns, die wir uns abschleppen mit den Lasten und wahrhaft unerträglichen Auswüchsen der römischen Kurie? Fliehen wir sie deshalb und trennen uns von ihr? Weit gefehlt! [...] Freilich, wir tadeln, verabscheuen, bitten und ermahnen. Aber wir zerschneiden deshalb nicht die ‚Einigkeit im Geist’ (Eph 4,3), wir ‚blasen uns nicht auf wider sie’ (1. Kor 4,6). Denn wir wissen, dass die Liebe über alles triumphiert, nicht nur über die Schäden an leiblichen Gütern, sondern auch über alle Ungeheuerlichkeiten von Sünden. Das ist eine erheuchelte Liebe, die nur das Angenehme beim andern mittragen kann.

Die Richtung der lutherischen Reformation stimmte mit dem hier Formulierten weit­gehend überein. Die Lutheraner rangen um den Erhalt der Einheit und baten lediglich um die Erlaubnis, das reine Wort zu verkündigen. Deswegen legten sie in Augsburg ihr Bekenntnis vor. Von ihrer Warte aus sind sie keineswegs ausgetreten; sie wurden hinausgetreten. Sogar in den polemisch zugespitzten Schmalkaldischen Artikeln zeigt Luther noch Bereitschaft, sich den vom „römischen Antichristen“ ernannten Bischöfen zu fügen, „um der Liebe und Einigkeit willen“, wenn nur die reine Evangelienverkündigung erlaubt würde. Merke: er verlangte von Rom nicht etwa, die evangelische Lehre anzunehmen, sondern lediglich, sie zuzulassen.

Wem gehört meine Keuschheit?

Luthers Exegese von Galater 6,3 bescheinigt Paulus eine „sehr schöne und sehr starke ­Begründung“ seiner Lehre. Auch hier sei ein längeres Zitat erlaubt:

Wir seien alle gleich und seien alle nichts. ­Weshalb ‚bläst sich dann also einer wider den andern auf’ (1. Kor 4,6) und warum helfen wir uns nicht lieber gegenseitig? Ist aber tatsächlich etwas an uns zu finden, dann ist es nicht unser, sondern Gottes Gabe (1. Kor 4,7); wenn es aber Gottes Gabe ist, dann ist man’s auch ganz und gar der Liebe schuldig, d.h. dem Gesetz Christi; wenn man’s der Liebe schuldig ist, dann habe ich damit eben nicht mehr mit mir selbst, sondern andern zu dienen. So gehört meine feine Bildung nicht mir, sondern denen, die sie nicht haben [...] Meine Keuschheit gehört nicht mir, sondern denen, die im Fleisch sündigen, – ­ihnen bin ich mit meiner Keuschheit zu dienen schuldig. Das tue ich, indem ich sie Gott zum Opfer bringe an ihrer Stelle und mich dieser Leute annehme, sie entschuldige und so mit meiner Ehrbarkeit ihr schändliches Tun vor Gott und den Menschen zudecke. [...] Ebenso gehört meine Weisheit den Toren, meine Macht den Unterdrückten, mein Reichtum den Armen, meine Gerechtigkeit den Sündern. Denn das sind ‚göttliche Gestalten’, deren man sich ‚entäußern’ muss, damit wir ‚Knechtsgestalt’ an uns tragen (vgl. Phil 2,6f). Mit all dem nämlich sollen wir anstelle derer, die es nicht haben, vor Gott stehen und Mittler sein, gleich als wären wir mit einem fremden Gewand angetan, – ähnlich dem Priester, der in dem ihm selbst ‚fremden’ heiligen Ornat für die umstehenden das Opfer darbringt. Aber auch vor Menschen sollen wir solchen Leuten in der gleichen Liebe dienen wider ihre Verleumder und Bedränger. Denn so hat auch Christus für uns getan. Dies ist jener ‚Glutofen des Herrn zu Zion’ (Jes 31,9), jenes süße Erbarmen des Vaters, der uns aneinander binden wollte durch eine solch unvergleichliche Tugend; dies ist das Kenn- und Wahrzeichen, dies das Merkmal, durch das wir Christen uns von allem Volk unterscheiden.


Luther redet noch anders über Keuschheit, Unreinheit und Gemeinschaft, als es später im Sturm der Reformation üblich wurde6. Er verharmlost nicht die Kluft zwischen richtiger und falscher Lehre, gerechten und sündigen Werken; Irrlehre und Sünde muss widerlegt und verurteilt werden. Doch dient ihm die Verfehlung des Anderen nicht als Anlass für Trennung, sondern für Annäherung. Das Fehlen meines Nächsten bereitet mir Leiden – ­eine Last, die ich tragen muss –, und mein besseres Wissen oder Handeln nehme ich als Gabe wahr, die mir konkret um des irrenden, sün­digenden Bruders, der Schwester willen gegeben ist.

Trennung oder Reifung?

Ich kann nicht behaupten, die Tiefe der von Luther eröffneten Sicht im Denken oder im Handeln nur annähernd ausgelotet zu haben. Und auch ob Luther selbst diesem Maßstab gerecht wurde, sei dahingestellt. Aber er zeichnet hier immerhin eine erstrebenswerte Alternative zu den in kirchlichen Gemeinschaften üblichen Konfliktbewältigungsstrategien. Ich gestehe, dass seine Worte an mein Gewissen appellieren.

Von diesem Appell her versuche ich mir auszumalen, wie wir – in den Nachwehen der 2009er Hauptversammlung – nun mit all dem leben sollen.

Vor einigen Jahren riet ich Pastoren, die in ­ihrer Kirche opponierten: „Solange kein großer, böser anglikanischer Bischof dich mit der Rute zwingt, ein falsches Evangelium zu ­predigen, bleib und mach deinen Job!“ Dieser Rat schlägt nun auf mich zurück: die Schlüsselfrage für uns heute ist, ob wir inmitten ­einer gefallenen, irregehenden Kirche fähig sind, in Christus zu bleiben.

Für Pastoren heißt das: Hindern dich die Beschlüsse deiner Kirche daran, dem Volk Gottes das Evangelium gemäß deiner Berufung zu verkündigen? Hindern ist nicht dasselbe wie erschweren: Gehindert werden ist weit schlimmer als zum engstirnigen Fossil erklärt zu werden, als sich entfremdet zu fühlen oder ­einer düsteren Zukunft entgegenzuschauen. Für den getauften Gläubigen lautet die Frage: Verhindern die Beschlüsse, dass du das Evangelium hörst und als Jünger Jesu reifst? Und wieder muss man verhindern präzise verstehen und es nicht gleichsetzen mit dem Gefühl, nicht genug gefördert oder gar verachtet zu werden. Solange uns die Bibel erhalten bleibt, können wir solche Erschwernisse als Gottes Sandpapier hinnehmen, mit dem er sein Volk immer wieder in Form schmirgelt.

Hindernis oder Chance?

Mich jedenfalls können jene Beschlüsse nicht daran hindern, als Hochschullehrer meiner Pflicht nachzukommen. Würde mir ein Vorgesetzter vorschreiben, meine Auffassung von der Ehe und Gottes Geboten zu verleugnen, wäre das etwas anderes. Aber noch ist dies nicht der Fall, und ich weiß nicht, ob es jemals so weit kommt. Ich wüsste auch nicht, was mich daran hindern sollte, in meiner Gemeinde das Evangelium zu hören und in der Nachfolge zu leben. Im Gegenteil, die Situation ­bietet, wenn ich Luthers Worte ernstnehme, die großartige, wenn auch schmerzvolle Gelegenheit, in der Jüngerschaft zu reifen und mich in Liebe zu üben. Ein Austritt würde meinen Lernprozess, Jesus dort nachzufolgen, wo ich gerade bin, abbrechen.

 

Natürlich ist jede Berufung anders beschaffen, ebenso jede persönliche „Bruchstelle“. Die Beschlüsse der Hauptversammlung werden für jene, die sich in eine andere Kirche berufen fühlen, den Prozess der Trennung nur beschleunigen. Andere werden sich ein Leben in dieser Kirche nicht mehr vorstellen können, weil sie sich betrogen fühlen, weil sie ausgebrannt und erschöpft sind oder keine Ruhe finden. Über die Entscheidung frommer Menschen unter solchen Umständen darf niemand urteilen. Ein Rat in aller Bescheidenheit sei mir aber erlaubt: Wenn du gehst, weil du die Kirche, in die du eintreten willst, liebst, ihre Art und ihre Lehre gleichermaßen – schön und gut. Aber wenn du vor allem aus Unmut gehst, wirst du selbst bald zum Problem für deine neue Kirche. Das ist nicht nur meine Meinung, sondern die Erfahrung vieler katholischer und orthodoxer Pfarrer, die ihre liebe Not mit Konvertiten haben. Und: Prüfe genau, in was du dich verliebt hast: in die geerdete Realität des Gemeindelebens oder in ein Traumgespinst aus deiner vergeistigten Lektüre?

Wer bestimmt, was verdorrt ist?

Mit vielen anderen Traditionalisten stelle ich mir also die Frage: Sind wir an einen Punkt gelangt, an dem wir sagen müssen, dass dieser Zweig der Kirche tot und verdorrt ist?

Welche Haltung schwingt in solcher Frage mit? Wenn wir das Gleichnis aus Johannes 15 ernstnehmen, müssen wir zugeben, dass es die Frage ist, auf die nur Gott antworten kann. Es geht also letztlich darum, wie Gott zu dieser Kirche steht und ob er meint, dass sie ein Trieb an Christi Weinstock sei, der keine gute Frucht bringt und also verworfen wird, (Joh 15,2), auf dass er verdorre und im Feuer verbrannt werde (Joh 15,6). Hier geht es meines Erachtens nicht um mein Urteil; nicht ich habe als Weinbergpfleger darüber zu befinden, ob ein Zweig am Ende ist oder ob noch Hoffnung besteht. Der Vater wird beschneiden, nicht ich. Wie könnte ich darüber urteilen, ob Gott eine ­Gemeinschaft von Getauften verstoßen hat? Dass er selbst ein solches Urteil fällen kann, ist in Anbetracht der Prophetenbücher nicht zu leugnen. Und wir haben auch keine Garantie dafür, dass die Heilige Kirche, von der es im Augsburger Bekenntnis heißt, sie werde ewig auf Erden bestehen, gerade als die unsrige bestehen würde. Aber selbst die Propheten, denen Gott – anders als mir – sein Urteil unumwunden offenbart hatte, blieben und litten mit dem Volk, anstatt zu fetteren Weiden zu ziehen.

Die mir im Gleichnis zugedachte Rolle ist die der Rebe, die in Christus und in seiner Liebe bleibt und Frucht bringt zur Herrlichkeit des Vaters. Das wiederum erfordert Gehorsam ­gegenüber Christi Gebot und Liebe zum Nächsten. Wenn ich dort, wo ich verharre, allemal in Christus bleibe und die Frucht bringe, die bei aller Unzulänglichkeit den Vater ehrt; wenn ich mich also darin übe, noch mehr zu lieben, bin ich schon hinreichend beschäftigt. Und nicht, ob die anderen, sondern ob ich ­abgeschnitten und ins Feuer geworfen werde, sollte meine Sorge sein.

Um welchen Lohn geht es?

Was sollen wir noch in einer Kirche, ließe sich einwenden, die stracks in die falsche Richtung marschiert und uns nörgelnde Traditiona­listen am Wegrand zurücklässt?

Das hängt ganz davon ab, worauf wir es mit unserem Glaubenszeugnis abgesehen haben. Hoffen wir auf eine Flutwelle der Rechtgläubigkeit, die alles andere triumphal hinwegspült? Sie ist eher unwahrscheinlich. Wo steht geschrieben, dass Standhaftigkeit mit solchem Triumph belohnt würde? Wie anders klingt dagegen: „Ich als Pastor oder Dozent blieb in der Kirche mit dem Ergebnis, dass – trotz aller Widrigkeiten – in Sünde verstrickte Menschen den Herrn, der sein Leben für sie gab, erkannten, Hoffnung fanden und zu ­lieben begannen?“ Oder: „Ich als getaufter Christ blieb in der Kirche und lernte eine harte aber notwendige Lektion über Nachfolge.“ Wäre das Grund genug zu bleiben?

Für die Traditionalisten in der Kirche schwebt mir als Zukunft vor: Anstatt uns auf die Rolle der opponierenden Dissidenten zu versteifen, könnten wir uns von Gott zu einer Buß- und Erneuerungsbewegung formen lassen. So könnte unser Verbleiben der gesamten Kirche zum Segen und zur Zierde werden. Wir könnten doch diejenigen sein, die tief in der Schrift verwurzelt Lebensbrot in Fülle hervorbringen, die sich vorbehaltlos von Gottes Wort durchleuchten und erneuern lassen, deren Gebetsleben intensiv ist und deren Fürbitte auch andere entzündet. Wir könnten zur Avantgarde im Dienst unter den Armen, Hoffnungslosen und Verachteten werden; wir könnten uns freiwillig auf die schwierigen Posten bewerben. Vielleicht würden die Bibelkritiker unter den Brüdern und Schwestern und die homosexuellen Menschen in der Kirche uns in den Begegnungen endlich abspüren, wie viel sie uns bedeuten, wie weit wir mit ihnen zu gehen bereit sind, wie viel Respekt wir ihnen entgegenbringen, selbst wenn wir uns klar von Bereichen ihres Denkens und Handelns distanzieren.


Diese letzten Worte haben mich, während ich sie niederschreibe, schonungslos überführt – es könnte also was dran sein!

Anmerkungen

1 Die Versammlung der Evangelical Lutheran Church in America hatte 2009 den Beschluss gefasst, dass fortan homosexuell lebenden Pfarrern der Dienst in der Gemeinde zu gestatten ist.

2 Es ging um die sog. „Called to Common Mission“, den ­Beschluss über das Zusammengehen mit den Anglikanern auch in der Anerkennung des Episkopats, worüber in der ­ELCA heftig debattiert wurde.

3 Insbes. Kapitel 6, 1-3. Lutherzitate nach: Kommentar zum ­Galaterbrief 1519, Bd. 10 der Calwer Luther-Ausgabe, Hänssler Verlag 1996, Seiten 268-277

4 Vgl. Kleiner Katechismus

5 gemeint ist die Bewegung von Jan Hus

 

Von

  • David S. Yeago

    ist Professor für Systematische Theologie am Lutheran Theological Southern Seminary in Columbia, South Carolina. Er arbeitet über Ökumene, biblische Hermeneutik und die Theologie Luthers.

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