Wie Christus mir, so ich dir

Wie Christus mir, so ich dir. Gestaltung der Jahreslosung 2011 von Eva Jung: Blumenwerfer © adio Verlag, Asslar ; Adeo Verlag | GodNews
Wie Christus mir, so ich dir. Gestaltung der Jahreslosung 2011 von Eva Jung: Blumenwerfer ©Adeo Verlag, Asslar: Adeo Verlag | GodNews

Überwindung kostet. Predigt zur Jahreslosung 2011 (Römer 12,21)

von Hermann Klenk


Lasst euch nicht vom Bösen überwinden, sondern überwindet das Böse mit Gutem.


Kein einfaches Wort! Die Jahres­losung für 2011 stellt uns vor eine große Herausforderung  mit verschiedenen Aspekten.

1. Lass dich nicht vom Bösen überwinden!

Wir alle kennen das Böse, das groß und mächtig daherkommt: Unschuldige werden durch Terroranschläge in den Tod gerissen; Gelder, die Hungernden und Kranken zugute kommen sollten, werden von korrupten Politikern unterschlagen; profitsüchtige Männer lösen Katastrophen aus; Kinder und Jugendliche werden missbraucht.

Aber wir kennen auch das kleine, das persön­liche Böse unter uns, das Leben behindert, Kleinkriege auslöst und Beziehungen vergiftet: Mobbing am Arbeitsplatz, Männer, die Frauen verurteilen und Frauen, die Männer verurteilen und deren Herz gegeneinander hart geworden ist; Junge und Alte, die einander das Leben schwer machen, weil jeder recht haben will und keiner nachgeben kann; die vielen Gleichgültigkeiten, mit denen wir Menschen übergehen und verletzen.
 

Wie reagieren wir, wenn uns Böses widerfährt?

Jeder kennt aus seinem eigenen Herzen Gedanken und Reaktionen wie: Wer mir Böses antut, wer mich verletzt, dem zahle ich mit gleicher Münze heim. Oder: Wie du mir – so ich dir! Die natürliche Reaktion jedes Menschen, dem Unrecht geschieht, ist der Wunsch nach Vergeltung. Man ballt die Faust, will zurückschlagen, verhärtet sein Herz und wird bitter.

Das Böse hat Macht in der Welt – und in uns. Es ist eingedrungen in unsere Herzen, ja, in unser ganzes Menschsein und hat es vergiftet: „Aus dem Herzen kommen die bösen Gedanken: Mordlust, Ehebruch, Habgier, nehmen, was mir nicht gehört, und einander schlecht machen“, weiß Jesus (Mt 15). Um diese Mächte, die Beziehungen zerstören, zu überwinden, braucht es mehr als guten Willen und gute Vorsätze.

Wir brauchen Hilfe von außen – ganz ähnlich wie die eingeschlossenen Bergleute in Chile – um den Weg zum Licht und zur Liebe wiederzufinden. Genau so ein Durchbruch ist an Weihnachten geschehen. Gott ist in Christus selbst gekommen, um das Böse zu überwinden – mit seinem Guten. Er hat den Anfang gemacht. Jesus ist Mensch geworden, wurde hilflos und verletzlich wie wir. Er hat alle Versuchung zum Bösen am eigenen Leib erfahren und sie im Vertrauen zu Gott überwunden. Trotz aller Zurückweisung, aller Schmerzen und Verleumdung ist er in der Liebe geblieben und hat nicht zurück­geschlagen. Alles Böse hat er in seinen Tod mitgenommen, damit auch wir frei werden, in Verbindung mit ihm dem Bösen Widerstand zu leisten. Denn in ihm sind wir wieder mit der Quelle des Guten verbunden.

2. ... sondern überwindet das Böse

Das klingt, als ginge es um einen Ringkampf, in dem zwei Kräfte miteinander um den Sieg ringen. Wie Diebe über Zäune klettern, so will das Böse täglich in unser Leben dringen, um sich dort einzunisten. Es will unser Handeln bestimmen, unser Denken vergiften und uns einreden, wir würden untergehen, wenn wir dem Gegner die Hand reichten, statt auf unserem Recht zu bestehen. Das Losungswort fordert uns heraus, diesen Gedanken niederzuringen und ihm keinen Glauben zu schenken.

Es war Dietrich Bonhoeffer, der seinen Freunden aus dem Gefängnis schrieb: „Die Lösung kommt durch die Liebe. Durch die Liebe zum Feind. Dem Feind soll zukommen, was dem Bruder zukommt, nämlich die Liebe des Jüngers Jesu… Das Handeln der Jünger soll nicht bestimmt sein durch das Handeln der Menschen, sondern durch das Handeln des Christus an ihm.“ Das ist die Liebe, die überwindet: Wie Christus zu mir – so ich zu dir. Das ist der archimedische Punkt, von dem aus die Welt verändert werden kann. Von ihm aus wird Frieden möglich.

Wie Christus zu mir – das könnte bedeuten:

So wie ER uns unsere Verfehlungen vergibt, so können wir einander vergeben.

So wie ER barmherzig mit uns ist, so können wir barmherzig zueinander sein.

So wie ER uns unsere Sünden nicht zurechnet, so sollen auch wir es dem andern nicht länger vorhalten.

So wie Christus sich zu mir verhält, soll ich zu denen sein, die mir das Leben schwermachen.


Dietrich Bonhoeffer schreibt weiter: „…wenn vom ‚Feind’ die Rede ist, dann ist auch der gemeint, der mein Feind bleibt – ungeachtet meiner Liebe. Der mir nichts vergibt, wenn ich ihm auch alles vergebe, der mich hasst, auch wenn ich ihn liebe, der mich schmäht, wenn ich ihm Gutes tue.“  Das klingt ungeheuerlich! – und doch ist es der einzige Weg, das Böse zu überwinden und uns nicht vom Bösen überwinden zu lassen. Alexander Solschenizyn hat dieses Geheimnis in einem Satz zusammengefasst: „Du darfst dich nicht zum Selben hinreißen lassen wie deine Peiniger, sonst wirst du wie sie!“

3. ... mit Gutem

Gutes tun ist mehr als „nichts Böses tun“. Man kann z. B. auch „nichts tun“ und doch sein Herz gegenüber anderen verschlossen halten und distanziert freundlich bleiben. Gutes aber bedeutet, einen aktiven Schritt zu machen, aus der Opferhaltung und Passivität herauszu­treten und auf den anderen zuzugehen.


Welche Freiheit möglich ist, wenn Böses mit Gutem überwunden wird, konnten wir an Dwayne Dail sehen, dem Mann, der 18 Jahre unschuldig in einem amerikanischen Gefängnis saß, bis vor kurzem seine Unschuld bewiesen wurde. Dail wurde ­gefragt, ob er denn nicht verbittert sei – er habe schließlich sein halbes Leben verloren. Er antwortete: „Nein, ich bin nicht verbittert. Ich ­habe die Kraft dazu aus meinem Glauben gewonnen.“


Welcher Friede möglich ist, wenn Böses mit Gutem überwunden wird, konnten wir auch in kirchlichen Nachrichten lesen: „Am 22. ­Juli 2010 richtete der lutherische Weltbund eine Bitte um Vergebung an die Mennonitische Weltkonferenz. Zuvor hatte er die Mitschuld lutherischer Reformatoren an der Verfolgung der Täufer im 16. Jahrhundert als Unrecht ­bekannt. In einer bewegenden Begegnung wurde Vergebung ausgesprochen und Versöhnung gefeiert!“

500 Jahre nach Verfolgung, Trennung und ­gegenseitigem Bekämpfen ist Heilung und Versöhnung zwischen zwei Glaubensgemeinschaften möglich geworden. Das sind Wunder, von denen unsere Welt mehr braucht – im Großen wie im Kleinen.


Sind solche Wunder auch in unserem Alltag möglich? Oft sind wir zu verletzt und unsere Gefühle zu aufgewühlt, als dass wir gleich verzeihen und unsere „Feinde“ lieben könnten. Darum braucht es kleine Schritte, um die Liebe Christi hineinzulassen. Jesus macht es ganz konkret. Er sagt: Segnet, die euch fluchen… Segnen ist nicht Pfarrern und Pastoren am ­Ende eines Gottesdienstes vorbehalten. Jeder kann ein Segnender werden. Segnen meint: Gutes für andere denken und sagen. Segnen heißt beten: Gott möge dir Gutes tun, Gott schaue dich liebevoll an. Gott helfe dir in ­deiner Not, er sei bei dir und stärke dich.


Segnen verändert ...

Dieses Segnen ist etwas Leises, etwas, das wir im Stillen über dem anderen aussprechen. Die heilende Kraft des Segnens ist ebenso groß wie die zerstörerische Macht der Flüche – ja noch größer! Sie macht die Herzhaut glatt, so dass das Böse abrutscht – und sich nicht länger hält. Gerade da, wo wir verletzt sind und doch zu segnen beginnen, wird der Groll in uns abnehmen und die Wunde zu heilen beginnen.


 ... zuerst den Segnenden

Man kann nicht jemanden zugleich segnen und verdammen. Wer anfängt, andere zu segnen, beginnt in ihm wieder einen von Gott geliebten und geachteten Menschen zu sehen und nicht mehr nur den Feind, den Schwierigen, nicht zu Ändernden. Wer segnet, beginnt auch im anderen das Erlösungsbedürftige, Leere und Kranke zu sehen und betet da hinein das befreiende, gesund machende und heilende Wort.


... dann den Gesegneten

Die Bibel sagt, „Wer den Feind segnet, der sammelt glühende Kohlen auf sein Haupt“.

Mit glühender Kohle hat man früher geheilt: verrenkte Glieder wurden durch die jähe ­Bewegung wieder eingerenkt. Segnen öffnet dem Feind die Möglichkeiten zur heilsamen Veränderung, einfach deshalb, weil sich kein Mensch unter Druck, Hass oder Ablehnung zum Guten verändern kann, sondern nur im Raum von Wärme und Liebe.

4. Den ersten Schritt tun

Jesus ermutigt seine Jünger: Gebt – so wird euch gegeben, ein volles gerütteltes überfließendes Maß. (Lk 6,38) Wenn wir verletzt wurden oder Unrecht erfahren haben, entwickeln wir oft die zwanghafte Vorstellung, andere seien uns etwas schuldig. Und es bleibt dann nicht aus, dass wir immer neu gekränkt werden, denn was wir vom anderen erwarten, trifft nie ein. „Gutes tun“ bedeutet, den Spieß umdrehen – und selbst zu geben, wo ich bisher nur erwartet habe. Ich beginne zu geben. Das kann etwas ganz Kleines sein: Man wünscht sich ein gutes Wort, einen Dank oder eine Hand, die sich einem entgegenstreckt. Oder auch mal ­etwas Gewichtigeres: Eine Entschuldigung, ein Eingeständnis, Versöhnung, Gespräch. Wer das, was er erwartet, anfängt selbst zu geben und zu tun, der setzt den Kreislauf der Liebe neu in Gang. Und wer anfängt zu geben, der wird beschenkt – so verspricht es Jesus – und das nicht zu knapp! Wir können heute beginnen, das Böse, wo immer es uns begegnet, zu überwinden, mit Gutem! Wir sind eingeladen segnende und ­gebende Menschen zu werden.

Von

  • Hermann Klenk

    Architekt und Liturg der OJC-Gemeinschaft. Er ist verantwortlich für den Bau des Mehrgenerationenhauses und gehört zum Gottesdienstteam.

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