Bei Gott ist immer Frühling

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Meditation über den Vorgarten Gottes

Von Klaus Berger

In der dörflichen Architektur an der Nord- und Ostsee ist bis heute der Vorgarten die Visitenkarte eines Bauernhofes. Er wird sorgfältig bepflanzt und gestaltet. Hier ist der Ort für Blumen und alles, was das Herz erfreut. Gott bleibt nicht im Himmel. Zu seinem Haus, seiner Wohnung schafft er einen Vorgarten, durch den man ihn erreicht; der Weg zum Hauseingang führt nur durch diesen Vorgarten. Und vor dem Vorgarten wird bald ein weiterer Vorgarten angelegt, auch dieser gilt als Ausweis des Reichtums des Hausherrn. Dazu muss er schön und gepflegt sein. Der erstgenannte Vorgarten ist – im Bild gesprochen – Jesus, das zweite, zur Straße hin vorgelagerte Gartenstück, sind die Jünger, die Freunde Jesu.

Denn dieser Gott bindet das Kostbarste, das er der Welt geben kann, seine liebevolle Zuwendung, exklusiv an den Mittler Jesus Christus, nur durch ihn gibt es einen Weg zum Vater. Aber auch der zweite, äußere Vorgarten ist nach dieser Regel angelegt. Die Jüngergemeinde ist der Weg zu Jesus. Die Weise, wie es unter den Jüngern zugeht und wie sie sich verstehen und darbieten, das ist die Visitenkarte für ihren Herren, für Jesus, für Gott (vgl. Joh 15, 9-17). Und deshalb gilt im Vierten Evangelium: „Wie der ­Vater mich ..., so ... ich euch.“ Und das betrifft die Liebe, die Sendung und die Gabe der Herrlichkeit (Verherrlichung).

Die radikale Gabe des Lebens

Für die griechischen Leser des Vierten Evangeliums war es gut verständlich, wie Jesus hier von Freundschaft und Freundesliebe spricht. Für den Philosophen Aristoteles ist Freundschaft schließlich die Basis aller Sozialformen. Und für die ganze Antike ist das „Sterben des Freundes für den Freund“ der höchste Erweis der Freundesliebe. Daher greift Jesus in Johannes 15,13 eine sehr bekannte Denkform auf. Auch Jesu Jünger dürften dieses Bild intuitiv verstanden haben. Der Ausdruck „sein Leben einsetzen“ bedeutet nicht nur das Leben im Martyrium zu riskieren, sondern noch etwas ganz anderes, darüber Hinausweisendes: Jesus hat sein ganzes Leben als Dienst an den Jüngern verstanden; er hat es ihnen geweiht und geschenkt. Und er hat sie „bis zum Ende geliebt“ (Joh 13, 1). Das heißt: Er wollte nichts anderes sein als Gabe des Lebens für die Jünger, er persönlich. Das konnte er sein als „Gefäß“ für Gottes Wort, Vollmacht und Herrlichkeit.

Zu dieser Freundesliebe gibt es einen etwa 850 Jahre alten Text von Bernhard von Clairvaux, der mich immer schon tief beeindruckte: „Niemand hat eine größere Liebe als einer, der sein Leben für seine Freunde gibt: Du, o Herr, hast eine größere gehabt. Du hast es für Feinde hingegeben! Als wir nämlich noch Feinde waren, sind wir durch deinen Tod mit dir und dem Vater ausgesöhnt worden ... Kaum jemand stirbt für einen Gerechten: Du hast für Ungerechte gelitten und bist unserer Sünden wegen gestorben. Du bist gekommen, die Sünder, ohne dass sie es verdient hätten, gerecht zu machen, Knechte zu Brüdern, Gefangene zu Miterben, Verbannte zu Königen, dass er sein Leben dem Tod preisgab und die Sünden vieler trug, dass er sogar für die Schuldigen betete“ (Predigt in der Karwoche). Bernhard verbindet hier die parallelen Gedanken bei Paulus (Röm 5, 8-10) und im Vierten Evangelium. Dabei ist klar erkennbar: Für Paulus geht es um den Gegensatz zwischen Sklave und Freund. Für beide Autoren ist aber die radikale Gabe des Lebens durch den Freund der Maßstab, an dem das Evangelium gemessen wird.

Vom Lehrer zum Freund

Da Bernhard überdies weiß, „dass die Liebe des Herzens eine gewisse Ähnlichkeit zu ­körperlicher Liebe“ hat, kann er es wagen, das Hohelied des Alten Testaments als direkten Kommentar zu den Liebesaussagen im ­Johannesevangelium zu lesen: So interpretiert er beide Texte durch den jeweils anderen. „Als Bräutigam sagt er dies (das Hohelied), nicht als Herr. Wie? Er ist der Schöpfer und gibt sich als Gefährte aus? Die Liebe spricht hier, die keinen Herrn kennt. Es ist ja ein Liebeslied, und dieses durfte nur von Worten der Liebe getragen sein. Es liebt also Gott, und er hat das nicht von irgendwoher, sondern er selbst ist die Quelle der Liebe. Und daher liebt er umso stürmischer, da er nicht so sehr Liebe besitzt, als dass er diese selbst ist. Die er aber liebt, behandelt er als Freunde, nicht als Sklaven. Zuletzt wird er vom Lehrer zum Freund: Er würde seine Jünger nämlich nicht Freunde nennen, wenn sie es nicht wären“ (B. von Clairvaux, 59. Predigt zum Hohelied). Im Übrigen gibt es zu dieser Rolle der „Freunde“ in den Abschiedsreden des Johannesevangeliums eine Entsprechung im Matthäusevangelium. Nach Mt 28, 10 spricht Jesus mit einem Male nicht mehr von den Jüngern, sondern von den Brüdern, ­denen die Osterbotschaft auszurichten sei.

Verheißung von Leben und Licht

Dass der Weg zu Gott exklusiv durch den ­ersten und zweiten Vorgarten führt, ist auch das Neue und typisch Christliche nach dem Evangelium des Johannes. Über dieser Szenerie liegt nicht die Atmosphäre düsteren Zwanges, sondern – eben wie bei Vorgärten – eine Verheißung von Leben und Licht. Gott wohnt nicht direkt an der Straße; er mutet den Menschen nicht einfach zu, über alle Gräben hinweg an ihn, den Unsichtbaren zu glauben, sondern durch die beiden Vorgärten kann man sehen, wie er ist. Er lockt durch die geschwisterliche Gemeinschaft der Jünger und durch sein Abbild Jesus zum Eintritt in sein Grundstück. Und er ist sehr gastfrei in seinem Haus. Denn bei Gott ist immer Frühling. Die beiden Vorgärten wollen nicht ausschließen, sondern einladen. Nur so ist die Exklusivität im Vierten Evangelium zu verstehen.

Wir werden gewissermaßen „durchgereicht“. Das Prinzip der Weitergabe „Wie der Vater mich, so ich euch“ gilt in besonderer Weise auch von der Freude. Jesus spricht hier bei ­Johannes von seiner Freude und der Freude der Jünger, die „vollkommen“ ist, ohne Grenze und Trübung. Diese Freude ist in den Evangelien immer die Spur der Anwesenheit Gottes. Sie entspricht dem, was in jedem Garten Sonne und Regen, die Vielfalt und die Farben, das Wachsen und der Segen auf den Früchten ist – so wie wir von einer „lachenden Flur“ reden. Nirgendwo im Neuen Testament wird die Freude definiert.

Sachlich am nächsten stehen die Bilder in Offenbarung 21,3f.: Hier wohnt Gott gemeinsam mit den Menschen ... Alle Tränen wird er von ihren Augen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben und keine dumpfe Trauer, keine Verzweiflungsschreie und keinen peinigenden Schmerz. Denn alles, was früher war, ist vorbei.

Prof. Dr. Klaus Berger, Emeritus für Neutestamentliche Theologie an der Fakultät für Ev. Theologie, Heidelberg, veröffentlicht neben Monographien und Fachauf­sätzen regelmäßig Beiträge in der FAZ.  Sein Buch Jesus (© Pattloch Vlg., 2004), dem dieser Abschnitt entnommen ist, wurde ein Bestseller.

Quelle: Aus Klaus Berger, Jesus, © 2004 Pattloch Verlag.

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  • Klaus Berger

    Prof. Dr., Emeritus für Neutestamentliche Theologie an der Fakultät für Evangelische Theologie in Heidelberg, veröffentlicht neben Monographien und Fachaufsätzen regelmäßig Beiträge in der FAZ.

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