Den Himmel anstimmen

Copyright: alonis
Copyright: alonis

Himmelfahrt: Der bodenständigste Auftrag des Kirchenjahres

von Fulbert Steffensky

Der Himmel ist ein Ort und ein Versprechen: Als Himmel wird in antikem Weltbild der über der Erde liegende Raum ­bezeichnet, also eine Art Halbkugel, die sich über die Erde wölbt. Die Erde ist als Scheibe gedacht, und unter ihr die Unterwelt, über ihr das Gewölbe des Himmels. Im Sinn dieses Drei-Stockwerk-Bildes fährt Christus bei seiner Himmelfahrt nach oben. Dieses Weltbild, das man damals für naturwissenschaftlich korrekt gehalten hat, interessiert uns nicht mehr. Der Himmel ist ein Versprechen. Es ist die Sphäre Gottes, nicht identisch mit der Welt und nicht getrennt von ihr.

„Unser Vater im Himmel!“ heißt es im Hauptgebet der Christen. Gott hat den Himmel aufgerissen. Seine Engel steigen von dort herab. Christus selbst ist das „Brot, das vom Himmel gekommen ist“ (Johannes 6, 41). Die Todesverfallenheit der Welt ist aufgehoben in der ­Verbindung von Himmel und Erde, die die Christen an Weihnachten feiern. Paul Gerhardt singt in seinem Weihnachtslied: „Als mir das Reich genommen, da Fried und Freude lacht, da bist du, mein Heil, kommen und hast mich froh gemacht.“

Himmel grüßt Erde

Der Himmel ist nicht nur die Sache Gottes, das Verhalten der Menschen wird in diesem Bild beschrieben, so in den Himmelreichsgleichnissen, besonders bei Matthäus: Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker streut und auf die Ernte wartet. Oder: Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch ausstreut und wartet, bis ein großer Baum daraus wird und die Vögel des Himmels darin nisten. Das Himmelreich oder das Reich Gottes gleicht einem Schatz im ­Acker, den einer findet und für den er alles verkauft. Oder: Das Himmelreich ist das Netz, das gute und schlechte Fische fängt, und später werden die Engel ausgehen beim Gericht und die Guten und die Bösen trennen. Das Subjekt dieses Himmelreiches ist nicht mehr eindeutig. Einmal ist es Gott, wie im letzten Beispiel mit den Fischen, die im Gericht getrennt werden in Gut und Böse; dann aber auch der Mensch, wie der Mann, der den Schatz im Acker findet und dafür alles verkauft. Der Himmel ist nicht mehr ein Ort, es ist die andere Zeit, die Zukunft, die kommen soll. Es ist der Zustand, der sein soll, der sowohl von Gott als auch von Menschen herbeigeführt werden soll. Nicht nur ein Zukünftiges ist jener Himmel und das Reich Gottes, es ist in euch selber, heißt es bei Lukas in einem mystischen Bild.
Himmel wird zur regulativen Idee für die Erde selbst. In einem Lied von Kurt Marti heißt es: „Der Himmel, der ist, ist nicht der Himmel, der kommt, wenn einst Himmel und Erde vergehen. Der Himmel, der kommt, das ist die fröhliche Stadt und der Gott mit dem Antlitz des Menschen. Der Himmel, der kommt, grüßt schon die Erde, die ist, wenn die Liebe das ­Leben verändert.“

Mitarbeiter des Himmels

Der Himmel, der kommt, wird zum Bauplan der Welt, die ist. Er ist nichts völlig Anderes, er ist die Musik, die hier schon angestimmt werden soll. Es soll im Himmel wie auf Erden sein und auf Erden wie im Himmel. Gottes Wille soll geschehen im Himmel wie auf Erden, wie die Bitte des Vaterunsers sagt. Himmel heißt, eine Arbeit auf der Erde zu haben. Die große Würde des Menschen: Er ist nicht nur nacktes Spatzenjunges, das den religiösen Schnabel aufsperrt und auf die tägliche Gnadenfütterung Gottes wartet. Der Mensch ist Mitarbeiter und Co-Autor des Himmels. Der Mensch ist Autor des Trostes, der Gerechtigkeit, des Friedens ­dieser Welt.

Der Himmel ist aber auch ein Versprechen, das größer ist als alle Kraft der Menschen. Es ist der Ort der letzten Bergung der menschlichen Schicksale; ein Ort, an dem auch die Toten geborgen sind… Im letzten Buch der Bibel ­(Offenbarung 21) sind „ein neuer Himmel und eine neue Erde“ versprochen. Es ist die heilige Stadt Gottes, die vom Himmel herabkommt. Es ist Gottes Zelt bei den Menschen. In diesem Himmel ist versprochen: „Der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz.“ Wer die Toten nicht verloren geben und die Opfer nicht verraten will, hört nicht auf, auf jenen Himmel zu hoffen.

Von

  • Fulbert Steffensky

    Prof. Dr., lehrte Religionspädagogik in Hamburg. Der ehemalige Benediktinerabt (Abtei Maria Laach) konvertierte zum lutherischen Bekenntnis und heiratete die evangelische Theologin Dorothee Sölle. Er lebt heute in Hamburg.

    Alle Artikel von Fulbert Steffensky

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal