Bäume fällen, Träume pflanzen – oder umgekehrt

Copyright: OJC - Gärtner Robert Walther, OJC, gestaltet Garten und Burganlage auf Schloss Reichenberg.
Copyright: OJC - Gärtner Robert Walther, OJC, gestaltet Garten und Burganlage auf Schloss Reichenberg.

Auf den „Wegen zum Leben“ wird ausgelichtet

 

Robert, du hast schonungslos ausgelichtet auf dem Schlossgelände. Hätte es nicht sanfter zugehen können?

Ich habe mir gut überlegt, welches Gehölz ich rode. Hier standen die Linde und die Marone zur Auswahl. Die Marone ist zwar angeschlagen, aber sie ist schöner als die Linde und steht weiter weg vom Wald. Jetzt hat sie Platz, um ein stattlicher Baum zu werden. Weiter unten am Hang ließ ich eine Eiche stehen, die sehr nach oben ­geschossen war. Sie könnte noch Seitentriebe ausformen und die typische Silhouette bilden. Du siehst nur das Loch im Wald, ich sehe schon den großen, fertigen Baum und freue mich über jeden Zentimeter, den er wächst.

Am Südhang mag das angehen, aber im romantischen Burggarten?!

Wenn es heißt, die Burgmauern sollen hergerichtet werden, dann dürfen dort keine Bäume mehr wachsen. Sie ziehen den Kalk aus dem Mörtel, drücken mit den Wurzeln gegen die Mauer. Mit der Entscheidung, dass wir das Gebäude erhalten wollen, war die Axt schon an die Bäume gelegt. Ich höre oft: Ja, früher war das da oben wie im Märchen, ein Dornröschentraum! Die Romantik träumt gern ­etwas in die Dinge hinein, die uneindeutig sind – man schwebt in unendlichen Möglichkeiten. Mit dem Projekt Religionspädago­gisches Erfahrungsfeld ist die Romantik vorerst raus. Da wird‘s konkret.

Wie kommt in das Entzauberte wieder Atmosphäre?

Das ist ein langer Prozess, und der ist nicht immer absehbar. Im verwucherten Obstgarten zum Beispiel, wo ich am schonungslosesten aufgeräumt habe, kam die sprichwörtliche nackte Wahrheit zum Vorschein: unter Gestrüpp und Wurzeln lag der Glas- und Plastikmüll von 60 Jahren. Wir mussten den Boden abtragen, sieben und haufenweise Glasscherben entsorgen. Es entstand eine Kraterlandschaft, krumm und schief. Wir haben sie mit Erde aufgefüllt und eingeebnet. Jetzt ist da, mitten im Hang, eine grasbewachsene Terrasse, und das ist goldrichtig, denn Ute* braucht auch ebene Flächen für die Gruppenspiele.

Sollte dort nicht eine Station installiert werden?

Eins nach dem anderen. Wenn’s nach den ­offensiven Ideen ginge, wäre der Obstgarten im Handumdrehen mit Gerätschaften vollgestellt. Vorerst wird dieses Areal aber durch Spiele gestaltet. Später entscheiden wir, was dort gepflanzt und aufgebaut werden soll.

Wer gibt das Tempo vor – der Garten oder der Gärtner?

Gestalterisches Eingreifen und natürliches Wachstum spielen ineinander. Ich musste erst alle Jahreszeiten erlebt haben, um zu sehen, wie sich die Bäume verhalten. Es wäre doch schade gewesen, wenn ich einen gesunden schlage und sich dann rausstellt, dass der andere, den ich aus optischen Gründen stehen ließ, krank ist. Es braucht ein weiteres Jahr, um Ideen nach vorne zu entwickeln und zu überlegen, wie das Erfahrungsfeld gärtnerisch gestaltet werden kann.

Das Gärtnerische ist nur ein Aspekt von vielen. An die 10 Leute arbeiten kontinuierlich im Gelände. Da gibt es sicher unterschiedliche Vorstellungen.

Natürlich. Das pädagogische Team möchte ­Elemente des Gartens miteinbeziehen: grünes Labyrinth, Mauern, Lichtungen. Aber die lassen sich nicht aus dem Boden stampfen. Dennoch müssen bald Lösungen her. Die größte Herausforderung für mich ist die Spannung, dass wir nach unterschiedlichen Gesichtspunkten an das Projekt herangehen, aber es gemeinsam entwickeln. Das ist sozusagen mein persönliches Erfahrungsfeld: Wie gelingt es mir, mit Pädagogen, Zimmerleuten, Maurern, Bildhauern und der quirligen Schlossfamilie so an einem Strang zu ziehen, dass etwas Schöneres und Größeres herauskommt, als das, was jeder für sich allein zustandebringen könnte.

Heißt das, das Erfahrungsfeld ist noch gar nicht wirklich vorhanden?  

Burg, Verlies, Kellergewölbe, Brunnen – das ist alles schon da. Auch die mobilen Stationen im Rittersaal. Aber das Angebot lebt vor allem von der Interaktion bei den Führungen. Die Landschaft selbst muss den Visionen hinterherwachsen – oder auch voraus, je nachdem. Wir bauen ja keine Parkanlage, sondern einen Raum, in dem Menschen dazu angeregt werden sollen, sich Gott zu nähern und zu öffnen.

Wie kann ein Garten zur Interaktion herausfordern?

Da gibt es viele Möglichkeiten, z. B. durch die Lenkung von Bewegung und Blick. Wenn ich enge Tunnel baue, müssen sich die Leute ­ducken, um durchzukommen. Wenn sich der Raum wieder öffnet, entsteht ein neuer Eindruck, es wird hell, man schaut nach oben. Oder ich lege einen Barfußpfad an. Auf ­feinem, samtigen Sand läuft man angenehm, das zieht nach vorne. Wenn dort Steine liegen, zaudert man und verlangsamt das Tempo. Bei einem Parcours mit Hindernissen muss man klettern, krabbeln oder balancieren und erfinderisch werden.

Und wie kommt die „Botschaft“ ins Spiel?

Wenn jemand durch einen grünen Korridor ­s-förmig zum „Garten der Verheißung“ ­gelenkt wird, dann sieht und weiß er nicht ­genau, was ihn erwartet, er muss sich auf Überraschungen einstellen. Das ist im Glaubensleben nicht anders. Man muss etwas ­riskieren, um voranzukommen. Mit solchen Elementen kann man in die Reflexion einsteigen. Ein anderes wäre die „Klagemauer“, da liegt der Bezug zum biblischen Glauben auf der Hand.

Eden als Inbegriff von Garten – ist das ein Bezugspunkt für dich?

Nun ja, in der Pflanzenwelt geht es nicht idyllischer zu als in der Tierwelt: auch dort tobt der Kampf um Dominanz und Überleben. ­Eine junge Buche z. B. kann eine gestandene Eiche in wenigen Jahren regelrecht erdrosseln, indem sie ihr Laub über deren Blätter legt, Etage für Etage, sodass die Eiche kein Licht mehr bekommt und verdorrt. Wie hat man sich eine paradiesische Vegetation vorzustellen, die nicht den Gesetzen von Sünde und Kampf unterliegt? Ich grüble oft darüber. Es muss alles in der Weise an seinem Platz stehen, dass das eine das andere nicht hindert, sondern fördert oder zur Geltung bringt. Gärtnern bedeutet dann, sich diesem Kompositionsprinzip anzunähern.

Du gärtnerst ja nicht nur mit Axt, Hacke und Schere, sondern auch mit der Mannschaft.

Aha, und jetzt soll ich ausführen, worin sich Setzlinge und Freiwillige ähneln? (lacht)

Na ja, die Bäume bleiben, die Menschen gehen, aber sonst ...

Vergleichbar sind bestimmte Gesetzmäßigkeiten des Lebens. Da hilft mir die Wortfamilie „ziehen – zeugen – erziehen – züchten – züchtigen“. Den Baum ziehe ich, meine Kinder ­erziehe ich. Züchtigen hat einen negativen Touch, aber es ist wichtig. Eine Tomate etwa kippt um, wenn sie zu groß wird. Ich muss sie an einen Stock binden, sonst kriecht sie nur am Boden und ihre Früchte verfaulen, bevor sie reif sind.  

Die Arbeit mit den Freiwilligen ist auch ein Hegen und Pflegen. Jeder soll entfalten können, was in ihm angelegt ist, und wir, ihre Begleiter, wollen das im Blick behalten. Dazu braucht es auch Grenzen, Aufgaben – „Stöcke“ eben, an denen sie sich aufrichten können. Dann heißt es: Jetzt konzentriere dich mal auf eine Sache und suche nicht in tausend Richtungen, sondern komm erst mal hoch!

Hier hört die Analogie aber auch auf. Pflanzen sind durch ihre Art determiniert. Eine Haselnuss wächst immer fächerförmig und ist im Sommer blickdicht, während die Schlehe in alle Richtungen wuchert und Dornen hat. Es kommt nie umgekehrt. Menschen sind Originale, einzigartig. Ich darf niemanden in eine Richtung trimmen oder an ihm herumexperimentieren. Die Pflanze ist Gegenstand meines Gestaltungswillens; der Mensch ist mein Gegenüber.

Sind wir Menschen im Garten Gottes eher Tomaten oder eher Freiwillige?

Tomaten sind wir insofern, als der Lebens­boden, in dem wir wurzeln, Wasser, Licht und der Stock vorgegeben sind. Gott hat uns den Platz zugewiesen, an dem wir soviel Frucht bringen können von der Güteklasse, wie er es für sein Reich braucht. Wir meinen oft, unter anderen Umständen wäre unser Tun ertragreicher: Hätten wir nur mehr Licht, bessere Erde, mehr Dünger abgekriegt... Aber wir dürfen darauf vertrauen, dass er uns nicht vorenthält, was wir brauchen.

Grundsätzlich erschöpft sich unsere Bestimmung sicher nicht im Tomatendasein, auch dieses Bild hat seine Grenze. Unsere Berufung ist es doch, von ihm das Gärtnern zu erlernen, diese schöne Welt, seine Schöpfung zu hegen, darin selbst schöpferisch tätig zu werden. Als Mensch bin ich nicht bloß Objekt der Schöpfung, sondern ein Gegenüber des Schöpfers. Das ist eine große Freiheit, ein großes Privileg und eine große Verantwortung.

Bäume fällen, Träume pflanzen – oder umgekehrt

Robert Walther, Landschaftsgärtner, lebt seit 2009 mit seiner Frau Manuela und ihren Kindern auf Schloss Reichenberg. Seinen ersten Baum fällte er mit 3 Jahren. – Das Gespräch führte Írisz Sipos.


* Ute Paul (OJC) leitet die pädagogische Arbeit im Erfahrungsfeld „Wege zum Leben“ auf Schloss Reichenberg.

Von

  • Írisz Sipos

    ist stellvertretende Chefredakteurin des Salzkorns und mitverantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der OJC-Kommunität.

    Alle Artikel von Írisz Sipos

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