Editorial über den Garten, die Vernunft und die Kreatur

Liebe Freunde!

Offensichtlich entzückt war der Russe Juri Gagarin, als er vor einem halben Jahrhundert sehen durfte, was kein Mensch vor ihm je gesehen hatte: den Anblick der Erde aus dem All. „Blau und hell wie eine Taube liegt sie da“, entfuhr es dem Kosmonauten via Satellitentelefon. Himmel grüßt Erde. Unsere Perspektive ist meist andersherum. Wir stehen auf der Erde und haben den Himmel im Blick. Und dieser Tage spannt sich der Himmel über uns blau und hell wie ­eine Taube.

Im Garten unseres Lebens

Das Spiel zwischen Himmel und Erde umfasst uns. In den greifbaren Bereichen ebenso wie dort, wo das Verborgene, die geheimnisvolle Anwesenheit Gottes in unser Leben hineinragt. Im spannungsreichen Raum zwischen Himmel und Erde gestalten wir unser Sein, ­gestalten wir den Garten unseres Lebens. Hier wird gepflanzt und gejätet, gedüngt und gegossen, geerntet und begraben. Schon in der ­Erzählung vom Anfang der Welt kommt dem Garten entscheidende Bedeutung zu: Eden, der vollkommene Garten, rundet sich zur Heimat um Adam und Eva. Die Vertreibung aus dem Paradies hat dem Menschen den Hort der Vollkommenheit genommen. Geblieben ist die Sehnsucht, das Leben zu gestalten. Gewachsen ist die Notwendigkeit, Verantwortung zu übernehmen, um in den unvollkommenen Verhältnissen jenseits von Eden Leben und Schönheit, Frucht und Gedeihen zu ermöglichen. Verwurzelt in Christus, dem neuen Adam, verankert im Hier und Jetzt des erneuerten Lebens, zu dem uns der Auferstandene befähigt. So können wir in allem irdischen Tun bereits das Reich mitgestalten, das Gott unter uns errichten will. „Den Himmel anstimmen“ – dazu ­ermutigt Fulbert Steffensky in dieser Zeit des Kirchenjahres zwischen leerem Grab, geöffnetem Himmel und dem vom Pfingstgeist durchwehten Erdenkreis.

Der Auftrag der Gärnter

In seinem Essay „Im Garten“ lädt Heinrich Rombach zu einem hortensischen Lebensmodus ein. In einer sich selbst überlassenen Wildnis erstickt alles; bleibt es bei bloßer Planung, verkümmert die Lebendigkeit. Wenn wir aber alle Bereiche menschlichen Lebens als einen gärtnerischen Auftrag begreifen, bleibt das wachstümlich Vitale und das gestalterisch Ordnende in einer dynamischen Balance.

Die Natur- und Umweltkatastrophen im Golf von Mexiko und in Fukushima haben uns eindrücklich vor Augen geführt, dass die ganze Welt mittlerweile ein unteilbarer Lebensbereich ist. Uns steht nur diese begrenzte Fläche dieses einen Planeten zur Verfügung. Wie wir sie mit Verstand bewirtschaften können und warum wir nicht alles dürfen, was wir können, erklärt der Philosoph Robert Spaemann in einem eindrücklichen Gespräch mit Ewigkeitshorizont.

Der Genuss der Früchte

Von der Garten-Metapher ins handfeste Dickicht schlägt Robert Walther, unser Landschaftsgärtner auf Schloss Reichenberg, die Schneise. Luft und Licht sind unverzichtbar, wenn Neues wachsen und in Form kommen soll (S. 68).  Und: Genuss ist die Folge der Kultivierung! Was man mit den Früchten des Gartens (und des Meeres) Wundervolles machen kann und wie das Glück des Miteinander-Essens Gemeinschaft befeuert, haben wir bei unserem jungen Mitarbeiter-Ehepaar Carolin und Daniel Schneider mitprotokolliert. Sehr lecker und überhaupt das erste Rezept nach 245 OJC-Heften!

Leiterwechsel nach Neuformation

Zum Lebensgarten gehören Veränderungen so selbstverständlich wie die wechselnden Jahreszeiten. Eben diese Jahreszeiten kündigen auch in der OJC-Gemeinschaft Veränderungen an:  Wir bereiten uns auf einen Leiterwechsel vor. Nach drei Wahlperioden und zwölf erfüllten Jahren in der OJC werde ich im Sommer 2012 meine Leitungsverantwortung als Prior abgeben. Das wird für manche von Euch überraschend sein. Deshalb wollen wir Euch gerne Anteil geben an den Prozessen, die zu dieser Entscheidung gehören:

Es war ein starker Ruf, der meine Frau Christine und mich und unsere drei Kinder im Jahr 2000 nach Reichelsheim gebracht hat. Die Mission war klar: den wichtigen Übergang vom Gründer in die nächste Generation zu ­ermöglichen, zu moderieren und zu gestalten. Diese Mission hat nach einem sehr anspruchsvollen und gesegneten Weg einen vorläufigen Abschluss gefunden. Der notwendige Reformationsprozess der Gemeinschaft bekam durch die Gründung der Kommunität 2008 einen wichtigen, stabilisierenden Doppelpunkt.

Berufungs-Mission erfüllt

Da unsere persönliche Berufung nach Reichelsheim unmittelbar mit der Aufgabe der Neuformation der Gemeinschaft verbunden war, mussten Christine und ich uns bei diesem Doppelpunkt fragen: „Und jetzt? War das unsere Mission oder schenkt Gott uns noch eine neue Berufung über den Reformations­bogen der OJC hinaus?“ Nach einer intensiven Phase der Prüfung haben wir im Hören auf Gott und aufeinander wahrnehmen können, dass eine Veränderung ansteht. Und zwar sowohl für die OJC im Weitergehen und Weiterwachsen als Kommunität und Glaubenswerk als auch für uns als Ehepaar und Familie.

Was das genau für unsere Zukunft als Kleinfamilie bedeutet, wissen wir noch nicht; sie ist im besten Sinne offen. Aber wir hoffen und vertrauen, dass Gott den richtigen Zeitplan und den richtigen Ort parat hat, um uns in „ein Neues“ wachsen zu lassen. Ganz sicher werden wir mit dem Auftrag der OJC verbunden bleiben – aber in einer anderen Anbindung und Aufgabe als bislang.

Debatte um EKD-Pfarrdienstgesetz

Hohe Wellen geschlagen hat das letzte Salzkorn über „Kirche, Sex und Schriftverständnis“. Obwohl wir die Leserbriefseiten auf vier erweitert haben, konnten wir nur einen Teil der eingegangenen Rückmeldungen abdrucken. Das bestätigt uns darin, dass es richtig war, die Thematik ans Licht zu heben und dabei heftigen Gegenwind und auch Anfeindung in Kauf zu nehmen.

Ohne den Appell der acht Alt­bischöfe und die kritische Durchsicht des EKD-Pfarrdienstgesetzes wäre der Weckruf an die evangelischen Mitchristen wohl ausgeblieben. Das Kirchenvolk hätte die kirchenrechtliche Neudefinition von „familiärem Zusammenleben“ fröhlich verschlafen und den Flurschaden am Fundament des biblischen Bekenntnisses und in der Ökumene erst in den kommenden ­Monaten und Jahren bemerkt. Mit Kopfschütteln hat mir ein für die Ökumene engagierter Kardinal jüngst bei einer Begegnung in Rom bestätigt, dass der §39 des EKD-Pfarrdienst­gesetz für ihn die größte ökumenische Irritation der vergangenen Jahre sei: „Wie konnte man nur für das Linsengericht eines gemeinsamen juristischen Dienstrechtes das theologische Fundament einer christlichen Anthropologie verkaufen?“ Darüber muss sich die evangelische Kirche in der Tat Gedanken machen – und sie tut es auch.

Die Synoden wachen auf

Das Pfarrdienstgesetz ist inzwischen in den ­ersten Landessynoden angekommen. Der Weckruf auch. Die Frühjahrssynode der Badischen Landeskirche hat es mehrheitlich ab­gelehnt, den kritischen Passus in den ­Anmerkungen zum Gesetzestext, der diese ­alternative Partnerschaftsformen an die Seite der Ehe stellt, zu übernehmen. Damit sind sie dem Appell der acht Altbischöfe gefolgt. Die Württembergische Landeskirche wird zur Frage Homosexualität und Kirche im Sommer ­einen synodalen Sonderstudientag anberaumen. Es bleibt die Chance einer Besinnung in den Landeskirchen auf das biblische Bekenntnis gerade in diesen heiklen Fragen. Nehmt Eure Bürgerpflicht als Christen wahr, indem Ihr die Synodalen Eurer Landeskirche weiter auf die Brisanz der Thematik hinweist! Der profilierte evangelische Neutestamentler und Altbischof Ulrich Wilckens legt noch einmal kurz und knapp auf biblischer Grundlage dar, warum für Christen die Ehe allein die verbindliche Partnerschaft von Mann und Frau sein kann: Es geht um den guten Willen des Schöpfers für seine Geschöpfe.

Empört hat uns die Nachricht aus Uganda, wo dieser Tage eine Gesetzesinitiative vorgelegt wurde, die homosexuelles Verhalten mit der Todesstrafe ahnden will. Dieses Vorhaben missbilligen wir auf das Schärfste. Auch hier sind wir als Christen gefordert und unser Einspruch ist gefragt. Deswegen haben viele von uns die Petition  gegen das Anti-Homosexuellengesetz unterzeichnet. Es ist für die Nachfolger Jesu elementar, Sünde zu erkennen und zu benennen, aber den Sünder zu achten und zu lieben und für sein Leben einzustehen. Nur wenn wir diese Spannkraft aufbringen, übersetzen wir die Botschaft des Evangeliums in die Gesellschaft unserer Zeit.

Pflanzstätten mit Perspektive

Wer den Zusammenhang von Geschichte und Gegenwart, von Glaube und Kultur wie in ­einem lebendigen Lehrbuch studieren mag, der kann mit Gemeinde, Schulklasse oder Mitarbeiterkollegium einen Tagesausflug auf Schloss Reichenberg buchen. Das erlebnis- und religionspädagogische Erfahrungsfeld „Wege zum Leben“ hat jetzt Fahrt aufgenommen. Das Thema Freundschaft steht im Mittelpunkt. Noch gibt es freie Termine für die Saison.

Wie wir Circles of Hope, Orte der Hoffnung in Kirche und Gesellschaft, pflanzen und damit zu einer Transformation, zu einer Kultur des Lebens beitragen – das wird unser Thema am Tag der Offensive am 2. Juni sein. Kommt mit Euren Freunden und Jugendgruppen zu einem Mutmach-, Mitmach- und Feier-Tag, der nach oben zieht: Es ist schließlich Christi Himmelfahrt.

Paten und Freunde

Gewachsen ist auch unsere OJC-­Patenaktion mit der wir jetzt seit drei Monaten unterwegs sind. Wir wollen 500 Freunde in diesem Jahr gewinnen, die uns mit einem Euro am Tag unterstützen, damit unser Dienst in Kirche und Gesellschaft eine stabile finanzielle Grundlage bekommt und weiter ­getan werden kann. Wir haben inzwischen die ersten 130 Unterstützer gewonnen und wollen glauben, dass sich auch die noch Fehlenden finden lassen. Prüft Euer Herz, werdet ­OJC-Pate oder gewinnt einen Freund als OJC-Paten. Es ist ein kleiner Beitrag für ­beherzte Einzelne mit einer großen Reichweite für viele Menschen. Hängt Euch ein in die Herzenskette der Unterstützer!

Was braucht ein Garten? Einsatz und Hingabe, Engagement und Geduld. Was wachsen soll, braucht Fürsorge und Zeit. Wenn „Seminarium“ Pflanzstätte bedeutet, dann sind Gärtner und Gärtnerinnen in diesem Sinne das Kollegium im Garten des Herrn: Wachstums-Ermöglicher für „Seminaristen“, Ernte-Fürsorger, Lebens-Liebhaber. Dazu wollen wir ermutigen und einladen; mit diesem Heft und mit dem ganzen Dienst der Offensive Junger Christen in Reichelsheim, Greifswald und ­anderswo. Denn der Himmel, der kommt, grüßt die Erde, die ist.

Herzlich, Ihr und Euer

Dr. Dominik Klenk

Reichelsheim, den 12. Mai 2011

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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