anstrengend, wunderbar, erfüllt

Dominik und Christine Klenk
Dominik und Christine Klenk

Vom Hirtenstab zum Wanderstab: Christine und Dominik Klenk berichten über ihre Neuausrichtung

Interview von Michael Wolf

Im Frühjahr 2012 wird Dominik Klenk nach drei Wahlperioden und 12 Jahren die ­Leitung der OJC abgeben. Dominik und Christine werden dann mit ihrer Familie in Neuland aufbrechen. Michael Wolf fragte (am Tag der Offensive) nach, wie die Entscheidung zustande kam und wie es für sie als Familie weitergehen wird.

Euer Weggehen hat mit eurem Kommen zu tun. Was war eure Motivation, als ihr im Jahr 2000 mit euren drei Kindern nach Reichelsheim gezogen seid?

Dominik Klenk: Unsere Berufung nach Reichelsheim hatte etwas Unwiderstehliches. Nicht, weil die OJC eine so fantastische Herde, sondern weil die Berufung als solche sehr stark spürbar war. Es war eine Art heiliger Zwang, wie beim Propheten Jona: Wir hätten zwar weglaufen können, aber der Ruf hätte uns unweigerlich eingeholt, die Richtung war vorgegeben. Der Handlungsbedarf, so empfand ich es, war zwingend. Unser väterlicher Freund und Mentor Bas Leenman, der die OJC-Gemeinschaft einige Jahre begleitet und inspiriert hatte, fand die für uns ausschlaggebenden Worte zur Situation: „Dominik, das Schiff der OJC braucht einen neuen Kapitän. Die Mannschaft ist zerstritten, die Segel müssen gerichtet werden, es gibt Probleme, die jetzt zu lösen sind – und es ist deine Aufgabe, dies zu tun!“ Bas war ein Mensch, der sehr gut zuhören konnte und nie ein direktives Wort an mich richtete – bis auf dieses einzige Mal. Die Klarheit und Verbindlichkeit seiner Einschätzung traf ins Herz. Er bestätigte den Auftrag, eine Neuformation der OJC zu ermöglichen.

Wie habt ihr den Einstieg persönlich erlebt?

Christine Klenk: Wir kannten ja beide die Gemeinschaft aus unterschiedlichen Perspektiven ganz gut. Dominik ist in der Großfamilie in Bensheim groß geworden, ich habe einige Zeit erst als FSJ-lerin, und nach meinem Studium als Mitarbeiterin hier gelebt. Die Offensive war uns vertraut, zu vielen Menschen waren Freundschaften gewachsen. Dennoch brachte die Situation der Gemeinschaft im Umbruch viel Neues und Unvorhergesehenes für uns.  Das war spannend bis aufregend. Wir sind ­anfangs wirklich von Krise zu Krise gegangen; das betraf vor allem die inneren Prozesse der Gemeinschaft und Einzelner.
Doch auch im praktischen Zusammenleben war in dieser Zeit Gestaltungskraft gefragt. Mit uns kamen noch zwei Familien, es gab also wieder kleine Kinder unter uns. Wir suchten nach neuen Formen, um ihnen einerseits Raum in der Gemeinschaft zu geben, andererseits aber auch ein Gleichgewicht zwischen kommunitärem Leben und Familienleben zu ermög­lichen. Dabei  haben sich z. B. unsere Feste verändert, die dann nicht mehr ganz so meditativ waren, sondern quirliger und durchmischter wurden. Der Spielraum, um Neues zu prägen, war groß, Experimentieren gefragt!

Dominik: Fest steht: Das vergangene Jahrzehnt mit der OJC war die bislang intensivste Zeit unseres ­Lebens. Vieles, was das gemeinschaftliche Leben und Arbeiten besonders in den ersten Jahren belastete, war nach menschlichem Ermessen gar nicht zu tragen. Und die Erfahrung, an die Grenze des menschlich Machbaren zu kommen, hat etwas mit uns gemacht. Die ersten Ferien nach unserem Kommen verbrachten wir im Sommer 2001 in einer wunderbaren Landschaft auf Korsika. Und doch war es ein furchtbarer Urlaub, weil ich die ersten zwei Wochen jeden Abend mit einem OJC-Problem zu Bett gegangen und jeden Morgen mit einem OJC-Problem aufgewacht bin. Selbst während ich mit den Kindern Sandburgen baute, wälzte ich ständig OJC-Rädchen: unzählige ungelöste Konflikte, dringende Aufräumarbeit … ich war verzweifelt.
Die Insel hat nicht nur Wasser drum herum, sondern auch wunderbare Süßwasserflüsse. An ­einem dieser Flüsse habe ich versucht, ein wenig Einsamkeit und Abstand zu gewinnen. Ich lief den Liamone flussaufwärts und sagte: „Lieber Gott, die Aufgabe in der OJC ist mir zu groß. Ich bin nicht in der Lage, sie zu bewältigen. Wenn du willst, dass wir bleiben, musst du mir ein eindeu­tiges Zeichen schenken.“ Zehn Minuten später trieb mir das Wasser ­einen festen, knotigen Hirtenstab entgegen, er schwamm genau auf mich zu.
Ich ­ergriff ihn und wusste: Die Berufung gilt! Die Neuformation der OJC ist mein Auftrag! Gott geht mit! Heute kann ich nur staunen: Es ist eine anstrengende, aber zugleich wunderbare und erfüllte Zeit geworden.

Wann hat sich für euch abgezeichnet, dass euer Weg wieder aus der OJC hinausführen könnte?

Christine: Die Kommunitätsgründung im April 2008 wurde für uns zu einem Doppelpunkt und es tauchte ein ganz klares Stoppzeichen auf. Wir hatten den Eindruck: es ist nicht an uns, die Kommunität mitzugründen. ­Diese Fundamentierung gebührt denen, die bereits ihr Leben in der OJC verbürgt haben. Stoppzeichen übergeht man leicht, vor allem, wenn anscheinend alles gut läuft. Deshalb war es wichtig, innezuhalten. Wir mussten uns der Frage stellen, ob unser Auftrag in der OJC zugleich die Berufung in eine Kommunität auf Lebenszeit ist. Es gab verschiedene Signale, die uns veranlassten, das sehr genau zu prüfen. In unserer Sabbatzeit 2009 begann ein neuer Prozess der gemeinsamen Wegsuche. Wir ­haben gemerkt: Gott setzt noch einmal ganz neu an und fragt uns – uns als Ehepaar. Auf diesem Weg wurde immer klarer: Es wartet noch mal etwas Neues auf uns. Die Entscheidung, erneut weiterzuziehen, ist nicht über Nacht gekommen. Wir waren die letzten drei Jahre im Hören, in der Stille, im Gespräch miteinander, hatten Begleitung durch Freunde und Mentoren von außerhalb.

Welche Gründe haben zu dieser Entscheidung geführt?

Dominik: Innere und äußere Gründe. Als wir nach Reichelsheim kamen, legte sich – quasi über Nacht – die „Last der Gemeinschaft“ auf unsere Schultern. Es galt, sie anzunehmen und anzugehen. Der Auftrag der „Neuformation der Gemeinschaft“ kam dann 2008 zu ­einem vorläufigen Abschluss und unser Berufungshorizont damit zu einem Doppelpunkt.
Wir denken ja oft linear und versuchen Prozesse chronologisch zu sortieren und zu planen, um das Ziel mit einer möglichst geraden Linie in die Zukunft zu zeichnen. So ist es im lebendigen Leben, bei Gott aber nicht. In der Bibel spielt der Chronos zwar auch eine Rolle, ausschlaggebender aber ist der Kairos. Wir sind immer wieder neu herausgefordert, den rechten Zeitpunkt zu erfassen: Wann ist was dran? Wer ist der richtige Mann oder die richtige Frau zur richtigen Zeit am richtigen Ort?
Es gäbe für uns hundert gute Gründe, zu bleiben. Aber unsere Berufung hat sich nicht über den Neuformationsauftrag hinaus erneuert. Wir vertrauen darauf,  dass wir unser Pfund zur rechten Zeit eingebracht haben. Die Gemeinschaft hat ihren ersten Generationswechsel bewältigt. Das ist bemerkenswert und selten. Wir haben gemeinsam gute Strukturen geschaffen, Mitarbeiter für ihre Aufgaben ­autorisiert und der Kommunität mit der Grammatik eine Lebensordnung gegeben. Vor elf Jahren habe ich als jüngster Mitarbeiter die Leitung übernommen. Wenn wir heute am Kommunitätstag mit 40 Mitarbeitern zusammenkommen, dann ist die Hälfte aus der Runde jünger als ich. Das ist großartig. Aber nach über einem Jahrzehnt der Leitung ist es jetzt auch Zeit für eine neue Stimme, die vielleicht auch gerade das ergänzt und ausbaut, was meine Begrenzung war. Das wirklich Schöne ist: es gibt heute in der OJC befähigte Mitarbeiter, die dieses Amt wahrnehmen können.

Wie geht es für euch weiter? Werdet ihr in Reichelsheim bleiben?

Christine: Da hilft die Grammatik der Gemeinschaft weiter. Darin steht, dass der scheidende Leiter den Ort verlässt. Er macht Platz für das Neue, für die Neuen. Es zieht uns nicht unbedingt ganz weit weg, aber ich denke, ein Ortswechsel ist auf jeden Fall dran. Wir haben den Wunsch, Verbindung zu halten, aber in welcher Form, muss sich noch zeigen.

Wie könnte eure Verbindung zur OJC in Zukunft aussehen?

Dominik: Das ist eine spannende Frage. Man kann über die Geschichte immer besser reden als über die Zukunft. Ganz sicher wird eine große, tiefe und herzliche Verbundenheit zur OJC bleiben. Wir haben in und mit dieser ­Gemeinschaft gelebt, die Menschen sind uns lieb und zu Geschwistern geworden. Auch der Auftrag und die inhaltlichen Anliegen der OJC liegen uns am Herzen. Wie genau eine Zusammenarbeit aussehen kann, in welcher Intensität, in welcher Form, das muss die Kommunität entscheiden und zwar mit ihrem neuen Leiter. Fest steht: Wir gehen nicht, weil eine größere Aufgabe auf uns wartet oder weil wir gewaltigere Steine bewegen wollen. Im ­Gegenteil –  nach dieser intensiven und sehr fordernden Phase wünschen wir uns als Ehepaar und als Familie Zeit und Raum für die Dinge, die unter der Last der Leitung zu kurz gekommen sind. Bis dahin ist aber noch einiges zu tun, denn die Amtsübergabe ist erst im nächsten Jahr. Jetzt sind wir noch ganz da!

Michael Wolf: Ich möchte euch schon an dieser Stelle von ganzem Herzen dafür danken, dass ihr euch auf das Experiment Gemeinschaft mit uns eingelassen habt. Wir respektieren eure Entscheidung. Ich möchte ausdrücklich sagen, dass unsere Zusammenarbeit in den elf Jahren immer vertrauensvoll, inspiriert und meist von großer Leichtigkeit war. Danke für euren großherzigen Einsatz seit 2000. Wir freuen uns sehr auf das vor uns liegende gemeinsame Jahr und wollen es in dem Vertrauen angehen, dass Gott etwas Gutes und Neues mit euch und mit uns vorhat.

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