Editorial zur Frage, was aus einer Herde Schafen eine scharfe Herde macht

Copyright: Nick Garrod
Copyright: Nick Garrod

von Dominik Klenk

Liebe Freunde!

"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein." Diese treffgenaue Sentenz über die Relativität des Schafseins stammt von ­Albert Einstein. Und sie trifft immer noch. Allerdings bleibt die Beobachtung des Relativitätsexperten allgemein und unterhalb der Mess­linie geistlicher Gemeinschaft, die biblisch als Herde ins Bild gerückt wird. Die trottet nicht irgendwelchen Leithammeln hinterher, sondern folgt – mit scha(r)fem Gehör – der Stimme des Hirten.

Der Blick auf die Situation und die Größe der Herde in den Kirchen in unserem Land lässt die Brauen nach oben schnellen: Es ist festzustellen, dass die evangelischen Landeskirchen seit dem Krieg die Hälfte ihrer Mitgliederzahl eingebüßt hat. Auch die Katholische Kirche ist deutlich geschrumpft, wenn auch nicht im selben Ausmaß. Ein Wachstum der Freikirchen in diesen Jahrzehnten ist zwar quantitativ messbar, ihre Größenordnung aber ist mit jener der historischen Konfessionen in keiner Weise vergleichbar.

Leben im Sch(l)afanzug?    

Die Nachfolger von Jesus Christus tun sicherlich gut daran, sich nicht über die Menge ihrer Mitglieder zu definieren. Aber die Frage nach der Wirkkraft der kleinen Schar macht nachdenklich. Was darf uns der Glaube heute noch kosten? Ein befreundeter Pastor beschrieb kürzlich den Tagesablauf eines Durchschnittbürgers in unseren Breitengraden wie folgt: „Wir gehen zur Arbeit. Wir ­essen. Wir schauen fern. Wir schlafen. Wir gehen zur Arbeit. Wir essen. Wir schauen fern. Wir schlafen.“ Ist das wahr? Ist das unser ­Leben? Nein, das ist nicht unser Leben, das ist das Leben der Anderen! Bei uns soll es anders sein. Ist es bei uns anders?
Fest steht, dass die Umstände unseres Lebens an uns zerren – heute mehr denn je. Dass sich die Geschwindigkeit der Ereignisse beschleunigt haben. Wir erleben mehr Anforderungen und Druck im Beruf und weniger gemeinsame Mahlzeiten am Tisch. Zentrifugale Kräfte treiben uns auseinander.
Wie wird der Glaube wieder ansteckend? Wie entfaltet sich die Kraft des Evangeliums immer wieder neu? Wie bleibt der Glaube nicht nur Privatsache, sondern wirkt als kulturprägende Kraft – als Salz der Erde und Licht der Welt? Wie also wird aus einer Herde Schafe wieder eine scharfe Herde?!

Kraftfutter für die Herde

„Es ist freilich kein Vorteil für die Herde, wenn der Schäfer auch ein Schaf ist“, resonniert J.W.Goethe. In der Tat, auf den Hirten kommt es an. Den Angelpunkt der „scharfen Herde“ nimmt Peter Zimmerling ins Visier: Christi Himmelfahrt, die Regierungserklärung unseres Herrn. Das ist eine Ausgangsposition, von der wir uns wieder kraftvoll ausrichten können. Denn unser Schäfer ist der Herr der Herren. Die Alleinstellungsmerkmale dieses gewaltfreien, aber wirkstarken Christus-Manifestes (Lukas 10) sind Kraftfutter für jede Gemeindeherde, die wieder neu miteinander aufbrechen will.
Das Miteinander, die verbindliche Gemeinschaft von Christen und ihr Wohl und Wehe nimmt Markus Laegel in seiner kleinen  Kirchengeschichte in Blick . Er beschreibt eindrücklich, wie sich der Bazillus des Glaubens durch Orte des gemeinsamen Lebens in der Welt ausgebreitet und Kirche inspiriert hat. Wer sich das zu Herzen gehen lässt, der wird erkennen: verbindliche ­Gemeinschaft, Klöster und Kommunitäten, ist nicht die Katze im Sack, sondern der ­Tiger im Tank einer missionarischen Kirche. Orte der Hoffnung mögen mit einem Menschen beginnen, aber es braucht immer eine Gemeinschaft der brennenden Herzen, um so einen Raum vital und zukunftsoffen zu gestalten.

Evangelische Innovation in katholischer Stallung

Der Gehalt des Evangeliums bleibt immer derselbe. Die Gestalt, also das Gefäß, in dem die Botschaft überbracht wird, muss sich immer wieder wandeln, um in eine neue Zeit hinein zu sprechen. Von einem solchen Experimentierfeld berichtet Mark Reichmann, den Jeppe Rasmussen in seiner jungen Gemeinschaft in Karlsruhe besucht hat. Eine Herde kulturkreativer Glaubensfreaks in den Gemäuern der marianischen Schönstattschwestern. Solche Nachfolge zeigt etwas von dem ökumenischen Potenzial im wachsenden Reich Gottes, wenn mutig experimentiert und nicht nur verwaltet wird. Vorsicht Ansteckungsgefahr!

Bewegte Herde trotz Schafskälte

Vielfältige Resonanz bekamen wir in den letzten Wochen auf den für nächstes Jahr angekündigten Leiterwechsel in der OJC (Bericht im Salzkorn 2/2011). Viele Freunde sind wie wir gespannt, wie sich der Übergang gestalten und vollziehen wird. Mancher möchte mehr darüber wissen, warum und wieso dieser Schritt für uns dran ist. Meine Frau Christine und ich haben beim Jahresfest der OJC im Mai den anwesenden Freunden von unseren Beweggründen erzählt. Danke für ­alle Fürbitten, die diesen wichtigen Prozess begleiten.

Trotz eines weithin verregneten Sommers mit seiner berüchtigten Schafskälte konnten wir mit den wichtigen Sanierungs-arbeiten am Dach auf Schloss Reichenberg beginnen. Dank an alle Unterstützer unserer Sonder-Spendenaktion! Die Hoffnung wächst, dass wir den Winter mit eingeklappten Regenschirmen auf dem Reichenberg beieinander sitzen können.

500 neue Freunde wollen wir in diesem Jahr als OJC-Paten gewinnen. Menschen, die ­eine Mitverantwortung für unseren Dienst und unsere Wirkungsfelder übernehmen und uns mit einem Euro pro Tag unterstützen. Bis zum 1. August haben sich 260! Paten gemeldet, die mit uns teilen und für uns einstehen wollen. Das ist eine sagenhafte Ermutigung für uns. Ganz herzlichen Dank! Vielleicht ist dieses Überschreiten des Zenits auch ein Anstoß für andere, selbst noch OJC-Pate zu werden und sich mit in unseren Auftrag hineinzustellen... Die OJC ist eine kleine Herde mit einer großen Aufgabe und sie lebt vom Wunder des beherzten Teilens. Danke dafür.

Scharfes Buch zum Papstbesuch

Im September kommt der Papst. Und zum ersten Mal nach 500 Jahren kommt er an die Wiege des Protestantismus. Papst Benedikt XVI. besucht Erfurt. Das kann historisch bedeutsam werden – sofern die Chance wahrgenommen wird, ein Zeichen für die Ökumene zu setzen. Und zwar von beiden Seiten. Als Handreichung an den Papst aus Rom und als Anstoß zum Gespräch auch unter uns über zentrale Fragen in Kirche und Gesellschaft haben 18 profilierte Protestanten ein Buch gemacht: „Lieber Bruder in Rom. Ein evangelischer Brief an den Papst.“
Bei allem Klartext in der Sache steht nicht die Vertiefung, sondern die Heilung des konfessionellen Risses im Fokus ihrer Schreiben. Die Verfasser der Briefe sind überzeugt, dass der christliche Glaube erst dann wieder kraftvoll und ausstrahlend wird, wenn Christen gemeinsam und im Geist geeint auf die Nöte unserer Zeit antworten. Sie erinnern daran, dass nicht die Kirche, sondern die Gesellschaft Adressat und Endverbraucher der frohen Botschaft ist. Der Brief von Kommunitäten­bischof Jürgen Johannesdotter öffnet einen weiten ökumenischen Horizont.
Was sich hier anbahnt, hat der Katholik Robert Spaemann in einer ersten Resonanz eine „andere Ökumene“ genannt. „Einheit“, so Spaemann, „wird hier nicht auf der Grundlage des Minimums, ­sondern auf der des Maximums gesucht. Es ist eine Ökumene im Wetteifer in der Verherrlichung ­Gottes.“ Damit sich dieser Eindruck ausbreitet und eine neue ökumenische Hoffnung entfacht, kann mein Appell nur lauten: Lest die Briefe an den Papst und lasst Euch begeistern! 

Wölfe im Schafspelz?

Wenn Christen wieder als scharfe Herde ­erkennbar sind, so doch ganz gewiss weiterhin als Schafe, die auf ihren Herrn Jesus ­hören und ihm nachfolgen. Das kann in unserer Zeit zeitweilig zu Demütigungen, Spott und Verleumdungen führen. Die voreilige und nachweislich falsche Einschätzung einiger Medien, den norwegischen Massenmörder Anders Breivik als christlich motivierten Täter zu identifizieren, zeigen, dass man ­inzwischen schnell bei der Hand ist, christ­lichen Motiven das Allerschlimmste zu ­unterstellen. Da hilft die Weisung des Kirchenvaters Johannes Chrysostomos: ­„Solange wir Lämmer sind, siegen wir, mögen uns auch tausend Wölfe umringen. Wenn wir aber Wölfe werden, dann weicht von uns die Hilfe des guten Hirten, der nicht Wölfe, sondern Lämmer weidet.“

Mit den besten Segenswünschen aus der OJC grüßt Sie sehr herzlich, Ihr

Dr. Dominik Klenk
Reichelsheim, den 19. August 2011

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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