Unter Wölfen

Unter Wölfen. Ein revolutionäres Regierungsprogramm. Predigt zu Lukas 10 Copyright: Scott Walker
Unter Wölfen. Ein revolutionäres Regierungsprogramm. Predigt zu Lukas 10 Copyright: Scott Walker

Ein revolutionäres Regierungsprogramm. Predigt zu Lukas 10

von Peter Zimmerling

Liebe Schwestern und Brüder, liebe OJC-Freunde von nah und fern!

Ich freue mich, nach bald 20 Jahren wieder einmal gemeinsam mit Ihnen den Freundestag der OJC feiern zu können. Die ­alten Klöster nennen ihren Freundestag das Stiftungsfest. Die Gründer Horst-Klaus und Irmela Hofmann legten das Stiftungsfest der OJC-Gemeinschaft bewusst auf den Himmelfahrtstag, den Tag, an dem Jesus Christus ­seine Regierung im Himmel und auf Erden angetreten hat. Ich möchte deshalb den heutigen Predigttext als Regierungserklärung Jesu auslegen. In ihm sind die entscheidenden Eckdaten seines Regierungsprogramms enthalten.

Grundlegende Alleinstellungsmerkmale

Die Regierungserklärung Jesu ist, wie jede ­Regierungserklärung, ein Programm, dessen Verwirklichung noch aussteht. Jesus setzt ­seine Macht allerdings auf vollkommen andere Weise durch als es weltliche Regierungen tun. Drei Alleinstellungsmerkmale fallen sofort ins Auge:

1. Er verzichtet auf den Einsatz von Gewalt. Keine Armee und keine Polizei im Dienst Jesu Christi! „Geht hin, siehe, ich sende euch wie Lämmer mitten unter die Wölfe!“ Nach menschlichem Ermessen haben Lämmer ­unter Wölfen keine Überlebenschancen! Die Regierung Jesu hat eigentlich keine Chance, sich durchzusetzen. Ein Wunder, dass das Christentum heute die Religion mit den meisten Anhängern auf der Welt ist.

Wir alle wissen, dass die Christenheit im Lauf ihrer Geschichte diesen Auftrag immer wieder ins Gegenteil verkehrte. Aufgrund einer ­falschen Interpretation des Satzes „Nötigt sie, hereinzukommen“ aus dem Gleichnis vom großen Abendmahl (Lk 14,23) scheute die ­Kirche sich viele Jahrhunderte nicht, mit Zwangsmitteln zu missionieren. Die Eroberung und Missionierung Mittel- und Lateinamerikas erfolgten Hand in Hand. Bis Anfang des 19. Jh. übten römisch-katholische Bischöfe die Regierungsgewalt von heutigen Ministerpräsidenten aus. Ja, sie führten sogar Kriege und verhängten die Todesstrafe. Auch die evangelische Kirche und der preußische Staat waren bis 1918 mehr oder weniger eins.

2. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Jesu sollen außerdem auf Besitz verzichten: kein Geld, keine Tasche, keine Schuhe. Gewöhnlich drängeln sich Menschen nach Regierungsposten – um der Macht und Ehre, aber auch des Geldes willen. Was für ein Ämterschacher spielt sich in den Parteien vor jeder Regierungsbildung ab! Die Regierung Jesu aber leidet unter Mitarbeitermangel: „Die Ernte ist groß, aber der Arbeiter sind wenige. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter aussende in seine Ernte“ (V. 2). Die Mitarbeiter Jesu Christi sollen arm und bedürftig seine Regierung in der Welt durchsetzen. Kein Wunder, dass gerade Menschen in einer Wohlstandsgesellschaft es sich zweimal überlegen, ob sie sich in ein solches Amt berufen lassen.

Auch an dieser Stelle hat die Christenheit die Maßstäbe Jesu häufig mit Füßen getreten. Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard bezeichnete den verbeamteten Theologieprofessor schon im 19. Jh. als einen Widerspruch in sich. Dietrich Bonhoeffer hat in „Widerstand und Ergebung“ vorgeschlagen, dass die Kirche ihren Besitz an die Armen verschenken und die Pfarrer von den Spenden der Gemeinde leben. Er war überzeugt: Durch ihr Vorbild gewinnt das Wort der Kirche neue Kraft. Gut, dass es wenigstens einzelne Gruppen in der Christenheit gibt, die auf ein großes Gehalt verzichten. Die OJC mit ihrer Taschengeld­regelung für Mitarbeiter gehört dazu!

3. Ein weiterer fundamentaler Unterschied zu jeder weltlichen Regierung ist: Jesus hat Zeit. Er denkt nicht in Wahlperioden. Anders als ein Regierungschef, dessen Mandat zeitlich begrenzt ist, hat Jesus Christus an Himmelfahrt für alle Zeit seine Regierung über die Welt, ja den ganzen Kosmos angetreten. Und die braucht er auch! Ohne Gewalt und ohne Geld und mit nur wenigen Mitarbeitern lässt sich Jesu Regierungsprogramm nicht von heute auf morgen durchsetzen.

Wie sieht nun dieses Programm konkret aus?

Schalomatisieren statt beherrschen

„Wenn ihr in ein Haus kommt, sprecht zuerst: Friede sei diesem Hause!“ Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Jesu sollen Boten des Friedens sein. Damit Friede werden kann, müssen gleich vier Beziehungsstörungen überwunden werden: zwischen Mensch und Gott, zwischen Mensch und Mensch, zwischen Mensch und Natur und zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten im Menschen. Die Beziehungsstörungen – theologisch gesprochen die Sünde – können überwunden werden, weil Jesus am Kreuz Frieden zwischen Gott und Mensch geschlossen hat und damit die entscheidende Voraussetzung für den Schalom in der Welt erfüllt ist. „Ehre sei Gott in der Höhe – und Friede auf Erden“ (Lk 2,14) haben die himmlischen Engelchöre bei der Geburt des Friedensfürsten gesungen. Das Ziel seiner Regierung ist weit gespannt, es geht ihm um die Schalomatisierung der Welt und damit auch um die Befriedung gesellschaft­licher Konflikte. Dahinter sollte die Verkündigung des Evangeliums nicht zurückbleiben!

Nachfolge statt Massenbewegung

Darüber darf der Einzelne nicht aus dem Blick geraten: „Wenn dort ein Kind des Friedens ist, so wird euer Friede auf ihm ruhen.“ Der Friede Gottes beginnt in unserem Herzen durch die Versöhnung mit Gott. Wenn beim Einsatz für die Verbesserung der Gesellschaft die Seele des Menschen übersehen wird, verkommt das Evangelium zu einer Weltverbesserungs­ideologie. Jesus interessiert sich bei der Durchsetzung seiner Regierung zuallererst für den Einzelnen. Er sieht zum Beispiel Zachäus auf dem Baum sitzen, bleibt stehen und spricht ihn an: „Zachäus, ich muss heute in deinem Hause einkehren“ (Lk 19,5). Sören Kierke­gaard war überzeugt, dass ein Mensch überhaupt erst dadurch zum Einzelnen wird, dass Jesus ihn persönlich anspricht. Erst indem ich die Anrede Jesu vernehme, wird mir eine unverwechselbare Persönlichkeit zugesprochen.

Jesus geht es nicht um die Gewinnung von Massen, nicht um Quantität, sondern um Qualität: „In demselben Haus aber bleibt… Ihr sollt nicht von einem Haus zum andern gehen.“ Konzentriert euch! Sein Regierungsprogramm zielt nicht auf Resonanz um jeden Preis. Er fordert seine Mitarbeiter auf, sich auf bestimmte Menschen zu konzentrieren. Gründliche Überzeugung weniger, nicht Aufmerksamkeitserregung bei möglichst vielen – so breitet sich diese Herrschaft aus. Eine solche Strategie steht quer zu den Zielen unserer Mediengesellschaft, in der die Quote regiert.

Mitleben statt Belehren

Die Mitarbeiter Jesu sollen am Leben der angesprochenen Mitmenschen teilnehmen: „In demselben Haus bleiben!“ Der Heidelberger Missionswissenschaftler Theo Sundermeier hat den Begriff der Konvivenz eingeführt, der für ihn die gegenseitige Hilfeleistung, das wechselseitige Lernen und das gemeinsame Feiern umfasst. Durch die Zuwanderung von Angehörigen anderer Religionen nach Deutschland haben wir alle die Möglichkeit, missionarische Konvivenz in unserer Nachbarschaft einzuüben. Die Begegnung mit der fremden Kultur kann uns als Anlass zu selbstkritischer Besinnung auf das Eigene dienen oder als Ausdruck der Vielfalt der Schöpfung befruchtend auf die Gestaltung unseres christlichen Denkens und Lebens wirken. Umgekehrt wird sich im Zusammenleben zeigen, ob unser Glaube attraktiv genug ist, dass Angehörige anderer Religionen sich dafür zu interessieren beginnen.

Als ich vor 25 Jahren zur OJC nach Reichelsheim kam, hat mich tief berührt, im alltäg­lichen Zusammenleben als Mensch – unabhängig von meiner Leistung – wahrgenommen und wertgeschätzt zu werden. Das zeigte sich an passenden kleinen Geschenken genauso wie an persönlichen Widmungen in ­Büchern. Durch die anderen lernte ich meine Begabungen besser kennen und Selbstzweifel zu überwinden. Ich erlebte, wie mich Mitglieder der Gemeinschaft auf Begabungen aufmerksam machten. Auf diese Weise traten meine Lebensängste Stück für Stück in den Hintergrund. Ohne diese Erfahrungen könnte ich meine derzeitige Arbeit an der Universität nicht tun. Eine lebendige Gemeinschaft sieht den Menschen als Einzelnen und investiert Zeit, Phantasie, Kraft und Liebe in ihn. Das geht nicht als Massenbewegung!

Verbundenheit statt Isolation

Jesus macht in seinem Regierungsprogramm nicht die Fehler des modernen Individualismus, der übersieht, dass der einzelne Mensch immer zugleich in Beziehungen lebt. Es gibt den Menschen nicht an sich – es gibt ihn auch als Einzelnen immer nur verbunden mit anderen Menschen. So ist jeder Mensch bis in seinen Habitus hinein von seiner Herkunfts­familie geprägt. Neben dem Einzelnen und seinem „oikos“, seiner Familie, hat Jesus darüber hinaus die Stadt, griechisch: „polis“ im Auge, jene politische Einheit, die nach dem Verständnis der Griechen allen anderen staat­lichen Verbänden zugrunde liegt.

Heute scheint mir in den meisten Gemeindeaufbauprogrammen der Einzelne zu stark im Fokus zu stehen. Trotz Siegeszug des Individualismus ist keiner von uns in seinen religiösen Entscheidungen so frei, wie er glaubt. Wir alle sind geprägt von unserer Familie und den anderen sozialen Gruppen, zu denen wir gehören. Die OJC hat als aus einer Großfamilie hervorgegangenen Kommunität diese Zusammenhänge immer vorbildlich berücksichtigt. Hier konnte man die eigenen Familienangehörigen, auch wenn sie Nichtchristen waren, einladen, ohne sich schämen zu müssen.

Ganzheitlich statt Schmalspur

Jesu Regierungsprogramm hat nicht nur die geistige Erneuerung des Menschen zum Ziel, er will den Menschen vollständig erneuern, nach Leib, Seele und Geist. „Wenn ihr in eine Stadt kommt und sie euch aufnehmen, dann heilt die Kranken!“ Zum Auftrag der Mitarbeiter Jesu gehört darüber hinaus das Austreiben von bösen Mächten, die das Leben zerstören. Die Wirkung des Evangeliums darf nicht ausschließlich in das Innere des Menschen verlegt werden. Der katholische Theologe ­Eugen Biser sprach vom Christentum als einer therapeutischen Religion. Menschen, die dem Evangelium fernstehen, werden in Zukunft nur gewonnen werden, wenn nicht nur ihr Intellekt angesprochen wird. Gerade Männer und Frauen, die in ihrem Beruf intellektuell gefordert sind, wollen den Glauben nicht nur denken, sondern auch erfahren, mit allen Sinnen erleben. Das rund um Schloss Reichenberg entstehende Erfahrungsfeld der OJC ist der Versuch, auf diese veränderte gesellschaftliche Gemütslage einzugehen.

Mitarbeitersupport

Nach den Inhalten des Regierungsprogramms Jesu für die noch außerhalb seines Reiches ­lebenden Menschen soll es nun darum gehen, welche Folgen sich daraus für die Regierungsmannschaft ergeben. Ausdrücklich hält Jesus fest: „Ein Arbeiter ist seines Lohnes wert.“ Und gleich zweimal heißt es: „Esst und trinkt, was man euch gibt.“ Ich finde es sehr tröstlich, dass Jesus für die leiblichen Bedürfnisse seiner Jünger sorgt.

Die Bibel lässt sich als Segensgeschichte Gottes mit der Menschheit lesen. Der Segen Gottes darf nicht vorschnell spiritualisiert werden! Der Segen der Eltern baut den Kindern Häuser, heißt es bei Jesus Sirach. Allerdings ist dies nicht im Sinne eines Automatismus zu verstehen: Materieller Wohlstand erlaubt keinen Rückschluss auf ein Gott wohlgefälliges ­Leben. Doch  hat Gottes Segen immer auch eine handfeste materielle Dimension. So lässt sich auch die inzwischen über 40-jährige OJC-Geschichte lesen als einzigartige Erfahrung der materiellen Seite des Segens Gottes. Auch wenn es bisweilen eng war, konnten die Mitglieder der Gemeinschaft Gottes Fürsorge immer wieder mit Händen greifen.

In der Bergpredigt lädt Jesus zu einem hohen, sorglosen Leben ein, das auf den Segen Gottes vertraut. Die Vögel unter dem Himmel und die Lilien auf dem Felde sind Denkmale der Fürsorge Gottes. Sie sind vorbildlich in ihrer Freiheit von materiellen Sorgen. Natürlich sorgt Jesus neben dem leiblichen Wohl auch für das geistliche Wohl seiner Leute. „Freut euch, dass eure Namen im Himmel angeschrieben sind“ – lesen wir in der Regierungserklärung Jesu. Wir dürfen frei sein von der Sorge um das ewige Heil. Anteil am ewigen Leben Gottes, das ist Jesu unverdientes Geschenk an seine Mitarbeiter.

Brennen statt Ausbrennen

Offensichtlich haben viele mit einem sorg­losen und freien Leben Schwierigkeiten. Schon die 72 Mitarbeiter Jesu lassen das erkennen. Bei der Rückkehr von ihrem ersten Einsatz sind sie begeistert darüber, was sie im Namen Jesu Christi alles fertig gebracht haben. Sogar die bösen Geister sind ihnen untertan. Jesus bleibt angesichts ihres Enthusiasmus auffällig cool. Sie sollen sich viel mehr darüber freuen, dass ihre Namen im Himmel angeschrieben sind. Es kommt Jesus offensichtlich nicht auf unsere fromme Leistung an. Im Gegenteil: Er warnt davor, das eigene fromme Tun zu überschätzen.

Heute scheinen sich Burn-out-Erkrankungen gerade im Raum der christlichen Gemeinde auszubreiten. Deshalb ist es gut, an den Ausspruch des Grafen Zinzendorf zu erinnern: Es ist ein großer Fehler, den man mit vielem Schaden erfahren muß, wenn man sich in die Liebe zu seinem Nächsten, ins Predigen und in die Bekehrsucht so vergafft und verliebt, daß man nicht Zeit hat, an sich zu denken [...]. Ein Zeuge seyn ist recht gut, aber sein eignes Gefühl, seine eigene Gnade und Seligkeit verplaudern, und unterdessen, daß man andere Leute herzurufft, seine eigene Erfahrung negligiren [vernachlässigen], über dem Ausfliessen selbst vertroknen und sich so ausschöpfen lassen, wie man einen Brunnen austroknet, daß nichts mehr da ist, das geht unmöglich an.

Darum geht es im Leben: das richtige Verhältnis von Spannung und Entspannung zu finden. Beides gehört zum gesunden Lebensrhythmus. Wir sind erlöst – darum ist für die Mitarbeiter Jesu Abrüstung und Abwurf von Ballast angesagt. Ich muss zugeben, auch mir wird es im Beruf schnell zu viel, dann komme ich mir wie ein Getriebener vor. Die Anforderungen von Kollegen, Studierenden, Freunden und von mir selbst halten mich fest im Griff. In solchen Situationen hilft mir meist folgendes Gedankenspiel: Ich stelle mir Jesus gestresst vor, getrieben von Wünschen und Forderungen seiner Jünger und vieler anderer Menschen. Meist muss ich dann lachen, denn: Jesus im Stress – ein komischer Gedanke.

Die Evangelien zeigen ein anderes Bild. Jesus lässt sich weder von eigenen Wünschen noch von denen seiner Jünger oder anderer wohlmeinender Menschen zum Getriebenen machen. Im Gegenteil: Gerade in diesem Zusammenhang kann er ziemlich ruppig werden: „Weiche von mir, Satan, du willst nicht was göttlich, sondern was menschlich ist“, fährt er Petrus an, als dieser ihn daran hindern will, den Weg der Passion zu gehen.

Bereits am Beginn seiner öffentlichen Wirksamkeit spielte sich eine ähnliche Szene ab, als Jesus sich am Morgen zum Beten in die Einsamkeit zurückgezogen hatte. Petrus war ihm gefolgt, weil ihr Haus von Kranken umlagert war: „Jedermann sucht dich.“

Jesus jedoch lehnt es ab, zurückzukommen: „Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Städte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen“ (Mk 1, 38). Bleiben auch wir unserer Berufung treu und verzetteln uns nicht in dem Vielerlei an Möglichkeiten, uns zu engagieren. Lassen Sie uns Männer und Frauen eines Gedankens werden!

Schonungslos-realistisch weist Jesus seine Mitarbeiter darauf hin, dass einzelne Menschen, aber auch Familien, ja ganze Gesellschaften ihre Botschaft ablehnen werden. Auch darin unterscheidet er sich fundamental von allen weltlichen Regierungen. Welche Regierung kündigt schon unmittelbar nach Machtantritt mögliche Misserfolge an? Jesus hat die Größe, so etwas zu tun – das macht ihn glaubwürdig!

Rückschläge inbegriffen

Es fällt auf, dass Jesus die Ursachen für den Misserfolg in keiner Weise bei seinen Mitarbeitern sucht. Wenn Menschen sich dem Evangelium verweigern, ist das nicht die Schuld der Mitarbeiter Jesu! Er entfaltet diesen Gedanken im Gleichnis vom Sämann: Es gibt Menschen, denen der Teufel das Evangelium – kaum gehört – wieder aus dem Herzen nimmt; andere sind zu oberflächlich, um dabei zu bleiben; wieder andere lassen sich durch irdische Sorgen und Wünsche vom Evange­lium abbringen. Das kann gerade engagierte Christen entlasten: „Es liegt nicht an euch, wenn euer Zeugnis von Jesus Christus nicht bei den Menschen ankommt! Ihr braucht euch nicht mit Selbstvorwürfen kaputt zu machen!“

Wie sollen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Jesu mit Misserfolg umgehen?

Zu allererst sollen sie wissen, dass der Friede, den sie einem Hause gebracht haben, wieder zu ihnen zurückkehren wird. Der Misserfolg braucht nicht an ihnen zu nagen, braucht sie nicht zu zermürben. Die Zurückweisung des Evangeliums durch Einzelne oder ganze Gesellschaften ändert nichts an dessen Wahrheit: „Auch den Staub aus eurer Stadt, der sich an unsere Füße gehängt hat, schütteln wir ab auf euch. Doch sollt ihr wissen: das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.“ Kirche und Theologie stehen heute in Gefahr, angesichts mangelnder Überzeugungskraft des Glaubens und stetig schwindender Kirchenmitgliedszahlen und zunehmender gesellschaftlicher Bedeutungslosigkeit die Basics des Glaubens und der christlichen Ethik zur Disposition zu stellen. Psychologisch leicht nachvollziehbar: Jeder Mensch, auch jede Gruppe will von anderen anerkannt sein. Es ist schwer, auf Dauer eine Minderheitenposition zu vertreten, Ablehnung und Widerstand zu ertragen. Erst recht gilt das in unserer erfolgsorientierten Gesellschaft.

Raus aus dem Getto!

Als Christen sollten wir uns durch das Regierungsprogramm Jesu gerade heute daran erinnern lassen: Die Wahrheit des Evangeliums, dass Gott selbst in seinem Sohn Jesus in die Welt gekommen ist, um für uns zu leiden und zu sterben und uns Anteil an seinem göttlichen Leben zu geben, bleibt unverbrüchlich. Diese Gewissheit verleiht inneren Frieden. Gleichzeitig bewahrt sie vor fundamentalistischer Selbstabschließung. Christen brauchen die Rollläden nicht herunterzulassen und sich trotzig in ein vermeintlich sicheres christliches Getto zurückzuziehen! Jesus ruft auf den schmalen Weg der Nachfolge. Der schmale Weg sollte nicht mit dem engen verwechselt werden. Der enge Weg unterscheidet sich vom schmalen dadurch, dass er von hohen Mauern begrenzt ist, die Menschen zwar davor bewahren, vom Weg abzukommen, gleichzeitig aber verhindern, dass andere von außen auf ihn gelangen. Darum: Weg mit den Mauern ums christliche Getto!

Eine letzte Beobachtung zum Umgang mit Misserfolg. Es fällt auf, dass nicht etwa die Mitarbeitenden, sondern Jesus Christus selbst den betroffenen Städten und Gesellschaften das Gericht ankündigt. Das Evangelium ist eine Frohbotschaft und darf nicht unter der Hand zu einer Drohbotschaft umgemünzt werden. Die Aufgabe der Mitarbeiter Jesu besteht darin, auch inmitten von Misserfolgen einzelne Menschen, Familien, Städte und ganze Gesellschaften unentwegt in die Nachfolge Jesu einzuladen. Es muss nur ohne Druck, ohne Manipulation und ohne Gewaltandrohung geschehen. Der christliche Glaube gedeiht nur im Raum der Freiheit!

Fürsprecher in höchster Instanz

Darum ist es gut, dass die christlichen Kirchen in unserem Land ihr religiöses Monopol verloren haben. Jesu Regierungsprogramm setzt einen Raum der Freiheit voraus. Dafür bietet unser freiheitlich-demokratischer Rechtsstaat gute Voraussetzungen. Jeder kann unbehelligt auch in Distanz zum christlichen Glauben leben, gleichzeitig hat jeder die vom Grundgesetz gewährleistete Chance, den christlichen Glauben und die mit ihm verbundenen Werte kennenzulernen. Darum der Religionsunterricht in kirchlicher Trägerschaft an öffentlichen Schulen und die den Kirchen eingeräumten Sendezeiten in öffentlich-rechtlichen Sendern.

Lassen Sie mich schließen mit der am schwersten verständlichen, gleichzeitig aber auch der tröstlichsten Aussage der Regierungserklärung Jesu: „Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen.“ Plötzlich wie der Blitz ist der Teufel durch den Regierungsantritt Jesu aus dem Himmel gestürzt und seiner Macht beraubt worden. Bis dahin war er Verkläger der Menschen vor Gott. Das ist nun vorbei. Nicht mehr der Verkläger der Menschen, sondern Jesus, unser Fürsprecher, sitzt zur Rechten Gottes und vertritt uns.

Amen

Von

  • Peter Zimmerling

    Univ.-Prof. Dr. Peter Zimmerling ist evang. Theologe und Professor für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Seelsorge an der Theol. Fakultät der Universität Leipzig.

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