Versuchung in der Wüste. Bibelarbeit zu Matthäus 4

Im Schussfeld des Teufels

Treue bewährt sich in der Versuchung - Bibelstudie zu Matthäus 4,1-11

von Klaus Sperr

Die Wirksamkeit Jesu beginnt nicht mit einer Proklamation, nicht mit einem Appell, nicht mit einem Triumphmarsch oder dergleichen. Der erste Schritt Jesu ist nicht aktiv, sondern passiv: Er lässt sich führen! Seine Wirksamkeit beginnt damit, dass er versucht wird und Versuchung zulässt.

1 Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde.
2 Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn.

Treue braucht Versuchung

Jesus landet nicht zufällig in der Versuchung, auch nicht aufgrund seines Verhaltens. Versuchungen sind nicht einfach Verführungen, sondern Führungen! Bestens dafür geeignet sind Wüsten – Orte und Zeiten der Reduktion aufs Wesentliche und damit Chance auf Klärung und Bewährung. Dahin führt uns Gottes Geist. Weltgeist und Zeitgeist führen nur an Orte der Ablenkung und Zerstreuung. Für Jesus folgen vierzig Tage und Nächte des Fastens, der vorsätzlichen Reduktion und Schwäche mit dem Ziel, den inneren Kräften Raum zu geben.

An solch einem Ort gibt es nur eine Legitimation: „damit er vom Teufel versucht würde“. Vom Diabolos, dem Durcheinanderbringer, dem Spalter und Zersetzer. Das Grundwort bolä bedeutet Geschoss. Und so ist er auch: Wie ein Geschoss will er spalten und zerfetzen. Versuchung ringt um unsere Ganzheit, um unsere Treue zu Gott, damit gehört sie zu uns, unserem Leben und unserer Welt. Darum ringt man bei der Versuchung immer mit einer diabolischen Chaosmacht und nicht mit lächerlichen Fragen wie der nach einem Tortenstück mehr oder weniger.
An allen bedeutenden Anfängen unseres Lebens gilt es, Grundentscheidungen zu treffen. Der letzte Schritt hängt immer vom ersten ab!
Die Königsherrschaft Gottes beginnt nicht mit einer himmlischen Show, sondern mit dem errungenen Gehorsam Jesu. Anhand der Versuchung Jesu wird die Bedeutung von Treue erkennbar. Dabei handelt es sich nicht um moralische Einzelfragen, sondern um eine allumfassende Grundsatzfrage. Treue hat man nicht einfach, schon gar nicht auf Vorrat. Immer wieder neu muss man um sie ringen und sich entschlossen für sie entscheiden.

Die Unbedingtheit des Vertrauens

3 Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.
4 Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (5. Mose 8,3): »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.«

Der Einstieg in die Verführung liegt im Angebot von Selbstverständlichem und Lebensnotwendigem – „Jesus hungerte“ – und kommt geradezu fromm daher: „Bist du Gottes Sohn, so …“.

Die erste Versuchung beginnt bei den existenziellen Grundbedürfnissen. Es geht um die Frage, was uns nährt und wovon wir leben. Papst Benedikt XVI. schreibt in seinem Jesus-Buch: „Es geht um den Primat Gottes. Es geht darum, ihn als Wirklichkeit anzuerkennen, als Wirklichkeit, ohne die nichts anderes gut sein kann. Die Geschichte kann nicht abseits von Gott durch bloß materielle Strukturen geregelt werden.“1 Da gilt die Regel: Alles auch noch so Gute wird ohne Gott nicht nahrhaft.

5 Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels
6 und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12):  »Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben;  und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.«
7 Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben (5. Mose 6,16):  »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.«

Die zweite Versuchung widmet sich dem geistlichen Grundbedürfnis, dem Gottvertrauen. Der zitierte Vers aus Psalm 91 ist ein besonders kühner Ausdruck für die Unbedingtheit des Vertrauens in Gott. Aber gerade kühner Glaube kann auch zum Ungehorsam verleiten.

8 Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit
9 und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.
10 Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben (5. Mose 6,13):  »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.«

Schließlich wendet sich der Durcheinanderbringer dem dritten Themenkreis unseres Lebens zu: den psychischen Grundbedürfnissen. Er stellt die Frage nach Macht und Ehre in den Raum. Jesus war gekommen, um diese Welt für Gott zu gewinnen. Hier kann er zugreifen, wie einst ein David in der Höhle bei En-Gedi hätte zugreifen können. Doch wer sich einfach nimmt, vergreift sich und hat am Ende nicht nur leere, sondern auch gebundene Hände.

Nicht moralische Einzelfragen stehen im Vordergrund, sondern die allumfassende Grundsatzfrage. „Was Jesus zugemutet wird, sind Entschließungen, Wahlhandlungen, durch die er seine Verbundenheit mit Gott missbrauchen würde. Der Bericht zeigt, an welcher Stelle Matthäus die satanischen Wirkungen gesucht und gefunden hat, nicht in der Natur und ihrer den Menschen schädigenden Vorgängen, sondern in der Verderbnis der Frömmigkeit, in der Verfälschung der Gotteskindschaft.“2 Alle drei Reaktionen Jesu sind im Zusammenhang dem Bekenntnis Israels entnommen: „Höre Israel, Jahwe, unser Gott, ist Jahwe allein.“

Jesus antwortet auf die drei Versuchungen nach den existenziellen, den geistlichen und den psychischen Grundbedürfnissen jeweils mit einem Wort aus dem Buch Deuteronomium. Dieses fünfte Buch des Mose enthält dessen Abschiedsrede. Eigentlich eine große, eindringlich mahnende Predigt. Er erinnert an die mizwot (die Gebote Gottes), die allesamt Worte der Lebensermöglichung sind. Alles Ringen mit dem Diabolos ist bleibend fokussiert auf das erste Gebot: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ und auf das befreiende Moment, das in einer anderen Übersetzung des Gebotes zum Ausdruck kommt: „Du brauchst keine anderen Götter neben mir“. Dieses Gesetz wird durch Erinnerung an die Geschichte begründet: Wir haben es immer und immer wieder erfahren, wie gut Gott zu uns gewesen ist. Auf dieser Verkündigung der großen Taten Gottes ruht der Aufruf zur Treue. Und Treue ist das Moment der Wahl zwischen Fluch und Segen, zwischen Leben und Tod. Aber nur das horchende Herz und die gehorchende Tat machen den Glauben.

Arithmetik der Treue: 3 + 3 = 1

Pistis (griechisch: Glaube, Vertrauen, Überzeugung, Treue) meint im Neuen Testament fast immer einen Akt, fast nie ein Bekenntnis. Die Versuchung Jesu stellt die Frage nach dem Vertrauen (Existenz), dem Gehorsam (Glaube) und der Liebe (Psyche) zu Gott. Zu Beginn seiner Wirksamkeit hat sich Jesus dafür entschieden, Gottes Güte zu trauen, Gottes Wort zu ehren und Gottes Herrschaft zu bekennen. Dieser erste Schritt führte zum letzten Schritt, zu Kreuz, leerem Grab und Himmelfahrt.
Drei plus drei macht eins. Drei Versuchungen stehen drei Reaktionen Jesu gegenüber und alle führen zu einem Ergebnis:

11 Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.

Zur Grundsatzfrage der Treue gehört das Grundsatzgeheimnis: Nur wer sich nicht nimmt, sondern vertrauensvoll auf Gott wartet, wird von seinen Engeln versorgt. Nicht nehmen und haben, sondern warten und sich beschenken lassen, macht im Leben satt. Josef im ägyptischen Exil, David in der Oase En-Gedi und Jesus in der Wüste haben diese Wahrheit durchlebt. Und Gott hat sie satt gemacht, ihr Vertrauen belohnt und sie zu Macht und Ehre gebracht!

Seelsorgerliche Anregungen

Ausgehend vom Begriff peiramos (Versuchung) will ich mit fünf seelsorgerlichen Anregungen schließen.

1. Versuchung ereilt den Gerechten…

 „Versucht wird nicht der Sünder, sondern der Gerechte, eben weil er gerecht ist.“3 Nein, allem landläufigen und oft genug auch frommen Denken zum Trotz: Versuchung entsteht nicht aus der sündigen Natur heraus. Auch Jesus bringt sich nicht selbst in Versuchung, er wird in sie geführt. Nicht vom Teufel – dafür reicht seine Macht nicht! – sondern vom Geist Gottes. Es geht um Klärung und Bewährung. Versuchung ist ein Abgleichen mit der Realität und bringt die Wahrheit über mich ans Licht.

2. … ist nicht einfach Verlockung, sondern Chance

„Gott führt nicht in Versuchung, Gott liebt. Aber er erweist uns die Ehre, uns nicht vor allem zu bewahren, wie es die Glucken unter den Müttern tun, die ihre Kinder in Watte einwickeln! Gott wollte nicht, dass die Welt wie jene schlechten Kollegs sei, in denen man, um sicher zu sein, dass die Schüler sich anständig benehmen, sie immer von zwei Aufsehern begleiten lässt und furchtsam alle Gelegenheiten zur Sünde fernhält, zugleich aber alle Gelegenheiten der bewussten Entscheidung gegen die Sünde unterdrückt.“4
Versuchungen sind immer geführte Lebensszenen. Nicht Verlockung zum Bösen, sondern Chance zum Beweis der Wahrheit und Kraft meines Glaubens ist das, was Versuchung hervorlocken möchte.

3. … und Grund zur Freude

„Nehmt es für lauter Freude, wenn ihr mancherlei Prüfungen zu bestehen habt, denn ihr wisst, dass die Erprobung eures Glaubens Ausdauer bewirkt. (…) So werdet ihr vollkommen und ganz, und es wird euch an nichts fehlen.“5 Nicht die natürlichen oder sündigen Verlockungen, sondern das Bewähren der Leute Gottes steht im Fokus. Versuchungen sind Prüfungen – sie bewirken Spannkraft (Ausdauer, Geduld) und runden das Christsein zur Reife hin ab. Grund zur Freude, sagt Jakobus!

4. Versuchung fragt nach unserer Tat…

Versuchung ist kein reizvoller Denksport. Es geht um unsere Wirklichkeit. Und damit um mein konkretes Verhalten. Darum begegnet man ihr auch nicht im Denk-, sondern im Willensakt durch entschlossenes Handeln. Versuchung fragt nach meiner gehorsamen Wahl und da allein bewährt sich der Glaube. Gott kann man nicht relativ gegenüber stehen. Man kann nur in der vertrauensvollen Tat und Hingabe mit ihm gehen.

5. … und ringt um unsere Berufung

In der Versuchung Jesu geschieht Wesentliches im Blick auf seine Berufung. Hier fällt die Entscheidung! Es geht in diesem biblischen Abschnitt um nichts Geringeres als um die Messiasfrage.

Versuchung rührt immer an die Berufung unseres Lebens. Es geht nicht einfach um eine Art von moralischer Reinheit. Sowenig wie es bei der Treue um eine moralische Frage geht. Es geht um die Gefahr, die Berufung meines Lebens zu verlieren oder sie zu missbrauchen.  Darum lehrt Jesus auch seine Jünger zu beten: „und führe uns nicht in Versuchung“. Nicht unsere natürliche Sündhaftigkeit steht hier vor Augen, sondern unsere Berufung steht auf dem Prüfstand. Es geht um nichts weniger als um alles.
Am Vorbild Jesu lernen wir, dass er Gottes gewiss war und deshalb ruhig auf seine Hilfe warten konnte. Er musste nichts menschlich vorwegnehmen und konnte sich göttlich beschenken lassen. Der Jesuit Pater Alfred Delp fasste dies so zusammen: „Brot ist wichtig, Freiheit ist wichtiger, am wichtigsten aber ist die ungebrochene Treue und die unverratene Anbetung.“

Anmerkungen

  1. Jesus von Nazareth I, Seite 62
  2. Adolf Schlatter, Das Evangelium nach Matthäus, Seite 102f
  3. Adolf Schlatter, a.a.O., Seite 97
  4. Louis Evely, Manifest der Liebe, zitiert in Reinhard Körner, Das Vaterunser, Seite 198
  5. Zürcher Bibel, Jakobus 1,2-4

Von

  • Klaus Sperr

    evang. Pastor und Seelsorger, verantwortlich für die Liturgie des Alltags in der OJC-Kommunität.

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