Täglich neu

Täglich neu!

Ein herrlicher Deal, um ganz ich selbst zu werden. Gedanken zum biblischen Bundesmodell

von Írisz Sipos

Sei getreu bis in den Tod,
und ich werde dir die Krone
des Lebens geben!
Offenbarung 2,10

Der perfekte Vers für eine Todesanzeige! Mal ehrlich, zu Taufe, Trauung oder zu einem anderen Anlass im frommen Erbauungsgeschäft würden wir nicht so ohne weiteres damit aufwarten.
Es geht einem mit diesem Satz wie dem Seher Johannes mit der Offenbarung insgesamt: Erst geht er runter wie Honig, kratzt dann in der Kehle und liegt hernach bitterschwer im Magen. Treue gegen Krone – klingt nach einem passablen Deal, wäre da nicht der gestrenge Unterton, diese absolute Klausel „bis in den Tod“ als ultimativer Ablöscher! Extrem eben. Und obwohl niemand bestreitet, dass Treue sich gerade dadurch definiert, dass sie bis zum Äußersten geht, mag man den Spruch weder sich noch anderen zumuten. Das liegt sicher mit daran, dass Treue ein mühseliges und nicht unheikles Geschäft ist. Sicher auch an der Scham darüber, dass wir permanent an ihr scheitern, lange bevor es zum Äußersten kommt. Also halten wir uns bedeckt, wenn es um diese Passage aus dem Sendschreiben an die Gemeinde in Smyrna geht. Klar, für die verfolgte Kirche weit weit weg mag der Frohanteil höher sein als der Drohanteil – in unseren Breitengraden aber spart man die Botschaft lieber auf, bis einer auf der sicheren Seite angekommen, sprich tot ist. So verflacht das Wort, einst ein Ansporn zum kraftvoll-offensiven Leben, zum elegischen Epitaph1, mit dem wir ausgewiesenen Märtyrern Pietät zollen oder den Schmerz über den Verlust einer geliebten Person lindern.

Wie aber bekommen wir die Treue, diese ominöse Tugend, die sich nun einmal am Extremen misst, wieder mittig? Was sollten wir über sie wissen, bevor wir uns resigniert hinter der Formel von der „Gnade allein“ verkrümeln und möglichst stillhalten, damit uns wenigsten bis zum Tod nichts eklatant Treuewidriges unterläuft? Wie gelangt Treue angesichts einer zunehmend feindlichen Lebenswirklichkeit in den Mainstream unseres Lebens vor dem Tod?

Treue ist mainstream

Denn Treue ist ihrem Wesen nach eine Lebenshaltung im Mainstream. Damit ist nicht etwa die uferlos vor sich hinschwappende Schlammsuppe von „Werten“ gemeint, die mehrheitsfähig ist, weil alles in ihr irgendwie aufgeht. Mainstream im eigentlichen Sinne meint jenen aus lebendigen Quellen gespeisten, kraftvollen Strom, der in gesichertem Bett seiner Mündung entgegenstrebt und an dessen Lauf Zivilisation, Kultur und ein Leben in Fülle gedeihen. Das Bedürfnis nach Treue – erfahrener und gewährter gleichermaßen – ist eine solche, im Mainstream von Kultur befindliche anthropologische Konstante. Ohne sie gibt es kein befriedetes Miteinander. Die Kategorie von Gerechtigkeit wäre gar nicht denkbar, Recht nicht einzufordern, verstünde sich die Selbstverpflichtung aller zum gemeinsamen Anliegen nicht von selbst. In jeder Kultur und Religion gilt daher die Treue als eine zentrale Tugend und ihre Negation, der Verrat, als zentrales Übel. Ein Übel, das im Vollzug des Treuebruchs – ob zwischen Gottheiten, zwischen Gott und Mensch, Mann und Frau, Eltern und Kind, Staat und Individuum, zwischen Freunden, Kameraden, Völkern, Vertragspartnern – das Gefüge von Beziehung zersetzt und letztlich verunmöglicht.

Treue freilich ist anderes als Verlässlichkeit. Der emphatische Begriff ist für Höheres reserviert als eine eingeforderte Pflichtübung je sein kann. „Treue“ meint jene originäre Regung, die nicht der Sache verpflichtet ist, um die es jeweils geht, sondern der Person. Je existentieller die Verbundenheit, die wir vorfinden oder eingehen, desto größer unser Bedürfnis danach, dass die Selbstverpflichtung des Gegenübers nicht nur einigermaßen freiwillig, sondern aus freier Neigung, am liebsten aus Zuneigung erfolgt. Ein hoher Anspruch. Die Erfahrung von Untreue ist also deswegen so traumatisierend, gar vernichtend, weil der Betrogene sich nicht in der Sache, sondern in seiner Person preisgegeben erlebt.

Unser Treuediskurs, der seit Menschengedenken andauert, setzt genau an diesem Trauma an. Das macht ihn so kompliziert und frustrierend. Wir sind verstrickt in das aberwitzige Paradox, dass wir Treue einfordern, obwohl doch eingeforderte „Treue“ gar keine mehr ist! So driftet der Begriff in absonderlichen Strudeln aus dem Mainstream des Lebens und versumpft in den toten Seitenarmen moralinsaurer Prüderie, totalitärer Hörigkeit, religiöser Schwärmerei, bündischer Ehrencodices oder militanter Durchhalteparolen. Was im großen Stil vonstattengeht, schlägt sich nieder in den fiesen, kaum fassbaren Manipulationen unseres Alltags; je intimer das Miteinander, je mehr. Erst wenn der Tümpel zu riechen beginnt, tritt die Alibifunktion von „Treue“ unverhüllt zutage. Ihr folgt die abgrundtiefe Scham über den Missbrauch, denn es stand ja nicht etwas zur Disposition, sondern stets jemand: eben die Person als ganze.

Der seelische Schaden, den Verrat und Missbrauch anrichten, ist unermesslich und faktisch unbehebbar: die Person zerbricht oder sie verhärtet. Nicht selten folgt auf solche Erschütterung – sei sie nun persönlich oder kollektiv – eine grundsätzliche Abwehrhaltung gegen jegliches Treuegebot. Zurück bleibt, abgespalten und dumpf, unsere ungestillte Sehnsucht nach Treue – und mit ihr die Gefährdung durch neuerlichen Verrat, neuerlichen Missbrauch und neuerliche Verzweiflung.

Treue ist vermessen

Diese wiederkehrenden Symptome von Treueverbissenheit und Treueverdrossenheit sind so alt wie die Menschheit. Sie treten in ihrer Paradoxie heute allerdings deutlicher zum Vorschein, da der beschleunigte Lebensvollzug uns die letzten Krücken von Beständigkeit weggerissen haben, an die sich frühere Generationen noch klammern konnten.
Wer bringt da noch einen Satz über die Lippen wie „Sei treu bis zum Tod“?! Wer seine Sinne halbwegs beisammen hat, wird keinen solchen Anspruch geltend machen, schon gar nicht an sich selbst. Wir müssen also, wenn uns an diesem Satz und an der Treue noch gelegen ist, sehr genau hinschauen, wer da überhaupt spricht – und mit welcher Befugnis.

Es ist der Auferstandene, der dem Seher auf Patmos eine wuchtige Botschaft zukommen lässt. Dieser Vers speziell richtet sich als „Sendschreiben“ an die Gemeinde in Smyrna, deren Glieder das Bekenntnis zu Christus aller Voraussicht nach das Leben kosten wird. Schlimmer kann die Bedrängnis und ungeheuerlicher der Anspruch nicht mehr werden. Während die anderen sechs Gemeinden zu mehr Liebe, Glaubensfestigkeit, Unbeirrbarkeit, Eifer bzw. Entschiedenheit ermahnt werden, ist das Gebot der schweren Stunde in Smyrna ein Gebot der Treue. Ist aber die Forderung angemessen, ist sie überhaupt zu erfüllen?

Treue ist täglich neu

Fakt ist, dass der Wesenszug „Treue“ – ob als Feststellung oder als Forderung – durch alle biblischen Bücher hindurch für Gott reserviert bleibt. Zusammen mit „Gerechtigkeit“ und „Güte“ gehört er in eine Sphäre, aus der sich der Mensch durch die Abwendung von Gott, der nämlich treu, gerecht und gütig ist, herauskatapultiert hatte. Kein Gesetz und Gebot kann diesen Verlust beheben. Nicht, dass es keinen Appell zu treuevollem Verhalten gäbe; selbstverständlich muss sich menschliches Tun und Lassen als „getreu“ erweisen. Aber eben nicht in diesem umfassenden, erschöpfenden Sinne.
Ansonsten werden nur in Zeit und Ort klar definierte Verhaltensweisen als treu erfunden: treffliche Entscheidungen, die mit den Maßgaben Gottes, dem Initiator der Treue, korrelieren. Denn „treu“, kleingeschrieben als Eigenschaftswort, genauer als ein die konkrete Tat charakterisierendes Adverb, ist für den Menschen schon Herausforderung genug. Von einer Freundin, die sich seit einem Vierteljahrhundert als genesene Alkoholikerin bezeichnen darf, habe ich folgende goldene Regel gehört: „Hör auf, dir und anderen zu schwören, nie wieder zu trinken! Sieh lieber zu, dass du das Glas heute stehen lässt. Als Vorsatz für den Tag ist das genug. Und er reicht für ein ganzes Leben, wenn du ihn täglich neu fasst.“ – Genau das ist das Prinzip von treu: jeden Tag neu.
Sogar der Schöpfer, der im Gegensatz zu uns den Koordinaten von Zeit und Raum nicht unterliegt, lässt sich dieses Prinzip nach Menschenmaß gefallen: „JHWHs Güte ist ohne Ende, Erbarmen geht ihm nicht aus, es erneuert sich jeden Tag – großartig, deine Treue!“ (Klagelieder 3,25 e.Ü.) Das also ist Treue: Gottes täglich sich erneuernde, erbarmungsvolle Hinwendung zu uns, Seine sich in der Zeit bewährende Güte.

Treue ist zeitlich

Es wäre allerdings allzu kleinmütig, das Prinzip des „täglich neu“ nur als das Almosen der Treue, als kümmerlichen Notbehelf für eine untreue, der Vergänglichkeit anheimgefallene Welt zu sehen. Ganz im Gegenteil. Der Tag ist die Maßeinheit sowohl der Schöpferkraft als auch der Retterambition: „Es ward Abend und Morgen, der erste, zweite ... siebte Tag“, skandiert die Genesis;  „Dies ist der Tag des Heils!“, versichert uns die Verheißung, „heute“ ist die Losung im Reich Gottes.
Zeit ist per se ewigkeitstauglich. Was die Bibel nämlich „Ewigkeit“ nennt, ist nicht etwa die Aufhebung von Zeit, sondern deren herrlichste Fülle: die dynamische, vitale Abfolge der Äonen, in denen sich das Werden der Welt, der Geschichte und des Heils vollzieht – das ultimative Medium der Treue Gottes.
Nach biblischem Zeugnis hat die Menschheit sich die Zeit durch die Sünde zum Feind gemacht. Seither zerrt das Feindbild „Zeit = Vergänglichkeit“ an unserem Denken, und so projizieren wir wilde, zeitzersetzende Ewigkeitsphantasien ins All. Ob in der zyklischen Wiederkehr des Ewiggleichen, ob im platonischen Modell eines zeitlosen Fluidums der reinen Ideen, ob im von aller Existenz entleerten Nirwana: Wir schlagen die Zeit tot, und koste es uns das Sein! Selbst jüdische und christliche Weltmodelle bedienen sich solcher zeitfeindlichen Relikte, wenn sie sich einen Gott denken, der in der Ewigkeit verbarrikadiert auf den richtigen Augenblick wartet, uns endlich aus Zeit und Raum zu beamen.
Gott hat das Gegenteil im Sinn. Er lässt sich seine geniale Einrichtung, die Zeit, nicht durch unser Vergänglichkeitstrauma madig machen! Anstatt uns aus ihr herauszulösen, schließt er seine zeitlose Liebe und Güte, ja schließt er sich selbst in die Zeit ein – das ist Treue! Sie heilt die Wunde, die uns die Zeit schlägt – und zugleich die (Ur)Wunde, die wir der Zeit geschlagen haben!

Treue ist relativ

Als Heilverfahren wählt Gott den Treuebund. Der Bund durchzieht leitmotivisch die biblische Erzählung. In ihm erst fügen sich Historien, Regeln, Lieder und Verheißungen zu einem sinnvollen Ganzen. Erst im Bundeskontext bekommen die spannungsreichen Auseinandersetzungen zwischen Gott und Mensch, Gott und Volk, Mensch und Mensch, Volk und Volk jene innere Kohärenz, die uns den Kanon als eine heilige, das Heil bezeugende Schrift erschließt. Am Bund also formt sich die Heilsgeschichte, die in der Treue Gottes ihren umfassenden Niederschlag findet. Nicht umsonst reden wir von „Altem und Neuem Testament“ als einer in Zeit und Raum eingebetteten undividierbaren Einheit. Da haben wir es wieder, das göttliche Treueprinzip: alt = neu. In beiden Teilen ist der jeweils andere vollständig enthalten, doch werfen sie je ein eigenes, besonderes Licht auf die Treue Gottes. Denn diese Treue gewinnt nie im Allgemeinen, sondern nur im Besonderen Gestalt: sie ist im Ursinne des Wortes relativ, weil sie nur in Relation, also in Beziehung Bestand hat. Treue ist im Kern also Beziehungsgeschehen.
Gott trägt seine Bundesangebote ausnahmslos an identifizierbare Gegenüber, Personen bzw. Personengruppen heran: an Noah, an die Patriarchen, an David, oder an den Stammesverbund Israel.
Die Identifizierung ist bereits Teil des Heils: Indem Gott den Bezug herstellt und Personen und Gemeinschaften als Bundesgenossen identifiziert, gewinnen diese Identität. Schon dieser Bezug macht uns bündniswürdig und damit beziehungsfähig! Unsere Identität, die sich nie im luftleeren Raum, sondern im Geflecht von Beziehungen formt, bekommt klare Umrisse und wir werden zu integren Gegenübern für andere, deren Identität sich an uns klären, schärfen und entfalten kann. 

Treue ist ichstark

Die Integrität der Person ist, wie Identität auch, kostbar und fragil zugleich. Kostbar, weil sie den Menschen in seine Bestimmung führt, Abbild Gottes in der Schöpfung zu sein. Fragil, weil auch sie erst im Gefüge der Zeit an Substanz gewinnt – eben jener Dimension, mit der wir wegen unserer Vergänglichkeit auf Kriegsfuß stehen. Kommt Zeit, kommt Zerfall – wo soll da noch Integrität herkommen?
Gute Frage! Denker aller Epochen haben versucht auszuloten, wie Zeit und Identität miteinander korrelieren. Ist die Person, die ich jetzt bin, noch identisch mit der von eben, und werde ich es sein, die einst wird? Was sind Erinnerungen, Pläne? Gibt es Zeit und Sein als Kontinuum? Oder bündelt unser Bewusstsein nur lose verbundene Momente? Ist es vertretbar, sich und einander auf Dauer zu verpflichten? Ist das Postulat der Treue nicht der größte Verrat am sich wandelnden Ich überhaupt?!
Diese Fragen finden auch in der Bibel ihren Niederschlag, allerdings nich abstrakt-spekulativ, sondern stets als existentielle Nagelproben der Integrität. Sinnend erörtert sie der Prediger Salomo, durch schmerzlichen Verlust erleidet sie Hiob. Die Erkenntnis von alt = neu erschließt sich nur mühsam. Schnell ist man falschen Treuekonzepten aufgesessen: Jene, die sich nie festlegen, um ihre vermeintlich von außen bedrohte Integrität zu wahren, verlieren sich in wechselnden Beziehungen, Überzeugungen, Standortbestimmungen. Was als Abwechslung erscheint, ist die zwanghafte Wiederholung des Gleichen in Variationen. Andere werden aus Angst vor dem Selbstverlust unbeweglich, stur – und tyrannisch. In ihrem ausgeklügelten System von Gebundenheiten, kaschiert mit Gesetzlichkeit, sind sie längst untreu geworden, weil sie die Richtung verloren und das Ziel aufgegeben haben.
Alle Fragenden und Ringenden, die die Bibel als Gerechte bezeichnet, verbindet letztlich die Kapitulation vor der Tatsache, dass „ihre Zeit in Gottes Händen“ steht (Psalm 31,16). Ob Noah, Jona, David oder Eliah, ob Mose, Daniel oder Jesus: Erst indem sie ihre Herkunft – das, was ihnen und ihrem Volk an Schwerem und Segensreichem widerfuhr – aus Gottes Hand zu nehmen lernen, und ihre Zukunft – das, was sie befürchten oder ersehnen – in Gottes Hand zu legen bereit sind, wandelt sich ihnen die Gegenwart vom bodenlosen Abgrund zum festen Lebensgrund. Eine radikale Wendung.

Gottes Treue behebt die innerste Spaltung des Menschen und integriert seinen Ursprung und seine Bestimmung wieder in sein Dasein. Das verleiht Integrität. Integer sind Menschen, Gemeinschaften und Völker, die ihre Vergangenheit dankbar, befriedet und geläutert und ihre Zukunft hoffnungsvoll in ihre Gegenwart integrieren. Zakar2 (hebr.), erinnere dich!, ist Memento und Trost für das Bundesvolk in den Wirren der Geschichte. Mit dem Doppelgebot des Gedenkens an seine Taten und seine Verheißungen ruft sich Gott ins Gedächtnis der Seinen – und ruft diese damit in seine heilvolle Gegenwart. Er offenbart ihnen das Heiligste: seinen Namen als Inbegriff von Integrität und Identität. JHWH – der große ICH, der in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sich selbst treu ist. Und uns auch. Wenn Gott ICH sagt, ist jeder als „du“ angesprochen. Sein Ruf bewirkt in uns eine Antwort – wie auch am obigen Liedvers über die Güte des Herrn abzulesen: Wenn die Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes den Menschen zur Erkenntnis seiner Treue leitet, mündet das Lob unweigerlich im DU, Groß ist deine Treue! In der Zuwendung zu Gott wächst die Treue dem Menschen zu und befähigt ihn, seinerseits „ich“ zu sagen – und „ich“ zu bleiben.

Treue ist maßlos

Doch trotz der Treueinitiative Gottes ist das unverbrüchliche Bleiben selbst für die Helden des Glaubens nicht zu leisten. Erst recht nicht für das Fußvolk, wie wir an der Geschichte Israels sehen. Wo ist also ein Treuer, an dem die Adressaten des apokalyptischen Sendschreibens Maß nehmen könnten? Der biblische Befund ist ernüchternd. Bundesangebot hin oder her – die Menschen bleiben nicht, sondern bleiben allesamt erbärmlich bunduntauglich. Dass sie als Bundesgenossen, also Profiteure der Treue Gottes, offenbar dennoch Identität, Integrität und Segen einkassieren, macht stutzig: Dazu braucht es doch keinen Bundesschluss!
Richtig. Aber Gott hat den Bund ja auch nicht initiiert, damit er uns beschenken kann. So eigentümlich es klingt: Er selbst möchte beschenkt werden, von uns. Mit Liebe, mit Treue, mit Freude am Leben in Fülle. In aller Freiheit und Gegenseitigkeit, wie es sich für wahre Liebe und wahre Treue gehört. Doch dazu muss mensch erst qualifiziert werden! Deswegen der Bund.
Um mit uns ins Ziel zu kommen, fasst der Ewige jenen Vorsatz, der in einen herrlichen Deal zwischen Gott Vater und Gott Sohn mündet: Liebe gegen Liebe, Treue gegen Treue, Leben gegen Leben. Das ist der ewige BUND, in den alle Abkommen der Heilsgeschichte eingeschrieben sind und der ihre unaufhebbare Gültigkeit verbürgt (vgl. Hebr 13,20, Eph 1,49). Der Sohn selbst fügt sich, um ihn einzulösen, unseren Koordinaten von Raum und Zeit: Der Logos wird Fleisch. Als der Israel verheißene Gerechte begleicht er durch sein Leben unseren Rückstand an Liebe und Treue bei Gott. Und er tilgt im Sterben alle Ansprüche der Finsternis, mit der diese uns verklagt. In seinem Blut, in seiner Hingabe, erneuert sich der alte Bund zwischen Gott und Mensch. So spiegelt sich das ewig-göttliche Treueprinzip neu = alt im Antlitz des Menschensohnes wieder. Der Mensch Jesus von Nazareth hat den Beweis erbracht, dass Treue, großgeschrieben, durchaus Menschenmaß hat. Er hat sie aus dem unerschöpflichen Fundus des Vaters wieder in den Mainstream unseres Lebens gelenkt. Wer in ihm bleibt, der lernt das Bleiben – bei sich, bei einander und beim Vater.

Ob der Anspruch „Sei treu bis zum Tode“ angemessen ist, entscheidet sich also nicht am Maß der Treue, zu der die Christen in Smyrna fähig sind, sondern an der unermesslichen Treue dessen, der spricht. Weil der Mensch in Christus geborgen ist und weil die Gemeinde, sein Leib, mit ihm als ihrem Haupt vereinigt ist, hat Smyrna berechtigte Hoffnung auf Gelingen.
Dem Imperativ „sei!“ (gr.: genomai) liegt das gleiche Verb zugrunde wie dem „werde!“ der Genesis. Was als Bedingung Angst macht, verleiht als Zuspruch Mut. Vom Schöpfungswort „sei treu“ erschließt sich uns der Vers neu: Die zugesprochene Treue selbst ist die Krone des Seins, sie ist die uns geschenkte Herrlichkeit des sich täglich erneuernden, unvergänglichen Lebens in Fülle.

Anmerkungen

1 kunstvoll-wehmütige Grabinschrift
2 Vgl. insbes. 2. Mose 32,13 und 3. Mose 26,42

Erschienen in Salzkorn 4/2011 „Ich bin treu und das ist gut so“, S. 170-175.

Von

  • Írisz Sipos

    ist stellvertretende Chefredakteurin des Salzkorns und mitverantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der OJC-Kommunität.

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