Gilt die Schrift

Gilt die Schrift noch, oder nicht?

Eine nicht unkritische Betrachtung zur evangelischen Bekenntnistreue

Interview mit Sebastian Moll

Die evangelische Theologie will vor allem politisch korrekt sein. Der Glaube stört da nur, behauptet der Nachwuchswissenschaftler Sebastian Moll in seiner furiosen Streitschrift „Jesus war kein Vegetarier“ (Berlin 2011).

Das Gespräch führte Christiane Florin

(Aus: DIE ZEIT, Christ & Welt 36/2011)

Wie hielt es Jesus mit Frauen, Vegetariern, Homosexuellen und Juden? Warum legen Sie sich auf gut 100 Seiten mit der größtmöglichen Zahl von Leuten an?
Sebastian Moll: Es geht mir nicht darum, mich mit möglichst vielen Leuten anzulegen. Mich besorgt nur, dass die Bibel inzwischen völlig verzerrt wird. Sie muss zum Beispiel als Begründung dafür herhalten, auf Fleisch zu verzichten, die Frauenquote gut zu finden und gegen Atomkraft zu sein.

Wer verzerrt die Bibel?
Im Moment tun sich da die protestantischen Theologen und Vertreter der evangelischen Kirche besonders hervor. George Orwell schreibt in „1984“: „Freiheit ist die Freiheit zu sagen, dass zwei plus zwei vier ist. Wenn das gewährt ist, folgt alles Weitere.“ Ich erlebe zunehmend, dass wir uns zu einer Gesellschaft hinbewegen, in der man nicht mehr sagen darf, dass zwei plus zwei vier ist.

Und was folgt daraus?
Die evangelische Kirche muss klar sagen: Gilt die Schrift noch oder nicht? Aber man kann doch nicht so tun, als halte man an der Bibel fest und bricht zugleich in allen praktischen Fragen mit der Schrift. Diese Heuchelei wird die evangelische Kirche nicht überleben.

Glauben Sie, dass Sie ernst genommen werden, wenn Sie mal eben in einem Bändchen mit der Kirche und der Theologie abrechnen?
Die Kernfragen sind nicht so kompliziert, dass man dafür dickleibige Bücher braucht. Wir haben uns nur daran gewöhnt, dass vieles durch Pseudointellektualismus aufgeblasen wird. Aber, ohne mich mit Luther vergleichen zu wollen: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ hat nicht einmal die Hälfte des Umfangs meines Buches und hat die Weltgeschichte verändert.

Sie sind Doktor der Theologie und nach Lektüre Ihres Buches müsste ich darüber staunen, dass Sie trotzdem noch an Gott glauben.?
Sagen wir es so: Das Studium der Theologie ist dem Glauben nicht förderlich. Die deutsche Theologie wird oft nur noch als historische Kulturwissenschaft betrieben. Sie vergisst zu fragen, wofür man das eigentlich macht. Die Forschung wird zum Selbstzweck.

Ist die Theologie in einer Sinnkrise?
Eindeutig ja. Religion ist zwar ein Modethema, aber die Theologieprofessoren haben die Deutungshoheit eingebüßt. Es äußern sich Journalisten, Politiker und Religionswissenschaftler, aber kaum Theologen. Wir haben es mit einer Überspezialisierung in den exegetischen Fächern zu tun. Es werden Doktorarbeiten über den Begriff XY in der Schrift XY verfasst. Es ist doch eigentlich unverantwortlich, dass junge Menschen so viel Zeit und Energie in gesellschaftlich irrelevante Themen stecken sollen. Wer sich aber so äußern kann, dass man ihn über den engen Fachkreis hinaus versteht, wird von der Wissenschaft nicht mehr akzeptiert.

Wird man in der Wissenschaft akzeptiert, wenn man ein Buch „Jesus war kein Vegetarier“ betitelt?
Ich bin mir des Risikos bewusst, dass so ein Buch bei einer Lehrstuhlbewerbung schaden kann.

Wie kamen Sie überhaupt auf den Titel?
Ich sah im Fernsehen eine Talkshow, an der unter anderem Barbara Rütting und der frühere Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke teilnahmen. Frau Rütting behauptete, das Gebot „Du sollst nicht töten“ gelte auch für Tiere. Funke sagte daraufhin, er verstehe dann nicht, dass im Gleichnis vom verlorenen Sohn der Vater vor Freude den Ochsen schlachte. Dann sagte er: „Wenn ich noch ein bisschen drüber nachdenke, kommt da theologisch vielleicht etwas mehr um die Ecke.“ Dieses Mehr an Theologie wollte ich beisteuern.

Und das ist besser, als sich in seiner Dissertation mit der unbekannten, irrelevanten Schrift XY auseinanderzusetzen?
Es ist zumindest aktueller. Food-Ethics, also die Auseinandersetzung mit der Frage „Was darf ich essen?“, ist ja ein recht neues Thema. Ernährung ist keine reine Privatsache mehr, sondern hat einen gesellschaftlichen Faktor. Aber mein Anliegen ist ein grundsätzlicheres: Ich habe nichts gegen Vegetarier, ich bin dafür, dass man darauf achtet, wie Tierhaltung artgerecht sein kann, aber ich bin dagegen, den Verzicht auf Fleisch mit der Bibel zu begründen. Nach dem Motto: Wenn du ein guter Christ bist, darfst du kein Fleisch essen. Dabei wissen wir gar nicht, ob Jesus Fleisch gegessen hat. Aber wir können nachweisen, dass Vegetarismus nicht zu seiner Lehre gehört hat. Ich polarisiere zwar, vertrete aber eigentlich eine Position der Mitte, der Vernunft. Genau die ist aber schwer in einer Gesellschaft, in der das Dagegensein als einzig legitime Position angesehen wird.

Was ist an Ihrem Buch mutig? Zu sagen: Keine Homo-Ehe im evangelischen Pfarrhaus?
Vor 20 Jahren war derjenige mutig, der für die Homo-Ehe gekämpft hat, jetzt ist es mutig zu sagen: Wenn ihr für die Homo-Ehe seid, könnt ihr euch nicht auf die Bibel berufen. Der Ex-Verteidigungsminister Hans Apel, der frustriert aus der evangelischen Kirche ausgetreten ist, hat mal zum Thema Segnung der Homo-Ehe sinngemäß geschrieben: Die Anzahl derer, die diesen Segen in Anspruch nehmen wollen, ist verschwindend gering. Aber es geht vielen, die das fordern, auch gar nicht um den Segen der Kirche, sondern es geht darum, den Widerstand der Institution zu brechen.
Wenn man sich das Zeugnis der Schrift anschaut, wird Homosexualität eindeutig als Sünde verurteilt. Aber das ist eben nicht die entscheidende Aussage der Bibel. Wenn ich mir heutige Debatten anschaue, habe ich den Eindruck, es sei die Hauptaufgabe eines Christen, gegen Klimawandel, Tiertransporte, Diskriminierung von Frauen und Homosexuellen vorzugehen. Diese Themen sind überrepräsentiert. Die Kirche und die Theologen müssten sich auf das Wesentliche der Botschaft konzentrieren.

Theologie sollte auch dem Denken dienen …
Aber ja! Man sollte nur aufhören, beides gegeneinander auszuspielen. Den Glauben fördern – das klingt fundamentalistisch. Das bin ich aber nicht. Ich fordere nur, dass die Theologie nicht mehr so tut, als müsse es geradezu der Zweck des Denkens sein, den Glauben zu zerstören. Theologie sollte doch mit Zweifeln produktiv umgehen, nicht beim Zweifeln stehen bleiben. Versuchen Sie mal, in einem theologischen Seminar die Studenten zum Gebet aufzufordern – da riskiert man als Dozent ja seinen Job. Spiritualität ist nicht gefragt.

Haben Sie eine theologische Karriere vor?
Ja, ich arbeite an meiner Habilitation, aber die Berufungskriterien der Hochschulen sind mitunter schon beunruhigend. Um auf das Thema vom Anfang zurückzukommen: Ich habe es erlebt, dass jemand nicht eingestellt wird, nur weil er sich gegen die Frauenordination ausgesprochen hat. Es heißt ja immer, Frauenordination sei gar keine Glaubensfrage, sondern eine Frage der Konvention. Aber wenn dann einer etwas dagegen sagt, wird es plötzlich doch zur Glaubensfrage erhoben.

Sie formulieren in Ihrem Buch gewitzt. Schadet Humor der Theologenkarriere? Immerhin hat Jesus nicht nachweislich gelacht.
Aber Gott hat gelacht. Im Alten Testament lacht er über die Ungläubigen und seine Feinde. Es gab einmal die Tradition des Osterlachens. Lachen ist Ausdruck einer christlichen Gelassenheit, ich lache über den Tod an Ostern, weil ich ihn besiegt habe.
In der deutschen Theologie ist ein humorvoller Stil eher schädlich, man gilt schnell als unernst. Zu Unrecht. Humor hilft aus festgefahrenen Debatten. Und erst wenn man die Verbissenheit abgelegt hat, wird man wieder offen für Fakten. Ich werde jedenfalls demnächst ein Seminar über Religiosität bei den Simpsons anbieten.

Sebastian Moll, promovierter evangelischer Theologe, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Mainz.

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