Editorial: Tomaten, Schwarzenegger und Gottes täglich neuer Bund - Ansichten zur Treue

Aktueller Prior und sein Nachfolger: Dominik Klenk mit Konstantin Mascher
Aktueller Prior und sein Nachfolger: Dominik Klenk mit Konstantin Mascher

Lasset uns in der Kirche, mit der Kirche, für die Kirche bitten,
denn es sind drei Dinge, die sie erhalten:
Erstlich treu verkündigen,
zum anderen fleißig beten
und zum dritten mit Ernst leiden.
Martin Luther


Die Tomate stand schon mal besser da. Die heute als treulose Verunglimpfte rollte einst als „Gold- oder Paradiesapfel“ über Marktstände und in Einkaufstaschen. Zumindest in Österreich landet sie bis heute als Paradeiser im Volksmund.  Ihr namentlicher Abstieg ging interessanterweise einher mit dem Aufstieg zum globalisierten Gemüse: die Tomate – der profane Paradiesapfel für Jedermann. Wie das rote Gemüse vollends der Treulosigkeit anheim fiel, ist nicht abschließend ­geklärt. Kaum zuträglich wird ihr das Image als eingemachtes Ketchup sein... Es ist an der Zeit, die Tomate als Paradiesapfel zurückzugewinnen und damit ein Stück Hoffnungshorizont für uns selber: die Treue und die Früchte der Treue – darum geht es in diesem Heft.

Mit Hirn und Hormonen

Dass es mit der Treue mitunter nicht so einfach ist, erfahren wir nicht nur durch die ­medial verbreiteten, außerehelichen Eskapaden hormonstarker Protagonisten wie Arnold Schwarzenegger und Dominique Strauss-Kahn. Jeder Mensch, in dessen Adern Blut fließt, weiß um Momente der Begierde, in ­denen er riskiert, mit dem Hintern einzureißen, was er jahrelang verlässlich mit Herz und Hand aufgebaut hat. Die Erosion der Treue ist inzwischen gesellschaftlich so weit fortgeschritten, dass sie auch auf die Erklärungsversuche der Untreue übergreift. So versuchte mir jüngst ein dynamisch-erfolg­reicher Unternehmer klarzumachen, dass es wissenschaftlich erwiesen sei: Mann könne auf Dauer gar nicht treu sein.

Treu heißt täglich neu

Wo die Risiken zum Seitensprung im ehe­lichen Alltag liegen und wie man miteinander Durststrecken übersteht und Leidenschaft wieder neu befeuert, berichten Peter und Anja Offenhaus in einem haarigen Interview, das Freude macht. Wie wir uns in schweren Versuchungen bewähren und mehr von Jesus lernen können, erklärt Klaus Sperr in seiner packenden Bibelarbeit Im Schussfeld des Teufels. Markus Spieker schürt Lust auf Treue und erklärt, warum wir es bei ihr definitiv mit einer Gewinnertugend zu tun haben.

Den Ewigkeitshorizont der Treue leuchtet Írisz Sipos aus, in dem sie der größeren Perspektive der Bundestreue Gottes nachgeht: Gott selbst ist ihr Initiator. Von dorther kann auch heute Treue empfangen und geschenkt werden. Täglich neu. Hier wird ausgewickelt, wie kostbar und unabdingbar diese Tugend ist. Und: Sie muss in den Mainstream, in den Hauptstrom, wenn Leben weitergegeben werden will. Kultur ist ja der Inbegriff der Regeln und Handlungsaufträge, die in Generationenprozessen überliefert und variiert werden. Ohne Treue versiegt dieser Strom.

Verweltlichung des Bekenntnisses

Der Strom der Kirche Jesu Christi speist sich aus der Treue des Auferstandenen zu seiner Kirche. Das ist tröstlich angesichts der Vernebelungen und Veruntreuungen gegenüber dem biblischen Zeugnis, die die verfassten evangelischen Landeskirchen in den vergangenen Monaten in Kauf genommen haben. Die EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) hatte Ende letzten Jahres ein Pfarrdienstgesetz beschlossen, das in diesem Jahr den Landeskirchen und ihren Synoden zum Beschluss vorgelegt wurde. Am 8. November 2011 hat nun die Generalsynode der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche in Deutschland (VELKD) die EKD-Vorlage als gültiges Kirchenrecht beschlossen. Die acht Landeskirchen der VELKD, darunter ­etwa auch Sachsen und Bayern, haben damit das EKD-Kirchenrecht übernommen. In ­einem nächsten Schritt können nun die einzelnen acht Landeskirchen auf ihren Landessynoden in den kommenden Monaten darüber beraten, ob noch ergänzende Regelungen getroffen werden. Etwa in Bezug auf die Auslegung des umstrittenen und unscharf formulierten §39, der über Lebensführung und Zusammenleben im Pfarrhaus Auskunft gibt.

Man kann nur hoffen, dass die Gliedkirchen der VELKD und auch die anderen Landeskirchen, wie etwa Württemberg, die noch abzustimmen haben, nicht dem Vorbild der Berliner Landeskirche (EKBO) folgen. Diese hat unter ihrem Bischof Markus Dröge im Oktober in einem „Kirchengesetz zur Zustimmung und Ausführung des Pfarrdienstgesetzes der EKD“ bereits klar gemacht, dass für sie Ehe und Homo-Lebenspartnerschaft im Pfarrhaus auf der völlig gleichen Ebene stehen, inklusive der Kinder, die in der ­Lebenspartnerschaft aufwachsen. Das theologische Gespräch in der Sache ist hier vorbei­ – und „mit Spannungen leben“ ist nicht mehr vorgesehen. Bezüge zur Heiligen Schrift? Fehlanzeige!
Die Landeskirchen der EKD, ihre Synoden und die einzelnen Gläubigen sollten sich der weitreichenden Implikationen bewusst sein, die das EKD-Pfarrerdienstrecht und seine Begründung in sich tragen.

Sieben Implikationen von § 39

1. Die evangelische Kirche stellt „familiäres Zusammenleben“, also „jede Form des rechtsverbindlich geordneten Zusammen­lebens von mindestens zwei Menschen“, faktisch auf eine Stufe mit der Ehe.
2. Damit wird die Ehe von Mann und Frau als Leitbild christlicher Lebensweise auf­geweicht und zu einer Lebensform unter anderen. Homosexuelle Partnerschaften werden kirchenrechtlich legitimiert.
3. Zum ersten Mal in der Geschichte der Evangelischen Kirche wird hier ein eindeutig bibelwidriger Sachverhalt kirchenrechtlich implantiert. Das ist eine völlig neue Qualität der Häresie, deren Folgen nach menschlichem Ermessen nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Noch 1996 schrieb die EKD in ihrer Denkschrift „Mit Spannungen leben“, es gäbe „keine bib­lischen Aussagen, die Homosexualität in ­eine positive Beziehung zum Willen Gottes setzen - im Gegenteil“.
4. Der Begriff des „familiären Zusammen­lebens“ meint „jede Form des rechtsverbindlich geordneten Zusammenlebens“. Damit unterwirft sich die Kirche in einer theologisch-anthropologischen Grundfrage staatlicher Gesetzgebung. Was, wenn der Staat in den nächsten Jahrzehnten noch ganz andere Lebensformen „von mindestens zwei Menschen“ rechtlich legitimiert, etwa bisexuelle Dreierschaften? Oder die Geschwisterehe? Die EKD hat sich jetzt bereits potenziell für diese Szenarien geöffnet.
5. Dieser Beschluss entwurzelt evangelische Christen, für die diese Art „familiärer Lebensformen“ unbiblisch und im Pfarrhaus nicht vorstellbar ist. Unter welchem Dach sollen diese Christen in Zukunft Heimat finden?
6. Mit diesem Beschluss wird der Raum für Christen in ihrer Kirche noch enger, die ­ihre homoerotische Orientierung selbst nicht ausleben wollen und sich eine Veränderung erhoffen. Es bleibt zu fragen, ob es diesen Raum der Seelsorge in der evange­lischen Kirche überhaupt noch gibt und ob diese Menschen hier noch erwünscht sind.
7. Dieses Kirchenrecht mit seinen ethischen und anthropologischen Implikationen wirft die Kirchen in ihrem ökumenischen Prozess um Jahrzehnte zurück. Die kirchenrechtliche Manifestation eines postmodernen Menschenbildes, das die Polarität der Geschlechter und ihre Komplementarität relativiert, wird von der katholischen und den orthodoxen Kirchen als tiefgreifende Irritation aufgenommen. Der ökumenische Riss wird schmerzlich vergrößert.

Entweltlichung der Kirche

Was hier geschieht, ist theologisch ver-rückt im substanziellen Sinne. Dabei ist der exegetische Befund in der Sache klar und eindeutig: Praktizierte Homosexualität nennt die Bibel Sünde, auch wenn Gott den Sünder selbstverständlich liebt. Jeder darf die Vergebung Gottes immer neu annehmen und soll ihr mit seinem Gewissen zustimmen und mit seinem Handeln entsprechen. Man kann nur mit Bedrückung wahrnehmen, wie wenig ­erinnerungs- und bibelgesättigt sich die evangelischen Landeskirchen und ihre ­Synoden bis hierher gezeigt haben. Jedenfalls in ihren Ergebnissen. Welcher Weg für Christen einzuschlagen ist, für die mit dieser kirchlichen Gesetzgebung die Grenze bib­lischer Glaubwürdigkeit überschritten ist, wird in Ruhe abzuwägen und vor allem im Gebet zu prüfen sein.

Es ist interessant, wie nach dem Besuch von Papst Benedikt XVI. die Freiburger Rede und ihr Kernwort von der Entweltlichung der Kirche diskutiert worden sind. Mit Entweltlichung ist nichts anderes gemeint, als sich auf den Kernauftrag zu konzentrieren. Die Kirche hat ein Wächteramt und muss für sich darüber wachen, dass die Treue zur Heiligen Schrift und die Beziehung zum lebendigen Gott immer wieder ins Zentrum rücken.

In der evangelischen Kirche wurde in den vergangenen Dekaden wiederholt über die Gefahr der Selbstsäkularisation ­gesprochen. Sie ist nichts anderes als die schleichende Bewegung, die dann und wann Entweltlichung nötig macht. Nur so wird Kirche Kirche bleiben. Und nur so wird ihr sperriger Auftrag zur frohen und herausfordernden Botschaft, die sich nicht schematisieren und einebnen lässt durch die politisch korrekten Denkmuster unserer Zeit. Wir tun gut daran, uns zu erinnern, dass angepasstes und wohlgelittenes Leben in der Gesellschaft nicht der Tenor des biblischen Zeugnisses ist – erst recht in deutschen Landen, wo wir uns die modisch-ideologische Anfälligkeit der Hochtheologie wachsam vor Augen halten müssen.
Eine wunderbare Mahnung und Stärkung im Wächteramt sind der Glaube und das Leben von Dietrich Bonhoeffer. Die neue Bonhoeffer-Biographie von Eric Metaxas ist ein Lehrbuch vitalen und kämpferischen Christseins und liest sich spannend wie ein Krimi.

Junger Leiter – fließender Übergang

Im Oktober hat die OJC-Kommunität ihren kommenden Leiter gewählt: Konstantin Mascher (35). Wir freuen uns sehr und sind überzeugt und voll Vertrauen, dass die Wahl eines abermals jungen Leiters einen guten Weg für die OJC in die Zukunft eröffnet.
Konstantin Mascher ist in Südafrika als Sohn eines Hermannsburger Missionars aufgewachsen. Nach seinem Abitur war er einige Monate als Dauergast bei der OJC und hat in dieser Zeit im Jahresteam auf Schloss Reichenberg seine Frau Daniela kennengelernt. Sie haben inzwischen vier Kinder.
Nach ihrem Studium der Soziologie (Konstantin) und Physik (Daniela) in Dresden sind Maschers 2004 als Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft zur OJC gekommen. Im Rahmen der Institutsarbeit war Konstantin vielfach als gefragter Referent in Schulen, Gemeinden und kirchlichen Werken unterwegs. Gemeinsam sind sie 2009 in die OJC-Kommunität eingetreten. In den kommenden Monaten wollen wir einen sanften Übergang der Leitungsaufgaben miteinander gestalten, der sein Siegel mit der Amtseinführung am 17. Mai 2012 in Reichelsheim am Tag der Offensive erhält. Heute schon eine herzliche Einladung zu diesem Festtag!

Meine Frau Christine und ich werden mit unserer Familie nach drei Wahlperioden und dann zwölf Jahren weiterziehen. Welche Aufgabe uns erwartet, ist noch offen, aber wir sind gewiss darin, dass alles seinen guten Lauf nehmen wird.

Dankbar für Ihre Fürbitte in dieser wich­tigen Zeit und mit den allerbesten Adventsgrüßen der ganzen OJC verbleibe ich
Ihr

Dr. Dominik Klenk
Reichelsheim, den 11. 11. 2011

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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