Erotisches Neutrum oder Gewinnertugend?

Erotisches Neutrum oder Gewinnertugend?
© Ben Jordan

Warum Womanizer umschulen sollten

von Markus Spieker


Die Freiheit der Liebe wird großgeschrieben, die Verpflichtung zur Treue klein. In solch einer Gesellschaft leben wir. Jedenfalls sind die Belohnungssysteme bei uns nicht so justiert, dass treues Verhalten belohnt und untreues Verhalten geahndet wird. Der treue Ehemann ist langweilig, unsexy, ein erotisches Neutrum. Der Womanizer ist der Wild Boy, der Gefahr und Abenteuer ausdünstet. Manchmal habe ich mich gefragt, ob ich auf Bad Boy umschulen sollte. Bringt vielleicht mehr Punkte, jedenfalls mehr Höhepunkte.
Als Christian Wulff, kurz zuvor von einem Biographen als „Marathon-Mann“ gefeiert, via BILD-Zeitung das Scheitern seiner Ehe verkündete und gleich seine neue Geliebte präsentierte, stand er vor einem Terminproblem. Er hatte zugesagt, bei einem christlichen Jugendkongress einen Vortrag zu halten. Die Veranstalter des Kongresses galten als erzkonservativ und radikal-puritanisch, vor allem in Fragen der Ehemoral. Doch Christian Wulff kniff nicht, sondern setzte sich dem möglichen Tribunal aus. Vielleicht war er selbst am meisten überrascht über die Reaktionen. Die Teilnehmer hielt es nicht auf den Sitzen. Nicht, weil sie unter Protest den Saal verlassen hätten, sondern weil sie dem künftigen Bundespräsidenten stehende Ovationen entgegenbrachten und ihn mit „Christian Wuuuuulff“-Rufen feierten. Für mich war die Nonchalance, mit der die biblischen Gralshüter der 3-L-Liebe [lebenslange Liebe, red.] auf den Lapsus des Promis reagierten, das eigentlich Verwunderliche.
Noch mehr erstaunt hat mich der Fall eines Pfarrers, dessen Gemeinde wegen der innovativen Gottesdienstform und der klugen Predigten großen Zulauf hatte. Der Pfarrer hatte sich auch als eine Art religiöser Lifestyle-Experte einen Namen gemacht. Aber dann übertrieb der Gute es mit dem innovativen Change-Management; er verließ seine Frau und holte dafür seine Geliebte ins Pfarrhaus. Er stellte es dem Gemeindevorstand frei, ihn zu beurlauben. Was tat das fromme Gremium? Es handelte nach dem Leitsatz: Wer die Kirche füllt, hat recht. Man wollte den Supergeistlichen nicht verlieren und lehnte es ab, den Vertrag aufzulösen. Stattdessen nahm die Kirche einige Seminare über die Bewältigung von Ehekrisen neu ins Programm.

Hat die Liebe noch eine Chance?

Dass die Scheidungszahlen konstant hoch sind und die Medienberichte über Promi-Seitensprünge sich sogar inflationär vermehren, macht mir nicht so viel Angst wie das Achselzucken derer, die sich der Verteidigung der Treue verpflichtet fühlen müssten. Damit ist ja öffentlich auch kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Als zuletzt eine katholische Gemeinde ihren Organisten entließ, weil er im Zustand offenen Ehebruchs lebte, pfiff der Europäische Gerichtshof die Gemeinde zurück, die sich an die vorher vereinbarte Dienstordnung gehalten hatte. Der Ehebruch mindere die musikalische Qualität nicht.

Dabei wollen wir die Treue doch. „Hat die Liebe noch eine Chance?“ fragte Ende August 2010 die ZEIT und ließ drei Berliner Künstler eine Antwort suchen. Die Jüngste der drei, die Schauspielerin und Dramatikerin Laura de Weck, noch keine 30 Jahre alt, bekannte: „Ich glaube, die Sehnsucht meiner Generation geht dahin, jemanden zu finden, der einen ein Leben lang begleitet. Jemanden, der auch die schlechten Zeiten mitmacht. Früher sagte man: Ich will mein Leben mit dir verbringen, weil ich dich liebe. Heute sagt man eher: Ich will mein Leben mit dir verbringen, obwohl ich weiß, dass es verdammt schwer sein wird.“
„So mutiert die romantische Liebe im Laufe der Moderne zu einer Monsterqualle, die mit unsichtbaren Fäden zarte Wesen umgarnt, sie zersetzt und verschlingt. Manche glauben weiterhin mit religiöser Inbrunst an sie, andere sind restlos enttäuscht von ihr, viele arrangieren sich mit der alltäglichen Tristesse dessen, was einmal Liebe war“, schreibt der Philosoph Wilhelm Schmid. Er schlägt deshalb vor, die Liebe „neu zu erfinden“ als „atmende Liebe“, er wünscht sich „eine neue Leichtigkeit des Liebens“.
Aber kann man sich fallenlassen in eine Liebe, die konditioniert und befristet ist? Wohl kaum. Gerade deshalb sollten wir versuchen, uns die Sache mit der Treue etwas leichter zu machen, statt die Verhältnisse hinzunehmen, wie sie sind. Das sanfte Aufbegehren gegen den Status quo ist eine Minderheitenposition. Und war es auch schon früher. In „Der Menschenfeind“ lässt Moliere den klugen, aber phlegmatischen Philinte dem misanthropischen Treuefanatiker Alceste sagen:

„Der allergrößte Narr ist der, der sich vermisst
die Welt zu ändern. Sie bleibt ewig, wie sie ist.“

Man muss kein Menschenfeind sein, um das für einen Irrtum zu halten. Es stimmt: Die Zeiten ändern mich. Ich kann aber auch die Zeiten ändern.

Welche Vorteile hat Treue?

Gesamtgesellschaftlich gesehen ist Treue ohne Zweifel eine Gewinnertugend. Die universalhistorischen Betrachtungen von Jacob Burckhardt, Oswald Spengler und Arnold Toynbee sind im Moment etwas aus der Mode. Trotzdem ist eine Hauptthese, die alle drei vertreten, noch immer beachtenswert: Gesellschaften mit losen Familienbindungen und allzu lockerer Sexualmoral dümpeln und degenerieren. Ein wenig bekannter Ethnologe, Joseph D. Unwin, hat in den 1920er Jahren dieselbe These auf 80 Stämme und Völker angewandt und sie dort bestätigt bekommen.
Allerdings fühlt sich nicht jeder, der eine Beziehung unterhält, verantwortlich für das Florieren der Zivilisation, geschweige denn für die Höherentwicklung der menschlichen Spezies. Was sind die Vorteile der Treue? Mir fallen zwei ein: Treue tut gut. Untreue tut weh.

Treue tut gut, weil sie glücklich macht. Und zwar in dieser Reihenfolge:

• Treue schafft Vertrauen.
• Vertrauen schafft Vereinfachung des Lebens.
• Vereinfachung schafft Entspannung.
• Entspannung schafft Zufriedenheit.
• Zufriedenheit schafft Glück.

Zu Hochzeiten verschenke ich manchmal einen Fotoband der National Geographic Society, der schlicht „Love“ heißt und Liebende zeigt. Mich selbst fesseln nicht so sehr die frisch Verliebten. Menschen, die sich ekstatisch anschmachten, regen meine Phantasie an, rühren aber nicht mein Herz. Anders ist das mit den Aufnahmen von Männern und Frauen, denen man ansieht, dass sie schon einen langen Weg zusammen marschiert sind. Seniorenpaare, die Händchen halten, die einander fotografieren oder die nur nebeneinander auf einer Bank sitzen. Sie wirken entspannt, friedvoll, sogar schön, echte Treue-Pin-ups. Im Alter hat jeder das Gesicht, das er verdient. Das denke ich, wenn ich Fotos von verschrumpelten und aufgespritzten Beziehungsbulimikern wie Playboy-Gründer Hugh Hefner sehe: die Mundwinkel maskenhaft nach oben geschraubt, die Augen stechend und trotzdem tot. Anti-Werbung für echte Liebe. Ansonsten ist es mit der Treue wie mit der Gesundheit. Was man an ihr hat, merkt man erst, wenn sie weg ist. Wer in den Genuss von Treue kommt, kriegt nämlich nicht nur mehr, sondern vor allem weniger:

• weniger Stress
• weniger stressbedingte Krankheiten
• und dadurch letztendlich wieder mehr: Mehr Lebenszeit.

Einmal ist mehrmal

Tatsächlich leben sicher und halbwegs glücklich gebundene Menschen durchschnittlich vier Jahre länger als der Rest der Bevölkerung.
Auch wenn man nicht an Himmel oder Hölle glaubt: Untreue lohnt sich nicht. Manchmal reichen 20 Minuten hektischen Rumgefummels und Rumgestöhnes, um 20 Jahre Beziehungsarbeit zunichtezumachen oder zumindest für jahrelange Gewissensbisse zu sorgen. Was man sich mühevoll aufgebaut hat, reißt man buchstäblich mit dem nackten Arsch wieder ein.
Man sollte sich in Situationen, in denen es gefährlich zu werden droht, die folgenden Sätze soufflieren: Der Lustflash ist nichts, der lange Frieden alles. Der Moment wird überschätzt. Es wird vorbeigehen. Und: Wenn ich das Tier in mir füttere, wird es mehr wollen. Einmal ist mehrmal. Es ist, wie wenn man eine neue Applikation im Gehirn installiert, die in Zukunft bei möglichen Gelegenheiten erneut aktiviert wird.
Ich will die inneren Nöte von Frauen, die zwischen zwei Männern stehen, und von Männern, die sich zwischen zwei Frauen hin- und hergerissen fühlen, nicht trivialisieren oder kriminalisieren. Das amerikanische Pop-Duo England Dan und John Ford Coley machte aus dem Dilemma in den siebziger Jahren einen Hit. Der Refrain hieß: „Es ist traurig, einem anderen zu gehören, wenn der Richtige auftaucht.“ Im Roman von Graham Greene „Das Herz aller Dinge“ löst der Held den Loyalitätskonflikt zwischen Ehefrau und Geliebter dadurch auf, dass er sich umbringt. Tatsächlich ist es oft schon zu spät, wenn die Affäre bereits begonnen hat. Vorbeugen ist besser als nacharbeiten.
Aus der Korruptionsbekämpfung wissen wir: Die beste Waffe gegen Untreue ist Transparenz. Die wirksamste Methode, sexuelle Treue zu bewahren, hat mir ein Freund verraten: Sie ist effektiver als eine elektronische Fußfessel oder ein Handy-Ortungsgerät. Mein Freund hält seine Frau über seine Gefühle, auch die unanständigen, auf dem Laufenden. Keine Heimlichkeiten, noch nicht einmal im Kopf. So viel Transparenz verlangt Mut, das verlangt Vertrauen, das verlangt eine selbstbewusste und starke Partnerin. Mein Freund hatte viele Affären, bis er sich zu dieser neuen Strategie durchrang. Sein Leitspruch: „Es darf niemanden geben, der meiner Frau etwas über mich erzählen kann, was sie nicht von mir weiß.“

Durchhalten lohnt sich!

Es gibt nichts Gutes, außer man kämpft darum. Das kenne ich aus der Sportpraxis. Im letzten Jahr habe ich meinen zehnten Marathon absolviert, meinen achten in Berlin (um dann zu beschließen, meine Kalorien künftig auf eine gelenkschonendere Art zu verbrennen). Was mich jedes Mal dazu motiviert hat, nicht bei Kilometer 28 am „Wilden Eber“ stehen zu bleiben, sondern mich die restlichen 14 Kilometer bis zum Brandenburger Tor durchzubeißen, waren die Schilder begeisterter Zuschauer. Vor allem eins blieb mir im Gedächtnis: „Der Schmerz vergeht, die Ehre bleibt.“ Bei einem Marathon an der kalifornischen Südküste trieb mich eine fröhliche Mutti mit dem Schlachtruf den letzten Berg hinauf: „YEAH, BABY, YOU CAN DO IT!“ Tatsächlich spendierte mir mein Hirn kurz vor dem Ziel noch eine Endorphindusche. Durchhalten lohnt sich. Ich hoffe, nicht nur beim Laufen.

Dr. Markus Spieker, Historiker, Redakteur im ARD-Hauptstadtstudio. Dieser Beitrag ist als Auszug seinem neuesten Buch entnommen: Mono. Lust auf Treue. Pattloch Verlag München 2011

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