Über(s) Kreuz zur Ökumene

Theologische Wegweisung für ein Leben in Verschiedenheit

Wie gelingt dauerhafte Gemeinschaft ­zwischen Menschen verschiedener kultureller und geistlicher Herkunft und Prägung? Und wie kann sie lebendig bleiben? Das ist die eine Frage, die im Zeitalter der Ökumene und des zusammenwachsenden Europas viele Zeitgenossen bewegt.

1. Das Wesen der Kirche ist trinitarisch

Hören wir einige Worte aus dem Epheserbrief:
So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene in dem Herrn, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid, in aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Ertragt einer den andern in Liebe und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen. (Eph 4,1-6)

Kein anderer Brief im Neuen Testament kreist so wie der Epheserbrief um die Frage: Was ist die ­Gemeinde Jesu Christi, die Kirche? Was ist ihr Weg, ihr Wesen, ihr Geheimnis? In den letzten Versen begegnet uns eine faszinierende Zusammenstellung! Da sind drei Reihungen aneinander gefügt, und in jeder ist eine Person des dreieinigen Gottes genannt: Heiliger Geist, Herr Jesus Christus, Gott Vater. Das umschreibt, was Kirche ist: der Dreieinige, drei Personen eines Wesens, verbunden, ineinander gebunden, ineinander geflochten mit den irdischen Gliedern zu einer Kirche. Eine Taufe, ein Leib – das meint ja uns, die wir in der Taufe hinzugetan sind zu dem einen Leib Jesu Christi. Glaube, Hoffnung und – im Vers davor noch – die Liebe, das ist das Band, das Gott und Mensch zusammenschließt, Himmel und Erde zusammenbindet. Es ist alles in ihm, dem Dreieinigen, und er in uns, er in allem.
Als christliche Kirche dürfen wir bei dem ­Urbild von Gemeinschaft lernen, bei Gott selbst, so wie er sich seinen Aposteln geschichtlich erfahrbar ­gemacht hat. Die Trinitätslehre ist keine Er­findung der Kirche, sondern das Ergebnis der Begegnung mit Jesus Christus, die Reflexion ­konkreter Erfahrung mit ihm, und der Anbetung. Es ist ein ­Geheimnis, dem wir uns nun nähern:

2. Der dreieinige und dreifaltige Gott

Paulus fasst seine Erfahrung im 2. Korintherbrief so zusammen (5,19): „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber.“ Wie ist das möglich, Gott war in Christus? Die biblische Antwort lautet, weil Gott Liebe ist. (1 Joh 4,8+16) Das heißt nicht: Gott hat Liebe, und auch nicht: Gott liebt. Es heißt das auch. Aber das ist mehr. Es ist eine Wesensaussage. Das kann nur heißen: Gott ist Liebe – mit und ohne seine Schöpfung, mit und ohne Welt, mit und ohne Menschen. Gott ist Liebe schon immer, für immer, vor der Zeit und in Ewigkeit.
Gott an und für sich, Gott allein, ist Liebe. – Gott allein? Kann denn einer für sich allein Liebe sein? Existiert Liebe solo? Nein. Liebe verschenkt sich, Liebe sucht das Gegenüber, Liebe gibt sich hin an die andere Person. Sie sucht darin das Gemeinsame, sie sucht aber auch die Andersartigkeit, das Spannende in der Begegnung zweier freier ­Wesen.

Wie und wen liebt er?
Tastend nur können wir erahnen, was es heißt, wenn Jesus von Gott als seinem Vater spricht, wenn er ihn im Gebet mit „Abba“ anredet, wenn er von sich als dem „Sohn“ spricht, wenn er gar sagt: „Ehe Abraham war, bin ich!“
Das heißt, dass es in Gott selbst ein ewiges Du gibt. Dass es da sozusagen zwei Pole gibt, die ­einander gegenüberstehen, so dass der eine sich auf den andern hin verschenken kann. Der Sohn empfängt sich ganz und gar vom Vater. „Alles, was der Vater hat, das ist mein“, sagt Jesus. (Joh 16,15) Alles. Da bleibt kein Rest. Der Vater schenkt nicht nur etwas, das er selbst dann entbehrt, sondern er schenkt sich selbst und hört doch nicht auf, Gott zu sein. Er ist Gott in diesem Sich-Schenken. Und so wie der Vater sich schenkt, so empfängt sich der Sohn. Er ist in diesem Empfangen. Doch, wie es der Philipperbrief sagt (2,6): Das Leben, das er vom Vater geschenkt bekommt, hält er nicht fest, zieht er nicht an sich und genießt es für sich selbst. Sondern er verdankt sein Leben dem Vater, er verdankt sich dem Vater, er verdankt sich zum Vater hin, indem er sich selbst ganz und restlos ihm wiederschenkt.

Dass diese Liebe nicht im Selbstgenuss zu zweit endet, sondern sich öffnen und gerade das Glück des Sich-Schenkens und Sich-Beschenken-­Lassens mitteilen will, erkennen wir daran, dass Vater und Sohn ihre Liebe dem Heiligen Geist schenken, der sie auch seinerseits erwidert im völligen Hinschenken seiner selbst; er verherrlicht den Vater und den Sohn.
Wir müssen also bekennen: Nicht nur zwei, sondern drei Pole gibt es da (fast versagt hier das Bild), die von Ewigkeit her und in Ewigkeit sich aneinander verschenken und einen Spannungs-Raum der Liebe aufbauen. Denn Gott ist Liebe.

Diese Einsicht hat weitreichende Konsequenzen. Gisbert Greshake drückt es so aus, dass Einheit und Verschiedenheit gleich ursprünglich sind. Weniger philosophisch gesagt bedeutet das, dass die Einheit nicht hinter der Verschiedenheit liegt, sondern in ihr. Ein Bild aus der Naturwissenschaft kann uns das vielleicht annäherungsweise verdeutlichen: In der Physik hat man vor längerer Zeit schon entdeckt, dass das Licht gleichzeitig Wellencharakter und Teilchencharakter hat. Das erscheint uns widersprüchlich, es ist nicht vorstellbar, aber messbar. Das eine Licht tritt in verschiedener Weise auf. So ähnlich, nur viel höher, scheint es mit dem dreifaltigen und dreieinigen Gott zu sein.

3. Bild Gottes: der Mensch in Beziehung

Das hat nun entscheidende Auswirkungen auf unser Menschenbild und auf die Frage nach Einheit und Vielfalt in der Gemeinde Jesu Christi. Jetzt verstehen wir, warum „der“ Mensch von vornherein in der Mehrzahl erschaffen wurde, und warum die Menschen von Anfang an in der spannungsreichen Verschiedenheit von Mann und Frau geschaffen sind und nur so Mensch sein können. Schließlich begreifen wir, wie allein diese Vielfalt zusammengehalten und ausgelebt werden kann, wie sich also Gott das Miteinander der Menschen untereinander und mit ihm gedacht hat. Wir sollen ja miteinander Bild Gottes sein. So tragen wir sein Bild, sind also Wesen, die sich empfangen und zu ihrem Schöpfer hin verdanken, und so auch untereinander. In dieser frei ­geschenkten, frei empfangenen und frei erwiderten Hingabe aneinander und an Gott sind wir Bild Gottes im Sohn. Das ist eine Zielvorgabe, die in unserer Geschöpflichkeit verwurzelt ist.

Dazwischen steht aber das, was die Bibel den Sündenfall nennt. Das heißt, dass uns das erfüllte Menschsein nach der trinitarischen Grundgegebenheit nicht mehr ungebrochen zur Verfügung steht. Es muss uns von Gott her offenbart werden, Gott muss sich uns offenbaren. Es muss uns ins Herz geprägt werden, und nur der von Gott her erneuerte Mensch kann es aufnehmen. So sind wir als Menschen schon von unserer Kreatürlichkeit her als Beziehungswesen konstituiert. Jeder und jede von uns entstand durch die Beziehung von Vater und Mutter. Alle lebten wir neun Monate lang in einer ganz engen Beziehung im Mutterleib. Nach unserer Geburt waren wir angewiesen auf Beziehung, um wachsen zu können. Wir lernen sprechen durch Angesprochen-­Werden. Wir lernen „Ich“ sagen, weil jemand „Du“ zu uns sagt. Wenn null Beziehung da ist, stirbt ein Kind. Und das gilt für alle Menschen unabhängig davon, wie gläubig sie sind. Aber um die völlige Hingabe an Gott und aneinander leben zu können, brauchen wir die Erneuerung durch den Heiligen Geist. Jesus Christus hat uns dazu erlöst. Durch ihn finden wir zurück in die ursprüng­liche Würde unseres Menschseins. Wir dürfen das wissen, es wollen und uns bewusst hineinstellen. Wir sollen es ergreifen und uns davon ergreifen lassen.

4. Die Einheit ist schon gegeben

Die Kirche Jesu Christi ist eine allumfassende, universale Einheit. „Ich glaube an die eine heilige, katholische (und das heißt eben: allumfassende) und apostolische Kirche“, wie wir im Glaubensbekenntnis sagen. Blicken wir wieder auf den Ephesertext vom Anfang, so sagt Paulus dort: „Seid mit Eifer darauf bedacht, die Einheit im Geist“ – und jetzt kommt ein überraschendes Wort – „zu wahren.“ Darüber muss man richtig stolpern!
Paulus spricht davon, dass diese Einheit nicht zu schaffen, sondern zu wahren ist. Das heißt doch: Sie ist gegeben! Sie ist bereits geschaffen, dafür hat schon ein anderer gesorgt. Die Einheit der Kirche ist da. Unser Teil kann immer nur sein, sie zu bewahren. Nun aber weiter: Im letzten Vers des zitierten Abschnitts heißt es: „Ein Gott und Vater aller, der über allen ist und durch alle ist und in allen ist.“ Und das ist jetzt die Aussage: Es ist „alles“ vertreten in der Kirche. Wenn zwei Glieder vertreten sind, dann sind das zwei verschiedene Glieder.

Und damit haben wir ein weiteres Kennzeichen der Kirche, das uns oft vielleicht die größte Mühe macht. Zwei Glieder sind in jedem Fall zwei verschiedene Glieder. Und viele Glieder sind viele verschiedene Glieder. Es muss offenbar eine Vielfalt sein, die Gott in der Kirche will, weil Gott selbst in sich verschieden ist, als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Wenn Paulus am Anfang sagt: „Wandelt würdig der Berufung, die euch von Gott her getroffen hat“, dann kann das ja, wenn es die Berufung Gottes ist, nur die Berufung zu einer Vielfalt, zu einer vielfältigen Einheit sein. Denn so ist es das Wesen Gottes selbst. Jesus Christus hatte von Anfang an Freude an der Verschiedenheit, und so hat er zwölf sehr verschiedene Männer als Jünger berufen und auch Frauen in seiner Gefolgschaft gehabt. Und auch die Gemeinden, die uns das Neue Testament zeigt, sind wirklich sehr unterschiedlich. Die Gemeinde von Jerusalem hat ganz andere Eigenarten und Strukturen als die Gemeinden in Korinth und Ephesus – und in Rom sah es wieder anders aus. Es gab unterschiedliche Lebensformen, selbst die Leitungsstrukturen waren nicht einheitlich, und es gab sogar Lehrunterschiede. Vielfalt ist immer im Willen Gottes, denn er ist selbst ein Gott, der die Vielfältigkeit lebt und liebt. Spaltung ist immer problematisch, das ist keine Frage, und sicher nicht gottgewollt. Aber Einheit in der Vielfalt und Vielfalt in der Einheit – das ist der Weg Gottes, ein Weg, auf dem es noch viel zu lernen gibt. Vielleicht hat Gott sogar die konfessionelle Unterschiedlichkeit zugelassen?

Ich frage mich in diesem Zusammenhang, wovor die Menschen mehr Angst haben: vor der Einheit oder vor der Verschiedenheit? Gewiss: Das Andersartige befremdet uns erst einmal, es kann abstoßend oder furchteinflößend sein, es kann zu Gegensätzen, zu Spannung und Streit kommen. Aber man kann sich damit auseinandersetzen. Ich glaube, größere Angst haben wir vor der Vereinnahmung und Vereinheitlichung, weil wir spüren, dass da unsere Identität ausgelöscht wird.

Doch der Unterschied und Gegensatz lässt uns tiefer eindringen in das Geheimnis der Kirche. Das ist gut so! All unser Erkennen und Tun ist bruchstückhaft, angewiesen auf gegenseitige Ergänzung. Und je mehr sich unterschiedliche Bruchstücke ergänzen, desto schöner und farbiger und vollständiger wird das Bild. Gott kennt schon das ganze Bild, und er führt es seiner Vollendung entgegen, führt die Kirche zur vollkommenen Einheit in seinem Reich.

Gewiss: Die Verschiedenheit kann auch zum Anlass der Bosheit werden und zur Feindschaft führen. Deswegen will Gott die Versöhnung, eine versöhnte Verschiedenheit, die sich offen hält für das Wirken Gottes im anderen. Ins Politische und ins Kirchenpolitische gewendet hieße das: Subsidiarität, Föderalismus, Runder Tisch. Ich kann das nur andeuten. Das beinhaltet, dass die je kleinere Einheit in ihrem identitätsstiftenden Charakter erkannt, anerkannt und bewahrt wird, während sie ihrerseits sich nicht abkapselt, sondern sich mit ihren Gaben dem größeren Ganzen dienend einfügt.

5. Die Einheit bewahren: Fußwaschung

Wie kann das gelingen? Nur so, wie wir es bei dem dreieinigen Gott abgeschaut haben und wie uns Jesus ein Beispiel gegeben hat. Damals hat ­Jesus seinen Jüngern die Füße gewaschen (Joh 13). Das innerste Wesen Gottes kommt darin zum Ausdruck. Und wir ahnen, dass die Worte Jesu: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen“, das Wesen Gottes ausdrücken; dass der Sohn gerade darin ganz Gott ist, dass er sich verschenkt. Wir ahnen, dass er im Abendmahlssaal, wenn er die Jünger fragt, wer größer sei, der zu Tisch ­Sitzende oder der Dienende, ihnen Einblick in sein innerstes ewiges Wesen gewährt. „Ich bin unter euch wie der Dienende“ (Lk 22,27) das ist er, und das ist Gottesoffenbarung. Und was heißt das für uns?

Bleiben wir bei dem zuletzt erwähnten Text aus Lukas 22: Die Jünger streiten sich da wieder einmal, wer von ihnen als der Größte zu gelten habe. Wer hat das Sagen? Wer muss wem gehorchen? Wer muss die anderen bedienen, wer hat das Recht, sich bedienen zu lassen? Wer hat den Mund zu halten? Wer setzt sich durch? Fragen, die die Welt bis heute bewegen. Das weiß Jesus auch. Und er sagt zu den Jüngern: „Die Könige herrschen über ihre Völker, und ihre Machthaber lassen sich Wohltäter nennen. Ihr aber nicht so!“ (Lk 22,25f)
Dieses „Ihr aber nicht so!“ ist ein Schlüsselvers. Es geht dabei um den Charakter des Gottesvolkes, um das neue Gebot, wodurch sich das neue Gottesvolk von aller Welt unterscheidet: „... dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe.“ Denn daran wird die Welt „erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“ (Joh 13, 34f) Ein alter Gottesmann, Br. Eugen Belz, der nicht weit von hier gelebt hat, zitierte mir einmal dieses Wort Jesu und sagte dazu: „Ja, Bruder Franziskus, man kann sich nicht übereinander lieben, man kann sich nur untereinander lieben.“ Dieses Wortspiel macht deutlich, worum es in der Gesinnung Jesu geht.

6. Die Tugenden der Einheit

Paulus zeigt im Epheserbrief die konkreten ­Tugenden der Liebe und der Einheit: Demut, Sanftmut, Großmut. Diese weisen uns den Weg, wie wir in der Verschiedenheit und in den Spannungen miteinander umgehen können. Ich will hier nur auf eine eingehen. Demut, das meint: die Ausrichtung auf das Niedrige. Jesus hat das in den Seligpreisungen ganz bewusst aufge­griffen: „Selig sind, die sich vor Gott arm und niedrig wissen.“ Diese Grundhaltung des Sich-niedrig-Wissens vor Gott hat als Kehrseite der Medaille die Hochschätzung der Brüder und Schwestern. Beides gehört zusammen, wenn das Neue Testament von Demut spricht. Und das heißt weiter: In Spannungen sanftmütig sein! Und damit ist noch einmal gesagt: Es gibt Spannungen. Das weiß das Neue Testament, weil es damals schon so in der Kirche war, angefangen in Jerusalem. Das Apostelkonzil war voller Spannungen. Sie gehören zum Weg der Einheit dazu. Spannungslose Harmonie ist unecht oder langweilig. Es kommt also nicht darauf an, Spannungen zu verdrängen oder gar nicht erst aufkommen zu lassen, sondern, so sagt Paulus, in den Spannungen Sanftmut zu praktizieren. Das hat nichts mit Duckmäusertum zu tun. Jesus konnte durchaus Konflikte eingehen und darin glasklar Stellung beziehen.
Demut kann auch heißen, für eine Wahrheit einzustehen und den Kopf hinzuhalten. Es gibt Spannungen, die nicht mehr überbrückbar sind. Die Einheit hat auch Grenzen, und die Grenze hat einen Namen: Jesus Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene. Ein Streben nach Einheit, das an Ihm vorbeigehen will, wird falsch, weil nur Jesus uns in das Leben des dreieinigen Gottes einführt. Alle anderen Bestrebungen können und wollen das ja nicht im Blick haben. Hier gilt es, Farbe zu bekennen.

Aber bei uns vermischt sich das häufig mit Rechthaberei, mit dem Kämpfen um Einfluss und Ehre. Es geht aber in allem um die Gesinnung, den ­Geschwistern zu dienen – mit meiner Gabe oder mit dem, was sie brauchen. Es ist der Mut, mich selbst nicht absolut zu setzen – ich muss nicht Recht behalten, ich kann sogar unterliegen. ­Demut, wahrhaftig ein Königsweg, der Weg des Königs Jesus Christus: Er ist ihn bis ans Kreuz gegangen. Er hat sich nicht mit Gewalt durchzusetzen versucht, auch wenn er alles Recht dazu gehabt hätte. Es ist der Kreuzesweg, auf dem die Einheit von Jesus Christus selbst geschaffen wurde, und es ist der einzige Weg, auf dem wir ­Christen Einheit bewahren können.
Gewiss, es ist sein Weg, es ist seine Art, und es ist auch sein Werk unter uns – und dennoch fallen uns diese Tugenden nicht einfach in den Schoß. Wir können hier wieder die zwei Seiten der Einheit sehen: die eine Seite, die in Gott längst ­gegeben ist, wie denn diese Tugenden das Wesen Gottes spiegeln. Er lebt sie, und er lebt sie auch in der Kirche, und so hält er die Kirche zusammen in eins. Darum ist die Einheit der Kirche von uns nicht erst zu schaffen, sondern sie ist da, weil Gott über allen und in allen und durch alle ist.

Und doch will sie von uns Menschen mit Eifer und Einsatz bewahrt und bewährt sein, und das ist die andere Seite. Dazu bedarf es in vielen Fällen der bewussten Umkehr, der Reinigung unseres ­Gedächtnisses in Bezug auf unsere Geschichte, dass die Bitterkeit, die wir ererbt haben, überwunden wird. So entsteht diese Einheit, in der Gött­liches und Menschliches zusammenkommen, kooperieren, sich durchdringen und eins werden. Und damit sind wir wieder beim Wesen und dem kostbaren Geheimnis der Kirche Jesu Christi auf dieser Erde: dass sich in der Kirche hier auf Erden schon Göttliches und Menschliches lebendig verbinden, lebendig durchdringen und eins werden – mit dem großen Ziel der Ewigkeit, in der Gott alles in allem und wir vollkommen in ihm sein werden.

Gehalten auf dem Mitarbeiterkongress „Miteinander auf dem Weg“, Stuttgart 2007

Zuerst erschienen in: Zuneigung, Christliche Perspektiven für Europa; Hrsg. F. Aschoff, Br. F. Joest; P. M. Marmann. Präsenzverlag 2007. Der Artikel (hier leicht gekürzt) entstand unter Verwendung eines Manuskripts von Dr. Karl-Heinz Michel †“.

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