Fenster zum Himmel

Meine Begegnung mit der Orthodoxie

Am Anfang stand die Dissidentenliteratur aus der Sowjetunion. Durch meine Freundschaft mit Tatjana Goritschewa1 seit den 80er Jahren erlebte ich als evangelische Christin, dass die totgesagte russisch-orthodoxe Kirche lebt. Bei Vater Alexander und seiner Frau Matuschka Olga Anissimov, den geistlichen Begleitern einer Gruppe frisch bekehrter Intellektueller im Gebiet von St. Petersburg (damals Leningrad), war ich mehrmals zu Gast. Die wachsende Freundschaft weckte mein Interesse an dieser Kirche und der Art, wie orthodoxe Christen ihren Glauben leben.

Ehrfurcht auf der Müllkippe

In der Zeit von Glasnost und Perestroika feierte ich die erstaunlichsten Gottesdienste in Kirchen, die als Kartoffelkeller, Garage oder Müllkippen benutzt worden waren. Mitten im Bauschutt wurde gesungen, gebetet, geweint, sich gefreut, alles in einer Ehrfurcht, die mir so bis dahin fremd war. Unser Freund Gennadi Ukrainskij, stellvertretender Direktor des Dostojewski-Museums, hatte uns gerade durch die Aleksander-Newski-Kathedrale geführt. Plötzlich blieb er stehen, verbeugte und bekreuzigte sich und küsste den alten Blechsarg eines orthodoxen Heiligen. Auf mein erstauntes Nachfragen antwortete er: „Ich verehre und grüße ihn. Er lebt schon so lange mit Gott und ich erst so kurz.“ Diese Episode hat mich sehr beeindruckt. Gehe ich heute über einen Friedhof oder sehe eine Gedenktafel für einen in Christus Verstorbenen, denke ich daran: Sie leben schon so lange mit Gott und ich erst so kurz. Und ich ­grüße sie. Eine gute Geste, die meinen Blick über die Grenzen von Zeit und Raum hinauszieht.

Himmel auf Erden

Beim Betreten einer alten orthodoxen Kirche in Russland kann es einem den Atem verschlagen. Wir betreten einen „heiligen Raum“, eine Art „Himmel auf Erden“. Die Wände sind über und über mit Ikonen ­geschmückt. Tatjana erklärte mir: „Immer wird in der unsichtbaren Welt Gottesdienst gefeiert. Hier in der Kirche werden wir gewürdigt, diese verborgene Welt sinnlich zu erleben. Hier fanden wir in der Zeit der Sowjetunion die Alternative zum geistlosen und banalen Alltag.“
Die Ikonen haben die Aufgabe, uns die unsichtbare Welt näherzubringen und schmackhaft zu machen, damit wir unser Herz bei Gott anbinden und nicht Gefangene der Sorgen dieser Welt bleiben. Darum nennt man sie Fenster zum Himmel. Aber auch umgekehrt gilt: sie sind ein Fenster des Himmels zu uns. Sie sagen uns, dass wir nicht übersehen sind, dass wir angesehene Leute sind, dass unser Weg, unsere Tage, unser Leben von ­liebevollen Blicken und guten Mächten begleitet werden. Es sind heilsame Bilder, die helfen, meine Seele nicht in den Bildern dieser Welt zerrinnen zu lassen.
Einige Ikonen haben ein Zuhause bei mir gefunden. Sie erinnern mich daran, dass Gott zwar verborgen bleibt, aber dennoch gegenwärtig ist. Das gibt mir Mut, Kraft und Entschlossenheit, notwendige Dinge anzu­packen, Geduld zum Zuhören und Weisheit in den seelsorgerlichen Begleitungen.

Die Gegenwart Gottes

Durch „Die aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers“ lernte ich, trotz einiger mir seltsam erscheinender Praktiken, die in diesem Buch entfaltet werden, die Praxis des Herzensgebets kennen: „Herr Jesus Christus, Du Sohn Gottes, erbarme dich meiner, der Sünderin (bzw. des Sünders)“. Dieses Gebet ist meine Möglichkeit geworden, mir Gott zu vergegenwärtigen und ins Gespräch mit ihm zu kommen, ohne langatmig zu werden oder an meinen Anliegen hängen zu bleiben.
Demnächst beginnt wieder die Passionszeit. Ich freue mich schon darauf! Im orthodoxen Gebetbuch finden sich Gebete aus den ersten 500 Jahren der Christenheit. Sie nehmen mich hinein in den breiten, ruhigen Unterstrom, der unser Leben mit Frieden speist und lebendig erhält, der unberührt bleibt von den Stürmen auf der Oberfläche des Alltagsmeeres. In der Osternacht singen wir dann: „Deine Auferstehung, Christus, Erlöser, lobsingen die Engel im Himmel. Auch uns auf Erden mach‘ würdig, reinen Herzens, Dich zu preisen!“
Die Kraft der Auferstehung, der Wind des Lebens, der uns aus dem leeren Grab Jesu Christi entgegenweht, die Freude über das Leben, die Lieder, die uns zur Freude ermutigen, begleiten mich. Immer wieder erklingt in der Liturgie der Osternacht: „Freut euch ihr Frauen, freut euch ihr Jünger, freu dich, Jerusalem: Denn der, den ihr beweint, ist auferstanden von den Toten. Er hat den Tod durch den Tod besiegt und denen im Grabe das Leben gebracht.“ Die Länge dieser Feier, die getragenen, schönen Melodien, die alten Gebetstexte richten mich auf; sie lassen die Freude am Leben und an der Gemeinschaft mit dem Lebensfürsten immer neu die Oberhand gewinnen.

1 Die kommunistische Jugendführerin und Dozentin für Philosophie wurde Christin, gründete die erste Frauenbewegung in der Sowjetunion, organisierte religiöse Seminare und veröffentlichte zwei Zeitschriften im Untergrund. Nach Verhören und Verhaftungen wurde sie 1980 ausgewiesen. Sie lebt heute in Paris und St. Petersburg.

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

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