Unterwegs zum selben Himmel

Ein ungarischer Priesteramtsanwärter geht in die Offensive

Gäste und Besucher dürfen uns Freiwillige grundsätzlich alles fragen. Zu Beginn meines Mannschaftsjahres brach ein Gast in großes Erstaunen aus, als sich herausstellte, dass ich nicht nur Ungar bin, sondern auch Katholik, ja sogar Priesteramtskandidat: „Ach? Ist die OJC ökumenisch?!” Ich erwiderte, wenn auch nicht im Brustton der Überzeugung: „Natürlich, ich bin der lebende Beweis!” Spätestens da wurde mir bewusst, wie kompliziert die Sache eigentlich ist.
Während meiner Vorbereitungszeit für das Mannschaftsjahr war ich in Sorge, ob mir die protestantisch geprägte Religiosität nicht zu fremd vorkäme und ob ich in Reichelsheim genug seelische Nahrung finden würde. Würde ich mich nicht ausgegrenzt fühlen? Mein Leben in Ungarn sah ziemlich katholisch aus. In einer Lebensgemeinschaft von jungen Männern bereitete ich mich auf das Priesteramt vor, ging täglich zur Heiligen Messe und zur eucharistischen Anbetung, betete regelmäßig den Rosenkranz, studierte katholische Theologie und war in meiner Soutane für jeden auf der Straße als Seminarist zu erkennen. Das Priesterseminar bot mir einen optimalen Rahmen, um mich in das geistliche Leben zu vertiefen. Hier ist meine geistige Heimat: In der Liturgie der katholischen Kirche bin ich zu Hause, ich mag ihre Einfachheit und, ich gebe es zu, auch ihre Pracht.

Beieinander verharren

Es ist kaum in Worte zu fassen, wie groß der Unterschied zwischen meinem damaligen und jetzigen Leben ist. Statt zu studieren arbeite ich nun körperlich, ich verständige mich in einer Fremdsprache. Das Beten hat hier andere Formen, die Liturgie, der Rhythmus des Lebens, das Essen – alles, aber auch alles, ist völlig anders. Eines aber ist geblieben: Was mich umgibt, ist durch und durch authentisch.
Ich erinnere mich an meine erste Abendmahlsfeier bei der OJC. Ich kämpfte mit den Tränen, weil ich spürte, dass dieses Ritual von demselben festen und gelebten Glauben durchzogen ist, der die Teilnehmer der Heiligen Messe verbindet. Ich war tief bewegt von der Ernsthaftigkeit, mit der die Kommunität den Gottesdienst feiert und habe schmerzlich das Gewicht des Schismas gespürt, weil ich hier als Katholik Brot und Wein nicht nehmen darf. Dieses Erlebnis war prägend und nahm mir die anfänglichen Ängste. Ich begann, mich auch geistlich heimischer zu fühlen, mich auf diese neuen Formen einzulassen und aus vollem Herzen mitzubeten. Seither gehe ich jeden Freitag mit viel Freude zum Abendmahlsgottesdienst. Auch wenn ich Brot und Wein nicht nehme, fühle ich mich als vollwertiger Teil der betenden Gemeinschaft. Ich bin hier nicht Katholik, sondern Christ.

Miteinander schritthalten

In Ungarn habe ich oft erlebt, wie schwierig die Kommunikation zwischen den Konfessionen sein kann. Hinter der Tatsache, dass wir den Glauben an den gleichen Christus sehr unterschiedlich leben, verbergen sich eine Menge Kummer und persönliche Verletzungen. Umso großartiger finde ich es, dass mich hier niemand auf meinen Katholizismus festlegen will. Auch ich betrachte niemanden als „Protestant”. Ich denke, dass wir Christen sind – unterwegs zum selben Himmel – und dort werden wir gemeinsam feiern! Wir gehen auf das gleiche Ziel zu, wenn auch auf unterschiedlichen Pfaden. Im Zugehen darauf nähern wir uns einander an. Das erfahre ich hier. Seit anderthalb Jahren schlummert die Frage unbeantwortet in mir: Ist das „Ökumene”? Ich lasse sie einfach weiterschlafen. Fest steht für mich, dass diese Gemeinschaft Christus folgt und dass jeder, der Christ ist, mit ihr laufen kann. Ich bin dankbar, dass die Geschwister mich aufgenommen haben und versuche, mit ihnen Schritt zu halten.

Von

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