Es ist eingelassen

Luther, Eck und ihre Erben: ein interkonfessioneller Disput aus der Bütt - nach 500 Jahren

von Írisz Sipos*

Martin Luther (1483-1546) und sein Erzgegner ­Johannes Eck (1486-1543) sitzen in der auf sie zugeschnittenen Variante des Purgatoriums, das sie erst verlassen dürfen, wenn sie gelernt haben, einander nicht nur den Kopf, sondern auch die Füße zu waschen.

Martin Luther und Johannes Eck - Ein interkonfessioneller Disput nach 500 Jahren. © Daniel Schneider - OJC
Martin Luther und Johannes Eck - Ein interkonfessioneller Disput nach 500 Jahren. © Daniel Schneider - OJC

Luther: Das Wasser wird lau. (Dreht am Heißwasserknopf.)

Eck: Bevor du frisches einlässt, lass gefälligst das alte ab! Mir steht’s bis zum Hals.

Luther: Ich dulde keinen Ablass in dieser Wanne! Schlimm genug, dass ich mit dir hier festsitze. Das hast du uns eingebrockt.

Eck: Wieso?! Ich habe das Purgatorium nicht ­erfunden!

Luther: Aber bis aufs Blut verteidigt! Inzwischen hat Rom es ja abgeschafft, aber für uns kommt die Erkenntnis zu spät. (Das Wasser läuft über und spült die Gummiente aus der Wanne.)

Eck: Es reicht! Und die Ente bleibt draußen! (Murrend) Es sollte dich trösten, dass durch meine Anwesenheit in dieser Wanne die Gültigkeit des Ablasshandels widerlegt ist.

Luther: Ein schwacher Trost. Wenn deine Leute das auch noch raffen und den Ablass widerrufen, sitze ich am Ende alleine hier. (Hebt die Ente in die Wanne.)

Eck: Wo sich doch unser Disput bald zum 500. Mal jährt! Ein halbes Jahrtausend. (Nimmt ein Fläschchen und schraubt es auf.)

Luther: Ich protestiere gegen Badeschaum mit Weihrauchöl!

Eck: Du protestantischer Schmutzfink! Den Weihrauch habe ich eigenhändig geweiht. Wirkt wahre Wunder bei chronischer Raubeinigkeit!

Luther: Bleib mir vom Leib damit. Deine salbungsvollen Wässerchen, Zweiglein, Bildchen mit patentiertem Priestersegen kannst du im Turibulum1 rauchen.

Eck: Gemach, Junker Jörg. Dein Glaubensvetter, der Fliege, erzielt mit seinen Essenzen Preise, von denen die Krämer am Jordan und in Lourdes nur träumen können. Das Publikum fliegt darauf.

Luther: Schlimmer: Jetzt wallfahren sie schon nach Trier! Erst dachte ich, es wird ein frommes Rockfestival zum Ökumenetag. Musik vertreibt den Teufel und macht fröhlich. (Alle blauen Kursiva sind Originalzitate) Bis ich verstand, dass sie den Heiligen Rock2 feiern!

Eck: „Und führe zusammen, was getrennt ist“ – der unzerteilte Rock symbolisiert die Einheit der Kirche!

Luther: Eitler Götzenkram! Die heilige Kirche ist nicht der Rock, sondern der Leib Christi, dem wir angehören. Da geht es nicht um Hülle und Samt, sondern um Fülle und Amt!

Eck: So? Und welchen Reim machst du dir auf die 800 bunten Lutherminiaturen, die als Luther­botschafter an die Frommen im Lande vertickt werden?

Luther: Keinen. Die stehn da und können nicht anders. Ziemlich hässlich, aber wenigstens haben sie ihre Hände nicht zum deutschen Gruß erhoben wie die Gartenzwerge aus der gleichen Werkstatt.

Eck: So abwegig wäre das nicht, immerhin haben sich die Geisteszwerge von Deutschen Christen auf dich berufen.

Luther: Du Schandmaul! Wer hat in seinem Pamphlet3 die Kennzeichnung der Juden gefordert und die Verschwörungstheorien in die Welt gesetzt?

Eck (kleinlaut): Mea culpa. Aber du musst zugeben, dass auch deine verbalen Ausfälle4 gegen die Juden, die sich nicht für deine Lehren begeistern ließen, verheerende Folgen hatten!

Luther (bitter): Ich bekenne. Dieser Unbill lässt sich nicht mit Kernseife abwaschen. Der Prozess geht durch alle Instanzen, bis zum Jüngsten Gericht. Dort werden wir beide Rede und Antwort stehen müssen.

Eck: Mitsamt den Kirchenvätern und Generationen von Frommen nach uns. Über diesen Schandfleck geht kein Schwamm drüber.

(Betretenes Schweigen)

Luther: Wenn wir schon dabei sind, sei so freundlich und schrubbe mir die Ferse mit Bimsstein. (Hebt sie aus dem Wasser.)

Eck: Ganz schön rußig. Woher der Dreck?

Luther: Von den Herrenhäusern, Kirchen und Klöstern, die die Bauern des fanatischen Thomas Müntzer abfackelten. Das haftet mir noch an.

Eck: (Schrubbt bedächtig, besieht sich dann die eigenen Finger.) Oh je. Scharlachrot. Mit solcher Tinte hatte ich manche Klageschrift gegen Ketzer verfasst.

Luther (bearbeitet Ecks Finger mit dem Bimsstein): Die schändlichen Jahre der Scheiterhaufen. Es hat viel Blutvergießen gegeben, auf beiden Seiten.

Eck: Ganz zu schweigen davon, dass die Prote­stantische Union5 Europa in den Krieg stürzte.

Luther (schmeißt den Bimsstein ins Wasser): Den 30-jährigen Krieg lasse ich uns nicht in die Schuhe schieben! Dahinter stand die Fehde zwischen den erzkatholischen Habsburgern und Franzosen.6 Reformresistente Profilneurotiker!

Eck: Stimmt, für deine 95 Thesen war Frankreich nicht so empfänglich. Aber unser Disput hat auch in der Grande Nation ihre Spuren hinterlassen. (kichert) Wenn auch nur indirekt.

Luther: Gib die Seife her und verschone mich mit deinen kulturhistorischen Spekulationen.

Eck: Weißt du noch, wie ich in meinen obelisci7 deine Thesen auseinandernahm? Na – fällt der Groschen?

Luther: Und ich dir die asterisci8 sandte, damit du deine Unwissenheit und Unüberlegtheit erkennst. Ich ahne, worauf du hinaus willst. (Verdreht die Augen.)

Eck: Da muss der Franzos gedacht haben: Die spinnen, die Römer deutscher Nation! (Klopft sich auf die Schenkel, dass es nur so spritzt.) Der war gut, oder?

Luther: Kitzle dich nicht selbst! Du lachst dich tot. Und ganz Gallien lacht mit. Ganz Gallien? Nein, ein kleines Ketzerdorf schnarcht gelangweilt ...

Eck (unterbricht pikiert): Was die Franzosen anbelangt, die ließen Ketzer wie dich und die Hugenotten komplett auflaufen und haben sich Endlosdispute gespart.

Luther: Oh ja! Die haben sich den doctor Luther gespart! Dafür leisteten sie sich später den doctor Guillotine und trennten die Religion genauso sauber vom Staat ab, wie die Köpfe ihrer Bischöfe und Adeligen. Na, besten Dank auch!

Eck: Warum so empfindlich? liberté eines Chri­stenmenschen, égalité auf dem Schafott – wo ist da der Unterschied? Auch die Reformation frisst ihre Kinder.

Luther: Nimm das zurück, oder ich ziehe den Stopfen und lasse dich gleich mit ab!

Eck: Eure zerklüftete Sektenlandschaft liefert den Beweis. Die Zahl der protestantischen Kirchen ist Legion. Und jeder Pfaff ein kleiner Papst!

Luther: Papperlapapst! Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem ­untertan! Das Evangelium ist radikal, aber das geht nicht in deinen Schädel.

Eck: Radikal! Deswegen feiert ihr das Abendmahl in beiderlei Gestalt? Der Wein liefert die Antioxidantien, um die freien Radikalen zu binden. Passt nur auf, dass ihr euch nicht ganz verflüchtigt, vor lauter (lässt die Ente quietschen) Entropie9!

Luther: Finger weg von der Ente!

Eck: Da! Zum Schwan10 hat’s wohl nicht gereicht, du abtrünnige Martinsgans!

Luther: Wer ist hier abtrünnig? Dass ich dem Papst in die Haare geriet und er wieder mir, wer hätte das vorausgesagt? Und wer hat wen mit der Bannbulle belegt?!

Eck: Du hast es darauf angelegt mit deiner Rechthaberei! Genauso wie Melanchthon, Zwingli, ­Calvin und wie sie alle hießen. Nur eure prote­stan­tischen Kumpanen, die Anglikaner, waren ehrlich genug, uns die fadenscheinigen Glaubensdispute zu ersparen!

Luther: Es muss ein magrer Braten sein, wenn‘s nicht tropft. Die könnt ihr gerne wiederhaben.

Eck: Haben wir schon, mein Lieber, in beträchtlicher Zahl, seit sie Frauen ordinieren. Und nachdem sie Männer mit Männern verheiraten, flüchten Priester scharenweise zurück unter unser römisches Dach. Mit Mann und Maus. Mit Frau und Kind.

Luther: Und euer gestrenges Priesterzölibat?

Eck: Wenn es der wahren Einheit dient, sind wir weniger dogmatisch, als ihr hofft.

Luther: Abwarten. Der amtierende päpstliche Bulle kommt als feingliedriger Gelehrter daher, hat’s aber faustdick hinter der Mitra. (Stellt die Ente behutsam auf den Wannenrand.) Ich war ­übrigens ganz angetan von seiner Rede im Reichstag. Hätt’s kaum besser machen können.

Zum Schwan hat’s wohl nicht gereicht, du abtrünnige Martinsgans!
Zum Schwan hat’s wohl nicht gereicht, du abtrünnige Martinsgans!

Eck: Du?! Du hättest herumgepoltert, den Vorsitzenden korrigiert, die Kanzlerin brüskiert, die Linke gemaßregelt und dem Wulff den Schafspelz über die Ohren gezogen.

Luther: Demut und Festigkeit hätte ich aus­gestrahlt, wie auf dem Reichstag zu Worms. Nur meinen wohltemperierten Orgelpfeifen im ­Augustinerkloster hätt’ ich gern die Flötentöne beigebracht!

Eck: Die waren in der Tat etwas verstimmt. ­Haben wohl ein Gastgeschenk erwartet. Deine Heiligsprechung, wahrscheinlich. Oder Abendmahlsgeschirr für ihre Laienbischöfe.

Luther: Alles zu seiner Zeit. Erst mussten eure Minderheiten-Bischöfe im Land der Reforma­tion gepäppelt werden. (Greift nach der Ente und singt:) Alle meine Bischöfe ...

Eck: Die Ente bleibt draußen!

Die Ente bleibt draußen!
Die Ente bleibt draußen!

Luther: Wie sie da in Reih und Glied dem PapaMobil nachwatschelten! Können zwar gackern, aber keine Eier legen!

Eck: Du stehst wohl mehr auf Revoluzzer, wie in Dresden, wo man nicht wusste, ob man auf dem Kirchentag ist oder auf einer Demo gegen Stuttgart 21.

Luther: Wieso? Unser Schneiderlein hat sich doch tapfer geschlagen! Sieben auf einen Streich: sechs verabschiedete Resolutionen plus der resolut abgeklatschten Fliege. Was will man mehr?

Eck: „ ... da wird auch dein Herz sein!“ Kirchentag als kollektive Schatzsuche! Suchen Antworten, Wege, Lösungen! Wie wäre es mal mit finden? Warum nicht einfach die Schätze aus 2000 Jahren Kirchengeschichte heben?

Luther: Suchen, bester Eck, ist evangelische Kernkompetenz. Wie finde ich einen gnädigen Gott? Wer suchet, findet.

Eck: Wer zu lange suchet, windet! Sich um die Antwort! Wie Aale winden sie sich in Talkshows und Interviews, wenn es ans Eingemachte geht. Pfui!

Luther (klatscht mit der Hand aufs Wasser): Dafür aalte sich die deutsche Bischofskonferenz in ihrem einträglichen „Weltbild“. Als der Konzern endlich zerschlagen wurde, brachte sie die Trennungsangst fast um die Heilsgewissheit. Pfui! Pfui! Pfui!

Eck: Lenk nicht ab! Ihr tragt überall den Spaltgeist hinein. Haarspalterei in der Theologie, Zwiespalt in der Ethik, sich spaltende Geister über dem Pfarrdienstgesetz. Wen wundert’s, wenn sich am Kirchentag alles nur um Kernspaltung dreht?!

Luther: Man sollte dir nach dieser dr.-Eck-igen Wortklauberei den Mund mit Kernseife aus­waschen!

Eck: Schau lieber deinem Kirchenvolk aufs Maul, bevor es dir die sola scriptura11 unwiederbringlich zerredet. Die ganze banausenhafte Plackerei mit Griechisch und Hebräisch war dann nämlich für die Katz, Junker Jörg!

Luther: Du bist nur neidisch, weil meine Übersetzung immer noch gedruckt wird, während deine Mundartdichtung mit ihrem sklavischen Klammern an der Tradition und der Vulgata nie den Weißwurstäquator überquert hat!

Eck: Dafür haben nun deine hysterisch-­kritischen SchülerInnen die Schrift nicht nur von der Tradition, sondern gleich von ihrem Wortlaut gereinigt. Frisch gegendert, politisch korrekt und in selbstgerechter Sprache. Bravo!

(Schraubt selbstgefällig die Flasche mit Badeessenz und kippt eine satte Dosis in die Wanne. Luther lässt ihn gewähren, rümpft nur die Nase.)

Luther (brummelnd): Weiberregiment hat nie ­etwas Gutes ausgerichtet. Was soll’s, lass sie dahinfahren mit ihrer Heilig-Wein-Geistin, meinetwegen auch über die rote Ampel. Man kann nicht tiefer fallen als in die Bild-Zeitung. Das tut der Reformation noch keinen Abbruch.

Eck: Und wie findest du es, dass die kanonisierte Siebenzahl der Geistesgaben jüngst mit der ­„Pille als dem Geschenk Gottes“ aufgestockt wurde? Dieses apokryphe Sondergut stammt von der ­Lutherbotschafterin für 2017.

Luther: So‘n Käs, Mann!

Eck: Wohlan, wohlan. In der Dezimierung der Christenheit war die Pille fast so effektiv wie die Bauernkriege. Welche Errungenschaften dieser Art willst du 2017 noch bejubeln lassen?

Luther: Von dir lass ich mir das Jubeljahr nicht madig machen.

Eck: Ja, freu dich drauf. Vielleicht ergänzt man den Kleinen Katechismus mit einer kleinen evangelischen Farbenlehre. Politische Gesinnung: Rot, Missionsstil: farblos, Kernkompetenz: Gold und Silber, Sexualmoral: Regenbogen, Demographie: Schwarz.

Luther: Treib’s nicht zu bunt, du einäugiger Polyphem!12 Werd du erst einmal aus einem Sophisten ein Theologe, bevor du mir die Reformation erklärst.

Eck: Das weiß ich wohl, wie wenig es dir bedeutet, ob Eck so oder anders geurteilt hat. Aber urteile selbst: War es das, was du nach 500 Jahren sehen wolltest?

Luther: Das Wasser wird lau. (Dreht am Wasserhahn.)

Eck: Bevor du frisches einlässt, lass gefälligst das alte ab! Mir steht’s bis zum Hals.


* Mit einer guten Flasche Port-Wein aufgekocht von der OJC-Redaktion » Dominik Klenk, ­Cornelia Geister, Jeppe Rasmussen, Lydia G., Dario H., » gezeichnet von Daniel Schneider » und abgelöscht von Írisz Sipos.

Anmerkungen

1    Weihrauchgefäß

2    Kleiderreliquie im Dom zu Trier, die Fragmente der Tunika Jesu Christi enthalten soll.

3    Johannes Eck: Ains Judenbüchlins Verleging, 1529

4    Martin Luther: Von den Juden und ihren Lügen, 1543

5    Zusammenschluss von 8 protestant. Fürsten und 17 Städten im Hlg. Römischen Reich zur Verteidigung der Religionsfreiheit 1608 in Auhausen.

6    Der Kampf zwischen den Habsburger Kaisern und dem französischen Königshaus um die Vormachtstellung in Europa schwelte bereits zur Zeit Luthers und trug maßgeblich zur Eskalierung der Glaubenskriege bei.

7    Obelisk = stilisierter Dolch, Spieß † † † zur Markierung von Textstellen. Bald Spitzname für die polemischen Anmerkungen Ecks zu Luthers Thesen.

8    Asterisk = Sternchen *** zur Kennzeichnung von ­Anmerkungen

9    Entropie ist eine physikalische Größe, die den Grad der Unordnung in einem System beschreibt.

10    Jan Hus (1369-1415), Frühreformator in Prag und ­Verfechter des Abendmahls in Brot und Wein für die Gemeinde, soll vor dem Schafott gesagt haben: Heute bratet ihr eine Gans (Hus bedeutet tschech. Gans), aber aus der Asche wird sich ein Schwan erheben. Dies wurde später von Protestanten auf Luther bezogen.

11    Sola scriptura (lat. „allein die Schrift“) ist ein theolo­gischer Grundsatz der Reformation.

12    Einäugiger Riese aus der griech. Mythologie

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