Editorial über Ökumene

Liebe Freunde!

Dürfen Evangelen Karneval?
Traditionell gefeiert wird die „fünfte Jahreszeit“ zwischen dem 11.11. und Aschermittwoch ja in katholischen Hochburgen. Bei ­Protestanten und darunter besonders Pietisten ­bewirkt das närrische Treiben eher Abwehrreflexe und gilt als verpönt. Luthers Kritik an der Ambivalenz zeitlich geduldeter Ausschweifungen mit anschließend verordneter Beicht- und Fastenpflicht der mittelalterlichen Kirche tut bis heute ihre Wirkung. Allerdings: Ein elftes Gebot, das da lautet „Du sollst nicht Karneval feiern“, gibt es nicht. Das jedenfalls sagt der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider. Eine ökumenische Annäherung?
Dabei lässt sich die Karnevalszeit durchaus protestantisch „füllen“: Als Chance, dem Alltag den Spiegel vorzuhalten und die große Politik humorvoll-kritisch zu kommentieren.

Im Wein liegt Wahrheit

Auch wer den Weg der Kirche begleitet, braucht Humor und Glauben. Beides hat das Redak­tionsteam zusammengekratzt, um ein Heft zum Thema Ökumene zu wagen. Um der Weite, Tiefe und Schwere des Gegenstands einen  flüssigen Einstieg zu gewähren, haben wir uns zur Jahreswende bei einer guten Flasche Rotwein zusammengesetzt, bis an die Zähne bewaffnet mit historischen Originalquellen und konfessionellen Vorurteilen. Vor unserem geistigen Auge haben wir Martin Luther und seinen katholischen ­Widerpart, den Gegenreformator Johannes Eck, kurzerhand in die Wanne gesetzt und ­Loriots unvergesslichem Sketch der „Herren im Bad“ mit Herrn Dr. Klöbner und Herrn Müller-Lüdenscheidt eine ökumenische Wendung verpasst: Das Purgatorium ist in Wahrheit kein ­Feuer, sondern eine Waschanlage! Luther und Eck können es erst hinter sich lassen, wenn sie bereit werden, einander nicht nur die Köpfe, sondern auch die Füße zu waschen!

Blutzeugen und Leuchtfeuer

Wessen Auge nach dieser ökumenischen Wasserschlacht noch trocken ist, der findet in der bewegenden Geschichte der Lübecker Märtyrer ein Gegengewicht. Angela Ludwig  hat den ökumenischen Ernstfall nachgezeichnet, in dem drei Lübecker Priester und ein evangelisch-lutherischer Pfarrer für ihren gemeinsamen Widerstand gegen die Nazis auch gemeinsam in den Tod gingen. Gelingt der konfessionsübergreifende Funkenflug erst angesichts existenzieller ­Bedrohung von Leib und Leben?

Dass dem nicht so sein muss, können wir an ­einem kleinen Ort im französischen Burgund ­ablesen, der inzwischen als ein Leuchtfeuer der Ökumene gilt. Für Tausende junger Menschen unterschiedlicher Nationen und Konfessionen, die Sommer für Sommer nach Taizé pilgern, ist in den vergangenen Jahrzehnten der Geist von Taizé zum Inbegriff für die Erfahrung gelebter Einheit geworden. Was macht ihn aus, diesen Geist, der in besonderer Weise von dem reformierten Gründer der Gemeinschaft, Frère Roger Schutz, verkörpert und weitergegeben wurde?

Karfreitag contra Fronleichnam?

Wo über Konfessionen gesprochen wird, sind wir schnell dabei, das Trennende zu benennen – und bei den Älteren dominieren dann oft noch erfahrungsschwere Erinnerungen. Günther Beckstein, der stellvertretende Präses der EKD, hat eindrücklich beschrieben, was für ihn und viele seiner Generation noch Alltag war: In seiner fränkischen Heimat „haben katholische Schwestern am Karfreitag stets demonstrativ ihre Wäsche ­gewaschen, wofür wir Evangelische uns mit lautstarkem Teppichklopfen an Fronleichnam revanchiert haben“.

Diese fein säuberlich gezogenen Trennlinien zwischen den Konfessionen sind nach dem Zweiten Weltkrieg schon aufgrund der Flüchtlingsströme, die sich auf der Suche nach einer Heimat überall im Westen niederließen, zumindest äußerlich verblasst. Doch in grundsätzlichen Fragen scheinen die Mauern noch hoch und der ökumenische Dialog zwischen den Kirchen im Moment an eine Grenze gestoßen.

Geistliche und institutionelle Ökumene

Gerade mit Blick auf das Reformationsjubiläum 2017 werden ökumenische Perspektiven gegenwärtig stark strapaziert. Was können, ja was ­sollen wir voneinander erwarten bezüglich dieses schwergewichtigen Datums?

Wesentlich scheint mir, dass die geistliche Ökumene immer wieder von der institutionellen Ökumene unterschieden wird. Letztere ist sicher notwendig, aber zu wenig elastisch für eine kreative Annäherung der historischen Konfessionen. Die Apparate scheinen zu groß, die machtpoli­tischen Verstrickungen zu gewichtig, die Interessen zu verschieden, als dass hier der vitale Strang der Einheit der Christen geflochten werden könnte. Fleiß und guten Willen darf man dennoch ­unterstellen. Mehr als 2300 Seiten ökumenischer Dokumente haben die großen Kirchen im letzten Jahrhundert miteinander produziert. Aber hier zeigt sich eben auch das Schwerfällige der institutionellen Schiene: Wie soll das, was schon die Experten nicht mehr überschauen, ein hilfreicher Weg zur lebendigen Einheit der Jünger Jesu werden?

Die Untreue und der unsichtbare Bund

Der Bau am Reich Gottes geschieht im Wesent­lichen auf einer anderen Ebene, auf der Ebene der Herzen. Wo Menschen ihr Leben unter die Leitung Jesu stellen, kann bruchstückhaft empfangen werden, worauf es ankommt: Einheit und Geschwisterlichkeit in der Zuordnung zu Christus, dem Haupt. Das ist das Grundthema der Kirche. Darin liegt ihr Grundauftrag und ihre Grundversuchung. Vor diesem Hintergrund müssen wir uns bewusst  werden, dass alle Konfessionen in ihrer Herausbildung auch ein Zeichen der Untreue gegen den Einheits-Auftrag Jesu sind. Keine Kirche steht für das Ganze, jede ist Fragment und braucht die anderen zur Ergänzung.


Gleichzeitig dürfen wir wissen, dass Jesus diese Untreue seiner Jünger voraussah. In Johannes 17 richtet er die Bitte an den Vater: „Erhalte sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, dass sie eins seien wie wir“ (V 11). Dieses Gebet ist kein Appell an die Jünger, sich doch bitte besser zu vertragen, sondern es ist das nüchterne Gebet des liebenden Meisters, der weiß, dass wahrhaftige Einheit nur vom Vater des Lebens selber ­geschenkt und erhalten werden kann. Die Ökumene der Herzen ist darum zuallererst der unsichtbare Bund derer, die in dieses Gebet Jesu einstimmen. Die dargebrachte Armut und Sehnsucht der ­Beter und die Geduld Gottes sind die Bausteine der geistlichen Ökumene.

Zu-Neigung und Fort-Schritt

Darüber hinaus freilich kommt es auf beherzte Beziehungen zwischen Menschen an, die sich einander zuneigen und Achtung und Freundschaft erweisen. Dass Papst Benedikt XVI. im ­Erfurter Dom einen vollgültigen evangelischen Wortgottesdienst in liturgischer Gewandung mitfeierte, ist eine solche Zuneigung, die weit über das hinausgeht, was bisher unter seinen Vorgängern möglich gewesen ist. Wir sollten wahr­nehmen und festhalten, was schon geworden bzw. bereits im Werden ist. Formell herausragend sind hier sicher die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre von 1999 und die Magdeburger Erklärung der gegenseitigen Anerkennung der Taufe von 2007.  Und dann sind da die vielen kleinen und persönlichen Begegnungen, die alte Grenzen überschreiten und Neuland erschließen. Die Mutmacher des Alltags! So wie Maria Kaißling, die als evangelische Katechetin ­Geschwister der orthodoxen Kirche in Russland kennen-  und liebengelernt hat. Oder der katholische Priesteramtskandidat Nándor aus Ungarn, der im zweiten Jahr in der evangelisch geprägten OJC-Kommunität überlebt – und sogar auflebt. Aber auch die Berichte von Menschen unterschiedlicher Konfessionen, die erzählen, welchen Reichtum und Zugewinn die Begegnung mit Vertretern anderer Konfessionen und Frömmigkeitstraditionen in ihr Leben gebracht hat. Inspiriert durch diese Herz- und Horizonterweiterung haben wir auf den Punkt ­gebracht, was unserem Glauben das gemeinsame Fundament gibt. In einem Kleinen Ökumenischen Katechismus haben wir formuliert, wie die eine Kirche Christi ihrem Auftrag gerade in der Polarität von Bewahrung und Erneuerung gerecht werden kann.

Prophetischer Impuls

Im Horizont der letzten Tage der Menschheit hat Wladimir Solowjew im Jahre 1899 seine „Kurze Erzählung vom Antichrist“ verfasst. In ­bester ökumenischer Grundhaltung bringt der russische Poet zum Klingen, wie die herausragenden Vertreter von Orthodoxie, katholischer und evangelischer Kirche den kommenden „Weltenherrscher“ im Jahre 2077 entlarven und ihm als Märtyrer widerstehen. Die großartige literarische Skizze besticht, weil das Herzblut jeder Konfessionen ebenso klar ins Licht tritt wie ihre Gefährdungen durch den Autoritarismus (katho­lische Kirche), durch den Traditionalismus ­(orthodoxe Kirche) und durch den Individualismus (evangelische Kirche). Im Horizont dieser Gefährdungen ist für die Einheit und Vitalität der Kirche zu beten und Heilung zu erbitten.

Leiterwechsel und Finanzen

Gut unterwegs im Prozess der Leitungsübergabe: Dominik Klenk und der kommende Prior Konstantin Mascher
Gut unterwegs im Prozess der Leitungsübergabe: Dominik Klenk und der kommende Prior Konstantin Mascher

In der OJC-Kommunität sind wir in sehr ­feiner Weise in der Übergabe der Leitungs­verantwortung fortgeschritten. Konstantin Mascher hat Zug um Zug seinen Platz in den Leitungsgremien eingenommen. Es ist beglückend, in diesen intensiven Wochen Perspektiven zu teilen, Kontakte und „Landkarten“ zu übergeben und miteinander Entscheidungen zu treffen. Bis zum offiziellen Leiterwechsel soll dieser Prozess so weit abgeschlossen sein, dass der scheidende Leiter ganz entlastet ist und der kommende Prior orientiert seine neue Aufgabe aufnehmen kann. Wir hoffen von Herzen, dass viele von Ihnen am 17. Mai mit uns in Reichelsheim diesen Festtag begehen werden! Hier geht es zur Anmeldung zum Tag der Offensive 2012 »
 

Auch was die Finanzen der OJC angeht, war das vergangene Jahr ein besonderes. 2011 haben wir von unseren Freunden 1,7 Millionen Euro Spenden erhalten. Das ist in 43 Jahren der zweithöchste Betrag, den wir je bekommen haben! Dennoch haben wir 60 000 Euro mehr ausgegeben, als durch Spenden und Einnahmen abgedeckt werden konnten. Das lag vor allem an der umfangreichen Sanierungsmaßnahme des Schlossdaches (140 000 Euro), die wir zu bewältigen hatten. So stehen wir mit großer Dankbarkeit und zugleich einem finanziellen Defizit am Anfang des neuen Jahres. Wir danken Ihnen von Herzen für Ihr Mittragen und Einstehen für unseren Dienst an der jungen Generation und grüßen Sie herzlich und mit dem Zuspruch der Jahres­losung. Jesus spricht: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!

Ihr

Dr. Dominik Klenk
Reichelsheim, den 27. 1. 2012

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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