153 im Netz

Der wunderbare Fischfang aus der Sicht Jesus. Copyright: Michael Blum
Der wunderbare Fischfang aus der Sicht Jesus © Michael Blum

Der wunderbare Fischfang – Bildmeditation

von Ralph Pechmann

Sechs Gestalten in einem Boot vor kobaltblauem Hintergrund. Über ihnen der Mond. Vor ihnen tiefblaues Wasser, das unruhig schimmert und schemenhaft seine Schätze preisgibt. Angedeutete Fische. Ein Rad mit Kreuz, erhobene Hände. Die Figuren in scheinbar weiter Ferne, das bewegte Wasser so nah, als wolle es uns umspülen. Alles angedeutet in symbolischen Zeichen. Symbole sind in einem Zeichen verdichtete Wirklichkeit. Sie malen uns eine Geschichte vor Augen, die sich zu einer Botschaft verdichtet – das Geschehen am See Tiberias.

Tätiges Vertrauen

Gehen wir vom Text in Joh 21,1-11 aus, sehen wir Jesus am Strand mit den Augen der Jünger. Hier ­jedoch verkehrt sich die Perspektive. Wir sehen vom Strand aus die Jünger und stehen an der Seite dessen, der sie nach vergeblicher Nachtarbeit im Morgengrauen zu einem zweiten Fischzug aufruft. Die Jünger tun, was Er ihnen sagt. Sie tun ein zweites Mal, was sie bereits in der Erstbegegnung mit dem Meister getan hatten (Lk 5,4-10). Im tätigen Vertrauen erkennen sie den totgeglaubten, auf­erstandenen Herrn. Uns spiegelt er sich im Wasser mit zum Segen erhobenen Händen.

Hieronymus und 153 Fische

Schauen wir auf das brodelnde Wasser. Viele­ Blasen perlen golden hervor, 153 an der Zahl. Sie stehen für die Zahl der gefangenen Fische, von denen Johannes berichtet. (V. 11) Der heilige ­Hieronymus (4. Jh.) forschte, als er die Bibel ins Lateinische übersetzte, und fand in der „Halieutica“, einer zoologischen Abhandlung des Oppianus Cilix zur Zeit Kaiser Marc Aurels, 153 damals bekannte Fischarten. Dies wurde als die johanneische Form des Missionsbefehls gedeutet, die Menschen aller bekannten Völker mit der Botschaft des auferstandenen Christus vertraut zu machen. Soweit die ­lateinische Lesart.

Die jüdische Lesart

Das jüdische Verständnis führt uns auf eine andere Fährte: die Zahl nicht als Summe, sondern als dreifaches Band einer Botschaft zu begreifen: 1 – 5 – 3. Jedem Buchstaben ist je ein Bild und ein Zahlenwert zugeordnet.
„Eins“ steht für א (Aleph), den ersten Buchstaben im jüdischen Alephbet. Er gilt als Urlaut, mit dem der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs alle Schöpfung ins Leben rief und verweist auf die Einheit des Heiligen, der in sich und in dem alles eins ist.
Mit dem Sohn hob eine neue Schöpfung mitten in der alten Welt an. Der am ersten Wochentag Auferstandene sendet seine Jünger nicht nur zum eigenen Volk, sondern hinaus zu allen Gojim (Heiden­völker) – bis dahin undenkbar.
ה (He), der fünfte Buchstabe steht für die Tora, die fünf Bücher der Weisungen. Durch das Gesetz des Mose erhielt Israel seine Identität als Volk. Nach der Speisung der Fünftausend (Mt 14,14ff) hatten die Jünger zwölf Körbe Brot gesammelt, genug, um alle zwölf Stämme satt zu machen; auch jene zehn, die seit dem babylonischen Exil in alle Welt verstreut waren. Der Auferstandene am See Tiberias verkörpert die Sinnmitte der Tora, vereinigt ganz Israel in seiner Königsherrschaft und erweitert den Bund zu allen Völkern: Dafür steht der wunderbare Fischfang. Er sättigt alle Menschen mit seinem Leben, das über den Tod hinaus das letzte Wort hat.
Der dritte Buchstabe ג (Gimel) symbolisiert die Reise mit dem Kamel und die Zahl 3. Er erinnert an den Auszug Abrahams aus Volk und Vaterhaus. Geduld, Verzicht, störrische Entschlossenheit, die Bereitschaft, sich führen zu lassen, sind Wesens­züge der Väter im Glauben. Auch die Jünger und mit ­ihnen das Volk des neuen Bundes sind aufgerufen, das Alte hinter sich zu lassen und das Reich Gottes, ihr Land der Verheißung, zu erobern.

Die vier Enden der Welt

Der Kreis im Wasser ist Sinnbild für den Weltkreis. Viergeteilt durch das Kreuz symbolisiert er die Fülle der Lebens-Wirklichkeit. Wie die Jahreszeiten wiederkehren, so erneuert sich auch die Berufung der Jünger: Jesus hatte sie von den Fischerbooten weggerufen, nun sendet er sie aus als Menschen­fischer. Das volle Netz wird ihnen zur umstürzenden ­Offenbarung seiner Vollmacht. Alles, was nun geschehen wird, ist von diesem Umsturz gezeichnet. So ist Glaube: Alles Wesentliche beginnt zweimal und Umkehr ist möglich und sinnvoll.

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