Editorial über 12 Jahre Leiterschaft

Konstantin Mascher und Dominik Klenk - gelungener Leiterwechsel
Konstantin Mascher und Dominik Klenk - gelungener Leiterwechsel © OJC

Wie schön, klar und wahr ist die Welt, wenn wir mit den Fingern zählen. Es braucht allerdings bisweilen heute den Mund oder das Gemüt der Kinder, um die einfachen Koordinaten des Lebens wieder zu erinnern: Es ist ein Gott; Mann und Frau, das sind zwei; drei sind alle guten Dinge; vier Himmelsrichtungen orientieren uns; fünf Finger hat die volle Hand; sechs sind der Tage Arbeit; sieben Sterne am großen Himmelswagen...


Anschaulich zählen ist ein kostbares Gut gewor­den. Früher gab es Zählweisen, die konkrete Phänomene abbilden sollten. Zum Beispiel die Mondphasen. Auf den Hebriden, einer kleinen Insel vor Schottland, hieß 5 fünf z. B. „luna“ (eine Hand) und 10 zehn „luna-luna“ (zwei Hände). Von solcher Konkretion sind unsere modernen Zählsysteme weit entfernt. Als Maßgabe für Fortschritt gilt die Ausprägung immer abstrakterer Zahlensysteme. Längst berechnen Großrechner im Internet mit Algorithmen unser Profil: Was wir lesen, was wir kaufen, wer unsere Freunde sind. Ob wir das wollen, oder nicht.

Einsen und Nullen

Wann der geniale Spuk mit Eins und Null begonnen hat? Nun, jedenfalls musste zuvor erst einmal die Null erfunden werden. Diese wertvolle Erfindung einer scheinbar wertlosen Zahl markiert im 12. Jahrhundert eine neue Epoche und beendet gewissermaßen das Mittelalter. Fest steht, dass ohne die Null Neuzeit und Moderne undenkbar sind. Man stelle sich das Leben ohne Null vor: Devisenhandel an den Börsen oder die Summe des Eurorettungsschirms als römische Ziffer! Da bräuchte man Tapete zum Aufschreiben – querliegend, versteht sich. In meiner Kindheit war die Ziffer „eine Million“ noch eine Größe. Heute muss man schon Milliarden oder Billionen bemühen, um ein bisschen Aufmerksamkeit zu ergattern. Meine absolute Superzahl stammt dennoch  aus dem letzten Jahrtausend und ist durch Dagobert Duck verbürgt, dessen Vermögen in Fantastilliarden angegeben wurde. Bleibt zu hoffen, dass diese Größe für Haushaltsdefizite und andere Markierungen auch in Zukunft unerreicht bleibt.

Rechnen mit Gott

Haushalten ohne planbaren Zustrom und das Budgetieren von Ausgaben ohne verlässliche Einnahmen in den Auftragsbüchern, das kann man bei Jochen Hammer lernen. Der OJC Schatzmeister ist nicht nur ein kühler Analytiker und kühner Rechner, sondern auch einer von der ­verwegenen Sorte: Mitten hinein in den Fluss der irdischen Zahlenstraßen grätscht sein himm­lisches Vertrauen. Er weiß, dass unsere Sicherheit in der Treue Gottes liegt, was die Treue der Freunde Gottes mit einschließt. Und das will immer neu beherzigt werden. Ob das gut gehen kann?! Wer dann noch an himmlischer Mathematik zweifelt, der darf die Berichte der Gefährten des gemeinsamen Lebens lesen, deren knapp bemessenes Gehalt irgendwie hinten und vorne nicht reicht. Oder doch?

Mathe und Deutsch

Es sind die klassischen Hauptfächer, die uns bleibend umtreiben. Sie haben uns zu Schulzeiten Schweiß und zu Hause Nerven gekostet. Wir sind vor ihnen in Tagträume geflüchtet oder nachts von Alpträumen heimgesucht worden. Manchmal haben sie uns aber auch fasziniert. Auch wenn wir vielleicht nicht alles verstanden haben. Und nie haben sie uns wirklich losgelassen. Immer wieder haben wir mit ihnen zu tun. Bis heute. Menschen sind in eine Lebensgeschichte eingebettet und ­damit in Geschichten verstrickt. Wir werden in ­eine Erzählgemeinschaft hineingeboren. Hier bildet sich Kultur. Und wir selbst zählen und erzählen, um uns zu orientieren. Jede Erzählung ist immer auch Zählung: Wir stellen Proportionen fest, wir bilden Maßstäbe und Relationen. Soweit ich weiß, ist dieser enge Zusammenhang zwischen „erzählen“ und „zählen“ in allen germanischen und romanischen Sprachen vorhanden.

Israel und die 480

Das gilt auch für das Hebräische. Obwohl die Ziffern, mit denen wir heute rechnen, arabische sind, können wir vor allem in der Geschichte des Volkes Israel einiges über die Bedeutung von Zahlen lernen. Die Eckdaten Israels: Es waren zwölf Stämme. Auf ihrem Weg der Befreiung aus der Sklaverei wanderten sie 40 Jahre durch die Wüste. 12x40 = 480. Gerade diese Zahl spielt in der ­Erzählung der Geschichte des Gottesvolkes eine einmalige Rolle:

480 Jahre lagen zwischen dem Turmbau zu Babel und Israels Auszug aus Ägypten.

480 Jahre lagen zwischen dem Auszug aus Ägypten und dem Bau des ersten Tempels durch König Salomon.

480 Jahre lagen zwischen Salomons Tempelbau und dem Wiederaufbau des Tempels durch die Überlebenden des Volkes nach dem Ende der ­babylonischen Gefangenschaft.

Alles nur Zufall, alles Schall und Rauch? Wer feinhörig dafür wird, Zählung und Erzählung zusammen zu denken, der kann auch heute noch spannende Zusammenhänge entdecken, die Daten und Ereignissen noch einmal eine andere Tiefe geben.

Zwei auf einen Streich

Die OJC-Kommunität steht im Prozess einer spannenden Zählung. Mit Konstantin ­Mascher kommt ein neuer Prior ins Amt. Diesen Leiterwechsel haben wir vor wenigen Tagen in der Kommunität intern vollzogen. Am Himmelfahrtstag (17. Mai) werden wir gemeinsam mit vielen Freunden hier in Reichelsheim feiern und den Stab offiziell weitergeben. Das Motto unseres Festtages weist auf Zählbares: Zwei auf einen Streich! Wir wollen den scheidenden Prior mit seiner Familie verabschieden, den neuen willkommen heißen und unsere Freunde mit einem Festtag überraschen. Ganz herzliche Einladung dazu!

Herausforderung für 100.000

Es gehörte zu meiner Kernaufgabe, die Gemeinschaft von der Gründerzeit in eine neue Zeit zu bringen. Einen solchen Umbau darf man Reformation nennen. Dieser Umbau ist ganz wesentlich abgeschlossen und damit auch der Bogen meiner Berufung als Leiter der Gemeinschaft zu einem Ende gekommen. Gründerjahre in „Normalzeit“ zu überführen, ist eine besondere Aufgabe. Je nach Unternehmung könnte man diese Herausforderung so zusammenfassen: Wie kann man den Kapitän wechseln, ohne dabei das Schiff zu versenken? Das ist bei der ersten Übergabe in der Regel sehr schwer, wird aber – wenn man gute Gefäße des Übergangs entwickelt – in kommenden Generationen etwas leichter. Was einem Neuling im Amt oder im Zugehen darauf den Einstieg erleichtert, hat Konstantin in zehn griffigen Dankpunkten zum Ausdruck gebracht. Die Thematik ist übrigens keineswegs nur für Kommunitäten von Belang: In den kommenden fünf Jahren werden über 100.000 mittelständische Unternehmen in Deutschland von der Gründergeneration übergeben werden müssen. Analysten der Volkswirtschaft rechnen damit, dass viele der Unternehmen bei diesem Change-Prozess massive Probleme bekommen werden, weil der Übergang menschlich nicht gelingt.

Vier pro Woche, 2000 in zwölf Jahren

Was unser Leben ausmacht, lässt sich durch Zahlen alleine nicht fassen. Und doch gilt: Manches, was wir angefasst haben, hat sich am Ende doch ausgezahlt. Das ist vor allem ein Grund zur Dankbarkeit. In meiner Amtszeit als Leiter der Kommunität habe ich in den vergangenen zwölf Jahren wohl um die 2000 Teamsitzungen gehabt. Kaum zu glauben. Und nicht auszudenken, wie viel Lebenszeitstunden hier durch die Beteiligten investiert, wie viele Kannen Kaffee dabei getrunken und wie viele Tonnen unschuldiges Papier in der Folge durch Protokolle und weitere Korrespondenzen in Mitleidenschaft gezogen wurden. Der Trend zum papierlosen Büro hat wenigstens letzterem in den vergangenen Jahren etwas entgegen gesteuert.

Die Brücke der 90er

Die Teilnehmer der Retraite der 90er Jahre: Hanne & Frank Dangmann, Ursula Räder, Renate & Rudolf Böhm, Christine & Matthias Casties und Sieglinde & Joachim Hammer
Die Teilnehmer der Retraite der 90er Jahre: Hanne & Frank Dangmann, Ursula Räder, Renate & Rudolf Böhm, Christine & Matthias Casties und Sieglinde & Joachim Hammer

Es war mein Wunsch, ein gut bestelltes OJC-Schiff an meinen Nachfolger zu übergeben. Eine wichtige innere Bewegung wollte ich in meinen letzten Wochen noch anstoßen, bevor ich mein Kapitänsamt abgebe: Eine „Retraite der 90er“. In der Geschichte der OJC zählen die 90er Jahre zu den besonders turbulenten Zeiten. Nach dem großen Umzug aus Bensheim folgten Jahre, in denen sich die OJC viel vorgenommen und sich dabei auch übernommen und überfordert hat. (Und dennoch haben in diesen turbulenten Jahren viele junge Menschen und Besucher bei der OJC einen lebendigen Glauben und Inspiriation gefunden.)

In den letzten Märztagen konnten wir mit neun Mitarbeitern, die in den 90er Jahren zur OJC gestoßen sind, drei Tage in Klausur verbringen. Wir hatten Zeit zum Reden und Hören, zum Zählen und Erzählen. Und wir haben Goldkörner und Perlen gefunden, die im Staub dieser Jahre untergegangen waren. Die, die da beieinander waren, haben sich noch einmal neu als Weggefähren entdeckt. Es ist eine profilbildende Wirklichkeit entstanden, die für die ganze OJC von Bedeutung ist: Die Geschwister der 90er verbinden als Brückengeneration in der Kommunität die Gründer aus Bensheim mit jenen, die nach dem ersten Leiterwechsel kamen. Ohne sie wäre der Offensive die Transformation in eine nächste Generation nicht gelungen. Nicht ihr Kommen war das Besondere, sondern dass sie geblieben sind!

Mein Finish bei 250

Mit diesem Salzkorn endet meine Zeit als Chef­redakteur. Zugleich ist es das 250. Heft, das an die Freunde rausgeht. Irgendwie wundersam und passend. Da ist es vielleicht auch mal Zeit für eine kleine Abrechnung. Darum erinnert die Redaktion an die Superlative und an die größten Flops aus vielen Jahren. Für mich endet eine Aufgabe, die ich immer mit Leidenschaft und Freude, mit Neugier und heiligem Ernst betrieben habe. Ich danke Ihnen für Ihre Verbundenheit und Ihre Leselust in all den Jahren, für Ihre wachsende Freundschaft zur OJC und Ihre vielfältige Unterstützung. Das Salzkorn ist ja zuvorderst ein Freundesbrief. Aber es ist auch eine christliche Denkschule, die in Beziehung mit Christus ­rufen will: Gott lieben und Welt gestalten. Weniger die tagesaktuellen Ereignisse, als vielmehr die größeren Linien geistiger und geistlicher Wirklichkeit haben wir zu umfassen versucht. Dank sei Gott, wo dies gelungen ist.


Der Wegweiser einer nächsten Etappe für meine Frau und mich und unsere Kinder ist schon erkennbar. Sie werden es erfahren, sobald es spruchreif ist. Mit dem Salzkorn wird es weitergehen und mit der OJC auch. Und mit dem Reich Gottes kommt‘s erst noch viel besser!


So grüße ich Sie und Euch alle dankbar und sehr herzlich, Ihr


Dr. Dominik Klenk


Reichelsheim, den 30. April 2012


P.S. Bleibt heiter, Jesus ist der Wegbereiter!

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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