Der vollzählige Leiter

Über notwendiges Potential und unverzichtbare Amtsgnade

von Dominik Klenk


Die Erwartungen an einen Leiter* sind in der Regel groß: Stark soll er sein und hör­bereit. Teamfähig und innovativ. Vermittelnd und entscheidungsfreudig. Er ist Erwartungs­träger und – wenn es gut geht – Vertrauensmann. Zu den vordergründig hohen Erwartungen tritt meist eine Hintergrundstrahlung hinzu, die seine Aufgabe nicht gerade erleichtert: Der Leiter bietet in seiner exponierten Stellung die willkommene Projektionsfläche für unerfüllte Wünsche und Vorstellungen, mit denen seine Mitstreiter – meist unbewusst – ihm bisweilen heftig zusetzen. Hier kommt zum Tragen, dass er es eben nicht nur mit aktuellen Problemen und Konflikten zu tun bekommt, sondern mit viel tiefer liegenden Problemen und Konflikten, die in den Protagonisten einen langen biographischen Vorlauf haben und sich beim aktuellen Anlass entladen. Auch der Leiter ist vor solcher Übertragung auf andere nicht gefeit. So stellen Macht und Ohnmacht in seinem Amt die Verhältnisse auf den Kopf – das ist die Crux des Leiteramtes. Wie gut zu wissen, dass Leiter in der Nachfolge von Jesus Christus dieses Kreuz getrost schultern können, weil sie selbst Getragene sind!

Die Literatur über Leiterschaft füllt mittlerweile Regalwände. Gleichwohl ist die Zahl der guten Handreichungen überschaubar. Und wirklich gelesen werden sie selten. Diesem Szenario kann entgegen gehalten werden, dass man sich gute Leiterschaft ohnehin nicht anlesen kann. Allein die Hoffnung, dass praxisgetränkte Erfahrungen auf diesem schwierigen Terrain dennoch hilfreich sein können und wert sind, weitergegeben zu werden, legitimiert den Versuch, einen Aspekt des Themas erneut zu entfalten.
Nach meiner Erfahrung ist Leiterschaft vollzählig und „rund“, wenn drei grundlegende Dinge aus drei unterschiedlichen Richtungen zusammen kommen: Eignung, Teamunterstützung und Amtsgnade.

Eins von Drei: Eignung

Eignung als Qualität eines Leiters

Wer Leitung übernehmen soll, braucht eine Grundeignung. Das heißt zuvorderst, dass in ihm die Gabe der Selbstleitung entwickelt sein muss. Selbstleitung ist der Leitung anderer nämlich notwendig vorgeordnet. Wer im Durcheinander des eigenen Lebens nicht immer wieder Klarheit, Ruhe und Standfestigkeit gewinnt, wird auch andere nicht leiten können. Denn Leiten heißt in erster Linie Struktur geben, moderieren und Richtung weisen. Eben jene Klarheit, Ruhe und Standfestigkeit jedoch tragen wir nicht in uns selbst. Wir müssen sie immer wieder neu ­empfangen. Wer Klarheit sucht, muss zur Klarheit kommen. Wer Ruhe sucht, muss zur Ruhe kommen. Wer standfest werden möchte, der muss sich wieder neu anbinden. Wer mit Jesus an der Seite lebt, wer aus Jesus lebt, der lebt hoch angebunden und kann Standfestigkeit, Ruhe und Klarheit weitergeben, die er von ihm selber empfangen hat. „Jeden morgen meine leeren Hände Gott wie eine Schale hinhalten“ (Dag Hammarskjöld) – das ist die Grundhaltung wachsender Leiterschaft. Wer immer wieder so empfängt, der lernt, aus dem Vertrauen auf Jesus zu leben und wird befähigt, selber Vertrauen zu schenken.

Ein Leiter ohne Eignung ist eine Ver-Leitung

Nicht jeder, der sich zur Leitung berufen dünkt, ist es auch. Wo das Amt mangelnden Selbstwert oder überstiegene Wunschvorstellungen plombiert, wächst selten Nachhaltiges, was Gutes für die Gemeinschaft austragen wird. Im Jesuitenorden ist es ausgeschlossen, sich selbst auf das Amt eines Oberen zu bewerben – Eigenwerbung gilt als Ausschlusskriterium. Dieses zugespitzte ­Modell trägt der Einsicht Rechnung, dass demjenigen, der sich, aus welchen Motiven auch immer, selbst protegieren muss, kein Erfolg beschieden sein wird.
Ein Leiter ohne Eignung ist eine Ver-Leitung. Hier wird nicht geführt, sondern verführt. In der Praxis kann das zu ganz unterschiedlichen ­Szenarien führen: zu autoritärer Leiterschaft etwa bei schwachen Persönlichkeiten, die dem offenen Dialog mit den Mitarbeitern nicht gewachsen sind und ihn deswegen verhindern. Aber es gibt auch subtile Formen der Ver-Leitung: Etwa, wenn in der Replik auf einen übergriffigen Leiter ein besonders sanfter, unbedrohlicher, möglichst schwacher Leiter als Nachfolger gewählt wird, der „niemandem weh tut“. Menschlich ist diese Reaktion nachvollziehbar, aber irregeleitet. Denn wer leitet, muss bereit sein, Macht auszuüben. Macht im guten Sinne. Das Wort Macht kommt von dem althochdeutschen Wort magh und bedeutet etwas kneten, formen, gestalten, bewirken. Dem Leiter, der für sein Amt taugt, eignet die Bereitschaft, mutig zu wirken und zu bewirken, um das Wachstum aller zu fördern.

Zwei von Drei: Teamunterstützung

Teamunterstützung als Qualität eines guten Leiters

Ein Team oder eine Gemeinschaft, zumal eine geistliche, formt sich um einen bestimmten Auftrag und gestaltet dazu die ihr angemessene ­Lebensform. Wer hier hinzutritt, ist bereit, ein tieferes commitment, eine größere Verbindlichkeit einzugehen. Geistliche Gemeinschaften können eine Tiefe der Zugehörigkeit entwickeln, die ansonsten allenfalls in einer Herkunftsfamilie zu finden ist. Die Entschiedenheit, mit der sie ­antreten, erhöht ihre Effektivität und Dynamik. Das ist etwas Wunderbares, Kraftvolles, kostet ­jedoch viel Kraft.
Die Herausforderung für den Leiter besteht darin, Teil des Teams zu sein und das Team über sich hinaus zu einem Ziel zu führen. Das erfordert Spannkraft und einen Geist der Verbundenheit, der letztlich nur vom Heiligen Geist erbeten werden kann.
Der Bund der Gefährten wurzelt im Bund Gottes mit seinen Menschen. So erhält alle Ordnung und Zuordnung im Miteinander ihre Legitima­tion aus der Zuordnung am Tisch des Herrn. Und dort ist der Leiter ein Bruder unter Geschwistern. Alle sind in „kurzer Hierarchie“ dem einen Haupt zugeordnet: dem in Brot und Wein verborgen gegenwärtigen Christus. Im Abendmahlsgeschehen ist die Beziehung zum Herrn für jeden der Anwesenden gleich: unmittelbar. Nur auf dieser Basis, im Horizont des Letztgültigen, ist es für uns Christen im 21. Jahrhundert noch möglich, Leitung im Vorletzten auszuüben und anzunehmen: freiwillig, entschieden und mündig.

Ein Leiter ohne Unterstützung ist ein Blitzab-Leiter

Weil dieser gute Boden des Miteinanders bisweilen einbricht oder austrocknet, kommt es zu dem Durcheinander, mit dem wir es immer wieder in Teams zu tun bekommen. Für alle Beteiligten ist eine konflikthaltige Situation schwierig. Für den Leiter aber hat der Vertrauensverlust unter seinen Mitstreitern eine existentielle Dimension, denn Vertrauen ist eine entscheidende Legitimation für sein Handeln. Ohne Vertrauen verliert er die Autorität, die ihm qua Amt verliehen ist. In einer Atmosphäre des Misstrauens mutiert er allenfalls zum Blitzab-Leiter, an dem sich die Spannungen entladen, ohne dass er die Energie in konstruk­tiver Weise auffangen oder umlenken könnte. ­Einem Leiter mit Teamunterstützung hingegen wird es immer wieder gelingen, die Energie, die Krisen und Konflikten innewohnt, so zu kanalisieren, dass Neues und Fruchtbares entsteht. Wenn dies gelingt, klärt und festigt sich die Ausrichtung des Teams.

Drei von Drei: Amtsgnade

Amtsgnade als Qualität eines guten Leiters

Hochwirksam, aber selten erkannt und benannt ist die Dimension der Amtsgnade. Wer in die Leitung berufen, bestätigt und zum Dienst autorisiert wird, der empfängt ein Pfund, das bis dahin noch gar nicht da war. Sich dies vor Augen zu halten ist besonders hilfreich in Zeiten des Umbruchs, wenn ein bewährter und erfahrener Leiter den Stab an einen Jüngeren übergibt. Nicht selten verzweifelt ein junger Leiter am übergroßen Schatten des Vorgängers, an dem er gemessen wird. Doch der Vergleich ist unangemessen: viele Jahre durfte der Alte mit dem Rückenwind der Amtsgnade Dinge vollbringen, die ihm auch geschenkt wurden und die ihn erst mit der Zeit souveräner und gelassener werden ließen. Ein Leiter ohne Amtsgnade wäre nur ein Halbleiter, genaugenommen ein Zwei-Drittel-Leiter. Die Amtsgnade ist jenes Drittel, über das man nicht verfügt, das eben noch nicht da ist, solange der Neue nicht gewählt ist. Die gute Nachricht ist: Dieser Zustrom an Charisma und Pneuma, an Leidenschaft und Geistes­gegenwart kommt ­gewiss spürbar hinzu.

Ein Leiter ohne Amtsgnade ist nur ein Halb-Leiter

Ich selber habe das Geschenk der Amtsgnade vielfach erleben dürfen. Es war in den Momenten, in denen ich intuitiv etwas tat, von dem ich heute weiß, dass es gar nicht von mir selbst kommen konnte, weil ich weder über die notwendige Einsicht noch die hilfreiche Voraussicht verfügte, um angemessen zu entscheiden und zu handeln.  Denn gerade in sehr komplexen und verfahrenen Situationen, in denen langjährige Verstrickungen und Powerplays die Situation prägen und bestimmen, ist es extrem schwer, im Knäuel von Fakten und Emotionen den roten Faden zu finden. Ich habe es mir daher zur Gewohnheit gemacht, in solchen Gesprächen gut zuzuhören und während des Zuhörens zu beten. Mehr als einmal habe ich erlebt, wie Gott unerwartet Blockaden und ­Verknotungen löste, Türen öffnete und uns in ausweglosen Situationen zu ersten Lösungsschritten führte.
Hier wird wirksam, was Paulus dem Timotheus mit auf den Weg gab: „Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ (2. Timotheus 1,7)

Die schöne Last und der vollzählige Leiter

Solche Amtsgnade ist für den Leiter Verheißung und Verpflichtung zugleich. Er muss bereit sein, sich seine Ohnmacht immer wieder einzugestehen und seine Angelegenheiten ganz in die Hände Gottes zu legen. Wo das gelingt und wo Eignung und Teamunterstützung hinzukommen, rundet sich die Vollzahl der Gaben, die das Leiten zu einer schönen Last werden lassen. Und eben dann ereignen sich hier und heute jene Wundergeschichten, auf die wir im Nachhinein nur staunend zurückblicken können:
„Herr unser Gott, Du hast unzählige Wege, auf denen Du möglich machst, was uns unmöglich scheint. Gestern war noch nichts sichtbar, heute nicht viel, aber morgen steht es vollendet da. Nun gewahren wir, wie Du unmerklich schufst, was wir unter Lärm nicht zustande gebracht haben.“   (Jeremias Gotthelf) – Ja, gestern war noch nichts sichtbar, heute nicht viel, aber morgen steht es vollendet da.

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

    Alle Artikel von Dominik Klenk

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