Rechnen mit Gott

Wie OJC-Schatzmeister Joachim Hammer nicht vorhandene Summen budgetiert


Joachim, Kopf oder Zahl?

Das sind keine Alternativen. Die beiden Seiten einer Münze gehören zusammen. Das gilt ebenso für jede Bilanz und auch für meine Finanzberichte: Es gibt immer viel Grund zum Danken und hinreichend Anlass zum Beten.

Als Theologe jonglierst du mit Texten, als Schatzmeister musst du komplexe rechnerische Vorgänge verantworten. Wo siehst du dich eher: bei Wort oder Zahl?

Die Worte der Bibel sind mir außerordentlich wichtig. Die Zahlen gewannen in meinem OJC-Dasein vor allem deswegen an Bedeutung, weil die meisten meiner Geschwister mit ihnen nicht so viel anfangen können.

Du wirst in diesen Tagen 70 und möchtest das Amt als Schatzmeister nach acht Jahren zurückgeben. Was wünschst du deinem Nachfolger?

Ich wünsche ihm Übersicht, Ausdauer und auch Freude in diesem Amt, vor allem aber Gottes Hilfe und Kraft, drei Aufgaben erfolgreich anzupacken. Erstens: Ausgleich von Einnahmen und Ausgaben, und zwar einschließlich der Investitionen in den Erhalt unserer Gebäude. Zweitens: Vergrößerung der Betriebsmittel, um das jährliche Sommerloch zu überbrücken. Und drittens: das Erzielen von Überschüssen, um Darlehen abzubauen.

Was ist das Schwierigste am Schatzmeister-Dasein?

Der Balance-Akt zwischen verschiedenen Anliegen, die je für sich berechtigt sind, sich aber gegenseitig ausschließen: Wie können wir einerseits das Budget einhalten und bei den Ausgaben bremsen und andererseits in Gottes Auftrag großzügig sein? Wenn er der Gemeinschaft eine Aufgabe anvertraut, muss ich eine Finanzierung finden und kann nicht sagen, es sei kein Geld da. Ich möchte nicht gerne in jedem Salzkorn „betteln“ und damit unseren großherzigen Gott klein machen. Aber die Freunde sagen uns: „Ihr müsst uns mitteilen, was ihr braucht.“

Dazu muss man ein Budget erstellen. Wie gelingt das, wenn man nicht weiß, ob das nötige Geld rechtzeitig eingeht?

Jedes Budget, das wir aufstellen, ist nicht nur ein Rechen-, sondern vor allem ein Glaubensakt. Wir planen die Ausgaben sorgfältig und hoffen, dass wir so viele Spenden bekommen wie im Vorjahr – besser: ein wenig mehr. Das war oft sehr schwer für mich, wenn die Ausgaben schneller stiegen als die Einnahmen.

Das führt dann in die Miesen ...
Was war das größte zwischenzeitliche Defizit, das du verkraften musstest?

2010 und 2011 waren schwierige Jahre. Schon im Herbst 2010 beschlossen wir einschneidende Sparmaßnahmen. Die Mitarbeiter verzichteten auf einen Teil ihres Taschengeldes. Im Dezember schrieben wir 25 persönliche Freunde an – und beteten viel. Tatsächlich konnten wir dann mit einer Einzelspende von 30.000 Euro das Budget für den laufenden Betrieb noch ausgleichen. 2011 mussten wir das Schlossdach und die Fassade für 140.000 Euro renovieren und konnten auch nicht in dem geplanten Umfang sparen. Unser Sommerloch erweiterte sich auf 250.000 Euro. Zum Glück war es im Dezember bis auf ein Minus von 60.000 Euro aufgefüllt. Das war die größte ­Budgetüberschreitung seit acht Jahren. Nun fehlt dieser Rest-Betrag in 2012.

Wie kann die OJC es sich leisten,
das Defizit auf zeitweise über 200.000 Euro anwachsen zu lassen?

Wir können es uns nicht leisten. Mit dem „Sommerloch“ beim Spendeneingang müssen wir aus Erfahrung rechnen. Aber in den beiden letzten Jahren sind die Budgetlücken zu groß geworden. Deshalb starteten wir ein umfangreiches Spar­programm. Die Suche nach Paten, die unsere ­Arbeit dauerhaft mit täglich einem Euro mittragen, ist ein Teil dieser Maßnahmen. Wir sind den über 300 Freunden, die sich bisher dazu bereit erklärt haben, sehr dankbar. Sie tragen wesentlich zur Stabilität unserer Finanzlage bei. Wir freuen uns über jeden Paten, der noch dazukommt. In diesem Jahr brauchen wir dringend eine Verbesserung der Liquidität.

Hat die Tätigkeit als Schatzmeister deinen
persönlichen Umgang mit Geld geprägt?

Ich bete und danke heute noch ernsthafter für das tägliche Brot. Ansonsten hat umgekehrt mein privater Umgang mit Geld meine Arbeit als Schatzmeister geprägt. Ich habe gelernt, Kredite nur für Investitionen einzusetzen und nicht für den täglichen Bedarf. Seit vielen Jahren mache ich gute Erfahrung damit, den Zehnten zu geben. Als Schatzmeister habe ich angestrebt, auch als OJC den Zehnten weiterzugeben, z.B. im Rahmen unserer Weihnachtsaktion für internationale Projektpartner. Die OJC lebt davon, dass Freunde mit uns teilen, deshalb wollen auch wir mit anderen teilen.

Welche Zusage Gottes gibt dir besondere Zuversicht für diese Tätigkeit?

Persönliche Losungsworte haben mich mehrfach richtig ermutigt, wie etwa Psalm 34,10: Die ihn fürchten, haben keinen Mangel. Oder: Psalm 40,18: Bin ich auch elend und arm, für mich sorgt der Herr. Am 12. März 1991 fuhr ich mit Horst-Klaus Hofmann, dem Gründer der OJC, nach Bonn, um einen Zuschuss für das geplante ­Jugendzentrum zu beantragen. Den Liedvers für den Tag, „Uns gabst du ein Vermögen …“,  nahm ich als Verheißung Gottes und glaubte, dass er die Finanzierung des Jugendzentrums möglich machen würde. Auch mein Berufungswort bei der Kommunitätsgründung begleitet mich im Schatzmeisteramt. Es spricht nicht von Geld, aber vom Danken. Das Danken ist mindestens ebenso wichtig wie das Bitten.

Habt ihr den Zuschuss für das Jugendzentrum bekommen?

Wir bekamen ein zinsloses Darlehen von 400.000 DM. Die Tilgung läuft bis 2014.

Wenn du den OJC-Mitgliedern die finanzielle Situation der OJC darlegst, sagst du oft: Unsere Sicherheit liegt in der Treue Gottes. Was bedeutet das?

Ja, das ist wahr: Unsere Sicherheit liegt in der Treue Gottes, der uns reichlich versorgt. Diese Erfahrung gehört zu meiner Geschichte und seit 44 Jahren zu der der OJC.
Das Gründerehepaar Hofmann verzichtete auf ein geregeltes Einkommen, um ohne jede finanzielle Absicherung mit jungen Leuten als Großfamilie zusammenzuleben. In einem Glaubenswagnis haben sie sich von Gott abhängig gemacht. Er hat diesen Weg bestätigt und uns bis heute gegeben, was wir brauchen. Jeder, der in der OJC auf Taschengeldbasis mitlebt, vollzieht ein ähnliches Glaubenswagnis. Was ist mit Urlaub, Ausbildung der Kinder, Altersvorsorge? Die OJC weiß nicht, ob Spenden und Zuschüsse immer so fließen werden wie bisher. Wir alle vertrauen auf die Treue Gottes und auf die Treue der Freunde. Für mich ist es von unschätzbarem Wert, von Gott abhängig zu sein und immer wieder seine Hilfe zu erfahren.

Wie gehst du damit um, wenn die benötigten Summen nicht kommen?

Ich gebe die Hoffnung nicht auf und bete weiter. Bislang kam immer Hilfe, oft in letzter Minute und oft so, wie wir es nie erwartet hätten. Aber wenn irgend möglich, geben wir das Geld erst aus, wenn wir es haben. Das geht nur mit einem genauen Budget. Ich kontrolliere ständig, ob die budgetierten Einnahmen auch tatsächlich eingehen. Wenn nicht, müssen die im Budget beschlossenen Ausgaben gesperrt werden. Aufträge erteilen – z. B. bei Bauvorhaben – und hoffen, dass das Geld schon kommen wird, halte ich für unverantwortlich und ungeistlich. Das zeugt nicht von Gottvertrauen, sondern eher von eigenmächtigem Handeln.

Was hat dir in diesem Amt am meisten Freude gemacht?

Die Überraschungen. Einmal schrieb mir eine ältere Dame: „Ich möchte die Hälfte meiner Ersparnisse der OJC vermachen“ und überwies uns einen mittleren fünfstelligen Betrag.
Bei einem Tag der Offensive fragte mich ein Besucher nach unserer Finanzlage. Ich berichtete, dass wir nach einigen guten Jahren nun wieder kurz vor dem Sommerloch stünden und unseren Überziehungskredit in Anspruch nehmen müssten. Darauf der Freund: „Unmöglich, ihr dürft nicht teure Bankzinsen bezahlen! Ruft mich an, wenn das Konto leer ist. Ich gebe gerne ein Überbrückungsdarlehen bis zum Jahresende.“ Dass uns viele Freunde zinslose Kapitaleinlagen und Freundesdarlehen anvertrauen, ist für uns ein großer Segen. Mit diesem Geld können wir fast 50% unserer Immobilien finanzieren. Wir sparen dadurch Mieten und Bankzinsen.

Wie hältst du es aus, dass es keine „sichere“ Einnahmequellen für die OJC gibt?

Das weiß ich auch nicht. Aber das Vertrauen fällt leichter, wenn man schon etliche Glaubenserfahrungen gemacht hat.

Was war dein beeindruckendstes Erlebnis?

Die ojcos-Stiftung, die wir mit einer Erbschaft gründen konnten, hat sich als kraftvolle Hilfe für die OJC erwiesen, und zwar insbesondere, weil in den sechseinhalb Jahren viele OJC-Freunde über 1 Million Euro zugestiftet haben. Der Gedanke von Irmela Hofmann, dass Mitarbeiter christlicher Kommunitäten auf diese Weise eine Aufbesserung ihrer schmalen Rente erhalten können, hat viele Freunde motiviert, sich hier zu engagieren. Einmal überlegten wir, einen Freund persönlich um eine Zustiftung zu bitten. Hermann Klenk lehnte das entschieden ab: „Dafür kannst du nur beten.“ Am nächsten Tag kam ein Brief von eben diesem Freund: „Meine Frau und ich haben beschlossen, Euch eine Zustiftung zu geben.“ Und es wurde eine sehr große.

Aber ich denke nicht nur an Großspenden. An jedem Monatsende staune ich über die Summe, weil ich weiß, dass ein bedeutender Teil sich aus enorm vielen Beträgen zwischen 20 und 100 Euro zusammensetzt. Es ist die Treue von vielen Freunden mit durchschnittlichem Einkommen, die uns trägt. Für jede Einzelspende bin ich von Herzen dankbar und für jeden Einzelnen erbitten wir den Segen Gottes.

Ist es nicht langsam an der Zeit, dass die OJC die Finanzierung auf eigene Erwirtschaftung umstellt?

Diese Überlegung haben wir auch schon durchdacht. Aber im Moment sehen wir sie nicht; zumindest wäre das im Widerspruch zu unserer bisherigen Erfahrung. Als Lebens- und Dienstgemeinschaft gehört es zu unserem Auftrag, Zeit und Raum für Menschen mit ihren Lebensfragen  zu haben, ohne ihnen eine Rechnung auszustellen. Die spezielle Berufung, uns als Offensive in kirchliche und gesellschaftliche Fragen einzumischen, wenn nötig auch wider den Mainstream, lässt sich genausowenig wirtschaftlich rentabel vermarkten. Aber möglicherweise können steigende Kosten künftig wenigstens teilweise durch höhere Erlöse aus unseren Zweckbetrieben aufgefangen werden. Schon heute werden aus Zuschüssen und Wirtschaftsbetrieben 7,5% mehr Einnahmen erzielt als noch vor zehn Jahren. Aber die Spenden bleiben die wichtigste Finanzierungsquelle der OJC.

Ist es geistlich zu verantworten, dauerhaft von den Gaben anderer zu leben?

Von Paulus wissen wir, dass er, wann immer ihm das möglich war, als Zeltmacher seinen und seiner Mitarbeiter Lebensunterhalt verdiente. Aber auch er sagte, dass er damit eine Ausnahme sei. Jesus und seine Jünger sind während der öffentlichen Wirksamkeit keinem Broterwerb nachgegangen. Die OJC ist von Anfang an so geführt worden, ein Spendenwerk zu sein und in der völligen Abhängigkeit von Gott zu leben. Ihre Glaubwürdigkeit bei der jungen Generation gewann sie gerade durch ihre Unabhängigkeit von Staat, Kirche und wirtschaftlichen Interessengruppen und durch das persönliche Engagement der Freunde.


Die Fragen stellte Jeppe Rasmussen.

Von

  • Jeppe Rasmussen

    Dipl.-Journalist, gehört zum Team des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft. Verheiratet mit Rahel, Vater von vier Kindern.

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