Unser 9/11 ist der 11/9

Brandenburger Tor
Der 9. November in Deutschland: Ein Zahlendreher der Geschichte.

Ein denkwürdiger Zahlendreher der Geschichte

von Dominik Klenk


Kaum eine Zahlenfolge hat sich so ins Gedächtnis der Menschheit eingebrannt wie die Ziffer 9/11. Am 11. September 2001 spaltete der Anschlag auf das New Yorker World Trade Center die Welt erneut in vermeintlich Gute und Böse. Diesmal nicht entlang des eisernen Vorhangs zwischen Ost und West, sondern in der religiös-kulturellen Kollision von Orient und Okzident.

Uns Deutschen ist die Kombination von 9 und 11 befremdlich vertraut: In ihr spiegelt sich buchstäblich ein wiederkehrendes Schicksalsdatum der Nation: der 9. November, in den USA schreiben sie dafür 11/9. Ein Zahlendreher, der uns als Kristallisationspunk der kollektiven Erinnerung den Blick schärfen soll für die eigene Geschichte und Orientierung zu geben vermag im Zugehen auf die Zukunft.

1918

Die alte Ordnung löst sich auf: Kriegsmüde Soldaten und Arbeiter rebellieren gegen den Kaiser. Am 9. November dankt er ab und macht den Weg frei für die Demokratie. In Weimar gibt sich die junge Republik eine Verfassung, die getränkt ist vom Geist des Humanismus – „Gott“ ist in ihrem Wortlaut nicht enthalten.

1923

In das geistliche Vakuum drängt der Ungeist des Nationalsozialismus. Am 9. November marschieren Hitlers Mannen zur Münchner Feldherrnhalle. Die bayrische Polizei kann einen Putsch verhindern, nicht aber die Entstehung eines neuen Mythos: Der Tag wird zum braunen Gedenktag.

1925

Zwei Jahre später – am 9. November – gründet Hitler seine „Schutzstaffel“. Das Dröhnen der SS-Stiefel durch die Straßen deutscher und später vieler europäischer Städte wird zum Inbegriff der Vernichtung und entmenschlichter Gewalt.

1938

Mit Hitler als Reichskanzler rufen die Nazis zur Gewalt auf: „Zerstört jüdische Synagogen und Geschäfte. Erteilt den Juden eine Lektion.“ Der 9. November wird zum Fanal: Nicht nur die Synagogen gehen in Flammen auf, auch die Zivilcourage ist versengt. In dieser Nacht werden im Geiste bereits jene Gleise gelegt, auf denen die Viehwagons „zur Endlösung der Judenfrage“ nach Auschwitz rollen werden. Bis 1945 ermorden die Nazis und ihre Helfer europaweit sechs Millionen jüdische Mitbürger.

1988

50 Jahre später läuten am 9. November deutschlandweit die Glocken zum Bußgottesdienst. An so vielen Orten, auf so vielfältige Weise und mit so tiefer Wahrhaftigkeit wie nie zuvor bekennen und betrauern Christen die Schuld ihrer Nation und ihrer Kirchen am jüdischen Volk und bitten um Gottes Erbarmen.

1989

Genau ein Jahr nach der öffentlichen nationalen Buße geschieht das Undenkbare: nach 40 Jahren der Teilung fällt am 9. November 1989 die Berliner Mauer. Ein Jubeltag für Deutschland, aber auch für das geteilte Europa und für die Welt.

2009

Am 9. November feierte Deutschland und ganz Europe den 20. Jahrestag des Mauerfalls. Eine Generation, die die deutsche Teilung nicht erlebt hat und das Europa ohne Grenzen und einer Währung für selbstverständlich ist, wurde bereits in die Mündigkeit der Staatsbürger entlassen. Auf dem Erbe, das sie angetreten haben, lasten aber auch Hypotheken: Während der Feierlichkeiten erreichte die globale Finanzkrise ihren Höhepunkt.

2012

Am 9. November dieses Jahres jährt sich jener geheime Kriegsrat zum hundertsten Mal, der diese Serie von Schicksalstagen womöglich eröffnete. Auf die vertrauliche Frage seines Kaisers Wilhelm II., ob das Reich für einen Krieg gerüstet sei, gab General Helmut Johannes Ludwig Moltke zur Antwort, der Marsch gegen Frankreich sei unabdingbar – „je früher, desto besser“. Wer Sturm sät, wird Untergang ernten: Im September 1914, nur wenige Wochen nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, musste Moltke von der Marne aus melden: „Majestät, wir haben den Krieg verloren.“  

Zurüsten, nicht Aufrüsten!

„Siehe, ich habe die Welt überwunden“ – lautet die Botschaft, die alle Zahlendreher unserer Geschichte zum Guten zu wenden vermag. Nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch den Geist Gottes, der uns nicht für den Krieg aufrüsten, sondern für seinen Frieden zurüsten will.

Der Gedenktag enthält eine zweifache Botschaft: er markiert die dunkelsten Stunden deutscher Geschichte und den größten Freudentag unserer wiedervereinigten Nation. Gottes Erbarmen vermag beides zu umspannen: Heil und Unheil. Und wir können lernen, es zusammenzuhalten und die Zukunft zu gestalten, wenn wir mit Gott rechnen.

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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