Zähltick tick tick tick tick

Vom falschen Berechnen und richtigen Vertrauen Copyright: Joel Robison
Vom falschen Berechnen und richtigen Vertrauen © Joel Robison

Vom falschen Berechnen und richtigen Vertrauen

von Roland Werner

Besonders wenn ich still sitze, fängt es an. Ich schaue mir den Raum genau an, zähle die Fenster, die Türen, die Bilder, die Stühle, die Anwesenden. Es gibt fast nichts, was nicht zählbar wäre. Lampen, Steckdosen, die Verstrebungen der Fenster, die Gegenstände, die auf dem Boden stehen, die Bücher in einem Regal – alles wird von mir gezählt. Auch beim Autofahren kann mich der Drang zum Zählen erfassen: die Kilometer­anzeiger, die Laternen und Pfosten am Straßenrand, die Verkehrsschilder an einer Kreuzung.

Manchmal denke ich, ich hätte Mathematiker oder Rechenmaschine werden sollen. Manchmal denke ich aber auch: Du hast schon eine ganz schöne Macke mit deinem Zähltick! Und in manchen Schreckensvorstellungen sehe ich mich auf der Couch beim Psychiater liegen, der versucht, die Ursachen meines Zähltriebs zu ergründen, während ich heimlich die Flecken an der Decke seines Beratungszimmers zähle.

Eine Familie, die zählt

Irgendwie habe ich das schon mit der Muttermilch aufgenommen, das Zählen. Oder genauer gesagt, ich habe es von meinem Vater übernommen. Der zählte nämlich auch alles und jedes. Keine Versammlung, die nicht numerisch analysiert und kommentiert worden wäre. Kein Stau auf der Autobahn, bei dem er nicht wusste, wie viele Autos es waren, keine Rechnung, wo er sich nicht hinterher an den Preis erinnern konnte. Das ist eigentlich auch kein Wunder. Denn mein Vater war zeitlebens Postbeamter im Schalterdienst. Da musste er ständig rechnen, wiegen, zählen. Und das alles machte er meist im Kopf. Zahlen konnte er sich immer merken, über Jahre hinweg. Und das blieb nicht ohne Auswirkungen auf den Rest der Familie.

Bei uns gehörte am Sonntag ein kleines Ritual zum Mittagessen. Da die ganze Familie kirchlich engagiert war, wurden die Gottesdienste, in denen wir am Morgen gewesen waren, nachbesprochen und ausgewertet. Als ich so siebzehn, achtzehn Jahre alt war, waren wir fünf meist in vier oder fünf verschiedenen evangelischen Gottesdiensten. Meine beiden Brüder und meine Mutter spielten in ­unterschiedlichen Nachbargemeinden die Orgel. Ich musste häufig einspringen, wo Not am Mann war. Und mein Vater hielt als Presbyter die Stellung in der Heimatgemeinde. Am Mittagstisch wurden dann die Predigten und die Gesangsgewohnheiten der einzelnen Gemeinden aus Orgelspielersicht diskutiert. Und außerdem gab es immer unweigerlich die Frage: Wie viele Leute waren da? Und so gewöhnte ich mir früh an, aus der Warte des auf einer Empore erhöhten Organisten die Häupter der Versammelten zu zählen.
Auf die Dauer geht ja solch eine Übung in Fleisch und Blut über. Zählen wurde mir sozusagen zu einer zweiten Natur.

Wie einst David

Irgendwann geriet ich dann jedoch genau wegen dieser Gewohnheit in tiefes Nachdenken, vielleicht sogar in eine geistliche Krise. Ich erinnerte mich nämlich an eine Geschichte, die ich schon im Kindergottesdienst gehört hatte: die Begebenheit, als der berühmte König David das Volk Israel zählen ließ.

Nach dem Bericht der Bibel war das ein Zeichen für seinen Hochmut. David, so heißt es, wollte sein Vertrauen nicht mehr auf Gott allein setzen, sondern vertraute mehr auf seine Kraft und die Masse seines Volkes. So beauftrage er seine Heerführer, eine Volkszählung durchzuführen. Doch die weigerten sich zuerst, da sie dies als Ausdruck des Machtstrebens von David verstanden.

Also: Ist Zählen unbiblisch? Ich schaute mir den Abschnitt im zweiten Samuelbuch noch einmal an. Dort wird berichtet:
Und der König sprach zu Joab und zu den Hauptleuten, die bei ihm waren: Geht umher in allen Stämmen Israels von Dan bis Beerscheba und zählt das Kriegsvolk, damit ich weiß, wie viel ihrer sind. Joab sprach zu dem König: Der HERR, dein Gott, tue zu diesem Volk, wie es jetzt ist, noch hundertmal soviel hinzu, dass mein Herr, der König, seiner Augen Lust daran habe; aber warum verlangt es meinen Herrn, den König, solches zu tun?
Aber des Königs Wort stand fest gegen Joab und die Hauptleute des Heeres. So zog Joab mit den Hauptleuten des Heeres aus von dem König, um das Volk Israel zu zählen. (...) Sie durchzogen das ganze Land und kamen nach neun Monaten und zwanzig Tagen nach Jerusalem zurück.
Und Joab gab dem König die Summe des Volks an, das gezählt war. Und es waren in Israel achthunderttausend streitbare Männer, die das Schwert trugen, und in Juda fünfhunderttausend Mann. Aber das Herz schlug David, nachdem das Volk gezählt war. Und David sprach zu dem HERRN: Ich habe schwer gesündigt, dass ich das getan habe. Und nun, HERR, nimm weg die Schuld deines Knechts; denn ich habe sehr töricht getan.
(2. Samuel 24,2-10)

In der Folge straft Gott David. Eine harte Strafe, bei der das Volk, das er soeben hat zählen lassen, erheblich dezimiert wird. Für uns heute ist dies schwer nachzuvollziehen. Und dennoch ist mitten darin noch Gottes Barmherzigkeit zu spüren, denn Gott hält seine Strafe an und zeigt David einen Weg, wie er und das Volk weiterleben können.

Diese Geschichte wirft die Frage nach den inneren Motiven beim Zählen auf. Bei David war der Wunsch, die Anzahl seiner rekrutierbaren Volkswehr zu wissen, Ausdruck seines Machtstrebens. Er wollte so groß und stark sein wie die anderen Großkönige, die ihre Reiche um Israel herum hatten. Doch damit stellte er sich ihnen gleich und vergaß, dass sein Königtum seinen Ursprung nicht in der Größe seines Heeres und der Anzahl seiner Gefolgsleute hatte, sondern in der Tat­sache, dass Gott ihn, den einfachen Hirtenjungen aus Bethlehem, erwählt hatte. Er war vorrangig ein Dichter von Psalmen und Gebeten zur Ehre Gottes und erst in zweiter Linie Staatsmann und Heerführer. Und das Volk, das er leiten sollte, war ebenfalls nicht dazu berufen, große Eroberungen durchzuführen, sondern ein Licht und Segen für die Völker zu sein. Denn sie hatten inmitten einer Welt, die an viele Götter glaubte, die Offenbarung des einen, wahren, lebendigen Gottes empfangen. Auf ihn sollten sie ihr ganzes Vertrauen setzen, nicht auf eigene Kraft, Stärke und Klugheit.

Biblisches Rechenexempel

Wenn ich das so betrachte, macht die Geschichte Sinn. Und dann ist sie eine Anfrage an uns und unseren Umgang mit Zahlen. Ich bin nämlich nicht der Einzige, der gerne zählt. Bei christlichen Veranstaltungen wird hinterher häufig berichtet, wie viele da waren. Dabei klafft, nach meiner ­Beobachtung, manchmal eine ziem­liche Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Der Wunsch, durch Größe und Masse zu beein­drucken, sitzt tief. Vielleicht ist er auch ein Ausdruck unserer Unsicherheit. Denn: Was viele gut finden, kann doch nicht schlecht sein!

Ich jedenfalls habe mir angewöhnt, genau hinzuschauen und auch genau zu zählen. Auch dafür habe ich inzwischen biblische Begründungen gefunden. Die Volkszählung Davids ist nicht der einzige Bericht in der Bibel, in dem gezählt wird. Die Bibel ist voller Aufzählungen. Die ­Geschlechtsregister im Alten Testament sind nur ein Beispiel dafür. Von den Menschen, die am Pfingsttag, dem Geburtstag der Kirche, zum Glauben an Jesus kamen, wird berichtet: Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen; und an diesem Tage wurden hinzugefügt etwa dreitausend Menschen. (Apostelgeschichte 2,41)

Sogar die Fische, die auf wundersame Weise im See Genezareth nach erfolglos durchfischter Nacht doch noch gefangen wurden – auf das Wort von Jesus hin – wurden gezählt. Es waren hundertdreiundfünfzig!

Die Liste biblischer Zahlen ließe sich fast unendlich fortführen. Und schließlich versammelt sich in der neuen Welt Gottes die Vollzahl des Gottesvolkes: hundertvierundvierzigtausend, aus jedem der zwölf Stämme Israels zwölftausend. Und dazu kommt noch eine unzählbare Schar von Menschen aus ­allen Völkern: Danach sah ich, und siehe eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen, und riefen mit großer Stimme: Das Heil ist bei dem, der auf dem Thron sitzt, unserem Gott, und dem Lamm! (Offenbarung 7,9-10)

Die Zahl hinter der Zahl

Während ich so über das Zählen allgemein und in der Bibel und bei mir im Besonderen philosophiere, merke ich, dass es mehr damit auf sich hat. Es geht darum, ob es einen tiefen Sinn hinter den Zahlen gibt. Ob sich irgendjemand dafür interessiert, ob nun sechs oder sieben Milliarden Menschen auf der Erde leben. Ob da jemand ist, für den die Menschen mehr sind als nur Zahlen. Jemand, der die unzähligen Zahlen zusammenhält, der die Unendlichkeit des Raums im Blick hat und der selbst das kleinste Lebewesen sieht.
Der Prophet Jesaja ruft es aus: Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. (Jesaja 40,26)

Das ist das tiefste Geheimnis der Welt: Dass hinter den vielen Zahlen nicht etwa ein Nichts steht, eine große Null, sondern ein Einziger. Ein Schöpfer, der die unzähligen Geschöpfe nicht nur zählt und kennt, sondern sie alle, jedes einzelne, jedes für sich, gewollt, gerufen und beim Namen ­genannt hat.

Diesen Einen auf seiner Seite zu haben ist unendlich viel mehr wert, als Hunderttausende von anderen zu seinen Verbündeten zu zählen. Das hätte auch König David damals schon wissen können.

Ein Bekenntnis zum Schluss

Eins muss ich noch sagen, um keinen falschen Eindruck zu erwecken. Es ist schon gut und richtig, dass ich kein Mathematiker geworden bin. Denn trotz meiner Zahlenfaszination – oder soll ich sagen meiner Zähl-Macke – bin ich in Mathe in der Schule nicht wirklich gut gewesen. Im Abitur habe ich sogar eine Fünf in Mathe gehabt.
Das kam erstens daher, dass wir damals Fächer noch nicht abwählen konnten. Und zweitens hatte es damit zu tun, dass ich als Schüler die elfte Klasse in den Vereinigten Staaten verbrachte. Da konnte man seine Fächer wählen, und so nahm ich statt Mathe so wichtige Dinge wie Folk-Guitar, Schwedisch, Schreibmaschine und amerikanische Literatur. Als ich wieder nach Deutschland kam, diesmal in die zwölfte Klasse, warf der Mathe­lehrer mit völlig unverständlichen Ausdrücken um sich wie Sinus, Cosinus und Ähnlichem – und wenn ich mich recht erinnere auch Asinus.

Auf jeden Fall verstand ich nur Bahnhof und ­beschloss, Mathe einfach links liegen zu lassen und mich auf die anderen Fächer wie Griechisch, Latein und Deutsch und vor allem auf die Jugendarbeit in Duisburg-Beeck, die „Junge Gemeinde“ und die „Kellerkirche“ zu konzentrieren. So ­besann ich mich auf die wirklich wichtigen Dinge und nahm die schlechte Mathenote im Vorübergehen mit, was mich aber nicht daran hinderte, dennoch eins der besten Abiturzeugnisse meines Jahrgangs nach Hause zu tragen. Wie viele Jahre dies alles her ist, vermag ich nicht mehr wirklich zu sagen, denn so weit kann ich beim besten ­Willen nicht zählen. Ich erinnere mich jedoch dunkel, dass es irgendwann im vergangenen Jahrtausend war.

Von

  • Roland Werner

    Dr. phil., ist Sprachwissenschaftler und evang. Theologe. Er leitet mit seiner Frau Elke die ökum. Gemeinschaft Christus-Treff in Marburg, ist Autor vieler Bücher und war bis Anfang 2010 Vorsitzender des Christival.

    Alle Artikel von Roland Werner

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