Zum Amt verdammt

Zum Amt verdammt. Copyright: Sherry Galey
Zum Amt verdammt. © Sherry Galey

Als Haushalter vollmächtig dienen
Impuls anlässlich der internen Einsegnung des neuen Priors


Von Klaus Sperr

Eugen Rosenstock-Huessy schreibt: „Wer keinem überpersönlichen Geist gehorcht, kann die Welt nur benutzen, aber er kann die Welt nicht verändern. Nur wer sein Leben als Amt lebt, kann es wirksam leben.“ 1 Was bedeutet nun Amt? Und damit: was bedeutet wirksames Leben? Dazu möchte ich drei neutestamentliche Grundworte anklingen lassen.

1. diakonia: das Amt als Dienst – der Amts­träger als Diener

Wo in der Lutherbibel Amt steht, steht im griechischen Grundtext diakonia. Darin klingt beides an: Amt und Dienst, Würde und Auftrag. Es ist und bleibt ganz abhängig von Jesus: „Einer ist euer Meister, ihr aber seid Brüder“ (Mt 23,8). Das ist das Bild der kurzen Hierarchie: ein Kreis, dessen Mitte Christus bildet; nicht eine Pyramide, an dessen Spitze einer steht und der Dienende mehr oder weniger weit unten. Ergänzend dazu sagt Dietrich Bonhoeffer: „Das Amt lebt weder von der Heiligkeit des Amtes noch des Trägers, sondern von der Heiligkeit Gottes; es ruht auf Gott und seiner Gemeinde.“ Daraus folgert er: „… damit ist jede Sonderstellung des Amtsträgers unmöglich gemacht.“ 2 In der geistlichen Lebensregel unserer Kommunität heißt es: „Die Gemeinschaft lebt nicht von der Unfehlbarkeit des Priors, sondern von der wachsenden Mündigkeit der Gefährten.“3 Die Daseinsberechtigung von Ämtern und Institutionen liegt also nicht nur im Führen und Verwalten. Die Herausforderung lautet, eine Lebenskultur zu prägen, so dass ein Wachstumsklima für alle entsteht. Das erfordert die freie Verfügbarkeit des Amtsträgers. „In der Kirche kann nur der zur Autorität werden, der von sich selbst und seinen eigenen Interessen absieht und seine Existenz für die anderen lebt.“ 4 Ursprünglich ist der Diakon der Tischdiener; er sorgt dafür, dass andere satt werden. Dabei gilt der jüdische Grundsatz: In jedem Amt ist das Ganze, aber in keinem ist alles. Denn Ämter gibt es viele, es ist aber ein Geist, der alles wirkt, alles zusammenhält und das Einzelne zum Nutzen des Ganzen sein lässt (1 Kor 12,4-7).


Diakonia erinnert uns daran, dass wir aufgerufen sind, dem Wohl anderer zu dienen.

 

2. exusia: das Amt als Vollmacht – der Amtsträger als Bevollmächtigter

Zu einem geistlichen Amt wird man berufen (lat. vocatus). Es wird einem von Gott und Menschen zugesprochen. Vocatio meint dabei sowohl berufen als auch hervorrufen. Wenn einer in ein Amt gerufen wird, wird er nicht nur zur Entfaltung alles bei ihm Vorhandenen berufen. Es wird ebenso Nichtvorhandenes hervorgerufen. Wir nennen das Amtsgnade. Exusia ist also zugesprochene und hervorgerufene Bevollmächtigung. Die neutestamentliche Aufforderung, sich einer Obrigkeit zu unterstellen, meint wörtlich: sich unter einen Schutzschild begeben.


Die innere Ordnung unserer Kommunität sieht Leitungsverantwortung wie folgt: „Leitungsverantwortung qua Amt nehmen wahr: der Prior (geistliche und politische Leitung); das Priorat (geistliche Leitung); der Vorstand (politische Leitung)…“5  Der Prior unserer Gemeinschaft ist der geistliche Leiter – aber nur in Verbundenheit mit dem Priorat! Und er ist der politische Leiter – aber nur in Verbundenheit mit dem Vorstand! Vollmacht kommt von Gott und Menschen und wird nur in Verbundenheit wirksam. Das Amt und die Gemeinschaft sind nicht die Gegensätze einer Leitungsstruktur, sondern sich ergänzende Pole, die sich nur in Verbundenheit entfalten und vor Missbrauch schützen können.


Exusia erinnert uns daran, dass wir aufgerufen sind, als autorisierte Amtsträger den anderen in Verbundenheit zu dienen.

 

3. oikonomia: das Amt als Lebensförderung – der Amtsträger als Haushalter

Das deutsche Wort Ökonomie ist abgeleitet von zwei griechischen Wörtern: oikos Haus und nomos Gesetz. Es geht also um die Gesetzmäßigkeiten, die das Gedeihen eines Hausstandes gelingen lassen. Ein Ökonom ist ein Haushalter. Ein Amtsträger sorgt sich wie gute Eltern um das Wachsen und Gedeihen derer, die zu seinem Haus gehören. „Die tiefste Bestimmung von Leitung ist es, das Wachstum der Einzelnen zu ermöglichen“6 . Wie das am ehesten gehen kann, beschreibt Henri Nouwen: „Wir rühren hier an das wichtigste Merkmal der Aufgabe, künftig in der Kirche Verantwortung zu tragen. Wer diese Aufgabe übernimmt, sollte sich nicht mit Macht und umfassenden Befugnissen ausstatten, sondern mit Machtlosigkeit und Demut, denn er soll den Menschen den leidenden Gottesknecht Jesus vor Augen halten. (…) Ich spreche von Persönlichkeiten, die so stark sind, dass sie konsequent auf Macht zugunsten von Liebe verzichten können. Darin besteht echte geistliche Führungsqualität.“ 7 Wahre Haushalterschaft erschöpft sich nicht in Funktionalität, sondern in der Liebe, die schützt und fördert. Ein guter Leiter macht sich nicht vom Acker, sondern pflanzt sich fort. Sein Horizont ist „entbehrlich werden“ 8. Entbehrlich wird man nicht erst, wenn man überflüssig geworden ist, sondern wenn man das Seine hineingelegt und das Haus bestellt hat und das Amt getrost in nächste Hände legen kann.


Oikonomia erinnert uns daran, dass wir als Haushalter Gottes aufgerufen sind, dem Wachsen und Gedeihen anderer schützend zu dienen.


Wenn wir nun im Gottesdienst den bisherigen Prior aus seinem Amt entpflichten und den neuen verpflichten und einsegnen, sprechen wir dem Neuen zu, was auch der Alte gelebt hat:

du bist als Leiter ein Dienender – lebe aus der Abhängigkeit von Gott;
du verkörperst das Ganze – aber du bist nicht alles;
du bist ein Berufener – sei dies inmitten Berufener;
du bist ein Bevollmächtigter – lebe diese Verbundenheit;
du bist ein Schutzschild – bleibe Bruder und lasse dich schützen;
du bist von Christus berufen und hervorgerufen – übe dieses Amt in der Macht seiner Liebe.

Anmerkungen

1    Eugen Rosenstock-Huessy, Die europäischen Revolutionen und der Charakter der Nationen, Moers 1987, S. 557

2    vgl. Dietrich Bonhoeffer, Sanctorum Communio, Berlin 1987, S.159-162

3    Die Grammatik der Gemeinschaft, [117]

4    Gerhard Lohfink, Wie hat Jesus Gemeinde gewollt? Freiburg 1993, S.135

5    Grammatik [110]

6    Grammatik [102]

7    Henri Nouwen, Seelsorge, die aus dem Herzen kommt, Freiburg 1989, S. 62

8    Grammatik [115]

Von

  • Klaus Sperr

    evang. Pastor und Seelsorger, verantwortlich für die Liturgie des Alltags in der OJC-Kommunität.

    Alle Artikel von Klaus Sperr

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal