Klarer, schärfer, lebendiger

Jonathan Borofsky: Walk to the Sky, Foto von Barry B. Doyle. Copyright: 2007
Jonathan Borofsky: Walk to the Sky, Foto von Barry B. Doyle. © 2007

Dem offensiven Auftrag folgen
Antrittsrede


Von Konstantin Mascher


Bei uns im Wohnzimmer hängt ein Schwert, das bei so manchem Besucher Verwunderung hervorruft. Es gibt drei Kategorien von Reaktionen: irritiert, fasziniert, schwankend. Irritation bei den einen: Ein Prior mit einem Schwert in seinem Haus – wo soll das bitte hinführen?! Faszination bei den anderen: Toll, darf ich mal? Jeder Junge und junggebliebene Mann wächst gefühlte zehn Zentimeter, wenn er das Schwert in die Hand nehmen darf. Und dann gibt es noch die Unentschiedenen, die zwischen den Polen Faszination und Irritation schwanken und nicht so recht wissen, ob sie jetzt begeistert sein dürfen oder lieber doch entsetzt sein müssen.


Welche Bewandtnis aber hat es mit dem Schwert? Viele Gestalten der Bibel und der Kirche, z. B. auch Paulus, werden mit einem Schwert abgebildet. Nicht, weil sie besonders gute Schwertkämpfer gewesen wären – auch ich kann mit so einem Ding nicht umgehen –, sondern weil sie etwas Bestimmtes besonders gut konnten: das Wort Gottes, „das zweischneidige Schwert“, wie Paulus es nennt, im Herzen und im Munde führen. Das Schwert an der Wand erinnert mich daran, dass entschiedenes Christsein ohne die Gabe der Unterscheidung nicht fruchtbar sein kann. Es erinnert mich an den Auftrag der OJC, an unseren apologetischen Auftrag, die Geister – und mit ihnen den jeweiligen Zeitgeist – zu unterscheiden. Um diesen Auftrag soll es hier gehen, den ich am Motto des Salzkorns entlang erläutern möchte: klarer unterscheiden, schärfer hinhören und lebendiger bekennen.

 

Klarer unterscheiden

Wir leben in einer spannenden Epoche: Der Dia­bolos, der Durcheinanderbringer, erlebt eine Hoch-Zeit der allgemeinen Desorientierung. Sein Wesen, seine Strategie ist die geistig-geistliche Vernebelung und Verwirrung der Werte, deren Auswirkung in unserer Kultur nicht mehr zu übersehen ist. Aber auch für uns Christen ist es eine Hoch-Zeit: Es ist höchste Zeit, dass wir unser Pfund, unser Erbe wieder mit Nachdruck in diese Welt hineintragen. Dazu ist die Gabe der Unterscheidung unabdingbar. Diese wiederum wird uns nur zuteil, wenn wir nicht müde werden, nach der Wahrheit zu suchen und um sie zu ringen. „Denn dort, wo sich unsere Klarheit mit seiner (Christi) Wahrheit verbindet, da werden wir frei“, heißt es in unserer Regel. Dort, wo sich SEINE Wahrheit – und an dieser Stelle ergänze ich, SEINE Liebe – mit unserem Denken, Leben und Handeln verbindet, da entsteht Freiheit, da kann Frucht wachsen. Der Zeitgeist möchte uns weismachen, dass Liebe auch ohne Wahrheit möglich ist. Doch was ist Liebe ohne jene Wahrheit, die sich nicht an unseren augenblicklichen Befindlichkeiten bildet, sondern an absoluten Werten, die über uns hinausweisen und uns Orien­tierung geben? Nichts, sie ist nichts wert, sie hat keinen Wert. Das Leben: Unsere Beziehungen, Ehen, Familien, Gemeinden und eine ganze Gesellschaft kann ohne Wahrheit in Klarheit und Liebe nicht gedeihen. Ehe, Familie und Gemeinde bilden den Katalysator für ein wachstumsförderndes Mit­einander in Verbundenheit und Verbindlichkeit, denn das Leben wächst bei „Ja“ und bei „Nein“. Nicht bei „Jein“. Es ist die (Un-)Kultur der Unentschiedenheit und der Gleichgültigkeit, die lieber ewig im Möglichen schweben möchte, als das Wirkliche tapfer zu ­ergreifen (Bonhoeffer); sie mag zwar kurzfristig angenehm sein, ist aber auf lange Sicht nicht überlebensfähig. Wo also SEINE Wahrheit und SEINE Liebe mit unserem Denken, Leben und Handeln zusammenkommen, da entsteht Freiheit und Frucht.Doch wie ist das mit der Liebe und der Wahrheit? Woher nehmen wir sie? Über beides verfügen wir nicht: Die Liebe ist und bleibt ein Geschenk und ist ein Ausdruck der Gnade Gottes. So ist es auch mit der Wahrheit. Es ist Gnade, wenn ich die Wahrheit über mich, die Wahrheit meines Herzens, meine „wahre“ Natur erfasse und erkenne. Es ist Gnade, wenn eine Gemeinschaft, eine Gemeinde oder ein Volk die Wahrheit über sich erfährt: die Wahrheit über das Ausmaß ihrer Schuld sowie die Wahrheit über die Würde, die ihr zugesprochen ist. Erweckungsbewegungen sind daher immer auch Bußbewegungen, die den Mechanismus der Leugnung und des Nicht-wahrhaben-Wollens, der die Hörfähigkeit massiv beeinträchtigt, erkennen und überwinden. Nein, wir verfügen nicht über die Wahrheit und über die Liebe – doch wir können uns ihr zur Verfügung stellen! Wir können lernen, klarer zu unterscheiden, wenn wir uns ganz Christus zur Verfügung stellen, der die Wahrheit und Liebe in Person ist. „Wie wird aus einer Herde Schafe eine scharfe Herde?“, war die Fragestellung beim Tag der Offensive im letzten Jahr. Eine scharfe Herde hört besonders gut auf seinen Hirten. Nachfolgen heißt hörfähig werden.

 

Schärfer hören

Sicher kennen Sie das Sprichwort: „Pfarrers Kinder, Müllers Vieh, geraten selten oder nie.“ Ich bin ein Pfarrerskind und war mit 19 Jahren wirklich auf dem besten Wege, nicht zu geraten. Damals geriet ich (Gott sei Dank!) zum ersten Mal an die OJC. Hier lernte ich das Hören. Ich erinnere mich noch gut an mein erstes Gespräch mit Michael Wolf, dem damaligen Hausvater auf dem Schloss. Auf seine Frage, wie es so um meine Gottesbeziehung bestellt sei, gab ich zur Antwort: Ob es einen Gott gibt, weiß ich nicht. Wenn ja, ist es schön, wenn nicht, soll es mir auch recht sein. Das wurde stehengelassen, aber man sagte mir: Konstantin, wenn du hier mitleben möchtest, erwarten wir von dir die Teilnahme an den regelmäßigen Veranstaltungen und die tägliche Stille morgens von sechs bis sieben Uhr. Zugegeben, anfangs tat ich mich damit schwer. So früh aufstehen und hören – bitte, was soll es da zu hören geben?! Aber weil es zum guten Ton gehörte, machte ich mit. Allmählich entdeckte ich meine innere Stimme, die Stimme meines Nächsten und dann Gottes Stimme. Ich erlebte das, was der Auftrag unserer Gemeinschaft an jungen Menschen ist: Dass sie Heimat, Freundschaft und Richtung in Christus finden. Dass sie hörfähig werden und lernen, in ihrem Leben klarer zu unterscheiden. Wir laden dazu ein, weil Christus selbst uns einlädt: Bleibt in mir, so werdet ihr viel Frucht bringen. Liebt einander, wie der Vater mich liebt. Tut dies, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde. In ihm bleiben heißt schärfer hinhören, heißt, unsere Aufmerksamkeit auf Gott fokussieren. Hineinhorchen in die Liebe Gottes und in seine Wahrheit für uns Menschen hilft uns nicht nur, klarer zu unterscheiden, sondern auch lebendiger zu bekennen!

Lebendiger bekennen

Das geistig-geistliche Klima in Kirche und Gesellschaft verändert sich. Wir haben es mit ­einer Kultur zu tun, die den christlichen Werten mit zunehmender Skepsis bis hin zur Feindseligkeit begegnet. Wer sich heute für das ungeborene Leben einsetzt, wird massiv angefeindet. Wer sich für Ehe und Familie stark macht, wird mit der Fundamentalismuskeule konfrontiert, gar mit offener Diskriminierung. Was hat eine Kirche dem entgegenzusetzen, die ihr prophetisches Amt kaum noch wahrnimmt, weil sie zu sehr damit beschäftigt ist, den kulturellen Trends hinterherzueilen und die Anerkennung der Gesellschaft zu suchen? Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich liebe meine Kirche, ich bin in der evangelischen Konfession verwurzelt, aber ich leide unter der zunehmenden Unschärfe ihres Profils. Die biblische Grundlage bröckelt und mit ihr die theologische und anthropologische Substanz. Das prophetische Amt der Verkündigung weicht den Forderungen des Mainstreams, des Hauptstromes unserer Gesellschaft. Die Wertschätzung des christlichen Menschenbildes ist verloren gegangen, es gibt keine Ehrfurcht mehr vor den Leben spendenden Ordnungen Gottes. Das ist furchteinflößend. Wir sollten uns davor fürchten, dass bald nichts mehr gilt, dass bald alles gleich-gültig ist.

Wie wird aus Furcht Frucht?

Eingeschüchtert fragen sich viele Christen heute: Ist das jetzt politisch korrekt, was ich denke und sage? Stößt das womöglich auf Widerstand? Ist das jetzt diskriminierend, die Ehe auf Mann und Frau zu begrenzen? Bin ich ein Fundamentalist, wenn ich sage, dass es nur zwei Geschlechter gibt? Wer bekennt, dem muss klar sein, dass er in dieser Hinsicht auf verlorenem Posten steht. Das ist unangenehm. Das macht etwas mit einem, wie wir es als OJC selbst in so manchen Zusammenhängen erfahren haben. Bestätigung bekommt nur, wer zentrale ethische Positionen der christlichen Lehre preisgibt. Doch selbst dafür wird es keinen Applaus geben, höchstens ein herablassendes „Na, endlich hat er es auch kapiert“.


Was braucht es? Wie wird aus Furcht Frucht? Wie wird unter uns das scheinbar Furchtbare wieder fruchtbar? Von Karl Barth stammt die wegweisende Aussage: „Wer bekennt, muss sich nicht fürchten. Er hat, indem er bekennt, alles, was er fürchten könnte, hinter sich gelassen. Und so ist er der freie Mensch.“


Nachfolge Christi wird uns in Zukunft mehr Einsatz und die Bereitschaft zum Erdulden abverlangen. Ist das aber nicht die Chance, mehr zu Christus hin zu wachsen? Von verfolgten Christen aus China und Nordkorea hören wir, dass Christus ihnen in der Bedrängnis besonders nahe ist und dass die Kirche der Verfolgten beständig wächst. Der bekennende Christ ist frei, weil er aufgehört hat, Annahme, Anerkennung und Erfolg von der Welt zu erwarten. Der bekennende Christ weiß, aus welcher Quelle er lebt und wem sein Bekenntnis dient: Er bekennt um der Menschen, um seines Nächsten willen! Das Liebesgebot Jesu, Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, beschränkt sich nicht auf unsere persönlichen Beziehungen, sondern hat auch eine kulturelle Dimension: Die Liebe zum Nächsten vollzieht sich auch im Einmischen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Wir sind gerufen, mitten in der Welt zu leben und ihren Herausforderungen nicht aus dem Weg zu gehen und uns zu verantworten: „Die letzte verantwortliche Frage“, lernen wir von Dietrich Bonhoeffer, „ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern wie eine nächste Generation weiterleben soll.“


Unser Bekennen ist ein Bekenntnis

um der Freiheit willen,

um der Fülle und

um der Freude am Leben willen.

Ein Bekennen, weil ER selbst die Fülle ist und uns Fülle schenken möchte.


Vor diesem Horizont sind wir herausgefordert, lebbare Antworten zu finden und selber ein ­lebendiges Bekenntnis zu sein. Nicht defensiv und nicht aggressiv. Aber auch nicht depressiv, sondern offensiv! Das brauchen unsere Kinder, unsere Nächsten und unsere Kultur, deren Mitgestalter wir sind. Dazu braucht es euch, liebe Freunde! Es braucht Christen, die beherzt und vorbehaltlos in Freiheit, Verbindlichkeit und Treue der Gesellschaft fruchtbringend dienen.


Eine Bitte habe ich an Sie, an euch, liebe OJC-Freunde. Bitte betet für uns, dass wir diesem Auftrag treu bleiben und die Mühe nicht scheuen. Dass unser Wirken wirklich Salz in der Welt ist. Bitte betet für uns, dass die OJC als Werkzeug Gottes weiterhin klar unterscheidet, scharf hinhört und lebendig bekennt. Damit wir tun, wozu er, der Schöpfer, uns ruft; dass wir tun, was er segnet: dass das Korn auf guten Acker fällt und mannigfaltig Frucht bringt. Betet, dass unser Tun allein der Ehre Gottes dient.


Danke für eure jahrzehntelange Treue zur ­Offensive. Danke, dass ihr den Leiterwechsel so real und lebhaft mitgestaltet habt. Ohne euch geht es wirklich nicht. Euer Kommen ist ein leibhaf­tiges und lebendiges Bekenntnis – auch zum ­Auftrag der OJC.


Gott segne euch und durch euch auch uns!

Von

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