Himmlisches Agendasetting

Was die Kirche zu erwarten hat – und wen. Bild: Double Rainbow. Copyright: Knut Hildebrandt
Was die Kirche zu erwarten hat – und wen. Bild: Double Rainbow © Knut Hildebrandt

Was die Kirche zu erwarten hat – und wen

Predigt zu Apostelgeschichte 1, 3-11, gehalten am Tag der Offensive 2012


Von Roland Werner


Als er mit ihnen zusammen war, wies er sie an, nicht von Jerusalem fortzugehen, sondern dort auf das vom Vater versprochene Geschenk zu warten. Er sagte: „Über diese Gabe habt ihr mich schon sprechen hören. Denn Johannes hat euch im Wasser untergetaucht. Aber ihr werdet nach wenigen Tagen in den heiligen Gottesgeist eingetaucht werden.“ Die, die zusammen mit ihm dort hingekommen waren, befragten ihn: „Herr, wirst du zu diesem Zeitpunkt das Volk Israel wieder zu einem unabhängigen Königreich machen?“ Doch Jesus sagte ihnen: „Es steht euch nicht zu, die Zeiten oder genauen Zeitumstände zu kennen, die der Vater in seiner ihm eigenen Vollmacht festgesetzt hat. Sondern ihr werdet Kraft empfangen, wenn der heilige Gottesgeist auf euch kommen wird. Dann werdet ihr meine Botschafter sein, verlässliche Zeugen, in Jerusalem und in ganz Judäa und ­Samaria und bis in die letzten Winkel der Erde.“ Als er das sagte und sie zuschauten, wurde Jesus hochgehoben, und eine Wolke verbarg ihn vor ihren Augen. Während sie noch in den Himmel starrten, wie er sich von ihnen entfernte, standen auf einmal zwei Männer bei ihnen, gekleidet in leuchtend weiße Kleidung. Die sagten zu ihnen: „Ihr Männer aus Galiläa, was steht ihr hier und schaut zum Himmel? Dieser Jesus, der jetzt von euch in die Himmelswelt aufgenommen wurde, wird wiederkommen, genauso, wie ihr ihn in die Wirklichkeit Gottes habt hinübergehen sehen. (Übersetzung R.W.: das buch. Neues Testament)

Gott sei Dank an diesem Himmelfahrtstag!

Gott sei Dank, dass Jesus aufgenommen wurde in die unzerstörbare Herrlichkeit des Vaters.

Dass er jetzt zur Rechten der Majestät thront, unangreifbar und herrlich, bis ihm alles zu Füßen liegt. Gott sei Dank, dass er uns den Geist gegeben hat! Und dass er seine Kirche baut und erhält, allen Widerständen zum Trotz. Gott sei Dank auch für die OJC und ihre segensreiche Geschichte. Für das, was hier geworden ist und werden wird. Für Dominik und Christine Klenk, für Konstantin und Daniela Mascher. Dank für Gottes ganze große Familie, die sich heute hier und an vielen Orten in unserem Land versammelt, um Himmelfahrt zu feiern.

 

Grundlegender Interessenkonflikt

In diesem ersten Kapitel der Apostelgeschichte hören wir von einem Interessenkonflikt, von ­unterschiedlichen Zielen, von einer Unklarheit in der Agenda. Die Jünger hatten großartige Dinge erlebt, viele Wunder und die Auferstehung. Was läge näher, als jetzt die Wiederherstellung aller Dinge und die Wiederaufrichtung des Reiches für Israel zu erwarten? Aber Gottes Agenda ist anders. Sie ist nicht das Reich in der Welt, sondern die Kraft Gottes in seinem Volk. Nicht ­politische Macht, sondern eine geistliche Wirklichkeit. Nicht ein starkes Israel, sondern eine ganze, von Gott geliebte Völkerwelt.

Aufregende Agenda

Wie ist das mit Gottes Agenda und mit unseren Agenden heute? Inwieweit sind sie aufeinander abgestimmt? Auch in der Kirche gibt es viele Agenden. Vieles ist gut, manches fragwürdig, anderes ist sicher ganz schlecht. Manches riecht sehr nach dem Geist der Zeit – und das hat der Kirche noch nie gut getan, denn mit den sich ändernden Zeiten bekommt der Zeitgeist schnell den Mief von gestern, ja sogar den Modergeruch falscher Entscheidungen. Wir müssen uns also fragen: Ist unsere Agenda im Einklang mit Gottes Agenda? Ist seine Sehnsucht auch die unsere?

Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein. Gottes Agenda ist die Mission seines Volkes in aller Welt. Menschen überall sollen von Jesus hören, das Zeugnis vom Auferstandenen soll alle erreichen, ganz egal, wo oder wie sie ­leben oder was sie glauben. Und damit dies geschehen kann, gibt Gott das Notwendige: Der Geist kommt mit Macht und erfüllt die Jüngerinnen und Jünger. Dieser Geist ist nicht verfügbar, aber erbittbar.

Die Jünger hatten gebetet und gewartet – und er kam. Der Geist Jesu erfüllte sie; sie wurden zu Propheten, zu Hirten und Lehrern, zu Evangelisten, zu Aposteln. Die Gabe des Geistes braucht unser Ja, braucht unseren Gehorsam und den Mut, mitzugehen. Denn Gottes Agenda ist es, uns seinen Geist zu geben und uns zu Botschaftern des auferstandenen Jesus zu machen in ­aller Welt, damit die Welt ihn erkennt! Braucht Deutschland, braucht Europa etwas nötiger?

Neues Leben für eine sterbende Welt

Gottes Agenda ist neues Leben für eine sterbende Welt. Sie ist neue Hoffnung für eine resignierte und neue Liebe für eine erkaltete Gesellschaft. Das alles bringt der Geist Gottes. Wenn Menschen Gottes Agenda zu ihrer Agenda machen, füllt sich auch die Zeit zwischen dem Anbrechen des Reiches Gottes und seiner Vollendung. Zwischenzeiten, Wartezeiten sind nicht immer angenehm und Warten selbst kann unterschiedlich sein. Als meine Frau Elke vor einigen Jahren im Sudan in einem Workshop die Teilnehmer aufforderte, pantomimisch das „Warten“ darzustellen, hatte sie nach oben ausgestreckte Arme erwartet, weit geöffnete, aufmerksame Augen – eine erwartungsvolle Anspannung eben. Zu ihrem großen Erstaunen standen die Teilnehmer starr,

mit nach unten gesenktem Blick da. Als sie fragte, was genau sie darstellen, bekam sie zu ­hören: „Wir warten auf den Bus, aber der kommt ­sowieso nicht.“

Die ganze Welt ein Kirchspiel

Mal ehrlich: Wirkt nicht das Warten der Kirche auf den Wiederkommenden oft genau so trübe? Dabei müssten die Jünger nicht mit hängendem Kopf in der Welt stehen, auch nicht mit geöffnetem Mund nach oben starren. Die Wartezeit soll Zeit des Handelns sein. Die Jünger bekommen einen Fahrplan in die Hand, einen Reiseplan und eine lebendige Vision, um die frohe Botschaft vom Auferstandenen nach Jerusalem, Judäa, Samaria und bis an die Enden der Welt zu tragen – unverzüglich. Über kulturelle Grenzen, über religiöse, sprachliche, ethnische Grenzen hinweg soll das Evangelium bezeugt werden. Hier, im Überwinden dieser Grenzen, sind jene „größeren Werke“, von denen Jesus sprach. „The world is my parish“ – der Weltkreis als Kirchspiel, wie John Wesley formulierte. Jeder für sich kann nur je an einem Ort sein, aber gemeinsam kann die Kirche die Enden der Erde erreichen.

Radikal und erkennbar

Und sie tut es. Es entfaltet sich vor unseren ­Augen. Auch in dem Christentum gegenüber verschlossenen Ländern, im Iran, in Afghani­stan, Algerien, Nordkorea. Von Albanien hieß es in den 60er-Jahren, es gäbe dort keine Christen mehr. Heute sehen wir blühende Gemeinden, ­Bibelschulen und freudige Nachfolger. Die Zeugen waren und sind unterwegs, sie haben keine Zeit zu verlieren und sind nicht aufzuhalten. Oft verkannt und wenig geachtet, ohne offizielle Titel, Orden oder Auszeichnungen. Sie gelten als wunderlich, als Außenseiter. Sie werden gebrandmarkt als extrem oder fundamentalistisch – als viel zu intensiv. Und doch sind sie Salz der Erde und Licht der Welt. Sie sind Narren für Christus – doch bei Gott angesehen.


Auf welcher Seite wollen wir stehen? Wagen wir es, radikal, eindeutig, erkennbar auf der Seite des Messias zu stehen? Das hat Konsequenzen, die nicht immer angenehm sind: Wir geben an ­keiner Stelle einen Grund zum Anstoß, damit unser Einsatz nicht in den Dreck gezogen wird. Doch in allem erweisen wir uns als von Gott beauftragte Arbeiter, in großer Ausdauer, in Schwierigkeiten, in notvollen Situationen und in Ängsten. Wir werden geschlagen, sind im Gefängnis, geraten in Tumulte, erdulden Mühen, verbringen die Nächte im Wachen und fasten häufig. Wir führen unser Leben in Reinheit, in echter Erkenntnis, in Langmut, in Güte, in der Wirklichkeit des Gottesgeistes, in ungeheuchelter Liebe, durch die Botschaft der Wahrheit, in der Wirkkraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit, die wir in allen Lebensbereichen einbringen. Wir bleiben auf Kurs inmitten von Ehre und Unehre, durch Verleumdung und Lob. Wir stehen da, als wären wir Verführer, und sind doch wahrhaftig.

Wir sind unbekannt und doch gut bekannt. Wir sind wie Sterbende und doch leben wir!

Wir werden hart gestraft und sterben dennoch nicht. Wir leben als Trauernde und sind doch voller Freude. Ja, wir leben als Arme, die doch viele reich machen, als die, die nichts haben und die doch alles besitzen. (2. Korinther 6,3-10, das buch.)


Wagen wir es, den Lebensstil der Jesusboten zu leben? Das Beste, was wir haben und was wir der Welt bringen können, ist das Christuszeugnis, weil in Glaube, Liebe, Hoffnung der Same der Erneuerung liegt.

Das Ziel vor Augen

Der Astrophysiker Heino Falcke hatte einmal das Dilemma der Naturwissenschaftler geschildert, die herausfanden, dass das Universum einen ­Anfang hat: „Mist, dann müssen wir wohl doch an Gott glauben!“ Wie viel hoffnungsvoller aber als die Erkenntnis, die Welt habe einen Beginn, ist die Botschaft Jesu: Die Welt hat einen Zielpunkt! Griechisch: telos – der Punkt, auf den ­alles ausgerichtet ist. Und der hängt mit Jesus und seinem Wiederkommen zusammen.

Handelt, bis er wiederkommt! Wenn es einen Satz gibt, der aus dem Glaubensbekenntnis ­demontiert wurde, dann dieser. Zur Zeit läuft noch der Streit über das Sühneopfer Jesu; der Glaube an die jungfräuliche Geburt wurde schon vor Jahrzehnten dem Altar der Vernunft ge­opfert. Die Debatte, ob seine Auferstehung wörtlich zu nehmen oder als geistliche, allgemeine Wirklichkeit zu verstehen sei, flammt immer wieder auf. Seine Wiederkunft jedoch als tatsächliches, in Raum und Zeit greifbares Geschehen, auf das wir hinleben und das wir erwarten, ist längst stillschweigend unter den Tisch gefallen. Doch an dieser Stelle soll es neu und klar gesagt werden: Jesus kommt wieder!

 

Als Zeugen leben

Unsere Zeit ist nach vorne offen. Sie erfährt ihre Erfüllung dann, wenn der Vollender kommt. „Die Herren dieser Welt gehen, unser Herr kommt“ – formulierte es Gustav Heinemann prägnant beim ersten Evangelischen Kirchentag 1951. Christen sind also zukunftsorientierte Menschen, die in der Zwischenzeit unterwegs sind als Zeugen des Auferstandenen und Wiederkommenden. Menschen, die Gottes Agenda zu der ihren machen und den Gehorsam ihm gegenüber und die Liebe zu ihm an die erste Stelle setzen. Am Fest der Thronbesteigung Jesu wollen wir dazu neu Ja ­sagen. Ja zu ihm, dem König, Ja zu seinem Reich, das nicht von dieser Welt ist, aber die Reiche dieser Welt infrage stellt, und Ja zu unserer Berufung, als seine Zeugen zu leben, bis er kommt.


Amen.

Von

  • Roland Werner

    Dr. phil., ist Sprachwissenschaftler und evang. Theologe. Er leitet mit seiner Frau Elke die ökum. Gemeinschaft Christus-Treff in Marburg, ist Autor vieler Bücher und war bis Anfang 2010 Vorsitzender des Christival.

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