Bau einer Mauer und neuer Freundschaften während des Internationalen Baucamps 2012

Vollkommen unperfekt

Dieses Baucamp hat das Beste aus uns herausgeholt


Von Lydia


Der alte VW-Bus holpert den Berg hinunter und ächzt unter seiner Last. Die Last sind wir, die sieben OJC-Freiwilligen von Schloss Reichenberg, mit unseren gepackten Koffern. Eben haben wir noch gestritten im Stress vom Packen und Putzen. Die Erschöpfung der letzten Tage steckt uns in den Gliedern und unterschwellig macht sich Leistungsdruck breit: Das Internationale Baucamp 2012 erwartet uns – und wir sind Gastgeber. Einer wirft ein: „Und wenn wir einfach wegfahren? Nach Italien, ans Meer?“ Wir grinsen, die Stimmung lockert sich. Was für ein verwegen-attraktiver Gedanke: Urlaub!

Einen Anfang machen

Im Ort biegen wir dann doch in Richtung OJC-Jugendzentrum ab. Hier werden wir in den nächsten 17 Tagen wohnen und Arbeit und Freizeit mit 35 jungen Erwachsenen aus aller Welt teilen. Aus Lateinamerika, vom Balkan, aus Israel und Russland kommen die Teilnehmer aus insgesamt elf Nationen, die diese Sommerwochen nutzen, um sich durch die Begegnung miteinander bereichern zu lassen.


Anspannung liegt in der Luft, als wir aus dem Bus steigen, aber auch die Freundlichkeit der ­bereits Angekommenen schlägt uns entgegen. Das Leitungsteam begrüßt uns zum ersten gemeinsamen Abendessen, Kennenlernspiele schließen sich an. Der Anfang ist gemacht. Ein Anfang in Aufrichtigkeit: Wir wollen uns geben, wie wir sind, mitsamt den Gefühlen, die uns noch nachhängen. Ein Anfang in Offenheit: Wir wollen uns mit ganzem Herzen auf das Neue einlassen.

 

Fremdheit überwinden

In erlebnispädagogischen Einheiten lernen wir den Reichtum, der in der Ergänzung liegt, kennen. Über unterschiedliche Fähigkeiten und Lebensvorstellungen hinweg lösen wir Aufgaben, in denen der Eine nicht sprechen, der Nächste nicht sehen, der Dritte nicht hören und der Vierte nicht gestikulieren kann. Wir sind selbst verblüfft über unsere Ignoranz und die Bereitschaft, allzu schnell zu urteilen: Fotos aus verschiedenen Kulturen, die wir nach unseren Vorurteilen gedeutet haben, entpuppen sich als ganz andere Situationen. An den sogenannten Länderabenden stellen alle Teilnehmer ihre Heimat vor. Wir hören mit Anteilnahme, wie Alkoholismus in Russland Familien zerrüttet, wie Gewalt in Honduras das Zusammenleben erschwert und wie sich die Jugend Argentiniens nach Gerechtigkeit sehnt und die Unveräußerlichkeit ihrer Würde besingt. Wir erleben aber auch den Reichtum: den Erfindungsgeist der Ungarn, die Naturverbundenheit der Ukrainer, die Freude der Slowaken und Mazedonier über die Unabhängigkeit ihrer Nationen und die überschwängliche Lebensfreude der Mexikaner. Unter Gelächter üben wir Zungenbrecher, Tänze und Lieder der anderen. Unsere Gäste genießen die Ausflüge nach Heidelberg, Würzburg und Frankfurt. Bei Sport und Spiel kommen wir einander näher. Und wenn wir im Freibad nach ­einem erfüllten Arbeitstag in den letzten Sonnenstrahlen ein Nickerchen halten oder zum Tagesausklang zwischen Billard und Kicker entspannt plaudern, spüren wir, dass wir beieinander angekommen sind.

Die Arbeit anpacken

Das üppige Touristenprogramm muss jedoch erst verdient werden: Allmorgendlich pilgern wir ab 7 Uhr in kleinen Gruppen zum Frühstück den Berg hinauf, um uns danach auf die Baustellen rund um Schloss Reichenberg zu verteilen. Wir verfugen einen Teil der historischen Burgmauer neu, erneuern das Dach des Geräteschuppens und renovieren eine Schindelfassade. Zäune werden gebaut, Weidenhecken gepflanzt, Steinlagerstellen errichtet und ein Holzfußboden über dem Burgverlies gebaut. Die größte Gruppe ist damit beschäftigt, das Gelände um noch bestehende Ruinen einzuebnen. Wir baden förmlich in Staub, Dreck und Schweiß. Das Wetter ist unbeständig, mal macht uns die Hitze, mal der Regen zu schaffen. Dazu kommt, dass für viele Teilnehmer die handwerkliche Arbeit ungewohnt ist und auch die Kommunikation mit den Arbeitsanleitern holpert. Das fordert unsere Geduld heraus. Aber unglaublich, wie viel Freude allein das Lachen über unsere ulkige ­Erscheinung in der Arbeitskluft und wie viel entspannende Stärkung die gegenseitigen Rückenmassagen während der Pausen bringen. Mit jedem Tag spüren wir mehr: Die Arbeit bringt uns auf einer elementaren Ebene in Beziehung und gibt unserem Ringen um Aufrichtigkeit eine neue Dimension. Wo wir zu unseren Stärken und Schwächen stehen, können die anderen uns ganz praktisch ergänzen, da wächst Solidarität. Mit dem gemeinsamen Ziel vor Augen, dem Bauen an Gottes Reich, wächst jeder etwas über sich hinaus.

Vor Gott innehalten

Diese Verbundenheit durchdringt Freizeit und Arbeit. Jeder Tag beginnt mit einem Impuls in der Schlosskapelle und gegen 12 Uhr unterbrechen wir die Arbeit, um beim Mittagsgebet innezuhalten. Viele treffen sich in der freien Zeit zum Lobpreis oder zur Stille in der kleinen Kapelle des Jugendzentrums. Auch hier merken wir: Es ist nicht leicht, so viele Konfessionen und Nationen in ihren Vorstellungen vom Glaubensleben zu vereinen. Die Wünsche in Bezug auf Liturgie, Lieder und Gebete sind so vielfältig wie die Menschen. Besonders spürbar ist die Kluft zu den fünf jüdischen Teilnehmern, die sich dem Morgen- und Mittagsgebet nicht anschließen. Doch gegen Ende des Baucamps haben wir uns angenähert: wir kommen mit ihnen zusammen, als sie uns an ihrer Sabbatbegrüßung teilhaben lassen und sie folgen tags darauf der Einladung zu unserem sonntäglichen Gottesdienst.


Durch alles Schöne und Unperfekte hindurch bleibt die Gewissheit, dass Gott im Letzen über allem seine Hände hält. Er ist es, der den Geist wahrer Verbundenheit stiftet und die lebensbejahende Kraft für die Arbeit schenkt. Selbst wo etwas nicht gelingt, wo wir mit unseren Grenzen konfrontiert sind, ist er da. In den existenziellen Gefühlen von Fremdheit, Erschöpfung, Leistungsdruck, Stolz und Sehnsüchten ist er da. Aufrichtigkeit angesichts des Letzten bedeutet: Wir begeben uns in die Abhängigkeit von dem Einen und halten Ihm unsere Lebensschale jeden Tag neu hin. Er füllt sie.


Nach der Abreise der Gäste kehren wir in unsere WGs im Schloss zurück. Wir Frauen wählen den Weg über den Supermarkt, um den leeren Kühlschrank zu bestücken. Eine fast schon fremd gewordene Alltäglichkeit. Wieder oben angekommen, genießen wir das vertraute Miteinander. Durch die neu gewonnenen Freunde hat sich auch unser Verhältnis vertieft. Wir sind nicht weniger erschöpft als auf der Hinfahrt, aber wesentlich entspannter, befreit von allem Druck; und dankbar, uns den Herausforderungen gestellt zu haben.

Statements einiger Teilnehmer

Benjamin: Mein bisher bestes Camp! Gut fand ich die geistlichen Impulse, nur fehlte mir beim Singen die Bewegung. In meiner Heimatgemeinde bleibt beim Lobpreis keiner sitzen. Das Steineschlagen war zugegebenermaßen sehr anstrengend, das Einmörteln der Mauer schon angenehmer. Beeindruckt war ich von der Unterbringung, dem guten Essen und dem Rahmenprogramm – und besonders von der Hingabe der Menschen, die in dieser Verbindlichkeit zusammenleben.

19, Elektrotechnikstudent in Skopje, Mazedonien. Engagiert im BALCAN INSTITUTE FOR FAITH AND CULTURE


Guadelupe:
Alles ist hier anders: Landschaft, Häuser, Menschen, Essen. Besonders fiel mir die Pünktlichkeit und Verlässlichkeit der Absprachen auf. Ich hatte zwar ungefähre Vorstellungen von Europa, aber das Camp hat mein Bild verändert. Interessant fand ich die Länderabende und den Einblick ins Leben der Menschen hier. Ich fahre mit vielen neuen Ideen nach Hause.

25, Marketingstudent in Oaxaca, Mexiko und Stipendiat von ARMONIA


Melissa und Aylin: Super Organisation! Besonders die Absicherung am Bau war vorbildlich. Die Arbeit war herausfordernd (Melisa hatte Höhenangst, Aylens Arbeitsanleiter sprach kein Englisch – red.), aber mit der Zeit wurden wir ein richtig gutes Team und hatten viel Spaß miteinander. Hier erst wurde uns bewusst, wie wir an Formen und Liedern hängen, wenn es um den Glauben geht – die haben wir hier, wo alles fremd war, vermisst. Eine schöne Erfahrung war das Anteilgeben an der eigenen Kultur, ebenso die Vielfalt der Fähigkeiten, die jeder ins Spiel bringen konnte.
Beide 25, Sozialarbeiterinnen in Cordoba, Argentinien, im Team der Jugendmission von KAIROS


Omri: Ich hätte nie gedacht, mit Menschen aus so vielen Nationen in freundschaftliche Beziehung zu treten. Mit Südamerikanern zum Beispiel hatte ich noch nie zu tun. Den Deutschen ­gegenüber haben wir noch den Holocaust im Hinterkopf, deshalb war es gut, eine ganz andere Seite dieses Landes kennenzulernen. Ich nehme die koscheren Vorschriften, Tagzeitgebete und das Schabbatgebot sehr ernst und frage mich, wie ernst ihr es mit dem Glauben meint, wenn das Mittagsgebet wegen eines Seminartags ausfällt. Andererseits hat mir der Einblick in euer Glaubensleben gezeigt, dass wir mehr Gemeinsamkeiten haben, als mir bewusst war. 
22, Teamkoordinator in Israel, unterstützt Ilan Brunner bei der DISRAELI-Versöhnungsarbeit


Nastiya: Drei Jahre im betreuten Wohnheim von The Harbor in St. Petersburg haben mir viele praktische und spirituelle Lebensgrundlagen vermittelt. Aber erst hier im Camp habe ich verstanden, dass ich als eigenständige Person Verantwortung übernehmen darf und soll und dass Geben reicher macht als Nehmen. Ich kam, um mich beim Bau zu engagieren und habe es sehr genossen, auch wenn die Sprachmauer schwerer zu überwinden war als die Burgmauer. Besonders die Zeiten in der Kapelle waren wunderbar: Wie befreiend, dass Gott uns trotz aller Unterschiedlichkeit vereint!
27, Psychologiestudentin in St. Petersburg, Russland, arbeitet im Team von
THE HARBOR

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