Editorial über Leiterschaft

Liebe Freunde!


Change – mit diesem Motto war Barack ­Obama vor vier Jahren angetreten, um das Schicksal Amerikas zu wenden. Heute sind es seine Herausforderer, die sich den radikalen Kurswechsel auf die Fahne geschrieben haben. Gewiss, nach jeder Amtsperiode steht ein Aufbruch an – doch was ist eine Wende um der bloßen Aufregung willen wirklich wert?

Über Leitung

Für die Christenheit ist die entscheidende Wende längst Realität. Christus hat unser Schicksal gewendet und garantiert den guten Ausgang der Geschichte. Wir, die Kirche, sind Botschafter seiner Regierung inmitten aller Kräfteverschiebungen und Zeugen für eine Hoffnung, die nicht aus uns, unserem Programm oder unserem Charisma fließt, sondern aus seiner Verheißung. Freilich müssen auch wir uns immer wieder neu formieren. Und die Zeiten der Über-Leitung sind empfindliche Zeiten. Während viele zu wissen glauben, was kompetentes Leiten ausmacht, sind Berichte über gelungene Überleitungen rar. Auch für die OJC war es eine Premiere: Zum ersten Mal haben die Gefährten einen Leiter aus den eigenen Reihen gewählt und dabei zu spüren bekommen, wie riskant und verunsichernd, zugleich aber auch inspirierend dieser Schritt sein kann. Wiederholt wurden wir gefragt, nicht zuletzt von befreundeten Gemeinschaften, wie es denn gelaufen sei, was uns herausgefordert, was uns geholfen habe. Gern geben wir Auskunft über diesen Prozess, in der Hoffnung, dass unsere Erfahrungen auch für andere fruchtbar werden können.

Am Tag der Offensive (TdO) haben wir mit 600 alten und neuen Freunden die Überleitung gefeiert. Es war für uns zeichenhaft, dass die Aussegnung von Christine und Dominik Klenk und die Einsegnung von meiner Frau und mir an Himmelfahrt im Zeichen des Sendungsbefehls Jesu an seine Jünger stattfinden durfte. Roland Werner lenkte unseren Blick in der Festpredigt auf die gute Agenda Gottes, die den Kernauftrag der Kirche formuliert: ­unermüdliche und glaubwürdige Verkündigung des Reiches Gottes unter allen Völkern. Diesen Fokus im Blick können wir – frei von politischen und gesellschaftlichen Modedik­taten – den Lebensstil der Jesusboten einüben und unverzagt „handeln, bis er wiederkommt“.

Das gemeinsame Feiern hat uns darin bestärkt: Das Beste an uns sind unsere Freunde, die uns als Wegbegleiter, Ermutiger und hilfreiche Korrektur zur Seite stehen.

Keuschheit im Reden – und im Schweigen

Jeder Leiterwechsel stellt eine Gemeinschaft auf die Probe. Auch wir waren ein Jahr lang mit dem Thema unterwegs. Für mich haben sich im Rückblick zwei Momente als wesentlich erwiesen: Die Begleitung von außen und die Keuschheit im Reden, sowohl nach außen als auch nach innen. Es liegt in der Natur des Menschen, sich über mögliche Kandidaten auszulassen. Angesichts der ungewissen Zukunft bietet ein konkreter Name einen beruhigenden, stabilen Zielpunkt. Dass ­dabei Kandidaten „zerredet“ werden können, wurde uns erst bewusst, als unser Freund und Begleiter Eduard Berger eindringlich warnte: „Verbrennt keine Namen! Das passiert immer, wenn die Medien mögliche Kandidaten aus Politik und Wirtschaft vorschnell ins Spiel bringen.“ Dazu war ein gehöriges Maß an Disziplin vonnöten, was wieder beweist, dass Leitung nur möglich ist, wenn Selbstleitung geübt wird. Schweigend und nach innen hörend haben wir uns der Leitung des Geistes anvertraut. Wir Kandidaten hatten bis zum Tag der Wahl keinen blassen Schimmer über die mögliche Wahltendenz. Diese Keuschheit im Reden rechne ich meinen Geschwistern hoch an. In Hanne Dangmanns Bericht wird deutlich, dass das Wesentliche im Verborgenen, im Schweigen und im Hören begangen wird. So wollen wir es auch in Zukunft handhaben.

In Amt und Bürden

Ein Höhepunkt für mich als neuer Leiter war die interne Einsegnung als Prior und die Amtsübergabe. Zu diesem besonderen Moment gehören auch die inspirierten Worte unseres Liturgen Klaus Sperr über das geistliche Amt, das von der Dienstgesinnung, der Vollmacht und der Haushalterschaft lebt. Das entlastet ­ungemein, den Leiter und die Gefährten gleichermaßen, und schützt uns vor falschen Erwartungen, Zuordnungen und Abhängigkeiten.


Ein nachhaltig erfolgreicher Leiter ist immer ein Macht-los-lasser. Er kann seiner Sicht, seinem Anliegen und seiner Machtposition mit Gleichmut gegenüberstehen. Was das anbelangt, ist ­Dominik Klenk ein OJC-Leiter gewesen, dessen vitale Gleichgültigkeit – die Indifferenz – Wachstum ermöglicht hat. Wachstum geschieht dort, wo die Gefährten in eine Mündigkeit und Selbstleitung hineinwachsen. Das war Dominiks Anliegen, und die Frucht seiner Bemühungen darf ich jetzt ernten. Ich bin ihm dankbar, dass er mir den Einstieg mit Rat und Tat erleichtert hat und freue mich sehr über seine bleibende Verbundenheit mit uns.

Beim Bauen und Beten

Einen kleinen Vorgeschmack auf den Himmel haben unsere Freiwilligen und die Teilnehmer des Internationalen Baucamps bekommen. 35 junge Erwachsene aus insgesamt elf Nationen haben nicht nur Erde und Steine auf dem Schlossgelände bewegt; sie ließen sich auch zum gemeinsamen Lobpreis bewegen, und das über sprachlich-kulturelle und konfessionelle Grenzen hinweg. Wir sind gewiss, dass diese intensive Begegnungszeit nicht nur neue Freundschaften hervorbringt, sondern auch dem Frieden in ­dieser Welt dient. Eine Teilnehmerin berichtet eindrücklich, wie Gemeinschaft trotz aller Unterschiede und entgegen jeglichen Perfektionismus gelingen kann. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön für alle Spenden, die zum Gelingen dieses Camps beigetragen haben!


Als einen besonderen Zugewinn erlebten wir bei diesem Baucamp, dass vorwiegend junge Menschen kamen, die sich in den Teams unserer Projektpartner in aller Welt engagieren. Wir möchten damit unser internationales Freundesnetzwerk enger knüpfen und der jungen ­Generation, die hüben wie drüben zunehmend in Verantwortung tritt, den Weg zur fruchtbaren Zusammenarbeit und geschwisterlichen Verbundenheit ebnen. Verbunden sind wir auch jenen Partnern, die keine Teilnehmer zum Baucamp entsenden konnten, ganz besonders Albert K. Baliesima, der neben seinem umfassenden Engagement in der Gesundheitsentwicklung im Kongo nun auch die Pflichten eines Abgeordneten im Parlament wahrnimmt.

Pilgern am Jugendkirchentag

Als am Eröffnungsabend des Jugendkirchentags der EKHN in Michelstadt zum Motto Go(o)d days & nights grell geschminkte Transvestiten, Männer in Frauenkleidern, Kondome an 12-16-Jährige verteilten, fragte sich mancher Jugendleiter, ob er mit seiner Konfigruppe in der richtigen Veranstaltung sitze. Ist mit diesem schrillen Auftritt etwa jene „Kontrastgesellschaft“ (Gerhard Lohfink) gemeint, die Kirche sein soll, um in der Welt wirksam und erkennbar zu sein? Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass derlei kunterbunte Versuche unser in­zwischen farblos gewordenes Zeugnis nicht wirklich attraktiver machen. Regenbogen ist nicht gleich Regenbogen! Eine Menschheit, die den Schöpfungsauftrag aus dem Blick verliert, und eine Kirche, die ihren missionarischen Auftrag nur zögerlich wahrzunehmen wagt, bleibt auch mit Schminke eine graue Maus. Dass Jugendliche sich nach der kraft- und hoffnungsvollen Botschaft des Evangeliums sehnen und durchaus den Mut zum Glaubensexperiment besitzen, ­erlebte unsere Jahresmannschaft auf eben diesem ­Jugendkirchentag. Wir haben zusammen mit dem CVJM-Westbund den Themenpark „Glaube und Spiritualität“ gestaltet.

Eine Mannschaft macht sich auf den Weg

Wieder ist ein Freiwilligenjahr vorbei! Acht Männer und sieben Frauen haben es mit uns erlebt, ihr Leben geteilt, ihren Glauben vertieft und sich neue Denkräume erschlossen. Dankbar blicken wir auf eine intensive gemeinsame Zeit zurück und entlassen sie als Multiplikatoren und Hoffnungsträger in ihren neuen Alltag. Wenn Sie, liebe Freunde, dieses Heft in die Hand bekommen, ist die neue Mannschaft schon im Anflug. Mit ihnen und mit Ihnen wollen wir in das neue OJC-Jahr starten, für das Gott seine Agenda gewiss schon gesetzt hat. In dieser Zuversicht grüße ich Sie herzlich zusammen mit allen Gefährten,


Ihr

 

Konstantin Mascher

Reichelsheim, den 17. August 2012

Von

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