Wir hatten die Wahl. © Kim Robinson

Wir hatten die Wahl

Vom Hören und Schweigen bei der Neubesetzung des Priorenamtes


von Hanne Dangmann


Am Beginn des Prozesses, den wir dann „Leitungswechsel“ nannten, stand auch für mich der Schock, dass unser junger, beliebter und langjähriger Prior Dominik Klenk nicht mehr für eine weitere Wahlperiode zur Verfügung stehen würde. Er gehört zu der Kategorie „offensichtlich begabter Leiter“, hatte unser aller Vertrauen, ist ein starker, motivierter, visionärer Denker, der die Vielstimmigkeit und Mündigkeit der Gemeinschaft stark gefördert hat. Wir mussten alle erst einmal durch diese Starre von Trauer und Furcht, bis ein konkretes Vorwärtsdenken möglich wurde.

Glücklicherweise waren wir als Gemeinschaft gerade einige Tage bei unserer Jahresretraite zusammen. Altbischof Eduard Berger war bei uns, ein Freund und erfahrener Ratgeber unserer Kommunität, der uns unverzichtbare Impulse für den nun beginnenden Prozess gab. Gesprächs- und Austauschmöglichkeiten untereinander solle man nun ermöglichen, riet er uns, aber keine „Übereilung, die geschieht immer aus Sorge“. Solche, in ruhigem, väterlichem Tonfall gesprochenen Sätze, waren Orientierungs- und Haltepunkte für uns im Sturm der ersten aufgeregten Überlegungen.

 

Unbekanntes Terrain

Die OJC hatte noch nie einen Leiter aus ihrer Runde gewählt. Alles musste neu erfunden werden. Horst-Klaus und Irmela Hofmann waren die Gründer der OJC-Gemeinschaft; Dominik Klenk wurde von Hofmanns nach Abschluss von Studium und Doktorarbeit ins Leitungsamt gerufen und wir haben ihn bestätigt. Aus unserer Mitte jemanden zu wählen, der bisher Gleicher unter Gleichen war – und das nach Ablauf seiner Amtszeit auch wieder werden wird – war ganz neu für uns. So verfasste das Vorstandsgremium der OJC eine „Wahlordnung für die Wahl eines Priors“, die dann von den Mitgliedern der Kommunität verabschiedet wurde.
Darin ist vorgesehen, dass eine dreiköpfige Wahlkommission gebildet wird, die für alle Belange rund um die Wahl zuständig ist.

Zu früh entzündet ...

Es gab eine wesentliche Vorgabe, die aus einem kurzen Gespräch mit Altbischof Berger in unserer Retraite entstanden war. Jemand fragte, ob man nicht schon ein paar Namen sammeln und nennen könnte, die für ein solches Leitungsamt in Frage kämen. Da riet er uns dringend ab, über Namen zu diskutieren. Namen könnten schnell verbrennen, wenn man sie zu früh entzünde. Die in der Präzision deutlich werdende Entschiedenheit könne eher zerstörend wirken. Also: nicht miteinander und untereinander reden, wen man wählen wolle, auf keinen Fall Namen nennen. Nicht austauschen, was gegen den einen spräche, oder was unbedingt für den anderen. Er nannte uns sogar seine Telefonnummer. Man könne ihn im entfernten Sachsen anrufen, wenn es einen dränge, über Namen zu sprechen. Vielleicht war es diese Geste, die uns die Dringlichkeit seines Rates so sehr verdeutlichte und uns bewusst machte, wie versehrbar unser Vertrauen ist. Das Nicht-miteinander-Reden hat jeden verstärkt zum Reden mit Gott gedrängt, unser Schweigen nach außen wurde zu einer Art Schutzwall für die kommenden Monate.

 

Vorschlag, Austausch, Wahl

In der Wahlkommission haben wir die nächsten Schritte festgelegt:

  • Alle Kommunitätsmitglieder, aber auch die nicht wahlberechtigten Assoziierten, dürfen einen Kandidaten oder eine Kandidatin vorschlagen.
  • Die Wahlkommission spricht mit den einzelnen Kandidaten, ob sie die Kandidatur annehmen. Auch deren Ehepartner werden ggf. befragt, ob sie mit einer Kandidatur einverstanden sind.
  • Nach Ablauf von sechs Wochen werden die Kandidaten, die bereit sind, für die Wahl des Priors zu kandidieren, der Kommunität vorgestellt.
  • Die Namen der Kandidaten werden bis zur Wahl nicht der Öffentlichkeit und auch nicht OJC-Freunden, Ehemaligen oder Angestellten bekannt gegeben.

Ich wurde oft von Freunden oder Vertrauten mit offenem Interesse an unserem Leitungswechsel gefragt, wer sich denn wohl als nächster Prior eignen würde und bereit wäre, sich der Nachfolge von Dominik Klenk zu stellen. Solche Gespräche musste ich dann immer rasch beenden mit dem Hinweis, dass wir vereinbart hatten, darüber nicht zu sprechen, – was mir aber nie verübelt wurde.

Mehrheitswahl und geistliches Amt

Die Atmosphäre unserer Treffen war immer friedlich, wohlwollend, wertschätzend. Es wuchs eine Kultur des keuschen Redens, der Zurückhaltung, des Abwartens. Man spürte, dass die Kandidatensuche ein Wagnis für alle Seiten war und wir damit behutsam und achtsam umgehen wollten. Mehr und mehr wurde uns bewusst, dass wir in dieser Wahl nicht einer demokratischen Maßgabe folgen sollten, denn es ging hier um ein geistliches Amt. Nach Gottes Willen fragten wir in unseren Gebeten und Gesprächen: Wer ist die beste Wahl für die Zukunft der OJC-­Gemeinschaft?

Schritte zur Klärung

Nachdem die Kandidaten, die bereit waren, sich zur Wahl zu stellen, bekannt gemacht wurden (nicht öffentlich, sondern im kommunitären Kreis), hatte jedes Mitglied die Möglichkeit, über die Wahlkommission Fragen an die Kandidaten einzureichen. Diese gab dann die Fragen gebündelt und anonymisiert an die Kandidaten schriftlich weiter, so dass sie sich auf eine ­Gesprächsrunde mit den Kommunitätsmitgliedern vorbereiten konnten. Nach dieser Runde, in der sie ihre Vorstellungen und ihre Grenzen benannt hatten – und noch vor der eigentlichen Wahl – vereinbarten wir ein einmaliges Treffen mit allen Kommunitätsmitgliedern, ohne Kandidaten, Assoziierten oder sonstige Gäste zu einem schlichten Austausch in bewährter OJC-Tradi­tion: Jeder teilte seine Gedanken, Wünsche, Unsicherheiten, Vorbehalte etc. den anderen mit; dies blieb unkommentiert und der Nächste kam an die Reihe. Es war ein Aufeinander-Hören. Daran schloss sich eine Gebetsrunde an, dann gingen wir auseinander.


Die Wahl im Oktober – zehn Monate nach der Ankündigung, dass wir einen neuen Prior brauchen – war dann Höhepunkt und Abschluss der Aufgabe der Wahlkommission. Wir sind als ganze Gemeinschaft durch diesen Prozess zusammengewachsen; die Erfahrung der Erschütterung, der Wegsuche, des aufeinander Angewiesenseins, auch des Scheiterns, haben uns enger zusammenstehen lassen.


Führung durch Gott ist oft erst aus dem Abstand erkennbar. In der Rückschau bleibt Dankbarkeit und Staunen, weil wir so getragen­ und behütet durchgekommen sind!

Von

  • Hanne Dangmann

    leitete von 1994 bis 2001 mit ihrem Mann die Jahresmannschaft im Quellhaus und seit 2013 die in der Scheffelstraße. Außerdem ist sie Mitglied im OJC-Priorat.

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