Mit Ansehen der Person. Das Unveräußerliche an den OJC-Projekten.

Mit Ansehen der Person

Das Unveräußerliche an den OJC-Projekten

Interview mit Frank Paul

Salzkorn: Die OJC hat seit kurzem einen „Leitfaden für Partnerschaften und Projekte“. Ist er zur eigenen Orientierung gedacht oder haben wir das Ei des Kolumbus schlechthin ausgebrütet?

Frank Paul: Sicherlich brauchen wir ihn zur eigenen Orientierung. In den vergangenen vier  Jahrzehnten haben wir doch einige Erfahrungen gesammelt. Die werten wir hier aus. Der Leitfaden ist unser Lern-Ergebnis. Er soll auch klarer zutage fördern, warum wir überhaupt eine Weihnachtsaktion machen und was wir mit ihr beabsichtigen. Kriterien dafür, wen wir unterstützen und wen nicht, helfen uns dabei.


Die Weihnachtsaktion ist Ausgangspunkt 
unserer Projektarbeit und somit auch ­Hintergrund des Leitfadens. Kannst du kurz schildern, wie die Weihnachtsaktion ent­standen ist?

Die Weihnachtsaktion wurde geboren, weil wir dem Elend von Menschen begegnet sind. Das allererste Projekt geht zurück auf Irmela und Horst-Klaus Hofmann, die in Indien das Versöhnungszentrum von Rajmohan Gandhi kennengelernt hatten. Als Anfang der 70er Jahre acht Millionen Flüchtlinge aus Ost- und Westpakistan nach Indien strömten, waren Hofmanns sehr betroffen von der Situation dort. Da die OJC selbst von der Hand in den Mund lebte, begannen sie kreativ zu überlegen, wie geholfen werden könnte. Eine Freiwillige in der Großfamilie verkaufte spontan ihren Schmuck und spendete den Erlös. Damals enststand auch die Idee, mit einem selbst verfassten Theaterstück durch die Lande zu reisen und die Zuschauer zum Spenden einzuladen. Mithilfe der Weihnachtsaktion kam die erhoffte Summe schließlich zusammen.

Wie ist die OJC zu weiteren Partnern gekommen?

Das war mehr geführt als geplant. Durch die weltweiten Beziehungen von Horst-Klaus Hofmann kamen oft Menschen zu Besuch nach Bensheim und erzählten von ihren Ländern und Notlagen. Von diesen Berichten ließ sich die Großfamilie herausfordern, mit anzupacken. Der konkrete Gedanke war, mit anderen das zu teilen, was sie selbst von Gott geschenkt bekommen, und zu vertrauen, dass es trotzdem reicht.


Wir teilen vor allem mit Menschen, mit denen uns eine Freundschaft verbindet. Was hat es mit den Partnerschaften auf sich, in denen es vorrangig um das Projekt geht?

Es ist uns wichtig, ja fast unabdingbar, dass wir eine Beziehung zu unseren Partnern haben. Wir wollen nicht auf irgendeine der vielen Notlagen weltweit reagieren, sondern wir agieren dann, wenn Menschen, die wir kennen und denen wir vertrauen, uns sagen, dass unsere Hilfe angebracht ist. Oft können wir die Situation von Deutschland aus kaum beurteilen und schon gar nicht wirklich hilfreich etwas bewegen. Das können unsere Freunde und Partner vor Ort viel besser.


Der Blick zurück fördert nicht nur viele ­Beispiele für gelungene Zusammenarbeit zutage, sondern auch Fehler und Versäumnisse. Zeichnet sich im Misslungenen ein Muster ab, das uns für die Zukunft eine Lehre sein kann?

Ja, durchaus. Wenn Projekte allein durch das Geld der Weihnachtsaktion initiiert und die Ressourcen der Gruppe vor Ort nicht mit einbezogen wurden, konnte das Gutgemeinte nach hinten losgehen. Die Tragfähigkeit fehlte einfach.

Gibt es ein konkretes Beispiel?

In einer Großstadt hatten wir den Aufbau eines Kindergartens unterstützt. Die lokale Trägergruppe, eine christliche Gemeinde, war sehr klein und noch im Aufbau begriffen. Das Projekt war einfach viele Schuhnummern zu groß für sie und hätte die Gemeindearbeit fast erdrückt. Als es später darum ging, den Kindergarten zu verkleinern oder gar zu schließen, haben mehrere Angestellte Gerichtsverfahren angestrengt, um noch Geld für sich herauszuschlagen, weil sie wussten, dass das Geld aus dem Ausland kommt.

Es ist ja nicht so, dass die OJC unerschöpfliche Geldreserven hätte. Als Spendenwerk müssen auch wir zusehen, wie wir über die Runden kommen. Wäre es nicht klüger, das Spielfeld professionelleren Organisationen zu über­lassen?

Der Meinung bin ich überhaupt nicht. Die sogenannten „Professionellen“ haben sicherlich ganz andere finanzielle Möglichkeiten als wir. Unsere große Stärke ist, dass wir im Kleinen agieren und unsere Partnerschaften auf vertrauensvollen, meist langjährigen Beziehungen beruhen. Oft haben die vermeintlich kleinen Dinge eine viel größere Wirkung und sind vor allem nachhaltiger, weil die Menschen, die sie ausführen, vor Ort leben und dort bleiben. Sie sind eben keine Fachkräfte, die nur einfliegen und eine gewisse Zeit dort wohnen und wieder verschwinden.


Wie sehr gehören diese Partnerschaften zum OJC-Kerngeschäft?

Wir sind als Gemeinschaft Teil der weltweiten Familie Gottes. An diesem Leib hat jedes Glied eine andere Funktion, aber wir sind alle miteinander verbunden. Darum teilen wir mit unseren Geschwistern, unterstützen uns gegenseitig und lassen uns durch sie bereichern. Es kann nicht sein, dass die, die viel haben, nicht mitleiden mit jenen, die zu wenig zum Leben haben. Deswegen sehen wir es als unsere Verpflichtung an, von unserem materiellen Reichtum etwas abzugeben. Wir wollen uns herausfordern lassen, in der weltweiten Familie Gottes so zu teilen, wie es auch in unseren eigenen Kleinfamilien gut und üblich ist.

Damit das Teilen nicht zur Einbahnstraße wird, auf der die einen immer geben und die anderen immer empfangen, steht im Leitfaden viel über Gegenseitigkeit. Wie profitiert die OJC-Gemeinschaft von ihren Partnerschaften?

Durch die Freundschaften und die Besuche! Zum Größten, was unser Leben dauerhaft bereichert, gehören ja die echten Beziehungen. Das fängt im kleinen Bereich der Freundschaften vor Ort und in der Ehe und Familie an. Vertrauensvolle Beziehungen vertiefen unser Leben. So ist es auch im weltweiten Horizont! Sich mit Menschen zu befreunden, mit denen man normalerweise nichts zu tun hätte und wahrscheinlich nie in Beziehung treten würde, ist ein großes Vorrecht. Die persönliche Vermittlung macht es uns möglich, einen ganz anderen Zugang zu den jewei­ligen Kulturen und Ländern zu bekommen und zu ihrem Blick auf die Welt. Die persönliche Beziehung ist immer eine Bereicherung für beide Seiten. Das versichern uns auch Menschen aus dem Toba-Volk in Argentinien immer wieder: Das Wesentliche für sie ist das, was wir gemeinsam und als ihre Freunde tun. Es sind nicht die Dinge, die wir ihnen bringen oder das Geld, mit dem wir etwas machen. Wichtig, ja fast heilig ist ihnen eine Beziehung auf Augenhöhe, der ehrliche Austausch, miteinander zu lachen und zu weinen, zu singen und zu beten.


Freundschaften werden meist zwischen ­einzelnen geschlossen. Wie kann es gelingen, dass Freunde von außerhalb auch in der Gemeinschaft gebührend Raum finden?

Da können wir sicherlich noch wachsen. Aber wir erleben so oft, dass der Besuch eines OJC-Freundes aus dem Ausland uns und das Jahresteam mit seinem Bericht berührt und die fremde Welt uns nahe kommt. Das Gespräch am Tisch oder das Erzählen im Wohnzimmer schafft eine unmittelbare Betroffenheit. Wir identifizieren uns dann leichter mit dem, was die in- und ausländischen Gäste an ihrem Ort tun, um der entsprechenden Not oder Herausforderung zu begegnen. Von Herzen wünsche ich mir, dass wir unseren Gästen noch mehr Raum und Zeit einräumen und ihnen vermitteln können, dass sie auch freiweg ansprechen können, was sie an uns beobachten. Diesen Spiegel vorgehalten zu bekommen, tut uns nur gut.


Du hast mit deiner Familie selbst von Spenden in Argentinien gelebt. Was hast du daraus gelernt?

Dass es großartig ist, dass ein Dutzend Freunde unseren Einsatz in Argentinien ermöglicht hat! Wir haben uns immer gefreut über dieses Zeichen der Wertschätzung und Unterstützung. Besonders, wenn wir hörten, dass Gottes Wirken und unsere Berichte aus der anderen Welt unsere Freunde für ihr Leben in Deutschland ermutigt und inspiriert haben. Insofern fühlte es sich nicht so sehr wie „Spenden“ an, schon gar nicht anonyme, sondern eher wie Gaben uns vertrauter Menschen. Wir lebten mit dem, was wir zur Verfügung hatten. Uns war es wichtig, dass sich die Menschen uns nah fühlten und wenn sie in unserem Haus waren, nicht den Eindruck hatten, sie wären im Ausland. Von ihnen haben wir auch gelernt, wie man mit wenig auskommt.


Wäre es falsch zu sagen, dass wir letzten 
Endes doch die Geber sind und die anderen die Empfänger?

Das können wir nur sagen, wenn wir blind für unsere eigene Bedürftigkeit sind oder mit ein bisschen Geld unser schlechtes Gewissen beruhigen wollen. Wir üben und erfahren durch unsere Partner, dass sie uns mit einer bestaunenswerten Portion Mut und Durchhaltevermögen, Genügsamkeit und Dankbarkeit, Glauben und Engagement beschenken. Ich selbst erlebe auf meinen Reisen immer wieder, dass ich von materiell armen Leuten königlich empfangen und bewirtet werde. Wir achten deshalb darauf, dass sich durch unsere finanzielle Unterstützung kein Gefälle in der Freundschaft entwickelt. Uns geht es darum, dass die anderen sich frei fühlen, ihre Ideen und Gedanken zu äußern – also auch Geber sind – und sich eben nicht gezwungen sehen, den Mund zu halten, damit das Geld weiter fließt.

Aus der Vogelperspektive könnte einem das, was wir tun, wie ein Tropfen auf den heißen Stein vorkommen.

Angesichts der riesengroßen Weltprobleme und Ungerechtigkeiten mag es so scheinen. Aber ich würde den Spieß gerne umdrehen. Jeder Mensch, dem zum Überleben geholfen werden kann, der in einer Notsituation eine Hand entgegengestreckt bekommt, ist es auf jeden Fall wert. Ich möchte gerne wichtig nehmen, was man tun kann und nicht, was nicht getan werden kann. An dieser Stelle sind wir unseren Freunden und Spendern sehr dankbar für ihre Treue, die die OJC-Hoffnungsprojekte erst ermöglichen.


Was ist es, das dich nicht verzweifeln lässt angesichts der Ungerechtigkeiten, des Leids und der Ausweglosigkeit?

Eigentlich sind es die konkreten Menschen. Sie – unsere Freunde in Argentinien und die Partner anderswo – vermitteln mir, dass unsere Freundschaft ihnen Mut und Kraft gibt, sich vor Ort einzusetzen. So sagte es etwa Albert Baliesima, als er vor kurzem hier zu Besuch war. Die Tischgemeinschaften ließen ihn erleben, dass die Leute hier seine Briefe lesen, sich für seine Gesundheitsarbeit, seinen Einsatz gegen AIDS und die illegale Ausbeutung von Bodenschätzen im Osten der Demokratischen Republik Kongo interessieren und ihn zu Problemen befragten, über die in den Medien wenig berichtet wird. Diese Verbundenheit hat er, haben viele unserer Partner, als Ermutigung empfunden für den Einsatz, den sie mit ihrem Leben bringen.

Das Gespräch führte Jeppe Rasmussen

Von

  • Frank Paul

    Koordinator der Internationale Partnerschaften und Projekte der Offensive Junger Christen; lebte von 1990-2008 mit seiner Familie in Argentinien, davon 13 Jahre im Chaco.

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  • Jeppe Rasmussen

    Dipl.-Journalist, gehört zum Team des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft. Verheiratet mit Rahel, Vater von vier Kindern.

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