Station auf dem Erfahrungsfeld Schloss Reichenberg

Fein ausgekugelt

So läuft der Dialog rund. Eine Station auf dem Erfahrungsfeld

 
von Ute Paul

Wie fühlt sich meine Welt an? Was braucht es, damit zwei einander verstehen? – träfe das Motto dieser Station. Wie jedes Spiel beginnt auch dieses mit der Festlegung der Regeln: Zwei Spieler mit verbundenen Augen sitzen an einem Tisch. Vor ihnen liegt ein länglicher, in Fächer aufgeteilter Holzkasten, in denen sich jeweils sieben Gegenstände befinden. Die Spieler sollen sie sortieren und zwar so, dass in den jeweils gegenüberliegenden Fächern identische Dinge liegen. Dabei dürfen sie miteinander reden, aber nicht ins Fach des Gegenübers greifen. Das Spiel beginnt, wenn das Tuch auf dem Kasten gelüftet ist. Die Umstehenden beobachten die Szene und achten auf das Zwiegespräch.

Sich klar ausdrücken

Die Spieler nehmen die Gegenstände in die Hand. Staunen: „Kugeln!“ Zwei mal sieben ­Kugeln. Nun tasten die Finger über die Oberflächen, Größen, Formen, diesmal langsamer, und die Spieler erklären ihrem Gegenüber, was sie fühlen: „Ich habe hier eine kalte. Hast du die auch?“ „Kalt? Was meinst du damit?“ Kalt ist als Kriterium nicht eindeutig genug, der Spieler merkt, dass er den anderen noch nicht verstanden hat. „Kalt, eben!“, kontert jener und zögert dann: „Warte mal … Es könnte Keramik sein, oder Metall.“ „Was nun? Metall und Keramik fühlt sich doch nicht gleich an!“ Noch einmal vergewissern ­beide einander, was genau gemeint war. Schließlich sind sie überzeugt, die gleiche Kugel in der Hand zu haben. Jetzt kommt die nächste Schwierigkeit: „Wie wollen wir sie einsortieren?“ „Lass uns rechts anfangen! Ich lege meine kalte Kugel in das erste Fach von rechts.“ „Rechts?“ „Ach richtig, das ist bei dir links!“ „OK.“ Das erste Kugelpaar landet in den richtigen Fächern. Die Beobachter folgen gespannt der Kommunikation. Die Spieler indessen sortieren weiter: „Diese Kugel ist leicht“, sagt der eine. „Meine auch, man kann sie etwas eindrücken. Fühlt sich an wie …“ „Styropor?“ „Nein, dazu ist sie zu kalt. Eher wie Pappmaschee.“ „Warte mal …, Pappmaschee, ja hier, tatsächlich! Jetzt schau, nein fühl doch mal, ob du nicht auch eine aus Styropor hast.“ Und so geht es eine ganze Weile hin und her. Die Flummis bezeichnet der eine als „glibbrig“, die andere als „klebrig“, je nachdem, was sie mit dem Material verbinden, wie sich die Welt für einen jeden anfühlt. Dass sie sich dennoch verstehen, ist alles andere als selbstverständlich. Die Spieler tasten am Ende prüfend ihr Ergebnis ab und lösen erleichtert ihre Augenbinden. Die Beobachter ­applaudieren. Eine echte Leistung!

Botschaften entziffern

Danach versuchen wir gemeinsam zu beschreiben, was da vor unseren Augen oder Ohren abgelaufen ist. Zunächst einmal hat es Spaß gemacht! Was unsere Hände, diese Wunderwerke, alles ertasten und welche komplexen Botschaften sie an unser Gehirn senden können! Die Worte, mit denen wir dann diese Botschaften benennen, sind ein ebensolches Wunderwerk, allerdings ein vieldeutiges. Missverständnisse sind vor­programmiert. Die Beobachter beschreiben, wie ein Spieler sich jeweils vergewissert hat, ob er den anderen richtig verstanden hat. Spieler und Beobachter ziehen jeweils interessante Schlüsse aus dem Spiel. Zum Beispiel, wie der Transfer in Gesprächssituationen gelang, in denen sie entweder nicht verstanden wurden oder vorschnell mit einer Antwort waren, und wie ihnen bewusst wurde, dass sie aneinander vorbeiredeten.
Hier am Kugelkasten wird es offensichtlich:

  • Wir können einander nur verstehen, wenn wir genau hinhören, was der andere sagt.
  • Das, was wir hören, ist nicht unbedingt das-selbe, was der andere gemeint hat!
  • Um zu erfahren, wie der andere etwas gemeint hat, müssen wir ihm die Gelegenheit geben, es uns zu erklären.

Schnell zum Hören, langsam zum Reden

Mir selbst hat der Umgang mit dem Kugelkasten das Bewusstsein dafür geschärft, wie wichtig es ist, mich zu vergewissern, wie es mein Gegenüber gemeint hat. Ich übe noch. Ich bin noch schnell zum Reden und langsam zum Hören. Weil es den meisten wohl nicht in den Schoß fällt, schrieb es Jakobus den „Schwestern und Brüdern des Gottesvolkes“ ins Stammbuch: „Denkt daran, jeder soll stets bereit sein zu hören, aber sich Zeit lassen, bevor er redet, und noch mehr, bevor er zornig wird.“ (Jak 1, 19) Es stiftet Frieden und Klarheit, wenn beide sich Mühe geben, den jeweils anderen zu verstehen. Wie neulich mit J., der erst vor Kurzem zum Team stieß und eine Besuchergruppe in ein kompliziertes Spiel einweisen musste. „Ich fühlte mich wie bei der mündlichen Abiprüfung!“, berichtete er uns. Ich dachte voller Schreck: Oh, weh, der Arme! Haben wir ihn etwa überfordert? Zum Glück hakte ich nach: „Wie jetzt, war es schlimm?“ Er aber lachte: „Nein, es war super! Ich war gut vorbereitet und wollte zeigen, was ich kann!“

Von

  • Ute Paul

    Pädagogin und pädagogische Leiterin des ­Erfahrungsfeldes „Wege zum Leben“ auf Schloss Reichenberg.

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