Editorial über Gegenseitigkeit

Liebe Freunde!

„Das beruht ganz auf Gegenseitigkeit!“
Eine Erwiderung mit Widerhaken. Je nachdem, welche Äußerung ihr vorausgegangen ist, kann sie ein Kompliment oder eine Kritik beinhalten, als Schulterklopfen oder Ohrfeige wirken. Das macht die Gegenseitigkeit so spannend: Sie entsteht im Hin und Her zwischen den Seiten und wirkt auf alle Beteiligten zurück. Gegenseitig kann das gute Einvernehmen sein, die Zuneigung und die Unterstützung. Ganz bestimmt ist wahre Freundschaft gegenseitig. Feindschaft jedoch nicht minder: Man kann sich gegenseitig misstrauen, ablehnen, hintergehen oder gar bekämpfen. Und wie oft stehen wir uns gegenseitig im Weg! Der gegenseitige Verstärkereffekt lockt uns aus der Reserve und fordert uns heraus, Farbe zu bekennen. Wer einem anderen zum Beispiel die Freundschaft anbietet, enthüllt damit auch seine Bedürftigkeit: die Sehnsucht nach einem Gegenüber. Gut zu wissen, dass in dieser Bedürftigkeit unser größtes Potenzial liegt, sie macht aus uns Gehilfen zur Freude – füreinander! Zu allererst jedoch zeichnet sie uns als Gegenüber dessen aus, der uns als Erster seine Freundschaft angeboten hat: Gott, unser Schöpfer. Leben in Fülle bedeutet, leben als Freund.

Gegenseitige Zumutung

Die Zusicherung Jesu an seine Jünger, „Ihr seid meine Freunde“, ist der stärkste Ausdruck für unser Jüngersein. Zugleich auch die größte Herausforderung, denn Jesus bekennt Farbe. Schon mit seiner Ankunft vor über 2000 Jahren mutete er den Frommen einiges zu, und wenn er heute unter entsprechenden Umständen zur Welt käme, würde er vermutlich auch unter uns Christen für Irritation sorgen: Ein Kind mittelloser Eltern in sozial ungesicherten Verhältnissen, in einer viel zu kleinen Wohnung, in der sich alle gegenseitig auf den Füßen stehen?! Auch später provozierte er seine Zuhörer durch seinen freimütigen Umgang mit jedermann. Sein größtes Handicap ­lieferte ihn schließlich ans Messer: Er konnte das Freundschaftsangebot Gottes niemandem vorenthalten, erst recht nicht jenen in Einsamkeit, Armut und Krankheit. Jesus ermutigte und heilte ohne Ansehen der Person und zu jeder Zeit, wenn nötig auch am Schabbat.

Die Bibelarbeit von Elisa Padilla fordert uns heraus, unseren eigenen Umgang mit der Not anderer im Sinne Jesu zu überdenken. Sie, die mit Mann und Kindern lange Jahre in einem ­Armenviertel von Buenos Aires lebte, berichtet, wie der Alltag unter den Ärmsten den Glauben verändert. Elisa hat von ihrem Vater René Padilla, dem langjährigen Freund und Begleiter der OJC, die Leitung des KAIROS-Netzwerks für Mission und Evangelisation in Lateinamerika übernommen, das wir mit der Weihnachtsaktion seit Jahren unterstützen. Von ihr haben wir viel über die Schattenseiten der Entwicklungshilfe gelernt, vor allem darüber, welch schalen Nachgeschmack und oft genug auch Schaden Hilfsmaßnahmen hinterlassen, die nicht auf Gegenseitigkeit bauen. Henry D. Thoreau warnt und rät in diesem Zusammenhang: „Sei dessen sicher, dass du den Armen auch wirklich die Hilfe gibst, der sie am nötigsten bedürfen, denn es mag dein Beispiel sein, das den Abstand zwischen dir und ihnen vergrößert. Gibst du Geld, dann verschenke dich selbst damit.“

Freundschaft auf Augenhöhe

Es gibt unzählige Initiativen, die Menschen in fremden Ländern zur Seite stehen. Es gibt wohl kaum eine Gemeinde, die nicht irgendwo in der „Dritten“ Welt ein Projekt unterstützt. Viele ­hegen den Wunsch, dass aus der anfänglich einseitigen Unterstützung eine Freundschaft erwächst. Dass dies gelingt, ist alles andere als selbstverständlich. Häufig vergrößern die beträchtlichen Summen, die in das Projekt gesteckt werden, die Distanz, und es bleibt bei einer unbefriedigenden Geber-Nehmer-Situation. Mangelndes Selbstvertrauen und Scham bei den Empfangenden und Frust bei den Gebenden betonieren das Gefälle. Auch unsere Gemeinschaft hat auf diesem Feld einiges ausprobiert, manchen Fehler gemacht und viel gelernt. Vor allem, dass die Wahrung der „Augenhöhe“ nicht das Ergebnis, sondern die Bedingung für gelingende Partnerschaften ist.

Leitfaden für Projektarbeit

Seit ihren Anfängen pflegt die Offensive die Begegnung mit Christen aus anderen Kulturen. Daraus ist 1971 die „Weihnachtsaktion“ hervorgegangen, die seither Menschen auf der ganzen Welt zum Segen geworden ist. Auch für uns sind die Partner und Freunde mit ihrem Horizont und ihren Erfahrungen zum Segen geworden. Sie haben unseren Glauben durch ihr Zeugnis gestärkt und uns Anteil gegeben am Reichtum ihrer Kultur. Und sie haben uns das Danken gelehrt: für die Sicherheit, in der wir leben, die Versorgung mit allem, was zum Leben notwendig ist, und für die Glaubensfreiheit in unserem Land. Andererseits führen sie uns unsere Armut vor Augen: Beziehungsarmut und Vereinsamung, Übersättigung und die ständige Sorge um den Wohlstand. Miteinander haben wir die globalen Zusammenhänge von Armut und Reichtum, Geben und Nehmen reflektiert. Eine Frucht dieses Austausches ist unser Leitfaden für OJC-Partnerschaften und Projekte, den wir in diesem Salzkorn veröffentlichen. Frank Paul, Koordinator der Projektarbeit und zuständig für die Kontaktpflege, erläutert diesen speziellen ­Aspekt des OJC-Auftrags. Möge unsere Zusammenstellung viele Leser zum Weiterdenken inspirieren! Wir freuen uns über konstruk­tive Rückmeldungen.

Leben aus dem Empfangen

Vor Weihnachten dreht sich fast alles um das Geben und die Gaben. Für viele bündelt dieses Fest die Sehnsucht nach Heimat, Freude und Fülle. Oftmals vergeblich. An materieller und terminlicher Fülle dürfte es uns am wenigsten mangeln: Geschenke, Plätzchen, Glühwein und zahllose Feiern in Kindergarten, Schule und Betrieb. Das Eigentliche gerät derweil aus dem Blick. Der Advent will uns daran erinnern, im eigenen Herzen die Wohnung für den Kommenden zu bereiten. Aber, – anscheinend macht gerade das unsere Armut aus –, die Dezemberwochen sind zu voll und unsere Hände zu beschäftigt, um die verheißene „vollkommene Freude“ (Joh 15,11) zu empfangen. Dabei ist die Grundhaltung des Empfangens das Markenzeichen der Jünger, die Jesus ermutigt, sich nicht zu Sklaven machen zu lassen. Als in Christus freie Männer und Frauen leben wir nicht aus dem Tun, sondern zuerst aus dem Empfangen.

Christentum als Fremdkörper

Im Empfangen erst offenbart sich die Würde unseres Menschseins. Jene Würde, die als unabdingbares Prinzip den Kern der europäischen Zivilisation ausmacht und ohne die auch die Formulierung der Menschenrechte undenkbar wäre. Umso mehr muss es uns alarmieren, dass das Christentum zunehmend als Fremdkörper in der Kultur Europas empfunden wird. Immer häufiger erfahren Menschen, die christliche Werte hochhalten, Marginalisierung und Stigmatisierung. Eine „neue Ethik“ überlagert zunehmend die auf unhinterfragbaren Werten beruhenden ewigen Grundlagen: die political correctness, ein diffuses Konglomerat aus Richtlinien. Was dem Menschen seine unantastbare Würde verleiht, wird zunehmend dem menschlichen Ermessen überlassen, genauer dem wandelbaren gesellschaftlichen Konsens. Die Bedeutung von Identität, die Definition von Ehe und Familie erfahren eine fundamentale Umdeutung. Zu den Prämissen der neuen Ethik gehört das Postulat der „Nichtdiskriminierung“, das mit dogmatischer Härte durchgesetzt wird. Dazu beschneidet man das Recht auf freie Meinungsäußerung zugunsten des Anspruchs, etwas nicht hören zu müssen. Als diskriminierend gilt eine Aussage also nicht mehr auf Grund dessen, was der Redner sagt, sondern wie es der Hörer hört. Selbst wenn das Gesagte objektiv nicht zu beanstanden ist, kommt es auf den Index, sofern sich einer oder eine Gruppe angegriffen fühlt. Insbesondere von christlicher Seite.

Unterscheidung als Auftrag

Das lateinische Verb „discriminare“ heißt soviel wie trennen, eine Unterscheidung treffen. Die Gesellschaft, und wir in ihr als Kirche Christi, muss beständig unterscheiden zwischen dem, was dem Leben dient und was nicht. Das neue Bulletin des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft beleuchtet in diesem Sinne den Siegeszug der „neuen Ethik“. Die Artikel machen jeweils anschaulich, wie deren diffuses Weltbild das Fundament unserer humanen Wertedemokratie unterspült. Sie zeigen aber auch, welche zivilisatorische Kraft bis heute vom biblischen Verständnis des Menschen ausgeht. Wir legen Ihnen das Bulletin sehr ans Herz, denn die Unterscheidung der Geister ist eine urchristliche Aufgabe.

Das Leben wächst bei Ja und Nein

Entscheidung treffen ist eine urchristliche Chance.­ Die haben vier unserer assoziierten Mitglieder ergriffen und sich zum dauerhaften Ja zur OJC-Kommunität bekannt. So hatten wir in der ersten Oktoberwoche eine Hoch-Zeit und feierten den Eintritt von Ute und Frank Paul und Marsha und Ralf Nölling. Sie versprachen, ihr Leben in Verbundenheit mit Christus im Kreis der Geschwister im Dienst am OJC-Auftrag zu führen. Nach dem Prinzip der Gegenseitigkeit hat die Kommunität ihre Entscheidung bestätigt und sie im Rahmen einer geistlichen Feier in der Michaelskapelle auf Schloss Reichenberg in den Bund der Gefährten aufgenommen. Am Sonntag darauf wurden die beiden Ehepaare offiziell von Kommunitätenbischof Jürgen ­Johannesdotter feierlich eingesegnet. Pauls haben ihre Zugehörigkeit zur OJC über viele Jahre im argentinischen Chaco lebendig gehalten und bereichern uns seit 2008 vor Ort mit ihren interkulturellen Erfahrungen. Franks Expertentum auf dem Gebiet der weltweiten Mission kommt uns bei der Koordinierung der Partnerschaften zugute, während Ute mit den Pfunden ihres didaktischen Knowhow als pädagogische Leiterin des Erfahrungsfeldes wuchern kann. Mit Nöllings haben wir ein junges Ehepaar gewonnen, das in zahlreichen Kommunitäten Erfahrung gesammelt hat und bereit ist, mit den drei Kindern in der OJC Wurzeln zu schlagen. Ralf ist organisatorischer Leiter des Erfahrungsfeldes, unser Kontaktmann im Diakonischen Werk und ergänzt uns wunderbar mit seiner Koordinationsgabe. Marsha, deren Hauptaugenmerk der Familie gilt, bringt sich als Sozialpädagogin in die Jugendarbeit und im Gottesdienstteam mit ein.
Ein Ja zum offensiven Leben haben auch die 15 jungen Erwachsenen gefunden, die als Jahresmannschaft 2012/13 unseren Auftrag mittragen werden. Wir freuen uns, dass sie sich alle auf den Weg gemacht haben, Glauben und Leben mit uns zu teilen. Bitte, beten Sie mit, dass sie hier Heimat, Freundschaft und Richtung in Christus finden und nach einem Jahr als Hoffnungsträger in die Welt hinausziehen!

Ihnen allen danken wir für die treue Freundschaft in diesem Jahr, die wir wieder an so ­vielen Stellen erfahren und spüren durften. Mit der ganzen OJC wünsche ich Ihnen eine gesegnete Adventszeit!

Ihr

Konstantin Mascher
Reichelsheim, den 16. November 2012

Von

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